Ansprache Benedikts XVI. während der Audienz für die Vereinigung der Hilfswerke der Ostkirchen (ROACO)

Papst fordert Freiheit des Kults, der Seelsorge, der Erziehung sowie der Hilfs- und Sozialdienste

| 659 klicks

ROM, 21. Juni 2012 (ZENIT.org). – Am heutigen Vormittag empfing Papst Benedikt XVI. die Teilnehmer der Versammlung der „Vereinigung der Hilfswerke der Ostkirchen“ (ROACO) im apostolischen Palast in Audienz.

[Wir dokumentieren die Ansprache des Papstes in der offiziellen deutschen Übersetzung:]

***

Herr Kardinal! Eure Seligkeit!

Verehrte Brüder im bischöflichen und priesterlichen Dienst!

Liebe Mitglieder und Freude der ROACO!

Ich freue mich sehr, Sie zu diesem gewohnten Treffen zu empfangen und zu begrüßen. Ich grüße den Kardinalpräfekten der Kongregation für die Orientalischen Kirchen und Präsidenten der ROACO und danke ihm für die herzlichen Worte, die er an mich gerichtet hat. Einen dankbaren Gruß richte ich an den Sekretär, an den Untersekretär, die Mitarbeiter und alle Anwesenden. Zugleich spreche ich den hier vertretenen Hilfswerken und den Kirchen in Europa und Amerika, die sie unterstützen, wie auch den zahlreichen Wohltätern erneut meinen Dank aus. Ich versichere Sie meines Gebets zu Gott in der tröstlichen Gewissheit, dass der Herr „einen fröhlichen Geber liebt“ (2 Kor 9,7).

Zunächst ist es meine Hoffnung, dass Sie jene karitative Initiative fortsetzen, „die von der Kongregation im Auftrag des Papstes durchgeführt wird, damit das Heilige Land und die übrigen ostkirchlichen Gebiete in geordneter und angemessener Weise die notwendige geistliche und materielle Unterstützung erhalten, um das normale kirchliche Leben führen und besonderen Bedürfnissen abhelfen zu können“ (Ansprache an die Kongregation für die Orientalischen Kirchen, 9. Juni 2007). Diese Worte habe ich bei meinem Besuch des Dikasteriums für die Orientalischen Kirchen vor fünf Jahren gesagt und möchte nun diesen Aufruf nachdrücklich bekräftigen, auch um die dringenden Nöte des jetzigen Augenblicks zu unterstreichen.

In der Tat scheint die gegenwärtige wirtschaftliche und soziale Lage, die durch den globalen Umfang, den sie angenommen hat, so anfällig ist, den wirtschaftlich entwickelten Gebieten der Welt keine Luft zu lassen. In noch besorgniserregenderem Maße belastet sie die stärker benachteiligten Gebiete zum ernsthaften Schaden für deren Gegenwart und Zukunft. Der Orient, das Mutterland der alten christlichen Traditionen, ist in besonderer Weise von dieser Entwicklung betroffen, die Unsicherheit und Instabilität auch auf kirchlicher Ebene und im Bereich des ökumenischen und interreligiösen Dialogs verursacht. Es geht um Faktoren, welche die ortspezifischen Wunden der Geschichte schüren und den Dialog, den Frieden und das Zusammenleben der Völker wie auch die wirkliche Achtung der Menschenrechte, besonders das Recht der Religionsfreiheit des einzelnen und der Gemeinschaft, noch brüchiger machen. Dieses Recht muss in seinem öffentlichen Bekenntnis garantiert werden und nicht nur hinsichtlich des Kults, sondern auch im Bereich der Seelsorge, Erziehung, der Hilfs- und Sozialdienste – alles unerlässliche Aspekte für seine tatsächliche Ausübung.

Zu den Vertretern des Heiligen Landes – angefangen beim Apostolischen Delegaten Erzbischof Antonio Franco, beim Vikar des Lateinischen Patriarchen von Jerusalem und beim Pater Kustos, die regelmäßig an der ROACO teilnehmen – sind dieses Jahr der Großerzbischof der Syro-malabarischen Kirche von Indien Seine Seligkeit George Kardinal Alencherry und der Großerzbischof der Griechisch-katholischen Kirche der Ukraine Seine Seligkeit Sviatoslav Shevchuk sowie der Apostolische Nuntius in Syrien Erzbischof Mario Zenari und der Präsident der Caritas Syrien hinzugekommen. Dies erlaubt mir, den Blick der Kirche von Rom noch mehr in jener universalen Dimension zu weiten, die sie tief kennzeichnet und die eines der Wesensmerkmale des Geheimnisses der Kirche darstellt. Dies bietet auch die Gelegenheit, den Brüdern und Schwestern in Syrien in ihren großen Leiden abermals meine Nähe zu versichern, insbesondere den unschuldigen Kindern und den ganz Wehrlosen. Unser Gebet, unser Einsatz und unsere konkrete Brüderlichkeit in Christus mögen ihnen wie Öl des Trostes helfen, das Licht der Hoffnung in diesen dunklen Augenblicken nicht zu verlieren. All das erwirke den Verantwortungsträgern von Gott die Weisheit des Herzens, damit alles Blutvergießen aufhöre und die Gewalt, die nur Leid und Tod bringt, der Versöhnung, der Eintracht und dem Frieden weiche. Man scheue keine Anstrengungen, auch von Seiten der internationalen Gemeinschaft, um Syrien aus der gegenwärtigen Situation der Gewalt und der Krise herauszuführen, die schon lange Zeit andauert und ein allgemeiner Konflikt zu werden droht, der sehr negative Folgen für das Land und die ganze Region hätte. Ich rufe auch ganz eindringlich dazu auf, angesichts der äußersten Notlage der Bevölkerung die nötige humanitäre Hilfe zu gewährleisten – auch den vielen Menschen, die ihre Häuser verlassen mußten und von denen einige in die benachbarten Länder geflüchtet sind. Der Wert des menschlichen Lebens ist ein kostbares Gut, das immer zu schützen ist.

Liebe Freude der ROACO, das Jahr des Glaubens, das ich zum 50. Jahrestag der Eröffnung des Zweiten Vatikanischen Konzils ausgerufen habe, wird den Hilfswerken für die Orientalischen Kirchen fruchtbare Orientierungen bieten. Denn sie stellen ein gottgewolltes Zeugnis dafür dar, was uns das Wort Gottes sagt: Der Glaube ohne Werke erlischt und stirbt (vgl. Jak 2,17). Seid stets beredte Zeichen der Nächstenliebe, die aus dem Herzen Christi hervorströmt und der Welt die Kirche in ihrer wahren Identität und Sendung zeigt, da ihr die Nächstenliebe in den Dienst Gottes stellt, der die Liebe ist (vgl. Enz. Deus caritas est). Ich bitte den heiligen Aloisius von Gonzaga, dessen Gedenktag heute in der lateinischen Liturgie gefeiert wird, unsere Danksagung an den Heiligen Geist zu unterstützen und mit uns zu beten, damit der Herr auch in unserer Zeit Menschen, die die Nächstenliebe vorbildlich üben, erwecke. Die Allerseligste Gottesmutter Maria begleite stets mit ihrer Fürsprache die Orientalischen Kirchen in den Mutterländern und in der Diaspora und bringe dabei überall Ermutigung und Hoffnung für einen erneuerten Dienst am Evangelium. Sie möge auch über die kommende Reise wachen, die ich – so Gott will – in den Libanon unternehmen werde, um das Siegel auf die Sonderversammlung der Bischofssynode für den Nahen Osten zu setzen. Schon jetzt möchte ich vorweg als Vater und Bruder die Kirche und das Volk im Libanon umarmen. Von Herzen erteile ich Ihren Organisationen, den Anwesenden und den Menschen, die Ihnen nahestehen, sowie den Ihnen anvertrauten Gemeinschaften in Verbundenheit meinen Apostolischen Segen.

[© 2012 - Libreria Editrice Vaticana]