„Anfangen, für die anderen zu leben“: P. Hans Stapel zum Besuch des Papstes bei brasilianischen Drogenabhängigen

Interview mit dem Gründer der „Fazenda da Esperança“ („Farm der Hoffnung“)

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GUARATINGUETA, 8. Mai 2007 (ZENIT.org).- Papst Benedikt XVI. wird am Samstagvormittag im Rahmen seines morgen beginnenden Pastoralbesuchs in Brasilien die erste „Fazenda da Esperança“ („Farm der Hoffnung“) besuchen, wo jugendliche Drogen- und Alkoholabhängige durch die Einübung eines neuen Lebensstils, in dem das Wort Gottes im Mittelpunkt steht, von ihrer Sucht loskommen.



Das einzigartige Rehabilitationszentrum christlicher Prägung, das 1983 entstand, liegt im brasilianischen Guaratinguetá und geht auf die Initiative des deutschen Franziskanerpaters Hans Stapel zurück, der heute 62 Jahre alt ist. Im Gespräch mit ZENIT ging der Ordenspriester auf das „Geheimnis seines Erfolges“ ein – die Erfolgsquote liegt bei 84 Prozent – sowie auf das nachdrückliche „Zeichen“, dass der Heilige Vater mit seinem Besuch setze.

„Es gibt keinen Glauben ohne Werke“, unterstrich Frey Hans. „Wenn ich an Gott glaube und in der Liebe nicht ganz konkret bin, dann ist das nur eine Theorie.“

P. Hans, was zeichnet Ihre „Farmen der Hoffnung“ aus? Was ist Ihr „Geheimnis des Erfolgs“ im Umgang mit Drogenabhängigen?

-- P. Hans Stapel: Ich denke, das Geheimnis ist, dass wir erst mal sehr einfach sind, nichts Kompliziertes machen: Wir leben nach dem Evangelium, arbeiten und unterhalten uns von unserer eigenen Arbeit und leben wie in einer Familie. In jedem Haus leben zwölf bis vierzehn, so dass man mit einander reden kann, gemeinsam Verantwortung übernimmt und – das ist wichtig – den ganzen Tag über das Wort lebt.

Das Wort aus dem Evangelium ist ja nichts anderes als eine Schule der Liebe, wo man lernt, für den anderen da zu sein und nicht an sich selbst zu denken. Und wenn man einmal von sich selbst wegkommt, dann hat man das Problem eigentlich schon gelöst.

Was uns in die Droge bringt, das sind diese vielen, vielen anderen Abhängigkeiten, das ist der Egoismus. Wir müssen aus dem Egoismus herausgehen.

ZENIT: Sie haben es vielleicht schon indirekt angesprochen: Die Droge ist eine bestimmte Form von Sucht. Wie kann es ganz allgemein gelingen, dass der Mensch aus dem „Gefängnis der eigenen Sucht“ ausbricht?

-- P. Hans Stapel: Indem er anfängt, von sich selbst wegzugehen. Er muss lernen, an die anderen zu denken. Nur in den anderen kann er sich selbst finden.

Diese Sicht, die wir heute haben – ich, ich, ich; ich muss mich verwirklichen usw. –, die ist fatal. Ich verwirkliche mich, wenn ich den anderen liebe.

ZENIT: Wodurch schaffen Ihre Schützlinge diesen ersten Schritt weg von sich selbst?

-- P. Hans Stapel: Einfach indem sie zu uns kommen und von denen, die schon hier sind, diesen neuen Lebensstil kennen lernen. Sie gehen automatisch in diesen neuen Lebensstil hinein. Sie werden aufgenommen in Harmonie: Alle fangen morgens an zu arbeiten, alle versuchen, das Wort zu leben, und dann lernen sie es auch.

Wenn sie am Anfang Schwierigkeiten haben, wird darüber gesprochen, aber es bleibt immer konkret, es wird nicht theoretisiert. Wir haben nicht Unterricht oder sonst etwas, wir haben gelebtes Leben. Das ist das Geheimnis. Man muss anfangen. Das Leben ist einfach. Dort, wo man etwas verkompliziert, ist es nicht mehr göttlich, da ist Menschliches am Werk.

Gott hat die Dinge so einfach gesagt: Die Liebe, das, was ihr den Geringsten, den Nächsten getan habt, das habt ihr mir getan. Und wenn man anfängt, für den anderen zu leben, wird man selbst glücklich. Wer gibt, wird empfangen; wer verliert, wird finden – das ist das Geheimnis.

Die, die hier wohnen, schaffen das, und dann sind sie froh. Und wenn man froh ist, dann braucht man ja die anderen Dinge nicht mehr. Im Grunde geht man ja in die Droge hinein, wenn man das Glück sucht. Man lebt den Sex und alle anderen Abhängigkeiten, um glücklich zu sein, um da etwas zu gewinnen. Aber wenn man einmal wirklich zufrieden ist, dann ist das alles relativ.

ZENIT: Der erste Schritt ist somit die Folge des ansteckenden Beispiels der anderen?

-- P. Hans Stapel: Genau, das Beispiel der anderen, das steckt an, und gemeinsam ist es leichter.

ZENIT: Papst Benedikt XVI. wird im Rahmen seines Brasilienaufenthalts auch Ihre „Farm der Hoffnung“ besuchen. Was erwarten Sie sich von diesem Ereignis beziehungsweise überhaupt von der Brasilienreise des Papstes?

P. Hans Stapel: Das Schöne ist, dass er dadurch ein Zeichen setzt. Als Papst sagt er: Ich gehe zu den Ausgeschlossenen, zu denen, die viele heute noch nicht akzeptieren, die einfach als Banditen oder Außenseiter abgestempelt werden. Der Papst besucht sie, und dadurch gibt er ihnen einen ganz, ganz großen Wert. Das ist sehr wichtig. Und er setzt damit ein Zeichen.

Die Kirche ist ja immer auf der Seite der Armen gewesen, und das ist auch ihre Berufung. Es gibt keinen Glauben ohne Werke. Wenn ich an Gott glaube und in der Liebe nicht ganz konkret bin, dann ist das nur eine Theorie. Dann verändert das nicht mein Leben, und auch nicht das Leben der anderen um mich herum.

Dadurch, dass der Papst zu uns kommt, gibt er dieses Zeichen. Dann sagt er den Jugendlichen: Ihr seid nicht verlorene Söhne! Ihr seid vom Vater im Himmel geliebt! Er nimmt euch an, ihr seid wertvoll für Gott. Ihr könnt evangelisieren, ihr könnt anderen helfen; ihr könnt ein neues Leben beginnen – in Gott gibt es immer einen neuen Anfang.

Er sagt ihnen im Grunde das, was er in der Enzyklika Deus caritas est geschrieben hat: „Gott ist die Liebe.“ Und das ist fantastisch!