Ansprache Benedikts XVI. anlässlich des Kongresses zum 40. Jahrestag von „Humanae vitae“

„Die Freiheit muss sich mit der Wahrheit verbinden“

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ROM/ WÜRZBURG, 15. Mai 2008 (Die-Tagespost.de/ ZENIT.org).- Wir veröffentlichen die Ansprache, die Papst Benedikt XVI. am Samstag, dem 10. Mai, beim Empfang der Mitglieder des internationalen Kongresses zum 40. Jahrestag der Enzyklika Humanae vitae gehalten hat. Die Tagung fand in der Latarnuniversität statt.

Der Heilige Vater verwies auf die ungebrochene Aktualität der Enzyklika von Papst Paul VI. aus dem Jahr 1968. Wörtlich erklärte er: „Das Lehramt der Kirche kann nicht darauf verzichten, auf immer neue und tiefere Weise über die fundamentalen Prinzipien der Ehe und der Zeugung nachzudenken. Was gestern wahr gewesen ist, bleibt auch heute wahr. Die Wahrheit, die in ‚Humanae vitae‘ ausgedrückt wird, verändert sich nicht; ihre Lehre wird vielmehr gerade im Licht der neuen wissenschaftlichen Entdeckungen besonders aktuell und regt zum Nachdenken über den ihr innewohnenden Wert an. Der Schlüsselbegriff, um ihren Inhalt richtig zu erfassen, bleibt die Liebe.“

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Verehrte Mitbrüder im Bischofs- und im Priesteramt, liebe Brüder und Schwestern!

Mit besonderer Freude empfange ich Euch zum Ende der Arbeiten, bei denen Ihr Euch damit beschäftigt habt, über ein altes und immer neues Problem nachzudenken: Verantwortung und Ehrfurcht im Hinblick auf das Entstehen des menschlichen Lebens. Ich begrüße in besonderer Weise Bischof Rino Fisichella, den Rektor der Päpstlichen Lateranuniversität, der diesen internationalen Kongress gefördert hat, und danke ihm für die Grußworte, die er an mich gerichtet hat. Mein Gruß richtet sich dann weiter an die Relatoren, Dozenten und alle Teilnehmer, die diese Tage intensiver Arbeit durch ihre Beiträge bereichert haben. Euer Beitrag fügt sich auf eindrucksvolle Weise in die umfangreichere Produktion ein, die im Laufe der Jahrzehnte zu diesem so kontroversen und doch für die Zukunft der Menschheit so entscheidenden Thema entstanden ist.
Ein Dokument, das zum Zeichen des Widerspruchs wurde.

Schon das Zweite Vatikanische Konzil hat sich mit der Konstitution „Gaudium et spes“ an die Wissenschaftler gewandt und sie dazu ermahnt, sich gemeinsam darum zu bemühen, zu einem einheitlichen Wissen und zu einer festen Gewissheit hinsichtlich der Bedingungen, die „eine sittlich einwandfreie Geburtenregelung“ (GS, 52) unterstützen können, zu gelangen. Mein Vorgänger ehrwürdigen Gedenkens, der Diener Gottes Paul VI., hat am 25. Juli 1968 die Enzyklika „Humanae vitae“ veröffentlicht. Dieses Dokument wurde bald zu einem Zeichen des Widerspruchs. In Folge einer schwierigen Entscheidung erarbeitet, stellt es eine wichtige Geste der Ermutigung dar, die Kontinuität in der Lehre und in der Tradition der Kirche zu bestätigen. Dieser Text, der häufig ungenau oder falsch verstanden wurde, hat auch deshalb für Diskussionen gesorgt, weil er am Beginn eines starken Protests stand, der das Leben ganzer Generationen gezeichnet hat. Vierzig Jahre nach seiner Veröffentlichung zeigt diese Lehre nicht nur ihre unveränderte Wahrheit, sondern auch die Weitsicht, mit der das Problem angegangen wurde. So wurde die eheliche Liebe innerhalb eines umfassenden Prozesses beschrieben; sie beschränkt sich weder auf eine Trennung von Leib und Seele, noch unterliegt sie reinen Gefühlen, die häufig kurzlebig und unsicher sind, sondern sie übernimmt die Verantwortung für die ganze Person und dafür, dass die Eheleute – welche sich in der gegenseitigen Annahme selbst in dem Versprechen treuer und ausschließlicher Liebe anbieten, die aus einer echten freien Entscheidung hervorgeht – alles miteinander teilen. Wie könnte sich eine solche Liebe gegenüber dem Geschenk des Lebens verschließen? Das Leben ist immer ein unschätzbarer Wert. Bei jedem Teilhaben an seinem Entstehen nehmen wir die Macht des schöpferischen Wirkens Gottes wahr, der dem Menschen vertraut und ihn auf diese Weise dazu beruft, mit der Kraft der Hoffnung die Zukunft zu schaffen.

Das Lehramt der Kirche kann nicht darauf verzichten, auf immer neue und tiefere Weise über die fundamentalen Prinzipien der Ehe und der Zeugung nachzudenken. Was gestern wahr gewesen ist, bleibt auch heute wahr. Die Wahrheit, die in „Humanae vitae“ ausgedrückt wird, verändert sich nicht; ihre Lehre wird vielmehr gerade im Licht der neuen wissenschaftlichen Entdeckungen besonders aktuell und regt zum Nachdenken über den ihr innewohnenden Wert an. Der Schlüsselbegriff, um ihren Inhalt richtig zu erfassen, bleibt die Liebe. Wie ich in meiner ersten Enzyklika „Deus caritas est“ geschrieben habe: „Der Mensch wird dann ganz er selbst, wenn Leib und Seele zu innerer Einheit finden... Es lieben nicht Geist oder Leib — der Mensch, die Person, liebt als ein einziges und einiges Geschöpf, zu dem beides gehört“ (Nr. 5). Ohne diese Einheit geht der Wert der Person verloren, und man gerät in die ernste Gefahr, den Leib als einen Gegenstand zu betrachten, den man kaufen oder verkaufen kann. In einer Kultur, in der das Haben die Vorherrschaft über das Sein hat, ist das menschliche Leben davon bedroht, seinen Wert zu verlieren. Wenn die Ausübung der Sexualität sich in eine Droge verwandelt, die den Partner den eigenen Wünschen und Interessen unterwerfen will, ohne die Zeiten der geliebten Person zu berücksichtigen, dann muss nicht mehr nur die wahre Vorstellung von der Liebe geschützt werden, sondern vor allem die Würde der Person. Als Gläubige dürfen wir niemals zulassen, dass die Vorherrschaft der Technik die Qualität der Liebe und die Heiligkeit des Lebens entwertet.

Nicht zufällig beruft sich Jesus, wenn er über die menschliche Liebe spricht, auf das, was Gott am Anfang der Schöpfung geschaffen hat (vgl. Mt 19, 4–6). Seine Lehre verweist auf einen ungeschuldeten Akt, durch den der Schöpfer nicht nur den Reichtum seiner Liebe ausdrücken wollte, die sich im Geschenk an alle öffnet, sondern er wollte auch ein Beispiel statuieren, an dem sich das Handeln der Menschheit ausrichten soll.

Das natürliche Sittengesetz regelt auch die Ehe

In der Fruchtbarkeit der ehelichen Liebe haben der Mann und die Frau am Schöpfer- akt des Vaters teil und machen sichtbar, dass am Ursprung ihres ehelichen Lebens ein aufrichtiges „Ja“ steht, das öffentlich ausgesprochen und in der Gegenseitigkeit gelebt wird und dem Leben gegenüber immer offen bleibt. Dieses Wort des Herrn bleibt in seiner tiefen Wahrheit stets unverändert und kann aus den verschiedenen Theorien, die einander im Laufe der Jahre gefolgt sind und gelegentlich sogar im Widerspruch zueinander standen, nicht wegradiert werden. Das natürliche Sittengesetz, das die Grundlage der Anerkennung von der wahren Gleichheit der Personen und der Völker bildet, verdient es, als die Quelle anerkannt zu werden, von der sich auch die Beziehung der Eheleute in ihrer Verantwortung, neue Kinder zu zeugen, anregen lassen sollte. Die Weitergabe des Lebens ist in die Natur eingeschrieben, deren Gesetze als ungeschriebene Norm bestehen bleiben, auf die sich alle beziehen müssen. Jeder Versuch, den Blick von diesem Prinzip abzuwenden, bleibt fruchtlos und schafft keine Zukunft.

Es ist dringend notwendig, dass wir ein Bündnis wieder entdecken, das – solange es respektiert wurde – immer fruchtbar gewesen ist; in ihm stehen die Vernunft und die Liebe im Vordergrund. Ein scharfsinniger Lehrmeister wie Wilhelm von Saint Thierry hat Worte schreiben können, die wir auch für unsere Zeit als zutiefst wahr empfinden: „Wenn die Vernunft die Liebe unterweist, und die Liebe die Vernunft erleuchtet, wenn die Vernunft sich in Liebe verwandelt und die Liebe darin einwilligt, innerhalb der Grenzen der Vernunft zu bleiben, dann können sie etwas Großes hervorbringen“ (De natura et dignitate amoris, 21,8). Was ist dieses „Große“, dem wir beiwohnen können? Es ist das Entstehen der Verantwortung für das Leben, welche die Gabe, mit der sich jeder dem anderen schenkt, fruchtbar macht. Es ist die Frucht einer Liebe, die zu denken und sich in voller Freiheit zu entscheiden weiß, ohne sich übermäßig von dem möglicherweise erforderlichen Opfer beeinflussen zu lassen. Hieraus geht das Wunder des Lebens hervor, das die Eltern an sich selbst erfahren, indem sie das, was sich in ihnen und durch sie erfüllt, als etwas Außerordentliches erfahren. Keine mechanische Technik kann den Akt der Liebe ersetzen, den zwei Eheleute als Zeichen eines größeren Geheimnisses austauschen, das sie als Hauptfiguren und Beteiligte der Schöpfung sieht.

Leider sind immer häufiger traurige Fälle zu beobachten, in welche die Jugendlichen hineingezogen werden, deren Reaktionen zeigen, dass sie weder eine genaue Kenntnis vom Geheimnis des Lebens haben, noch von den Risiken, die ihre Gesten beinhalten. Die dringend notwendige Bildung, auf die ich häufig hinweise, hat bevorzugt das Thema des Lebens zum Inhalt. Ich wünsche mir wirklich, dass vor allem den Jugendlichen ganz besondere Aufmerksamkeit gewidmet wird, damit sie die wahre Bedeutung der Liebe erfahren können und sich daher mit einer angemessenen Erziehung auf die Sexualität vorbereiten, ohne sich von kurzlebigen Botschaften ablenken zu lassen, die sie daran hindern, das Wesentliche der auf dem Spiel stehenden Wahrheit zu erreichen.

Die Gefahr eines erdrückenden Egoismus lauert

Im Bereich der Liebe falsche Illusionen zu machen oder hinsichtlich der echten Verantwortung zu täuschen, die zu übernehmen man durch die Ausübung der eigenen Sexualität aufgerufen ist, macht einer Gesellschaft keine Ehre, die sich auf die Grundsätze der Freiheit und der Demokratie beruft. Die Freiheit muss sich mit der Wahrheit verbinden und die Verantwortung mit der Kraft der Hingabe an den anderen, auch mit dem Opfer; ohne diese Komponenten wächst die Gemeinschaft der Menschen nicht, und es lauert stets die Gefahr, dass sich die Menschen in einen erdrückenden Egoismus verschließen.

Die in „Humanae vitae“ zum Ausdruck gebrachte Lehre ist nicht einfach. Sie entspricht jedoch der fundamentalen Struktur, durch die das Leben von der Erschaffung der Welt an immer weitergegeben worden ist, in der Achtung der Natur und in Übereinstimmung mit ihren Erfordernissen. Der Respekt vor dem menschlichen Leben und der Schutz der Würde der Person zwingen uns, nichts unversucht zu lassen, damit allen die echte Wahrheit der verantwortlichen ehelichen Liebe mitgeteilt werden kann, in der vollen Zustimmung zu dem Gesetz, das in das Herz jeder Person eingeschrieben ist. Mit diesen Empfindungen erteile ich Euch allen den Apostolischen Segen.

[Übersetzung aus dem Italienischen von Claudia Reimüller; © Die Tagepost vom 15. Mai 2008]