Ansichten eines Soldaten über Folter und Prinzipien gerechter Kriegsführung

Rangältester britischer General über die Übel des Kriegs

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von Edward Pentin 

ROM, 21. September 2012 (ZENIT.org). - „Meine Meinung ist absolut klar: Folter ist ein Fehler und sollte nie erlaubt werden, und wer Folter anwendet, sollte streng bestraft werden.“

So der rangälteste General Großbritanniens, Feldmarschall Lord Guthrie of Craigiebank, in einem Interview über Folter und gerechten Krieg. Jede Anwendung von Foltermethoden sei „äußerst schädigend“ und bringe „mehr Schaden als Gutes“.

Außerdem sei er der Ansicht, dass gefolterte Gefangene „dazu neigen zu sagen, was man von ihnen hören will.“ Die Glaubwürdigkeit von Ländern wie die USA, die sich rühmten, Menschenrechte hätten bei ihnen einen hohen Stellenwert, könne nachhaltig geschädigt werden.

Folter war nur eines der Themen, über die der 73-jährige General, der vor Jahren zum katholischen Glauben konvertiert ist und Mitglied im Malteserorden ist, im Verlauf des Interviews ansprach.

Vor seiner Pensionierung im Jahr 2001 diente Lord Guthrie als Soldat in Ländern wie Malaysia, Borneo, Jemen, Oman, Kenia und Nordirland. Er war oberster Befehlshaber der britischen Truppen im Balkankrieg und von 1997 bis 2001 Oberhaupt der britischen Armee. Er diente auch als Truppenkommandant in der britischen Spezialeinheit SAS und befehligte das Eliteregiment von 2000 bis 2009, bevor die Queen ihn im Juni dieses Jahres in den Rang eines Feldmarschalls erhob.

Während seiner gesamten erfolgreichen Militärkarriere war der Glaube für ihn wichtig und „enorm hilfreich“. Rückblickend erklärte Lord Guthrie: „Der Glaube gab mir eine geistige, moralische und ethische Grundlage, und vielleicht auch ein Selbstvertrauen, das ich ohne ihn nicht gehabt hätte. Trotzdem war es nicht leicht, Soldat zu sein, weil ich manchmal sehr schwere Entscheidungen treffen musste.“

Als Anglikaner erzogen, heiratete Lord Guthrie eine Katholikin; seinen Übertritt zur katholischen Kirche vollzog er aber erst mit über vierzig Jahren, relativ spät, weil er sich „absolut sicher“ sein wollte, dass er es aus den richtigen Gründen tat.

„Mein Vater trat mit 68 zum katholischen Glauben über; überhaupt gab es in meiner Familie immer einen Hang in diese Richtung“, so Lord Guthrie in seinem Interview. „Wir gingen auch in die Kirche, und ich hatte immer so ein Gefühl, dass ich am Ende dort landen würde.“ Auch seine Freundschaft zu Priestern und Militärkaplänen beeinflusste ihn, genau wie die Bekanntschaft mit einem Mönch der englischen Benediktinerabtei Ampleforth.

Gerechtigkeit

Zum Thema „gerechte Kriegsführung“, über das er ein Buch verfasste („Just War - The Just War Tradition: Ethics in Modern Warfare by Charles Guthrie and Michael Quinlan“, veröffentlicht von Bloomsbury, 2007), meinte Lord Guthrie, dass die Christen es erst ziemlich spät entdeckt hätten; wohl, so seine Vermutung, weil die meisten von ihnen Pazifisten gewesen seien und außerhalb der Strukturen des römischen Reichs gelebt hätten, bis Kaiser Konstantin sich zum Christentum bekehrte. Ab diesem Zeitpunkt hätten die Christen sich gezwungen gesehen, Verantwortung zu übernehmen.

„Plötzlich wurde uns bewusst, dass wir Entscheidungen zu treffen hatten, und das war nicht einfach. Auch die Philosophen und Denker jener Tage hatten mit diesen Problemen zu kämpfen.“

Lord Guthrie betonte, er sei der christlichen Tradition des „gerechten Kriegs“ sehr dankbar, denn er sei fest überzeugt von der Notwendigkeit von Prinzipien in der Kriegführung. „Die Menschen benehmen sich im Krieg manchmal sehr schlecht; deshalb scheint es mir sehr wichtig zu sein, dass es einen moralischen Kompass gibt, der die Richtung anzeigt. Es gibt überlieferte Prinzipien, über die man wirklich sehr, sehr gründlich nachdenken sollte, bevor man sich von ihnen entfernt.“

Besonders am Herzen liegt dem britischen General das Verantwortungsbewusstsein der militärischen Befehlshaber, die den Entschluss fassen, in den Krieg zu ziehen. Man müsse sich der Folgen bewusst sein. „Es genügt nicht, dass man jemanden bestrafen möchte oder sich rächen will. Du musst dich einfach fragen: Was für Folgen wird das haben? Werden die Dinge dadurch besser?“

Natürlich sei Krieg etwas Schlimmes. „Krieg ist eine schreckliche, furchtbare Sache; aber manchmal gibt es Dinge, die sogar schlimmer sind; Völkermord zum Beispiel, das völlig unkontrollierte Morden von Frauen und Kindern.“ Märtyrertum als glaubwürdige Art der Verteidigung und des Widerstandes lehne er ab.

„Ich halte es für Wahnsinn,“ so der General. „Gesetzt den Fall, der Hunnenkönig Attila kommt und du hast ein Volk von 100.000 Menschen zu verteidigen, wäre es dann eine gute Idee, zuzuschauen, wie 100.000 Menschen ermordet werden? Das ergibt in der realen Welt keinen Sinn. Ich bin solchen Ideen gegenüber sehr misstrauisch; es funktioniert einfach nicht, hat auch nie funktioniert und ich sehe keinen Grund, weshalb es jemals funktionieren sollte. Wer unter solchen Umständen nicht in den Krieg ziehen will, der sollte sorgfältig darüber nachdenken, was diese Verweigerung nach sich ziehen würde.“

Manche Militärtheoretiker, allen voran der Preußische Stratege Carl von Clausewitz, vertraten die Ansicht, um einen Krieg zu gewinnen, müsse so viel Kraft eingesetzt werden, wie man zur Verfügung habe. Wenn das so wäre, könnte dann ein Krieg jemals gerecht sein? Auf diese Frage antwortete Lord Guthrie: „Das Ziel ist natürlich, den Krieg so schnell wie möglich zu beenden. Man will ja nicht mehr Menschen töten, als unbedingt notwendig ist, und man will diejenigen beschützen, die nicht aktiv am Konflikt teilnehmen, zum Beispiel Frauen, Kinder und Nichtkämpfer. Doch was ist ein Nichtkämpfer? Ist zum Beispiel ein Arbeiter in einer Munitionsfabrik ein Nichtkämpfer? Da betritt man ein ganz schwieriges Terrain; solche Dinge sind alles andere als schwarz und weiß.“

Auf die Frage, ob der alliierte Angriff auf Dresden im zweiten Weltkrieg, bei dem Tausende von Zivilisten ums Leben kamen, gerecht gewesen sei, antwortete der britische General: „Dresden wird immer sehr kontrovers bleiben. Ich glaube heute, dass immer mehr Menschen der Meinung sein werden, es sei nicht gerecht gewesen, weil die Alliierten den Krieg ja ohnehin schon fast gewonnen hatten. Doch für die Zeitgenossen musste die Sache anders aussehen, und ich denke, es wäre sehr ungerecht von uns, die Menschen zu verurteilen, die damals diese Entscheidung trafen.“ London sei damals ebenso rücksichtslos bombardiert worden, was 40.000 Menschen mit dem Leben bezahlt hätten, fügte Lord Guthrie hinzu.

Aktuelle Fragen

Der Feldmarschall äußerte auch seine Ansicht, ein vorbeugender Krieg gegen den Iran, um zu verhindern, dass dieses Land sich mit Atomwaffen versehe, wäre zum jetzigen Zeitpunkt „ein schwerer Fehler“, weil er die Lage nur verschlimmern könne. Ebenso lehnte er die Möglichkeit eines Eingriffs in Syrien ab, weil dadurch das Land und die ganze Region noch weiter destabilisiert würde.

Zum Krieg in Afghanistan erklärte der Veteran, er habe „ein Problem“ mit dieser Militäraktion, weil „niemand wirklich über die Folgen nachgedacht“ habe. Trotzdem glaube er, das ursprüngliche Ziel der Intervention, den britischen und amerikanischen Eliteeinheiten zu erlauben, die Ausbildungscamps von al-Qaida zu zerstören, sei „absolut moralisch richtig“ gewesen.

„Ich denke, dieses Ziel haben wir auch bestens erreicht. Und da würde ich mich jetzt fragen - und hiermit kommen wir wieder auf unvorhersehbare Folgen zu sprechen - hätten wir danach nicht einfach heimkehren sollen?“

Immer wieder kam Lord Guthrie im Verlauf des Interviews auf das Problem der Unvorhersehbarkeit in der Kriegsführung und besonders in der Planung der Zeit nach dem Konflikt zu sprechen. „Man muss sich fragen: Was sind die Folgen von dem, was ich tue? Und man muss einen Plan bereit haben. Das ist nicht leicht, denn Soldaten sind gut trainiert, um Kriege zu gewinnen; aber wer soll hinterher Ordnung schaffen? Niemand hat den Soldaten beigebracht, Polizisten, Zivilrechtler und Gefängniswärter zu sein. Warum auch sollten sie das können? Und doch sind sie bei Kriegsende die einzigen, die da sind!“

Diese Probleme seien auch bei Ende des ersten Golfkriegs 1991 offensichtlich gewesen. Viele hätten damals die Meinung vertreten, die Koalitionsmächte müssten in Bagdad einmarschieren und dem Regime Saddam Husseins ein Ende bereiten. „Das hätte logistische Schwierigkeiten mit sich gebracht… von denen ich zu behaupten wage, dass man sie hätte lösen können. Aber ich kann verstehen, warum die Amerikaner damals nicht weitergehen wollten. Andererseits wurde dadurch, dass sie nicht weiterzogen, die Grundlage für den zweiten Golfkrieg gelegt.“

[Übersetzung des englischen Originals von Alexander Wagensommer]