Ansprache Benedikts XVI. im Flüchtlingslager Aida

„Dass ich Liebe bringe, wo man hasst“

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BETHLEHEM, 13. Mai 2009 (ZENIT.org).- Wir veröffentlichen die offizielle Übersetzung der Ansprache, die Papst Benedikt XVI. heute, Mittwoch, beim Besuch des palästinensischen Flüchtlingslagers „Aida“ gehalten hat, wo rund 7.000 Heimatlose untergebracht sind.

Der Heilige Vater erklärte seine Solidarität mit den leidenden Menschen in den Palästinensergebieten. Danach appellierte er an die ganze Welt, sich für eine friedliche Lösung des Nahost-Konflikts einzusetzen.

„Es erfordert Großmut, nach Jahren des Kampfes Versöhnung zu suchen. Aber die Geschichte hat gezeigt, dass es nur dann zum Frieden kommt, wenn die Konfliktparteien gewillt sind, ihren Groll zu überwinden und auf gemeinsame Ziele hin zusammenzuarbeiten, indem jede die Interessen und die Besorgnisse der anderen ernst nimmt und sich bemüht, eine Atmosphäre des Vertrauens zu schaffen. Es muss die Bereitschaft vorhanden sein, mutige und phantasievolle Initiativen zur Versöhnung zu ergreifen.“

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Sehr geehrter Herr Präsident!
Liebe Freunde!

Mein Besuch im Aida Refugee Camp an diesem Nachmittag bietet mir eine willkommene Gelegenheit, meine Solidarität mit allen heimatlosen Palästinensern zu bekunden, die sich danach sehnen, an ihren Geburtsort zurückkehren zu können oder ständig in ihrem eigenen Heimatland zu leben. Ich danke Ihnen, Herr Präsident, für Ihre freundliche Begrüßung. Auch Ihnen, Frau Abu Zayd und unseren anderen Rednern, danke ich. All den Funktionären der United Nations Relief and Works Agency, die für die Flüchtlinge sorgen, möchte ich die Wertschätzung bezeugen, die zahllose Menschen auf der ganzen Welt für die Arbeit, die hier und in anderen Lagern in der Region getan wird, empfinden.

Einen besonderen Gruß richte ich an die Schüler und Lehrer in den Schulen. Durch Ihr Engagement im Bildungsbereich drücken Sie Hoffnung auf die Zukunft aus. Zu allen jungen Menschen hier sage ich: Bereitet euch mit neuem Eifer auf die Zeit vor, wenn ihr in den kommenden Jahren für die Angelegenheiten des palästinensischen Volkes verantwortlich sein werdet! Den Eltern kommt hier eine äußerst wichtige Rolle zu, und so rufe ich alle Familien in diesem Lager auf: Achten Sie darauf, Ihre Kinder in ihrer Ausbildung zu unterstützen und ihre Begabungen zu fördern, damit es in der zukünftigen palästinensischen Gesellschaft nicht an qualifizierten Kräften für Führungspositionen fehlt.

Ich weiß, daß viele Ihrer Familien auseinandergerissen sind - durch Gefangenschaft einzelner Familienmitglieder oder aufgrund eingeschränkter Bewegungsfreiheit - und viele unter Ihnen haben im Laufe der Feindseligkeiten den schmerzlichen Verlust von Angehörigen erlebt. Alle, die in dieser Weise leiden, haben mein Mitgefühl. Bitte seien Sie versichert, daß ich aller palästinensischen Flüchtlinge auf der ganzen Welt, besonders derjenigen, die während des jüngsten Konflikts im Gazastreifen ihre Häuser und geliebte Menschen verloren haben, ständig in meinen Gebeten gedenke.

Ich möchte auch die gute Arbeit vieler kirchlicher Organisationen würdigen, die sich hier und in anderen Teilen der palästinensischen Territorien der Flüchtlinge annehmen. Die Päpstliche Mission für Palästina, die vor etwa sechzig Jahren gegründet wurde, um die katholische humanitäre Flüchtlingshilfe zu koordinieren, setzt ihre dringend benötigte Arbeit zusammen mit anderen derartigen Organisationen fort. In diesem Lager erinnert die Anwesenheit der Franziskanischen Missionsschwestern vom Unbefleckten Herzen Marias an die charismatische Figur des heiligen Franziskus, dieses großen Apostels des Friedens und der Versöhnung. Und so möchte ich meine besondere Dankbarkeit für den enormen Beitrag bekunden, den verschiedene Glieder der franziskanischen Familie durch ihren Einsatz für die Menschen in diesen Ländern leisten, indem sie sich zu „Werkzeugen des Friedens" machen, wie ein althergebrachtes, dem Heiligen von Assisi zugeschriebenes Wort sagt.

Werkzeuge des Friedens. Wie sehr sehnen sich die Menschen in diesem Lager, in diesen Gebieten und in dieser ganzen Region nach Frieden! In diesen Tagen ist dieses Sehnen besonders schmerzlich und intensiv, da Sie der Ereignisse vom Mai 1948 und der Jahre des immer noch ungelösten Konflikts gedenken, den diese Ereignisse nach sich zogen. Sie leben jetzt unter unsicheren und schwierigen Bedingungen, mit begrenzten Beschäftigungsmöglichkeiten. Es ist verständlich, daß Sie sich oft frustriert fühlen. Ihr legitimes Streben nach einem ständigen Zuhause, nach einem unabhängigen palästinensischen Staat, bleibt unerfüllt. Statt dessen sehen Sie sich - wie so viele in dieser Region und in der ganzen Welt - gefangen in einer Spirale der Gewalt, von Angriff und Gegenangriff, Vergeltung und fortwährender Zerstörung. Die ganze Welt sehnt sich danach, daß diese Spirale durchbrochen werde, sehnt den Frieden herbei, der den ständigen Kämpfen ein Ende setzt.

Über uns, die wir uns an diesem Nachmittag hier versammeln, steht hoch aufragend ein krasses Mahnmal für die Pattsituation, in welche die Beziehungen zwischen Israelis und Palästinensern geraten zu sein scheinen - die Mauer. In einer Welt, in der immer mehr Grenzen geöffnet werden - für den Handel, für Reisen, für die Beweglichkeit der Menschen, für kulturellen Austausch - ist es tragisch zu sehen, daß noch Mauern errichtet werden. Wie sehr sehnen wir uns danach, die Früchte der viel schwierigeren Aufgabe zu sehen, Frieden zu schaffen! Wie ernsthaft beten wir für ein Ende der Feindseligkeiten, welche den Bau dieser Mauer verursacht haben!

Auf beiden Seiten der Mauer bedarf es großen Mutes, wenn es darum geht, Furcht und Mißtrauen zu überwinden sowie dem Trieb zu widerstehen, für Verlust und Beleidigung Vergeltung zu üben. Es erfordert Großmut, nach Jahren des Kampfes Versöhnung zu suchen. Aber die Geschichte hat gezeigt, daß es nur dann zum Frieden kommt, wenn die Konfliktparteien gewillt sind, ihren Groll zu überwinden und auf gemeinsame Ziele hin zusammenzuarbeiten, indem jede die Interessen und die Besorgnisse der anderen ernst nimmt und sich bemüht, eine Atmosphäre des Vertrauens zu schaffen. Es muß die Bereitschaft vorhanden sein, mutige und phantasievolle Initiativen zur Versöhnung zu ergreifen: Wenn jeder auf vorgängige Zugeständnisse des anderen beharrt, kann das Ergebnis nur eine Pattsituation sein.

Der humanitären Hilfe, wie sie in diesem Lager geleistet wird, kommt eine unentbehrliche Rolle zu, doch die langfristige Lösung eines Konflikts, wie dieser ihn darstellt, kann nur politischer Art sein. Niemand erwartet vom palästinensischen und vom israelischen Volk, allein dahin zu gelangen. Die Unterstützung der internationalen Gemeinschaft ist unbedingt notwendig, und daher richte ich einen neuerlichen Appell an alle Betroffenen, ihren Einfuß zugunsten einer gerechten und dauerhaften Lösung geltend zu machen, und zwar unter Berücksichtigung der legitimen Forderungen aller Parteien und in Anerkennung ihres Rechts auf ein Leben in Frieden und Würde, in Übereinstimmung mit dem internationalen Recht. Doch zugleich können diplomatische Bemühungen nur zum Erfolg führen, wenn Palästinenser und Israelis selber bereit sind, aus dem Kreis der Aggression auszubrechen. Mir kommen dabei noch jene anderen schönen, dem heiligen Franziskus zugeschriebenen Worte in den Sinn: „... daß ich Liebe bringe, wo man haßt, Verzeihung, wo man beleidigt, ... Licht, wo Finsternis regiert, Freude, wo Traurigkeit herrscht."

Sie alle rufe ich erneut zu einem tiefgreifenden Engagement auf, nach dem Vorbild des heiligen Franziskus und anderer großer Friedensstifter den Frieden und die Gewaltlosigkeit zu fördern. Der Friede muß im Hause, in der Familie, im Herzen seinen Anfang nehmen. Ich bete weiterhin darum, daß alle in den Konflikt verwickelten Parteien in diesen Ländern den Mut und die Phantasie aufbringen, den anspruchsvollen, aber unverzichtbaren Weg der Versöhnung zu beschreiten. Möge der Friede in diesen Ländern eine neue Blütezeit erleben! Gott segne sein Volk mit Frieden!

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