Andrea Ricardi, Karlspreisträger 2009: Europa hat eine Mission

Die Welt braucht Europa, seine Menschlichkeit, die Stärke seiner Vernunft

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AACHEN, 22. Mai 2009 (ZENIT.org).- Der römische Universitätsprofessor und Gründer der christlichen Laienbewegung Sant'Egidio, Andrea Riccardi, hat die Europäer ermahnt, sich stärker den Herausforderungen der Globalisierung anzunehmen. Nur gemeinsam seien die Bevölkerungsentwicklung, Armut, Flüchtlingsströme und die von vielen Menschen als bedrohlich empfundenen Szenarien zu bewältigen, sagte der Historiker, der am Donnerstag im Aachener Krönungssaal mit dem diesjährigen internationalen Karlspreis zu Aachen ausgezeichnet wurde.

Andrea Riccardi warb in seiner Festrede für ein Europa, das Mut zu Visionen und historischer Gestaltungskraft zeige. „Europa läuft Gefahr, in die Schlagzeilen abzugleiten, statt Geschichte zu machen“, mahnte er. „Die Welt braucht Europa, seinen Frieden und seine Dialogbereitschaft“.In den Strömungen der Globalisierung laufe Europa in die Gefahr, zu einer vernachlässigbaren Größe zu werden. Für die Welt und die Zivilisation wäre dies ein Verlust, so Riccardi.

Er plädierte im Krönungssaal des Aachener Rathauses für eine wahre europäische Einheit, ohne die die „europäischen Werte der Freiheit, des Friedens und der Menschlichkeit“ verloren gingen. Der neue Träger des Karlspreises betonte: „Die Welt braucht Europa, seine Menschlichkeit, die Stärke seiner Vernunft, seine Fähigkeit zur Vermittlung und zum Dialog, seine Ressourcen, seine wirtschaftliche Kraft, seine Kultur.“

Vor allem in Afrika müsse Europa für Hoffnung und wirtschaftlichen Aufschwung sorgen, „sonst ist der Migrationsstrom nicht zu Stoppen“, betonte Riccardi, dessen Bewegung sich unter anderem im Mosambik mit dem Projekt DREAM gegen Aids und Mangelernährung engagiert.

Mit Berufung auf den früheren Präsidenten Italiens, Ciampi, erklärte Riccardi, Europa müsse „solide und dauerhaft mit Europa“ verbunden sei. „Die Entwicklungszusammenarbeit mit Afrika, die Bekämpfung von Krankheiten - wie die Aidsbehandlung - und des Krieges sind europäische Aufgaben. Es sind die wahren Antworten auf den unaufhaltsamen Migrationsfluss, der nicht an den Grenzen oder durch Kontrollen im Mittelmeer zu stoppen sein wird. Wenn die Wirtschaft und die Hoffnung in Afrika neu erstarken, wird er gestoppt werden!“ Wenn Europa in seiner Verschiedenheit vereint sei, verwirkliche es die Kultur des Zusammenlebens, was wiederum in der globalisierten Welt fehle.

Andrea Riccardi wurde am 16. Januar 1950 in Rom geboren und spezialisierte sich nach einem Jura-Studium auf die Geschichtswissenschaften. Seit 1981 ist er als Hochschullehrer auf diesem Gebiet tätig. Hohe internationale Beachtung findet Riccardi vor allem als geistlicher Leiter der Gemeinschaft Sant‘Egidio, die er 1968 als Gymnasiast mit einigen Freunden in Rom gründete. In den vergangenen vier Jahrzehnten wurde die katholische Laienbewegung zu einem weltumspannenden Netz, das rund 50.000 Mitglieder aus mehr als 70 Ländern zählt. Neben dem gemeinsamen Gebet und der Weitergabe des Evangeliums widmen sich die ehrenamtlich tätigen Mitglieder vor allem der Freundschaft mit den Armen, der Ökumene und dem Dienst am Frieden.