Ansprache Benedikts XVI. beim Neujahrsempfang für das Diplomatische Korps

Wie Armut wirksam bekämpft werden kann

| 1321 klicks

WÜRZBURG, 13. Januar 2009 (Die-Tagespost.de/ ZENIT.org).- Wir veröffentlichen die Ansprache, die Papst Benedikt XVI. beim diesjährigen Neujahrsempfang im Vatikan gehalten hat.

Der Papst zog eine des Jahres 2008 und verwies auf die ganz großen Herausforderungen der internationalen Gemeinschaft. Mit besonderem Nachdruck rief er zur entschlossenen Armutsbekämpfung auf.

* * *

Exzellenzen,
meine Damen und Herren!

Das Geheimnis der Menschwerdung des Wortes, das wir jedes Jahr im Weihnachtsfest wieder erleben, lädt uns dazu ein, über die Ereignisse nachzudenken, die den Lauf der Geschichte kennzeichnen. Und genau im Lichte dieses hoffnungsvollen Geheimnisses findet diese traditionelle Begegnung mit Ihnen, den erlauchten Mitgliedern des beim Heiligen Stuhl akkreditierten Diplomatischen Korps statt, das uns zu Anfang dieses neuen Jahres eine gute Gelegenheit bietet, unsere aufrichtigen Wünsche auszutauschen. Ich wende mich zunächst an Seine Exzellenz, den Botschafter Alejandro Valladares Lanza, und bringe ihm meine Dankbarkeit für die guten Wünsche zum Ausdruck, die er mir - zum ersten Mal in seiner Eigenschaft als Doyen des Diplomatischen Korps - auf liebenswürdige Weise entboten hat. Mein ehrerbietiger Gruß richtet sich dann an jeden von Ihnen sowie an Ihre Familien und Mitarbeiter und über Sie an die Bevölkerung und die Regierungen der Länder, die Sie vertreten. Für alle bitte ich Gott um das Geschenk eines Jahres, das reich an Gerechtigkeit, innerer Ruhe und Frieden sein möge.

Zu Beginn dieses Jahres 2009 denke ich zunächst voller Anteilnahme an all jene, die unter den schweren Naturkatastrophen, vor allem in Vietnam, in Birma, in China und auf den Philippinen, in Zentralamerika und in der Karibik, in Kolumbien und in Brasilien, oder aufgrund blutiger regionaler oder nationaler Konflikte oder auch aufgrund von Terrorattentaten zu leiden hatten, die in Ländern wie Afghanistan, Indien, Pakistan und Algerien Tod und Zerstörung gesät haben. Trotz zahlreicher Bemühungen liegt der so sehr ersehnte Frieden noch in weiter Ferne! Angesichts dieser Tatsache soll man sich weder entmutigen lassen, noch den Einsatz zugunsten einer Kultur des wahren Friedens verringern, sondern im Gegenteil die Bemühungen zugunsten der Sicherheit und der Entwicklung verdoppeln. In diesem Sinne wollte der Heilige Stuhl zu den ersten gehören, die die „Streubomben-Konvention" unterzeichnen und ratifizieren, ein Dokument, das unter anderem die Absicht verfolgt, das humanitäre Völkerrecht zu stärken. Andererseits blickt der Heilige Stuhl mit Besorgnis auf die Symptome der Krise, die sich im Bereich der Abrüstung und des Verbots der Verbreitung von Kernwaffen zeigen und ruft unablässig in Erinnerung, dass kein Frieden geschaffen werden kann, wenn die Militärausgaben den Entwicklungsprojekten vor allem für die ärmsten Völker enorme humanitäre und materielle Ressourcen entziehen.

Und auf diese Armen, die viel zu zahlreichen Armen unseres Planeten, möchte ich heute, infolge der Botschaft zum Weltfriedenstag, die ich in diesem Jahr dem Thema „Die Armut bekämpfen, den Frieden schaffen" gewidmet habe, meine Aufmerksamkeit richten. Die Worte, mit denen Papst Paul VI. seine Überlegungen in der Enzyklika Populorum progressio begonnen hat, haben nichts von ihrer Aktualität eingebüßt: „Freisein von Elend, Sicherung des Lebensunterhalts, Gesundheit, feste Beschäftigung, Schutz vor Situationen, die seine Würde als Mensch verletzen, ständig wachsende Leistungsfähigkeit, bessere Bildung, mit einem Wort: mehr arbeiten, mehr lernen, mehr besitzen, um mehr zu gelten. Das ist die Sehnsucht des Menschen von heute, und doch ist eine große Zahl von ihnen dazu verurteilt, unter Bedingungen zu leben, die dieses Verlangen illusorisch machen" (Nr. 6). Um den Frieden zu schaffen, ist es notwendig, den Armen wieder Hoffnung zu geben. Wie sollte man nicht an die zahlreichen Menschen und Familien denken, die von den Schwierigkeiten und Ungewissheiten betroffen sind, die die derzeitige Finanz- und Wirtschaftskrise auf internationaler Ebene hervorgerufen hat? Wie könnten wir die Ernährungskrise und die Klimaerwärmung unerwähnt lassen, die den Bewohnern der Gebiete, die zu den ärmsten des Planeten zählen, den Zugang zu Nahrung und Wasser noch weiter erschweren? Es ist in Zukunft dringend notwendig, eine wirksame Strategie zu entwickeln, um den Hunger zu bekämpfen und die lokale Entwicklung der Landwirtschaft zu fördern, zumal selbst in den reichen Ländern das Ausmaß der Armut weiter zunimmt. Unter diesem Gesichtspunkt freue ich mich, dass seit der letzten Konferenz in Doha über die Finanzierung der Entwicklung, nützliche Kriterien ausgemacht wurden, um die Steuerung des Wirtschaftssystems zu bestimmen und den Schwächeren zu Hilfe zu kommen. Um die Wirtschaft im Inneren gesünder zu machen, muss neues Vertrauen aufgebaut werden. Dieses Ziel kann nur durch die Durchsetzung einer Ethik erreicht werden, die auf der dem Menschen innewohnenden Würde beruht. Ich weiß, wie anspruchsvoll das ist, doch es handelt sich nicht um eine Utopie! Unsere Zukunft steht heute mehr denn je auf dem Spiel, ja sogar das Schicksal unseres Planeten und seiner Bewohner, in erster Linie der jungen Generationen, die ein Wirtschaftssystem und ein soziales Gefüge erben, die schwer angeschlagen sind.

Ja, meine Damen und meine Herren, wenn wir die Armut bekämpfen wollen, müssen wir vor allem in die Jugend investieren und sie zu einem Ideal wirklicher Brüderlichkeit erziehen. Während meiner apostolischen Reisen im vergangenen Jahr hatte ich die Gelegenheit, vielen jungen Menschen zu begegnen, vor allem im besonderen Rahmen der Feier des 23. Weltjugendtages in Sydney, Australien. Meine apostolischen Reisen, angefangen beim Besuch der Vereinigten Staaten, haben mir auch erlaubt, das Ausmaß der Erwartungen zahlreicher Bereiche der Gesellschaft im Hinblick auf die katholische Kirche zu erkennen. In diesem schwierigen Abschnitt der Geschichte und der Menschheit, der von Ungewissheiten und Fragen geprägt ist, erwarten viele, dass die Kirche mutig und klar ihren Evangelisierungsauftrag und ihre Arbeit zur Entfaltung des Menschen durchführt. Meine Rede am Sitz der Organisation der Vereinten Nationen fügt sich in diesen Kontext ein: Sechzig Jahre nach Verabschiedung der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte wollte ich hervorheben, dass dieses Dokument auf der Würde der Person gründet, die ihrerseits auf der allen Menschen gemeinsamen Natur beruht, die über die verschiedenen Kulturen hinausgeht. Einige Monate später, als ich zum hundertfünfzigsten Jahrestag der Erscheinungen der Jungfrau Maria vor der heiligen Bernadette nach Lourdes gepilgert bin, wollte ich betonen, dass die Botschaft der Bekehrung und der Liebe, die von der Grotte von Massabielle ausgeht, weiterhin von großer Aktualität bleibt, als eine ständige Einladung, unser Leben und die Beziehungen zwischen den Völkern auf der Grundlage von Respekt und wahrer Brüderlichkeit aufzubauen, in dem Bewusstsein, dass diese Brüderlichkeit einen Vater voraussetzt, der allen Menschen gemeinsam ist: den Schöpfergott. Im übrigen missachtet eine auf gesunde Weise weltliche Gesellschaft die geistliche Dimension und ihre Werte nicht, da die Religion - und es schien mir sinnvoll, das während meiner Pastoralreise nach Frankreich zu wiederholen - kein Hindernis, sondern im Gegenteil ein solides Fundament für den Aufbau einer gerechteren und freieren Gesellschaft ist.

Diskriminierungen und äußerst schwere Angriffe, deren Opfer Tausende von Christen im vergangenen Jahr geworden sind, zeigen, in welchem Maße nicht nur die materielle Armut, sondern auch die moralische Armut dem Frieden schadet. In der moralischen Armut nämlich haben solche Ausschreitungen ihren Ursprung. Ich möchte nochmals auf den großen Beitrag hinweisen, den die Religionen im Kampf gegen die Armut und zur Schaffung des Friedens leisten können, und vor dieser Versammlung, die ideell alle Nationen der Welt vertritt, folgendes wiederholen: Das Christentum ist eine Religion der Freiheit und des Friedens und steht im Dienst des wahren Wohls der Menschheit. Unsere Brüder und Schwestern, die - vor allem im Irak und in Indien - Opfer von Gewalt geworden sind, möchte ich erneut meiner väterlichen Zuneigung versichern; die zivilen und politischen Autoritäten bitte ich inständig, sich energisch dafür einzusetzen, der Intoleranz und den Schikanen gegenüber den Christen ein Ende zu setzen und sich darum zu bemühen, die vor allem an den Gebetsstätten und an den Anwesen entstandenen Schäden wiedergutzumachen; außerdem mit allen Mitteln den gleichen Respekt aller Religionen zu fördern und alle Formen von Hass und Missachtung zu untersagen. Ich wünsche mir auch, dass in der westlichen Welt keine Vorurteile oder Feindseligkeiten gegen Christen entwickelt werden, einfach weil ihre Stimme in einigen Fragen als störend empfunden wird. Dass die Jünger Christi ihrerseits, die sich solchen Prüfungen gegenübersehen, nicht den Mut verlieren: das Zeugnis für das Evangelium ist immer ein „Zeichen des Widerspruchs" im Hinblick auf den „Geist der Welt"! Wenn die Drangsal schwer wird, bietet die stete Gegenwart Christi einen mächtigen Trost. Sein Evangelium ist eine Heilsbotschaft für alle, und daher kann es nicht in die Privatsphäre verbannt werden, sondern muss von den Dächern bis an die Grenzen der Erde verkündet werden.

Die Geburt Christi in der dürftigen Grotte von Bethlehem führt uns natürlich dazu, die Situation im Nahen Osten und vor allem im Heiligen Land anzusprechen, wo wir in diesen Tagen einen Wiederausbruch der Gewalt erleben, der immensen Schaden und immenses Leid für die Zivilbevölkerung zur Folge hat. Diese Situation kompliziert noch weiter die Suche nach einem Ausweg aus dem Konflikt zwischen Israelis und Palästinensern, den sich viele von ihnen und die ganze Welt lebhaft wünschen. Einmal mehr möchte ich wiederholen, dass die militärische Option keine Lösung ist und dass die Gewalt, woher sie auch kommt und welche Form sie auch annimmt, entschieden verurteilt werden muss. Ich wünsche mir, dass der Waffenstillstand im Gazastreifen durch das entschlossene Bemühen der internationalen Gemeinschaft wieder in Kraft gesetzt wird - was unerlässlich ist, um der Bevölkerung erneut annehmbare Lebensbedingungen zu verschaffen - und dass die Friedensverhandlungen wieder aufgenommen werden und auf Hass, Provozierungen und den Gebrauch von Waffen verzichtet wird. Es ist äußerst wichtig, dass bei den entscheidenden Wahlterminen, die in den kommenden Monaten zahlreiche Bewohner der Region betreffen werden, Führungspersonen hervortreten, die in der Lage sind, diesen Prozess entschlossen voranzubringen und ihre Völker zu einer schwierigen aber dringend erforderlichen Versöhnung zu führen. Man wird diese nicht erreichen können, ohne unter Beachtung der legitimen Wünsche und Interessen der gesamten betroffenen Bevölkerung ein globales Vorgehen zur Lösung der Probleme dieser Länder zu beschließen. Neben den erneuten Anstrengungen für eine Lösung des israelisch-palästinensischen Konflikts, den ich gerade erwähnt habe, muss der Dialog zwischen Israel und Syrien entschieden unterstützt werden sowie im Libanon die laufende Konsolidierung der Institutionen, die umso wirksamer sein wird, je mehr sie von einem Geist der Einheit getragen wird. An die Iraker, die sich darauf vorbereiten, ihr eigenes Schicksal wieder selbst in die Hand zu nehmen, richte ich den besonderen Aufruf, das Blatt zu wenden und auf die Zukunft zu blicken, damit sie ohne Diskriminierung aufgrund von Rasse, Volksgruppe oder Religion aufgebaut werden kann. Was den Iran anbelangt, darf man nicht müde werden, eine Verhandlungslösung für die Kontroverse über das Nuklearprogramm zu suchen, durch einen Apparat, der es erlaubt, die legitimen Forderungen des Landes sowie der internationalen Gemeinschaft zu erfüllen. Ein solches Ergebnis würde deutlich zur regionalen und internationalen Entspannung beitragen.

Mit Blick auf den großen asiatischen Kontinent stelle ich besorgt fest, dass in einigen Ländern die Gewalttätigkeiten andauern und in anderen die politische Lage gespannt bleibt, doch es gibt Fortschritte, die es gestatten, mit größerem Vertrauen auf die Zukunft zu blicken. Ich denke zum Beispiel an die Wiederaufnahme neuer Friedensverhandlungen auf Mindanao auf den Philippinen, sowie an den neuen Verlauf, den die Beziehungen zwischen Peking und Taipeh nehmen. Im selben Kontext der Friedenssuche müsste eine endgültige Lösung des derzeitigen Konflikts auf Sri Lanka auch eine politische Lösung sein, da die humanitären Bedürfnisse der betroffenen Bevölkerung weiterhin Gegenstand intensiver Aufmerksamkeit bleiben müssen. Die christlichen Gemeinschaften, die in Asien leben, sind häufig zahlenmäßig klein, doch sie möchten einen entschlossenen und wirksamen Beitrag für das Allgemeinwohl, für die Stabilität und für den Fortschritt ihrer Länder leisten, indem sie Zeugnis für den Primat Gottes ablegen, der eine gesunde Wertehierarchie aufstellt und eine Freiheit gewährt, die stärker ist als die Ungerechtigkeiten. Die jüngste Seligsprechung von 188 Märtyrern in Japan hat dies auf beredte Weise in Erinnerung gerufen. Die Kirche - wie das schon häufig gesagt worden ist - bittet nicht um Privilegien, sondern darum, dass das Prinzip der Religionsfreiheit in seinem gesamten Umfang Anwendung findet. Unter diesem Gesichtspunkt ist es wichtig, dass in Zentralasien die Gesetzgebung, die die Religionsgemeinschaften betrifft, die volle Ausübung dieses Grundrechts unter Beachtung der internationalen Vorschriften garantiert.

In einigen Monaten werde ich die Freude haben, viele Brüder und Schwestern im Glauben und in der Menschenliebe zu treffen, die in Afrika leben. In Erwartung dieses Besuchs, den ich mir so sehr gewünscht habe, bitte ich den Herrn, dass ihre Herzen bereit sein mögen, das Evangelium zu empfangen und es konsequent zu leben, indem sie durch den Kampf gegen die moralische und materielle Armut den Frieden schaffen. Besonderer Fürsorge bedürfen dabei die Kinder: Zwanzig Jahre nach Verabschiedung der Kinderrechtskonvention bleiben sie immer noch sehr verletzbar. Viele Kinder in Somalia, in Darfur und in der Demokratischen Republik Kongo erleben das Drama der Flucht und der Vertreibung. Es handelt sich um Migrationsströme, die Millionen von Menschen betreffen, die humanitärer Hilfe bedürfen und die vor allem ihrer elementaren Rechte beraubt und in ihrer Würde verletzt werden. Ich fordere diejenigen, die auf nationaler und internationaler Ebene die politische Verantwortung tragen, dazu auf, alle notwendigen Maßnahmen zu ergreifen, um die derzeitigen Konflikte zu lösen und den Ungerechtigkeiten ein Ende zu setzen, durch welche sie hervorgerufen wurden. Ich wünsche mir, dass in Somalia das Wiederherstellen des Staates endlich Fortschritte machen kann, damit die endlosen Leiden der Bevölkerung dieses Landes ein Ende haben. In Simbabwe bleibt der Zustand ebenfalls kritisch, und es sind dort beträchtliche humanitäre Hilfen erforderlich. Die Friedensabkommen in Burundi haben in der Region einen Hoffnungsschimmer aufscheinen lassen. Ich bringe den Wunsch zum Ausdruck, dass sie zur vollen Anwendung gelangen und eine Quelle der Inspiration für die anderen Länder werden mögen, die den Weg zur Versöhnung noch nicht gefunden haben. Der Heilige Stuhl verfolgt den afrikanischen Kontinent, wie Sie wissen, mit besonderer Aufmerksamkeit und ist glücklich darüber, im vergangenen Jahr diplomatische Beziehungen mit Botswana aufgenommen zu haben.

In diesem ausführlichen Überblick, der die ganze Welt umfasst, möchte ich auch einen Moment bei Lateinamerika verweilen. Auch dort möchten die Menschen in Frieden leben können, ohne Armut und in freier Ausübung ihrer Grundrechte. In diesem Zusammenhang muss man sich wünschen, dass die Bedürfnisse derjenigen, die auswandern, von einer Gesetzgebung berücksichtigt werden, die die Familienzusammenführung erleichtert und die legitimen Forderungen nach Sicherheit mit denen der unverletzlichen Achtung der Person vereinbart. Ich möchte auch das vorrangige Bemühen einiger Regierungen lobend erwähnen, die Legalität wiederherzustellen und einen kompromisslosen Kampf gegen Drogenhandel und Korruption zu führen. Ich freue mich, dass dreißig Jahre nach Beginn der päpstlichen Vermittlung in der Meinungsverschiedenheit zwischen Argentinien und Chile über die südliche Region, die beiden Länder in gewisser Weise ihren Friedenswillen durch die Errichtung eines Denkmals für meinen verehrten Vorgänger Papst Johannes Paul II. besiegelt haben. Ich wünsche mir im übrigen, dass die kürzlich erfolgte Unterzeichnung des Abkommens zwischen dem Heiligen Stuhl und Brasilien die freie Ausübung des Evangelisierungsauftrags der Kirche erleichtert und die Zusammenarbeit mit den zivilen Einrichtungen zur ganzheitlichen Entwicklung der Person weiter verstärkt. Seit fünf Jahrhunderten begleitet die Kirche die Völker Lateinamerikas und teilt ihre Hoffnungen und ihre Besorgnisse. Ihre Hirten wissen, dass, um einen wirklichen Fortschritt der Gesellschaft zu fördern, ihre besondere Aufgabe darin besteht, die Gewissen zu erleuchten und Laien auszubilden, die in der Lage sind, beherzt die weltlichen Angelegenheiten anzugehen und sich in den Dienst des Allgemeinwohls zu stellen.

Wenn ich schließlich meinen Blick auf die Nationen richte, die näher liegen, möchte ich die christliche Gemeinschaft in der Türkei grüßen und daran erinnern, dass in diesem besonderen Jubiläumsjahr aus Anlass der Geburt des heiligen Apostels Paulus vor zweitausend Jahren zahlreiche Pilger nach Tarsus, seiner Geburtsstadt, kommen, was nochmals die enge Verbindung dieses Landes mit den Ursprüngen des Christentums unterstreicht. Zypern, wo die Verhandlungen im Hinblick auf eine gerechte Lösung der Probleme, die mit der Teilung der Insel verbunden sind, wieder aufgenommen wurden, hofft lebhaft auf den Frieden. Was den Kaukasus anbelangt, möchte ich nochmals daran erinnern, dass die Konflikte, die die Staaten dieser Region betreffen, nicht auf bewaffnetem Weg gelöst werden können, und wenn ich an Georgien denke, wünsche ich mir, dass alle Verpflichtungen eingehalten werden, die im Waffenstillstandsabkommen im vergangenen Monat August unterschrieben wurden - das auch dank der diplomatischen Bemühungen der Europäischen Union abgeschlossen wurde -, und dass möglichst bald die Rückkehr der Vertriebenen in ihre Heimat möglich gemacht wird. In Bezug auf Südosteuropa schließlich verfolgt der Heilige Stuhl sein Engagement für Stabilität in der Region und hofft, dass weiterhin Bedingungen für eine Zukunft der Versöhnung und des Friedens zwischen der Bevölkerung Serbiens und des Kosovo entstehen, im Respekt der Minderheiten und ohne die Bewahrung des kostbaren künstlerischen und kulturellen christlichen Erbes zu vergessen, das einen Reichtum für die ganze Menschheit darstellt.

Meine Damen und Herren Botschafter, am Ende dieses Gesamtüberblicks, der in seiner Kürze nicht alle Situationen des Leidens und der Armut erwähnen kann, die mir am Herzen liegen, komme ich auf die Botschaft zur Feier des Weltfriedenstags in diesem Jahr zurück. In diesem Schreiben habe ich in Erinnerung gerufen, dass die ärmsten Menschen die Kinder sind, die nicht geboren werden (Nr. 3). Ich kann nicht umhin, abschließend noch an weitere arme Menschen zu erinnern, wie die Kranken und die alten Menschen, die alleingelassen werden oder die entzweiten und orientierungslosen Familien. Die Armut wird bekämpft, wenn die Menschheit durch gemeinsame Werte und Ideale brüderlicher gemacht wird, die auf der Würde der Person, auf einer mit Verantwortung gepaarten Freiheit und auf der tatsächlichen Anerkennung des Platzes Gottes im Leben des Menschen beruhen. Richten wir in dieser Perspektive unseren Blick fest auf Jesus, das demütige Kind, das in einer Krippe liegt. Da Er der Sohn Gottes ist, zeigt er uns, dass die brüderliche Solidarität unter allen Menschen der Königsweg ist, um die Armut zu bekämpfen und den Frieden zu schaffen. Möge das Licht seiner Liebe alle Regierenden und die ganze Menschheit erleuchten! Möge dieses Licht uns im Verlaufe dieses ganzen Jahres, das soeben begonnen hat, leiten! Allen ein gutes neues Jahr.

[Übersetzung aus dem Französischen von Claudia Reimüller; © Die Tagespost vom 10.1.2009]