Anselm von Canterbury: Proslogion - Ontlogischer Gottesbeweis

Von Armin Schwibach

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WÜRZBURG, 21. Februar 2008 (Die-Tagespost.de/ ZENIT.org).- Zu Beginn des zweiten christlichen Jahrtausends ist ein Italiener Abt der Abtei von Le Bec in der Normandie. Der um das Jahr 1033 in Aosta geborene Anselm (geboren am 21. April 1109 in Canterbury) hat seine Heimat mittlerweile schon seit langer Zeit verlassen. Bec gehört zu den wichtigsten Klöstern seiner Zeit, und Anselm leitet, geprägt von seiner schier allumfassenden Kultur und seinem von Gott entflammten innigen Glauben, die Schule der Abtei.



Stark ist sein Glaube und stark ist sein Vertrauen in die Vernunft. Der Abt ringt mit sich, er hadert mit Gott, er betet. Ein Gedanke beherrscht ihn: den einzigen, wahren, unbezweifelbaren, eindeutigen Beweis dafür zu finden, dass Gott, den er so sehr liebt, existiert. Anselm weiß wie Augustinus vor ihm, dass er ohne den Glauben diesen steilen Weg nicht einmal beginnen kann, dass ohne den Glauben das Begreifen und Wissen leer sind, reine Form, fleischlos und unwirksam. Allumfassend aber soll sein Denken sein; Vernunft und Glaube, Philosophie und Offenbarung, Spiritualität und die Wege der Psyche sollen zueinanderfinden. Das ganze Menschsein ist einbegriffen und angesprochen. Und Anselm versteht, dass er sein Dasein nicht in Teile zerreißen kann, von denen einer im Herzen glaubt und der andere unter tausend Zweifeln denkt. Gott kann es für Anselm nicht wollen, dass er im Dunkeln auf unsicheren Wegen strauchelt, hat er doch in ihn diesen großen Durst nach der Erkenntnis Gottes, so wie er ist, geschaffen.

Das erste Jahrhundert des neuen Jahrtausends war nach den millenaristischen Wirren vom Ringen um die Möglichkeit der Zugangs zur wahren Wirklichkeit gezeichnet. Glaube und Frömmigkeit kollidierten mit der Logik und dem Anspruch der Vernunft. Es wurde der Streit ausgetragen, ob die Grundlagen des christlichen Seins und der christlichen Lehre durch die Vernunft bestimmt werden können. Die Frage war: Wie können zwei anscheinend unterschiedliche Konzepte von Wirklichkeit und Wahrheit miteinander vermittelt werden? Oder ist es gar so, dass ein jeder für sich alleine – Glaube und Vernunft – eine jeweils andere Form der Wirklichkeit betrifft: der eine die symbolische und geistliche Welt als letztes Maß des Wirklichen, die andere die kategorial auseinandergesetzte Wirklichkeit der Erfahrungswelt? Das Selbstverständnis des Christentums stand auf dem Spiel. Das Geistliche strebte danach, sich vom Weltlichen zu differenzieren. Der Islam rührte sich im Süden Europas mächtig, das Judentum wurde zu einem wirtschaftlichen Faktor und repräsentierte ob der Qualität seines Denkens eine intellektuelle Herausforderung. Das Christentum sah sich zusehends gezwungen, sich mit den Realitäten der nichtchristlichen Monotheismen auseinanderzusetzen.

Gott und die Grundwahrheiten beweisen zu wollen hieß für Anselm nicht, sich über die „auctoritas“ der Heiligen Schrift hinwegzusetzen oder sein Denken als A-theist zu beginnen. Und dennoch drängte es ihn, mit dem Nichtglaubenden zu sprechen. Im „Monologion“ (1076/1077), einem „Selbstgespräch“, erklärt Anselm sein Vorgehen: Nichts sollte „mit dem Ansehen der Schrift glaubhaft gemacht werden“, die Notwendigkeit der Vernunftüberlegung sollte durch Kürze bezwingend sein (Praefatio). Allein mit der Vernunft („sola ratione“) wollte er vorgehen. Das vernünftige Sichtbarwerden des christlichen Gottes gehört für Anselm zum Vollzug der Selbsterkenntnis des vom Glauben erleuchteten Menschen. Die Gottesbeweise des „Monologion“ gehen von der Suche nach einem unwiderlegbaren und universal anzuerkennenden Anfangspunkt der Argumentation aus, den Anselm gegenüber der Vielheit der guten Dinge in der Notwendigkeit eines absoluten Guten findet, das durch seine Anwesenheit in jedem Einzelnen dessen Gutsein bewirkt (Kap. 6).

Die Beweisführung jedoch befriedigte Anselm nicht. Er war auf der Suche nach dem einen und allumfassenden Argument, das in seiner Logik von nichts anderem abhing als von dieser selbst und keinen bereits inhaltlich bestimmten Begriff (z.B. höchstes Gut, ja nicht einmal das Wort „Gott“) voraussetzt. Er legte es wenige Zeit später im „Proslogion“ (1077/1078) vor. Anselm glaubt, sich mit allen darauf einigen zu können, dass Gott „id quo nihil maius cogitari potest“ ist: „das, über dem Größeres nicht gedacht werden kann“ (Kap. 2). Der Kern des Arguments besteht in dieser feinen Neubestimmung: Gott wird nicht als „summum ens perfectissimum“ gedacht, da Anselm sich an den richtet, der nicht glaubt bzw. nicht glauben will. Er legt vielmehr eine Definition des Begriffes von Gott vor, der unbedingt zugestimmt werden muss, was durch die komparative Form „id quo nihil maius“ gewährleistet ist.

Wir glauben an Gott als „das, über dem Größeres nicht gedacht werden kann“, so Anselm, was auch ein „Tor“ zu verstehen vermag. „Und was er versteht, ist in seinem Verstande, auch wenn er nicht einsieht, dass jenes da ist.“ So wird für Anselm „auch der Tor überführt, dass wenigstens im Verstande etwas ist, über dem nichts Größeres gedacht werden kann, weil er das versteht, wenn er es hört, und was immer verstanden wird, ist im Verstande“. Dieses „id quo nihil maius cogitari potest“ kann nicht in der Vernunft allein sein, denn: „Wenn es wenigstens allein im Verstande ist, kann gedacht werden, dass es auch in Wirklichkeit da sei – was ja größer ist („si enim vel in solo intellectu est potest cogitari esse et in re quod maius est“). Wäre also „das, über dem Größeres nicht gedacht werden kann“, nur eine Idee, so könnte darüberhinaus noch Größeres gedacht werden (die Wirklichkeit der Idee), was nicht sein kann. Etwas, das notwendig und in Wirklichkeit existiert, ist vollkommener als das, was zufällig und nur in der Vernunft existiert. Ist Gott also „das, über dem Größeres nicht gedacht werden kann“, so existiert er ohne Zweifel sowohl in der Vernunft als auch in der Wirklichkeit („existit ergo procul dubio aliquid quo maius cogitari non valet et in intellectu et in re“; Kap. 2).

Immanuel Kant bezeichnete später diesen Gottesbeweis als den „ontologischen“. Anselm stellt die Frage, welche Seinsart ein für die Erkenntnis gegenwärtiger und allgemein zugänglicher Gehalt („das, über dem Größeres nicht gedacht werden kann“) erfordert, um das zu sein, als was er sich im Denken stellt. Demgegenüber kritisierten Thomas vom Aquin und Kant das Argument insofern, als Anselm das Prädikat „sein“ als reales Prädikat betrachte und somit von der rein logischen Ebene auf die ontologische „springe“, ohne dies rechtfertigen zu können. Diese Kritik trifft Anselm insofern nicht, als dass er nicht von jedem denkbaren Gehalt sagt, dass er sich auf eine Wirklichkeit beziehen muss. Anselm selbst erklärt dies eindeutig: „aliud enim est rem esse in intellectu alium intelligere rem esse“ („denn ein anderes ist es, dass ein Ding im Verstande ist, ein anderes, einzusehen, dass das Ding da ist“; Kap. 2). Anselm geht vielmehr von der logisch zwingenden Bedeutung seiner Gottesbestimmung aus. Gott wird in seinem Argument nicht als außenstehende Summe des Vollkommenen gesehen, sondern als der, den jede Vernunft, ist sie denn in der Lage, sich über ihre Begriffe zu verständigen, in sich als „logos“ vorfindet. Mit anderen Worten: Die Vernunft enthält den Schlüssel, der zum notwendig einzusehenden Schloss passt, das Gott ist: „Dank Dir, guter Herr, Dank Dir, dass ich das, was ich zuvor durch Dein Geschenk geglaubt habe, jetzt durch Deine Erleuchtung so einsehe, dass ich, wollte ich es nicht glauben, dass Du BIST, es nicht nicht einsehen könnte“ („Gratias tibi, bone Domine, gratias tibi, quia quod prius credidi te donante, iam sic intelligo te illuminante, ut, si te esse nolim credere, non possim non intelligere“; Proslogion, Kap. 4).

[Anselm von Canterbury: Proslogion / Anrede. Reclam Verlag, Stuttgart 2005, lateinisch-deutsch, 182 Seiten, ISBN-13: 978-3150183366, EUR 5,–; Teil zwölf der Reihe „50 Hauptwerke der Philosophie“,  © Die Tagspost vom 16. Februar 2008]