ANSPRACHE DES ERZBISCHOFS VON CANTERBURY

“Wahrer Glaube wird niemals von Katastrophen zerstört"

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LONDON, den 15. Sept. 2001 (Zenit.org).- Wir bringen hier eine Übersetzung der Ansprache des Anglikanischen Erzbischofs George Carey, die er in einem Gedächtnisgottesdienst für die Opfer der Angriffe von New York und Washington, D.C. gehalten hat. Die “Londoner Times" veröffentlichte den Text der am Freitag in der St. Pauls Kathedrale gehaltenen Ansprache.



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Wir haben uns heute versammelt, nicht nur innerhalb dieser großen Kathedrale sondern auch draußen, um Anteil zu nehmen an Amerikas Schmerz und um den Verlust so vieler Leben zu betrauern.

Wie Millionen anderer, sah ich mit Grauen, wie die Türme des Welt-Handelszentrums unter einer Wolke von Staub und Rauch verschwanden. Eine moderne Ikone Amerikas war zu Schutt und Asche gemacht worden. Eine sinnlose böse Tat war gegen Amerika und gegen die freie Welt begangen worden.

Nach solchen erschütternden Ereignissen kommen in uns verschiedene Emotionen hoch. Es kann sein, dass wir Verzweiflung empfinden über die Unmenschlichkeit des Menschen gegenüber dem Menschen. Wir können uns hilflos fühlen, dass wir so wenig für jene tun können, die so viel erlitten haben, unter ihnen Hunderte von Briten, denen und deren Familien wir in unseren Gedanken und Gebeten jetzt ganz nahe sind. Wir können Zorn gegen jene fühlen, die solche bösen, verabscheuungswürdigen Taten planten und ausführten. Vielleicht verlangen wir nach Rache. Vielleicht fühlen wir uns einfach wie betäubt.

Aber mein erstes Wort heute – das, wie ich weiß, in jedem anwesenden Seelsorger und in uns allen widerhallt - ist eine einfache Botschaft an die Menschen Amerikas durch den amerikanischen Botschafter: eine Botschaft der Liebe und Solidarität; eine Botschaft auch der Hoffnung. Was Ihr in diesen letzten wenigen Tagen durchgemacht habt, liegt jenseits unserer Vorstellung. Nun, da wir uns mit Ihrer Majestät der Königin, der Regierung und anderen politischen Führern versammeln, gehen unsere Herzen hinaus zu Euch; wir schließen euch alle fest in unsere Gebete ein. Wir hoffen, dass Ihr wisst, dass wir in Eurer Stunde der Not bei Euch sind.

Als Nächstes lasst mich Euch versichern, dass wahrer Glaube niemals von Katastrophen dieser Art zerstört wird. Es liegt etwas Unbezwingbares in dem Glauben, den wir miteinander teilen.

Mit dem heiligen Paulus vertrauen wir darauf, dass “weder Tod, noch Leben, noch Engel, noch Gewalten ... noch ein anderes Geschöpf uns von der Liebe Gottes zu trennen vermag, welche ist in Jesus Christus, unserem Herrn.”

Und sogar in der dunkelsten Stunde bringt solcher Glaube an Gott Hoffnung hervor. Darum lasst uns in das Trauma der Menschen Amerikas hinein die hoffnungsvollen Worte des Propheten Isaias verkünden, die zum ersten Mal in einer Zeit des Elends und der Verzweiflung im Leben seines eigenen Volkes gesprochen wurden:

“Sie werden die alten Ruinen aufbauen,
Sie werden die früheren Verwüstungen beheben,
Sie werden die zerstörten Städte wieder instand setzen" ...

Ich bin voller Hoffnung für die Menschen Amerikas: voller Hoffnung, dass, so, wie die Ruinen wieder aufgebaut werden, auch ein erschüttertes Volk wieder gestärkt wird.

Denn als die Zwillingstürme des Welt-Handelszentrums unter Rauch und Blut verschwanden, blieb eine andere amerikanische Ikone, eine ältere, die nur durch einen schmalen Streifen Wassers von der anderen getrennt ist, unversehrt. Die September-Morgensonne schien weiter auf die Freiheitsstatue, die ihre Fackel wie ein Leuchtfeuer hochreckt; ein Leuchtfeuer der Hoffnung, und für Millionen auf der ganzen Welt, ein Symbol all dessen, was des Beste an Amerika ist.

Freiheit war immer der innerste Kern der amerikanischen Vision. Diese Freiheit muss verteidigt werden. Es ist die Furcht einflößende Verantwortung der Führer Amerikas, entscheiden zu müssen, wie man auf dieses Böse, das ihrem Volk angetan wurde, reagiert, auf diesen Angriff gegen ihre Freiheit und Sicherheit. Die Führer Amerikas brauchen unsere Gebete. Möge Gott ihnen Weisheit geben, damit sie ihre große Macht in einer Weise einsetzen, dass vor weiterer bösen Aggression wirklich abgeschreckt wird und Sicherheit und Wohlergehen aller in unserer interdependenten Welt gefördert werden.

Damit die Blume der Demokratie gedeiht, muss sie im Erdreich der Gerechtigkeit wachsen. Ja, jene, die für solche barbarischen Akte verantwortlich sind, müssen zur Verantwortung gezogen werden. Aber wir müssen uns von höheren Zielen leiten lassen als von reiner Rache. Da wir gegen das Böse kämpfen, muss unser Ziel eine Welt sein, in der solche Gewalt eine Sache der Vergangenheit ist.

Das Ideal der Freiheit, das den Kern der Größe Amerikas bildet und von jener Statue symbolisiert wird, die unversehrt aus der Rauchwolke der Verwüstung aufragt, wurde auf eine edle Gemeinsamkeit von Werten gegründet, an der teilzunehmen wir stolz sind. Werte wie Duldsamkeit und Mitgefühl, Gerechtigkeit und Barmherzigkeit. Werte im Innersten des christlichen Glaubens und auch anderer Glaubensgemeinschaften.

Lasst sie uns jetzt vor uns her tragen – wie eine Fackel, wie ein Leuchtfeuer – auch wenn wir trauern und schweren Schmerz tragen. Denn, wenn wir standhaft sind, so können wir sicher sein, dass, mit der Gnade Gottes, keine Dunkelheit, keine böse Tat die Fackel der Hoffnung ersticken kann.