Ansprache Benedikts XVI. nach dem Karfreitags-Kreuzweg im Kolosseum

Das Kreuz, Quelle des Lebens

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ROM, 22. März 2008 (ZENIT.org).- Wir veröffentlichen die Ansprache, die Benedikt XVI. am Karfreitag nach dem traditionellen Kreuzweg im Kolosseum gehalten hat.

„O Christus, schenk uns den Frieden, den wir suchen, die Freude, nach der wir streben, die Liebe, die unser Herz, das nach dem Unendlichen dürstet, erfüllt. So bitten wir dich an diesem Abend, Jesus, Sohn Gottes, der du für uns am Kreuz gestorben und am dritten Tage auferstanden bist.“

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Liebe Brüder und Schwestern!

Auch dieses Jahr sind wir wieder den Kreuzweg gegangen, die Via Crucis. So gedachten wir im Glauben der Etappen des Leidens Christi. Unsere Augen haben das Leiden und die Angst gesehen, die unser Erlöser in der Stunde des großen Schmerzes ertragen musste, die den Höhepunkt seiner irdischen Sendung markierte. Jesus stirbt am Kreuz und liegt im Grab. Der Tag des Karfreitags, der so sehr von menschlicher Traurigkeit und religiösem Schweigen durchdrungen ist, schließt in der Stille der Betrachtung und des Gebetes. Wenn wir nach Hause zurückkehren, klopfen auch wir uns eingedenk des Geschehenen auf die Brust – wie jene, die damals beim Opfer Christi zugegen waren. Ist es denn möglich, vor dem Tod des Herrn, des Sohnes Gottes, gleichgültig zu bleiben? Für uns, für unser Heil ist er Menschen geworden, um leiden und sterben zu können.

Brüder und Schwestern, unsere Blicke, die oft durch wirre und vergängliche irdische Interessen abgelenkt sind, richten sich heute auf Christus. Halten wir inne, um sein Kreuz zu betrachten. Das Kreuz, Quelle des Lebens, ist Schule der Gerechtigkeit und des Friedens; es ist universales Erbe der Vergebung und des Erbarmens, es ist der bleibende Beweis einer sich aufopfernden und unendlichen Liebe, die Gott dazu gedrängt hat, ein verwundbarer Mensch zu werden wie wir, bis hin zum Tod am Kreuz. Über den schmerzhaften Weg des Kreuzes hinweg sind die Menschen aller Zeiten durch das Blut Christi versöhnt und erlöst worden; so wurden sie zu Freunden Gottes, Kinder des himmlischen Vaters. „Freund“, so nennt Jesus Judas, und so richtet er an ihn den letzten dramatischen Aufruf. „Freund“ – so nennt er einen jeden von uns, da er unser aller Freund ist.

Leider gelingt es uns nicht immer, die Tiefe dieser grenzenlosen Liebe wahrzunehmen, die Gott für uns, seine Geschöpfe, hegt. Für ihn gibt es keinen Unterschied zwischen Rassen und Kulturen. Jesus Christus ist gestorben, um die ganze Menschheit von einer mangelhaften Gotteserkenntnis zu befreien, vom Kreis des Hasses und der Gewalt, von der Knechtschaft der Sünde. Das Kreuz macht uns zu Brüdern und Schwestern. In diesem Augenblick aber fragen wir uns: Was haben wir mit diesem Geschenk getan? Was haben wir mit der Offenbarung des Antlitzes Gottes in Christus, mit der Offenbarung der Liebe Gottes getan, die den Hass besiegt? Viele, auch in unserem Zeitalter, kennen Gott nicht und können ihn nicht im gekreuzigten Christus finden. Viele sind auf der Suche nach einer Liebe oder einer Freiheit, die Gott ausschließt. Viele glauben, Gott nicht zu brauchen.

Liebe Freunde, nachdem wir gemeinsam das Leiden Jesu erlebt haben, lassen wir es diesen Abend zu, dass uns sein Opfer auf dem Kreuz anfragt. Gestatten wir es ihm, unsere menschlichen Sicherheiten in Frage zu stellen. Öffnen wir ihm unser Herz. Jesus ist die Wahrheit, die uns frei macht zu lieben. Haben wir keine Angst: Durch seinen Tod hat der Herr die Sünde zerstört und die Sünder gerettet, das heißt uns alle. Der Apostel Petrus schreibt: Jesus „hat unsere Sünden mit seinem Leib auf das Holz des Kreuzes getragen, damit wir tot seien für die Sünden und für die Gerechtigkeit leben“ (1 Petr 2,24). Das ist die Wahrheit des Karfreitags: Auf dem Kreuz hat uns der Erlöser zu Adoptivkindern Gottes gemacht, der uns nach seinem Ebenbild geschaffen hat. Verharren wir also in Anbetung vor dem Kreuz.

O Christus, schenk uns den Frieden, den wir suchen, die Freude, nach der wir streben, die Liebe, die unser Herz, das nach dem Unendlichen dürstet, erfüllt. So bitten wir dich an diesem Abend, Jesus, Sohn Gottes, der du für uns am Kreuz gestorben und am dritten Tage auferstanden bist.
Amen.

[Nach dem Apostolischen Segen sagte der Heilige Vater:]


Eine gute Nacht euch allen. Danke für die Geduld hier im Regen. Frohe Ostern euch allen!

[ZENIT-Übersetzung der Abschrift des gesprochenen Wortes von Papst Benedikt XVI.]