Ansprache des Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz, Erzbischof Dr. Robert Zollitsch, bei der 12. Generalkongregation der Bischofssynode
Säkularität als Herausforderung und Chance zur Neuevangelisierung
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VATIKANSTADT, 16. Oktober 2012 (ZENIT.org). - Über gesellschaftliche Fragen wie Modernismus und Säkularität sprach der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Erzbischof Dr. Robert Zollitsch, bei der heutigen 12. Generalkongregation der Bischofssynode im Vatikan. Die Sinnleere in der Gesellschaft müsse als Möglichkeit zur Freilegung der „Wasseradern des Glaubens" genutzt werden.
[Wir dokumentieren die Ansprache in der offiziellen Version:]
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Nicht erst seit den 60er Jahren des vergangenen Jahrhunderts – aber seitdem mit sich zunehmend beschleunigender Dynamik – laufen in den mittel- und westeuropäischen Ländern gesellschaftliche Prozesse ab, die unter den Begriffen Modernisierung und Säkularisierung zusammengefasst werden können. Sie bringen spezifische Umbrüche und Veränderungen mit sich, die insbesondere auch den Bereich des Religiösen betreffen. Doch Säkularität als in der Weltgeschichte singulärer Vorgang in den entwickelten Industriegesellschaften bedeutet nach dem kanadischen Religionsphilosophen Charles Taylor [1] nicht einfach den Rückgang von Glaubenspraxis und Glaubenswissen im Sinne einer Subtraktionsgeschichte oder gar ein Verschwinden des Religiösen aus der Öffentlichkeit. Vielmehr handelt es sich um einen tiefen Umgestaltungsprozess fundamentaler Lebens-Erfahrungen, indem der Einzelne nicht einfach Traditionen übernimmt, sondern herausgefordert ist, sich persönlich zu entscheiden. Unter den kulturellen Bedingungen der Vor-Moderne war es kaum möglich, so etwas wie Sinn, Fülle und gelingendes Leben außerhalb einer Religion zu erfahren. Gegenwärtig ist Religion eine unter mehreren Möglichkeiten der Sinndeutung – bis hin zur religiösen Indifferenz und radikalem Atheismus. Darauf weist uns ein Schreiben des Päpstlichen Rates für Kultur hin, das bereits im Jahr 2004 unter dem Titel „Wo ist Dein Gott? Der christliche Glaube vor der Herausforderung religiöser Indifferenz“ veröffentlicht wurde. In der Einleitung des Dokuments, dem eine weltweite Umfrage zugrunde liegt, heißt es: „Die Kirche ist heute mehr mit der Indifferenz und dem praktischen Unglauben konfrontiert als mit dem Atheismus. […] Der Unglaube ist viel stärker praktisch als theoretisch ausgeprägt. […] Ohne Zweifel ist es heute eine der wichtigsten Aufgaben der Kirche, die Ursachen und Folgen dieser Phänomene verstehen zu lernen und mit Gottes Hilfe Wege zu finden, die hier Abhilfe schaffen.“
Das säkulareZeitalter, das das westliche Europa kennzeichnet, schafft eine radikal neue Situation, in der Aussuchen und Auswählen geradezu zum Imperativ wird. In dieser Herausforderung zur persönlichen Entscheidung liegt auch eine Chance zur Neuevangelisierung. Religion als „Sinn und Geschmack für das Unendliche“ (Friedrich Schleiermacher) ist in solcher Situation neu wahrzunehmen und zu konkretisieren. Ein wachsender politischer und kultureller Pessimismus und die zunehmende Suche nach Sinn geben religiösen Fragen und Antworten neue Chancen.
Zweifellos sind solche Tendenzen wahrzunehmen: Wenn man etwa an die Suche nach religiösem Halt nach dem 11. September 2001 oder dem Tsunami an Weihnachten und am Jahresende 2004 in Südostasien oder den Amokläufen an Schulen in Deutschland wie etwa in Erfurt denkt. Die Ereignisse zeigen, dass es im Menschen – wenn auch noch so verschüttet und verborgen – eine letzte Tiefe gibt, die auch mit dem allgemeinen Klima der Säkularität nicht verschwunden ist. Wenn schon ein so religionskritischer Denker wie der emeritierte Professor für Soziologie und Philosophie, Jürgen Habermas, der Meinung ist, dass die abendländische Säkularisierung keine Einbahnstraße ist, um wie viel mehr sind wir dann gefordert – in Wertschätzung vor der Andersheit der Anderen – den Glauben an Jesus Christus zur Sprache zu bringen und einladend für den christlichen Glauben zu werben. Professor Habermas hebt hervor: „Säkulare Sprachen, die das, was einmal gemeint war, bloß eliminieren, hinterlassen Irritationen. Als sich Sünde in Schuld, das Vergehen gegen öffentliche Gebote in den Verstoß gegen menschliche Gesetze verwandelte, ging etwas verloren. Denn mit dem Wunsch nach Verzeihung verbindet sich immer noch der unsentimentale Wunsch, das anderen zugefügte Leid ungeschehen zu machen. Die verlorene Hoffnung auf Resurrektion hinterlässt eine spürbare Leere.“ Es gibt ein innerstes Verlangen des Menschen nach Sinn, der in der Moderne nicht abgestorben, sondern überlagert ist und übertönt wird und sich stets neu meldet.
Neuevangelisierung heißt deshalb: Den Menschen zu helfen, diese Wasseradern des Glaubens frei zulegen! Ihnen Weggefährten zu sein und Helfer, mitten im Alltag die Spuren Gottes zu entdecken. Es geht um die gemeinsame Suche nach der „veritas semper maior“. Und bei dieser gemeinsamen Suche geht es zuerst darum, die Menschen durch unser ganzes Verhalten die unbedingte Sympathie Gottes, die selbstlose Liebe Gottes für den einzelnen Menschen erfahren zu lassen. Es ist diese Liebe und Zuwendung, auf die viele Menschen gerade auch in einer hochtechnisierten und globalisierten Welt warten. Die Erfahrung der Liebe und Zuwendung Gottes durch unser Reden und Wirken wird den Geist und das Herz vieler öffnen für die Sehnsucht nach Gott und nach dem ewigen Leben, das kein Ende kennt [2].
[1] Charles Taylor: Ein säkulares Zeitalter, Frankfurt/Main, 2009.
[2] Vgl. Porta fidei


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