Ansprache des Papstes bei seiner Begegnung mit den Seminaristen in Freiburg

Schriftliche Fassung der improvisierten Ansprache

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FREIBURG, 30. September 2011 (ZENIT.org). – Im Folgenden veröffentlichen wir die aus dem Stegreif gehaltene Rede, die Papst Benedikt XVI. vor etwa sechzig Seminaristen in der Kapelle des Priesterseminars zu Freiburg während seiner apostolischen Deutschlandreise hielt. Die Transkription ist der offiziellen Webseite des Vatikans entnommen.

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Liebe Seminaristen, liebe Schwestern und Brüder!

Für mich ist es eine große Freude, dass ich hier mit jungen Menschen zusammenkommen darf, die sich auf den Weg machen, um dem Herrn zu dienen, die auf seinen Ruf horchen und ihm folgen wollen. Besonders herzlich möchte ich danken für den schönen Brief, den der Herr Regens und die Seminaristen mir geschrieben haben. Es hat mich wirklich im Herzen berührt, wie Sie meinen Brief bedacht und daraus Ihre Fragen und Ihre Antworten entwickelt haben; mit welchem Ernst Sie aufnehmen, was ich da vorzustellen versucht habe, und von daher Ihren eigenen Weg entwickeln.

Das Schönste wäre natürlich, wenn wir ein Gespräch miteinander führen könnten, aber der Reiseplan, unter dem ich stehe und dem ich gehorchen muss, lässt leider solche Sachen nicht zu. So kann ich nur versuchen, im Anschluss an das, was Sie geschrieben haben und was ich geschrieben hatte, noch einmal ein paar Gedanken herauszustellen.

Bei der Frage: Wozu gehört das Seminar; was bedeutet diese Zeit? bewegt mich eigentlich immer wieder am meisten, wie der heilige Markus im Kapitel 3 des Evangeliums das Werden der Apostelgemeinschaft beschreibt. Er sagt: „Der Herr machte Zwölf.“ Er schafft etwas, er tut etwas, es ist ein schöpferischer Akt. Und er machte sie, „damit sie mit ihm seien und damit er sie sende“ (vgl. Mk 3,14): Das ist ein doppelter Wille, der in mancher Hinsicht widersprüchlich scheint. „Damit sie mit ihm seien“: Sie sollen bei ihm sein, um ihn kennenzulernen, um von ihm zu hören, von ihm sich formen zu lassen; sie sollen mit ihm gehen, mit ihm auf dem Weg, um ihn herum und hinter ihm. Aber gleichzeitig sollen sie Gesandte sein, die weggehen, die hinaustragen, was sie gelernt haben, die es zu den anderen Menschen bringen, die unterwegs sind – in die Peripherie, ins Weite hinein, auch in das, was weit von ihm entfernt ist. Und doch gehört diese Paradoxie zusammen: Wenn sie wirklich mit ihm sind, dann sind sie immer auch unterwegs zu den anderen, dann sind sie auf der Suche nach dem verlorenen Schaf, dann gehen sie hin, dann müssen sie weitergeben, was sie gefunden haben, dann müssen sie ihn bekannt machen, Gesandte werden. Und umgekehrt, wenn sie rechte Gesandte sein wollen, dann müssen sie immer bei ihm sein. Der heilige Bonaventura hat einmal gesagt: Die Engel, wo immer sie sich auch hinbewegen, wie weit auch, sie bewegen sich immer im Inneren Gottes. So ist es da auch: Als Priester müssen wir hinausgehen in die vielfältigen Straßen, an denen Menschen stehen, die wir einladen sollen zu seinem Hochzeitsmahl. Aber wir können es nur tun, indem wir dabei immer bei ihm bleiben. Und dies zu lernen, dieses Miteinander von Hinausgehen, von Sendung, und von Mit-ihm-Sein, von Bleiben-bei-ihm, ist – glaube ich – das, was wir gerade im Priesterseminar zu erlernen haben. Das rechte Bleiben-mit-ihm, das tief in ihn Eingewurzelt-Werden – immer mehr mit ihm sein, immer mehr ihn kennen, immer mehr sich nicht von ihm trennen – und zugleich immer mehr hinausgehen, Botschaft bringen, weitergeben, nicht für sich behalten, sondern das Wort zu denen bringen, die fern sind und die doch alle als Geschöpfe Gottes und als von Christus Geliebte die Sehnsucht nach ihm im Herzen tragen.

Seminar ist also eine Zeit der Einübung; natürlich auch des Unterscheidens, der Erlernens: Will er mich dafür? Die Sendung muss geprüft werden, und dazu gehört dann das Miteinander und gehört natürlich das Gespräch mit den geistlichen Führern, die Sie haben, um unterscheiden zu lernen, was sein Wille ist. Und dann das Vertrauen zu lernen: Wenn er es wirklich will, dann darf ich mich ihm anvertrauen. In der heutigen Welt, die sich so unerhört ändert und in der alles immer wieder anders wird, in der menschliche Bindungen zerfallen, weil neue Begegnungen auftreten, wird es immer schwerer zu glauben: Ich werde ein Leben lang standhalten. Es war schon für uns in unserer Zeit nicht ganz leicht sich vorzustellen, wie viele Jahrzehnte vielleicht Gott mir zudenkt, wie anders die Welt werden wird. Werde ich es durchhalten mit ihm, so wie ich es versprochen habe? … Es ist eine Frage, die eben das Prüfen der Sendung verlangt, aber dann auch – je mehr ich erkenne: Ja, er will mich – das Vertrauen: Wenn er mich will, dann hält er mich auch, dann wird er in der Stunde der Verführung, in der Stunde der Not da sein und wird mir Menschen geben, wird mir Wege geben, wird mich halten. Und Treue ist möglich, weil er immer da ist, und weil er gestern, heute und morgen ist, weil er nicht nur dieser Zeit zugehört, sondern Zukunft ist und in jeder Stunde uns tragen kann.

Eine Zeit der Unterscheidung, des Erlernens, der Berufung … Und dann, natürlich, als Zeit des Mit-ihm-Seins eine Zeit des Betens, des Hörens auf ihn. Hören, wirklich ihn hören lernen – im Wort der Heiligen Schrift, im Glauben der Kirche, in der Liturgie der Kirche –und das Heute in seinem Wort erlernen. In der Exegese lernen wir viel über das Gestern: Was da alles war, welche Quellen da sind, welche Gemeinden waren, und so weiter. Dies ist auch wichtig. Aber noch wichtiger ist, dass wir in diesem Gestern das Heute erlernen, dass er jetzt mit diesen Worten spricht und dass sie alle ihr Heute in sich tragen und dass sie über den historischen Anfang hinaus eine Fülle in sich tragen, die zu allen Zeiten spricht. Und diese Gegenwärtigkeit seines Redens zu erlernen – hören lernen – und damit den anderen Menschen sagen zu können, ist wichtig. Natürlich, wenn man die Predigt für den Sonntag vorbereitet, ist es oft … mein Gott, so weit weg! Aber wenn ich mit dem Wort lebe, dann sehe ich, es ist gar nicht weit weg, es ist höchst aktuell, es ist jetzt da, es geht mich an und geht die anderen an. Und dann lerne ich auch, es auszulegen. Aber dazu ist ein beständiger innerer Weg mit dem Wort Gottes nötig.

Das persönliche Sein mit Christus, mit dem lebendigen Gott, ist das eine; das andere ist, dass wir immer nur im „Wir“ glauben können. Ich sage manchmal, der heilige Paulus hat geschrieben: „Glaube kommt vom Hören“ – nicht vom Lesen. Er braucht auch das Lesen, aber er kommt vom Hören, das heißt vom lebendigen Wort, vom Zuspruch des anderen, den ich hören kann, vom Zuspruch der Kirche durch alle Zeiten, von ihrem jetzigen, durch die Priester, die Bischöfe und die Mitmenschen mir gegebenen Wort. Zum Glauben gehört das „Du“, und zum Glauben gehört das „Wir“. Und gerade das Sich-Ertragen einüben ist etwas ganz Wichtiges; das Lernen, den anderen anzunehmen als den anderen in seiner Andersheit, und zu erlernen, dass er mich ertragen muss in meiner Andersheit, um „wir“ zu werden, damit wir einmal dann auch in der Pfarrei Gemeinschaft bilden können, Menschen in die Gemeinsamkeit des Wortes hineinrufen können und miteinander auf dem Weg zum lebendigen Gott sind. Dazu gehört dieses ganz konkrete „Wir“, wie es das Seminar ist, wie es dann die Pfarrei ist, aber dann auch immer das Hinausschauen über das konkrete, beschränkte „Wir“ ins große „Wir“ der Kirche aller Orte und Zeiten hinein: dass wir uns nicht allein zum Maß nehmen. Wenn wir sagen: „Wir sind Kirche“ – ja, es ist wahr: Wir sind es, nicht irgendjemand. Aber das „Wir“ ist weiter als die Gruppe, die das gerade sagt. Das „Wir“ ist die ganze Gemeinschaft der Gläubigen, heute und aller Orten und Zeiten. Und ich sage dann immer: In der Gemeinschaft der Gläubigen, ja, da gibt es sozusagen den Spruch der gültigen Mehrheit, aber es kann nie eine Mehrheit gegen die Apostel und gegen die Heiligen geben, das ist dann eine falsche Mehrheit. Wir sind Kirche: Seien wir es, seien wir es gerade dadurch, dass wir uns öffnen und hinausgehen über uns selber und es mit den anderen sind.

Ja, ich glaube, von dem Plan her muss ich wahrscheinlich Schluss machen jetzt. Ich möchte Ihnen nur einen Punkt noch sagen. Zum Bereitwerden für das Priestertum, zum Weg dahin gehört vor allem auch das Studieren. Das ist nicht eine akademische Zufälligkeit, die sich in der westlichen Kirche ausgebildet hat, sondern wesentlich. Wir alle wissen, dass der heilige Petrus gesagt hat: „Seid jederzeit bereit, die Vernunft, den Logos eures Glaubens als Antwort denen zu geben, die danach fragen“ (vgl. 1Petr 3,15). Unsere Welt heute ist eine rationalistische und verwissenschaftlichte Welt, wenn oft auch sehr scheinwissenschaftlich. Aber der Geist der Wissenschaftlichkeit, des Verstehens, des Erklärens, des Wissenkönnens, des Ablehnens des Nichtrationalen ist beherrschend in unserer Zeit. Das hat auch sein Großes, wenn sich auch oft viel Anmaßung und Verkehrtheit dahinter verbirgt. Der Glaube ist nicht eine Gefühlsnebenwelt, die wir dann uns auch noch leisten, sondern er ist das, was das Ganze umgreift und ihm Sinn gibt und es deutet und ihm auch die innere ethische Weisung gibt: dass es auf Gott hin und von Gott her verstanden und gelebt sei. Deswegen ist es wichtig, Bescheid zu wissen, zu verstehen, die Vernunft geöffnet zu haben, zu lernen. Natürlich werden in 20 Jahren schon wieder ganz andere philosophische Theorien Mode sein als heute: Wenn ich denke, was bei uns höchste, modernste philosophische Mode war, und wie vergessen das alles ist… Trotzdem ist es nicht umsonst, dies zu lernen, denn es sind auch beständige Erkenntnisse dabei. Und vor allen Dingen lernen wir darin, überhaupt zu urteilen, mitzudenken – und kritisch mitzudenken – und zu helfen, dass in dem Denken das Licht Gottes uns erleuchtet und nicht erlischt. Studieren ist wesentlich: Nur so können wir dieser Zeit standhalten und in ihr den Logos unseres Glaubens verkünden. Auch kritisch studieren – eben in dem Wissen: Morgen wird ein anderer anderes sagen –, aber wach und offen und demütig Lernende sein, um immer mit dem Herrn, vor dem Herrn und für ihn Lernende zu bleiben.

Ja, ich könnte noch manches sagen, sollte es vielleicht … Aber ich danke für das Zuhören. Und im Gebet sind alle Seminaristen der Welt in meinem Herzen präsent – nicht so schön einzelne Namen, wie ich sie jetzt hier empfangen habe, aber doch in dem inneren Hingehen zum Herrn: dass er alle segnet, allen Licht gibt und den rechten Weg zeigt, und dass er uns schenkt, viele gute Priester zu bekommen. Herzlichen Dank.