Ansprache des COMECE-Präsidenten beim Treffen der EU-Politiker mit Religionsvertretern

Bischof Adrianus van Luyn schlägt Ernennung eines „Hohen Vertreters der kommenden Generationen“ vor

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BRÜSSEL, 6. Mai 2008 (ZENIT.org).- Wir veröffentlichen die Ansprache, die der Präsident der Kommission der Bischofskonferenzen der Europäischen Gemeinschaft (COMECE), der Rotterdamer Diözesanbischof Adrianus van Luyn, am 5. Mai anlässlich der Begegnung der führenden EU-Politiker mit hochrangigen Vertretern der Kirchen- und Religionsgemeinschaften in Brüssel gehalten hat.

Der Bischof formulierte zwei konkrete Vorschläge: Er ermutigte dazu, neben dem bereits vorgesehenen „Hohen Vertreter für auswärtige Angelegenheiten“ auch einen „Hohen Vertreter der kommenden Generationen“ zu bestellen, um so dem Engagement für eine ökologisch nachhaltige Marktwirtschaft ein konkretes Gesicht zu geben. Außerdem regte er die Schaffung einer Abteilung an, die dem „Dialog mit den Religionen“ gewidmet ist.

 

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Eminenzen, Exzellenzen,
sehr geehrter Herr Präsident Pöttering,
sehr geehrter Herr Ministerpräsident Jansa,
sehr geehrter Herr Präsident Barroso,
sehr geehrte Teilnehmer dieses denkwürdigen Treffens,

Unsere heutige Begegnung ist ein Symbol für Europa. Sie ist eine Botschaft an die Welt, weil religiöse und politische Autoritäten einander im Geist der Freundschaft und Solidarität begegnen.

1.
Mein Vorschlag, der sich auf den Kampf gegen den Klimawandel bezieht, ist ebenfalls institutioneller Natur. Die Europäische Kommission hat mutige Vorschläge unterbreitet, die einem groß angelegten Umbau unseres Wirtschaftssystems zu einer ökologisch nachhaltigen Marktwirtschaft gleichkommen. Die COMECE wird übrigens ihrerseits im Herbst einen eigenen Bericht zum Thema Klimawandel und Lebensstil vorlegen, denn wir glauben, dass die gerechte Verteilung der Lasten, die sich aus den Folgen des Klimawandels ergeben, in den kommenden Jahren zu den wichtigsten politischen und sozialethischen Baustellen auf internationaler und europäischer Ebene gehören wird.

Damit der Umbau unseres marktwirtschaftlichen Systems gelingt, wird es vermutlich nicht ausreichen, Gesetzesvorhaben auf herkömmliche Weise auf den Weg zu bringen. Es erscheint mir deshalb bedenkenswert, den Willen zum Umbau unserer Marktwirtschaft durch die Einsetzung eines Hohen Vertreters für die kommenden Generationen mit einer Person zu verbinden, ihm ein Gesicht zu geben. Ich möchte deshalb anregen, innerhalb der nächsten Kommission, neben dem im Lissabonner Vertrag vorgesehenen Hohen Vertreter für auswärtige Beziehungen auch einen Hohen Vertreter der kommenden Generationen einzusetzen und beide zu Vizepräsidenten zu machen. Das wäre ein weithin sichtbares Signal unserer Hoffnung auf ein Europa, das über die geographischen und zeitlichen Grenzen hinweg solidarisch ist.

2.
Getrennt in unseren Aufgaben sind wir geeint im Wissen um die gemeinsame Verantwortung für das Gemeinwohl. Dabei gewinnt unser Dialog dann, wenn wir bereit sind, selbstkritisch auf eigene Grenzen und mutig auf die Vorzüge der anderen zu schauen. So wird er zum Zeugnis und Zeichen der Hoffnung. Keine Kultur ist vollkommen, auch nicht, wenn es sich um die Leitkultur in unseren Ländern und in der EU handelt

Mit Blick auf die oft beschworene Gefahr des Zusammenstoßes der Kulturen bedarf es in der EU mehr als nur Gesetze und Vorschriften. Es bedarf dazu sicherlich auch einer anderen Geisteshaltung, zu der die Kirchen und Religionen beitragen können. Auch werden Handelsbeziehungen und materielle Hilfen nicht genügen, um einem Zusammenstoß der Kulturen dauerhaft vorzubeugen. Belastungsfähige Versöhnung bedarf eines Dialogs der Kulturen, der auch die verschiedenen Traditionen und Religionen miteinander ins Gespräch bringt.

Zur Förderung dieses Dialogs der Kulturen als Instrument der Versöhnung möchte ich anregen, dass die Europäische Union bei der Einführung des neuen auswärtigen Dienstes der Union Wert darauf legt, dass die darin tätigen Diplomaten bei ihrer Aus- und Weiterbildung auch Kenntnisse über Religionen und den interreligiösen Dialog vermittelt bekommen. Wäre es außerdem vorstellbar, dass der neue Dienst, über den ja zurzeit intensiv verhandelt wird, auch eine Abteilung „Dialog mit den Religionen“ erhält?

Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit.

[Von der COMECE zur Verfügung gestelltes Original]