Ansprache Benedikts XVI. an die Teilnehmer der Vollversammlung des Päpstlichen Rates für die Familie (13. Mai 2006)

Wir dürfen nie müde werden, "die Wahrheit über die Institution Familie, so wie sie von Gott seit der Schöpfung gewollt ist, immer wieder neu vorzulegen"

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ROM, 15. Mai 2006 (ZENIT.org).- Wir veröffentlichen die Ansprache, die Papst Benedikt XVI. am Samstag im Vatikan an die Teilnehmer der diesjährigen Vollversammlung des Päpstlichen Rates für die Familie gehalten hat.



Der Heilige Vater unterstrich in der Sala Clementina des Apostolischen Palasts die fundamentale Bedeutung von Ehe und Familie und rief dazu auf, diesen nicht zu ersetzenden "Pfeiler der Gesellschaft" zu unterstützen und zu fördern.

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Meine Herren Kardinäle,
verehrte Brüder im Bischofs- und Priesteramt,
liebe Brüder und Schwestern!

Es ist für mich ein Grund der Freude, Ihnen am Ende der Vollversammlung des Päpstlichen Rates für die Familie, der von meinem verehrten Vorgänger Johannes Paul II. am 9. Mai 1982 errichtet wurde und somit in diesen Tagen seinen 25. Jahrestag begeht, begegnen zu dürfen.

Ich grüße Sie alle herzlich. Ein besonderer Gedanke ergeht an Kardinal Alfonso López Trujillo, dem ich dafür danke, dass er die gemeinsamen Gefühle zum Ausdruck gebracht hat. Diese eure Versammlung hat euch die Gelegenheit geboten, jene pastoralen Herausforderungen und Projekte zu untersuchen, die die Familie betreffen, die zu Recht als Hauskirche und Heiligtum des Lebens betrachtet wird. Es handelt sich um einen weiten, komplexen und sensiblen apostolischen Bereich, dem Sie in der Absicht, das "Evangelium der Familie und des Lebens" zu verkündigen, Energie und Enthusiasmus widmen.

Wie könnten wir uns diesbezüglich nicht an die umfassende Weitsichtigkeit meiner Vorgänger und insbesondere Johannes Pauls II. erinnern, die das Anliegen der Familie mutig gefördert haben, weil sie in ihr eine Realität sahen, die für das Gemeinwohl der Völker entscheidend und unersetzlich ist?

Die in der Ehe gegründete Familie ist ein "Schatz der Menschheit", eine fundamentale gesellschaftliche Einrichtung; sie ist die vitale Zelle und der Pfeiler der Gesellschaft – und das ist sowohl für Gläubige als auch für Nichtgläubige von Interesse. Sie ist eine Realität, der alle Nationen höchste Wertschätzung zukommen lassen müssen, weil – wie Johannes Paul II. es gern wiederholte – "die Zukunft der Menschheit über die Familie geht" (Familiaris consortio, 86). Die von Christus zur höchsten Würde des Sakraments erhobene Ehe verleiht in der Sicht des Christentums dem Eheband darüber hinaus noch mehr Glanz und größere Tiefe und nimmt die Eheleute stärker in die Pflicht, die mit dem Segen des Herrn des Bundes in jener Liebe, die für das Leben offen ist, einander die Treue versprechen bis zum Tod. Für sie ist der Mittelpunkt und das Herz der Familie der Herr, der sie in ihrer Einheit begleitet und sie in ihrer Sendung unterstützt, die Kinder bis zum reifen Alter zu erziehen. Auf diese Weise arbeitet die christliche Familie mit Gott nicht nur bei der Zeugung zu einem natürlichen Leben zusammen, sondern auch bei der Kultivierung jener Sprosse göttlichen Lebens, die in der Taufe geschenkt wurden. Das sind die wohlbekannten Prinzipien des christlichen Verständnisses über Ehe und Familie. Ich habe auch am vergangenen Donnerstag an sie erinnert, als ich zu den Mitgliedern des Instituts für Studien über Ehe und Familie "Johannes Paul II." sprach (vgl. ZENIT vom 12. Mai).

In der heutigen Welt, in der sich gewisse zweideutige Konzeptionen über den Menschen, die Freiheit und die menschliche Liebe verbreiten, dürfen wir nie müde werden, die Wahrheit über die Institution Familie, so wie sie von Gott seit der Schöpfung gewollt ist, immer wieder neu vorzulegen. Bedauerlicherweise ist die Zahl der Trennungen und Scheidungen im Wachsen begriffen, die die Einheit der Familie zerstören und den Kindern, den unschuldigen Opfern solcher Situationen, nicht wenige Probleme bereiten. Die Stabilität der Familie ist heute besonders gefährdet; um sie zu bewahren, muss man oftmals gegen den Strom der herrschenden Kultur schwimmen, und das erfordert Geduld, Anstrengung, Opfer und das unaufhörliche Streben nach gegenseitigem Verständnis.

Für die Eheleute ist es aber auch heute möglich, die Schwierigkeiten zu überwinden und ihrer Berufung treu zu bleiben, indem sie durch das Gebet auf die Unterstützung Gottes zurückgreifen und eifrig an den Sakramenten, vor allem an der Eucharistie, teilnehmen. Die Einheit und die Festigkeit der Familien helfen der Gesellschaft, die authentischen menschlichen Werte einzuatmen und sich dem Evangelium zu öffnen. Dazu leistet das Apostolat nicht weniger Bewegungen, die dazu berufen sind, in harmonischem Einvernehmen mit den Diözesen und Pfarreien in diesem Bereich zu wirken, einen konkreten Beitrag.

Ein mehr denn je heikles Thema ist heute die Achtung, die dem menschlichen Embryo gebührt, der immer aus einem Akt der Liebe geboren und als Person behandelt werden sollte (vgl. Evangelium vitae, 60). Die Fortschritte der Wissenschaft und der Technik in der Bioethik verwandeln sich in Bedrohungen, wenn der Mensch den Sinn für seine Grenzen verliert und praktisch beansprucht, den Schöpfergott zu ersetzen. Die Enzyklika Humanae vitae bekräftigt nachdrücklich, dass die menschliche Fortpflanzung immer Frucht des ehelichen Akts sein muss, der eine zweifache Bedeutung hat: die Einheit und die Fortpflanzung (vgl. 12). Dies erfordert die dem göttlichen Plan entsprechende Größe der ehelichen Liebe, wie ich in der Enzyklika Deus caritas est erinnert habe: "Der zum 'Sex' degradierte eros wird zur Ware, zur bloßen 'Sache'; man kann ihn kaufen und verkaufen, ja der Mensch selbst wird dabei zur Ware… In Wirklichkeit stehen wir dabei vor einer Entwürdigung des menschlichen Leibes" (5). Gott sei Dank entdecken nicht wenige, besonders unter den Jugendlichen, den Wert der Keuschheit von neuem, die immer öfter als sichere Garantie für wahre Liebe erkannt wird.

Der historische Moment, in dem wir leben, erfordert von den christlichen Familien, dass sie mutig ein stimmiges Zeugnis dafür ablegen, dass die Fortpflanzung Frucht der Liebe ist. Ein solches Zeugnis wird die Politiker und Gesetzgeber dazu anregen, die Rechte der Familie zu schützen. Es ist in der Tat bekannt, dass juridische Lösungen für die so genannten "Ehen ohne Trauschein" zu Ansehen kommen, die die ehelichen Pflichten ablehnen und dennoch beanspruchen, gleichwertige Rechte zu genießen. Darüber hinaus will man manchmal sogar zu einer neuen Definition der Ehe gelangen, um homosexuelle Verbindungen zu legalisieren und ihnen dabei auch das Recht auf Adoption von Kindern einräumen.

Große Teile der Welt erleiden den so genannten "demographischen Winter" und die damit einhergehende fortschreitende Überalterung der Bevölkerung. Die Familien scheinen oft von der Angst vor dem Leben, der Vaterschaft und der Mutterschaft bedrängt zu sein. Ihnen muss wieder das Vertrauen zurückgegeben werden, damit sie fortfahren können, ihrer edlen Sendung nachzukommen, in Liebe Nachkommen zu zeugen. Ich bin eurem päpstlichen Rat dankbar, weil er sich mit Hilfe von Treffen in verschiedenen Ländern und Kontinenten darum bemüht, mit denjenigen in einen Dialog zu treten, die diesbezüglich politische und gesetzgebende Verantwortung tragen, und weil er sich außerdem darum bemüht, ein breites Gesprächsnetz mit den Bischöfen zu bilden und für die Ortskirchen Kurse anbietet, die den Verantwortungsträgern in der Pastoral offen stehen.

Ich möchte diese Gelegenheit nutzen, um noch einmal alle Diözesangemeinden mit ihren Delegationen zur Teilnahme am fünften Familientreffen einzuladen, das im Juli in Valencia in Spanien stattfinden wird und an dem ich – so Gott will – die Freude haben werde, auch selbst teilzunehmen.

Nochmals Dank für eure Arbeit: Der Herr möge sie segnen, damit sie weiterhin Früchte hervorbringt. Für dieses Anliegen sichere ich mein Gebet zu, während ich den mütterlichen Schutz Mariens erbitte und euch allen meinen Segen spende, den ich gerne auch auf die Familien ausdehne, auf dass sie damit fortfahren, ihr Heim nach dem Beispiel der Heiligen Familie von Nazareth einzurichten.

[ZENIT-Übersetzung aus dem Italienischen; © Copyright 2006 - Libreria Editrice Vaticana]