Ansprache Benedikts XVI. an Pekka Ojanen, den neuen finnischen Botschafter beim Heiligen Stuhl

\"Durch ihr Verhalten und ihr Engagement wollen die Christen in Finnland auch den Wert der Ehe und der Familie bezeugen\"

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ROM, 1. Dezember 2005 (ZENIT.org).- Anlässlich des Empfangs des neuen offiziellen Vertreters der Republik Finnland beim Heiligen Stuhl sprach Papst Benedikt XVI. am Donnerstagvormittag über die Bedeutung der kulturellen, philosophischen und religiösen Wurzeln Europas und über den interreligiösen Dialog als ein \"unumkehrbares Unterfangen\". Außerdem lobte der Heilige Vater das neue finnische Religionsgesetz. Die kleine katholische Gemeinschaft in Finnland werde, so betonte er, zusammen mit allen Menschen guten Willens auch weiterhin \"Zeugnis ablegen für die Würde und Größe des menschlichen Lebens\".



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Sehr geehrter Herr Botschafter!

Mit Freude heiße ich Sie zu diesem feierlichen Anlass der Übergabe Ihres Beglaubigungsschreibens als außerordentlicher und bevollmächtigter Botschafter der Republik Finnland beim Heiligen Stuhl willkommen und danke Ihnen für Ihre freundlichen Worte. Gleichzeitig darf ich Sie bitten, der Staatspräsidentin der Republik Finnland, Frau Tarja Halonen, meinen Dank für den Gruß zu übermitteln, den Sie an mich gerichtet hat. Auch ich entbiete ihr und dem finnischen Volk meine besten Segensgrüße.

Ich freue mich, sehr geehrter Herr Botschafter, über die guten Beziehungen, die seit langem zwischen Ihrem Land und dem Heiligen Stuhl bestehen. Sie haben eine sicher noch ausbaufähige Zusammenarbeit auf internationaler Ebene ermöglicht, die vielfältige Ziele wie den Schutz und die Verteidigung der Menschenrechte, die Förderung einer gerechten und nachhaltigen Entwicklung und das Bemühen um den Frieden verfolgt. Ihr geschätztes Land, das auf seine Unabhängigkeit stolz ist, hat sich in der Vergangenheit der Europäischen Union angenähert und gehört ihr nun schon seit zehn Jahren als Vollmitglied an. So konnte es auch eine aktive und wertvolle Rolle bei der Erweiterung der Union einnehmen, besonders im Blick auf die Aufnahme der baltischen Staaten. Wie Sie wissen, hat der Heilige Stuhl diese Öffnung der Europäischen Union in Richtung der osteuropäischen Staaten wohlwollend begleitet, da sie die im vergangenen Jahrhundert willkürlich auferlegte Teilung Europas, die der wahren Identität des Kontinents zuwiderlief, überwinden half. Heute gilt es diese wieder gefundene Einheit sorgfältig zu bewahren und zu vertiefen. Sie darf sich nicht auf die Erschließung eines großen gemeinsamen Wirtschaftsraums beschränken, sondern muss besonders darauf ausgerichtet sein, dass das Projekt Europa aus seiner jahrtausendlangen Geschichte und aus seinen kulturellen, philosophischen und religiösen Wurzeln beständig Kraft und Elan für seine eigene Zukunft und für seinen Auftrag in der Welt schöpft.
Europa stellt in unserer brüchigen und mit Gefahren belasteten Welt einen Lebensraum des Wohlstands und der Sicherheit dar. Ebenso handelt es sich in wirtschaftlicher Hinsicht um einen reichen Kontinent, der auch in Zukunft vor allem aus den benachteiligten Regionen der südlichen Halbkugel viele ärmere Menschen anziehen wird. Die Europäische Union kann zu Recht den Anspruch erheben, eine Vereinigung von demokratischen Staaten zu sein, die sich in einer neuartigen Form miteinander verbunden haben. Das stellt für andere Staatengruppen ein möglicherweise nachzuahmendes Modell dar, da es immer notwendiger erscheint, die konstruktiven Kräfte zu vereinen, um den Anforderungen der Globalisierung gerecht werden zu können. Finnland, das immer auf multilaterale internationale Beziehungen bedacht war, kann in der Europäischen Union dazu beitragen, dass diese ihrer Verantwortung in der weltweiten Familie der Nationen gerecht wird. Der Heilige Stuhl wird sich seinerseits bei den Internationalen Organisationen und wo immer in der Welt Spannungen unter Völkern und Staaten auftreten, für einen Weg des Dialogs einsetzen, um auf diese Weise an der Lösung der Probleme mitzuarbeiten, die zwischen menschlichen Gruppen oder Staaten auftreten. Ebenso kann nur eine echte Entwicklungspolitik, die auf gerechteren Beziehungen zwischen den reichen und armen Ländern gründet, den zahlreichen allarmierenden Ungerechtigkeiten Abhilfe schaffen, unter denen viele unserer Mitmenschen leiden und die sehr leicht zum Nährboden für Gewalt und Terrorismus werden können.
Der interreligiöse Dialog ist, wie ich zu Beginn meines Pontifikats entschieden in Erinnerung gerufen habe, ein unumkehrbares Unterfangen für die katholische Kirche, die „auf der Suche nach dem wahren Gut jedes Menschen und der Gesellschaft fortfahren will, Brücken der Freundschaft mit den Anhängern aller Religionen zu bauen\" (Ansprache an die Delegierten der Kirchen und kirchlichen Gemeinschaften und Vertreter verschiedener religiöser Traditionen, vgl. OR vom 26. IV. 2005). Im Rahmen der Apostolischen Reise zum XX. Weltjugendtag 2005 in Köln habe ich diesen Gedanken vor Vertretern des Islam erneut aufgegriffen und vertieft: „Der interreligiöse und interkulturelle Dialog zwischen Christen und Muslimen darf nicht auf eine Saisonentscheidung reduziert werden. Tatsächlich ist er eine vitale Notwendigkeit, von der zu einem großen Teil unsere Zukunft abhängt\" (Begegnung mit Vertretern muslimischer Gemeinden, OR dt. vom 2. IX. 2005). Es ist von größter Wichtigkeit, dass sich alle Gläubigen bestimmt und klar dagegen aussprechen, dass die Religion zu einem Vorwand für ein nicht zu rechtfertigendes gewalttätiges Verhalten wird, das die Würde des Menschen verletzt und sich damit auch gegen den Schöpfer allen Lebens richtet. Ich versichere Ihnen, sehr geehrter Herr Botschafter, dass die katholische Kirche ihrerseits keine Anstrengungen scheuen wird, um sich auf allen Ebenen für den Frieden und für die Würde eines jeden Menschen einzusetzen, der nach dem Abbild Gottes geschaffen wurde.

Es freut mich, dass ich meinen Gruß durch Sie auch an die katholischen Gläubigen in Finnland richten kann, die kürzlich die 850-Jahr-Feier der Ankunft des Christentums in Ihrem Land durch die Evangelisierungstätigkeit des heiligen Heinrich sowie auch den 50. Jahrestag der Gründung der katholischen Diözese Helsinki begangen haben. Die wenig zahlreiche aber gut in die finnische Gesellschaft integrierte katholische Gemeinschaft wird den ökumenischen Dialog zur Einheit mit den Christen anderer Konfessionen fortsetzen und sich gleichfalls dem interreligiösen Dialog zuwenden, der ein wichtiger Faktor für den Frieden in unseren modernen Gesellschaften darstellt. Der Heilige Stuhl hat diesbezüglich mit Wohlgefallen die Promulgation eines neuen Gesetzes zur Religionsfreiheit in Finnland zur Kenntnis genommen, das eine wahre Religionsfreiheit garantiert, die den Religionen eine größere Autonomie und eine weiterreichende rechtliche Gleichbehandlung, besonders im Bereich der Bildung, gewährt. Dadurch wird der Beitrag gefördert, den jede von ihnen zum Gemeinwohl des gesamten Volkes leisten kann. Darüber hinaus bin ich sicher, dass die Katholiken gemeinsam mit vielen anderen Menschen guten Willens auch weiterhin Zeugnis ablegen für die Würde und Größe des menschlichen Lebens, das von der Empfängnis bis zum natürlichen Tod geschützt werden muss. Durch ihr Verhalten und ihr Engagement wollen die Christen in Finnland auch den Wert der Ehe und der Familie bezeugen, damit die ganze Gesellschaft darin die Grundzelle jeder menschlichen Gemeinschaft erkennt, die bewahrt und unterstützt werden muss, um auf diese Weise auch in Zukunft allen einen Weg zu einem glücklichen und erfüllenden Leben zu eröffnen!

Sehr geehrter Herr Botschafter, zu Beginn Ihres ehrenvollen Amtes wünsche ich Ihnen eine erfolgreiche Mission und versichere Ihnen zugleich das Entgegenkommen und die Unterstützung meiner Mitarbeiter.

Ihnen, Herr Botschafter, Ihrer Familie, Ihren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern in der Botschaft und dem gesamten finnischen Volk erbitte ich von Herzen Gottes beständigen Schutz und seinen reichen Segen.

[Vom Heiligen Stuhl veröffentlichtes deutsches Original]