Ansprache Seiner Heiligkeit Bartholomaios I., Erzbischof von Konstantinopel und Ökumenischer Patriarch

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VATIKANSTADT, 11. Oktober 2012 (ZENIT.org). - Vor dem Schlussegen der Heiligen Messe auf dem Petersplatz, mit der Papst Benedikt XVI. das Jahr des Glaubens eröffnete, richtete der Erzbischof von Konstantinopel, Seine Heiligkeit Bartholomaios I., eine Grußrede an die Versammelten.

[Wir veröffentlichen die Grußansprache in einer Arbeitsübersetzung des Heiligen Stuhls:]

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Geliebter Bruder im Herrn, Eure Heiligkeit Papst Benedikt,
Brüder und Schwestern,

als Christus sich auf die Geschehnisse von Getsemani vorbereitete, sprach er ein Gebet für die Einheit, das im 17. Kapitel des Johannesevangeliums, Vers 1, wiedergegeben wird: „... bewahre sie in deinem Namen, den du mir gegeben hast, damit sie eins sind wie wir“. Durch Jahrhunderte hindurch wurden wir von der Macht und der Liebe Christi wirklich beschützt und im geeigneten geschichtlichen Moment kam der Heilige Geist auf uns herab und wir begannen einen langen Weg auf die sichtbare, von Jesus gewollte Einheit hin. Dies wurde bei Unitatis Redintegratio 1 bekräftigt: „Von dieser Gnade sind heute überall sehr viele Menschen ergriffen, und auch unter unsern getrennten Brüdern ist unter der Einwirkung der Gnade des Heiligen Geistes eine sich von Tag zu Tag ausbreitende Bewegung zur Wiederherstellung der Einheit aller Christen entstanden“.

Hier auf diesem Platz zeigte die Römisch-Katholische Kirche in einer großartigen, bedeutenden Feier ihr Herz und ihren Geist, der sie durch diese fünfzig Jahre hindurch bis in die Gegenwart gelenkt hat. Die Eröffnung des Zweiten Vatikanischen Konzils, ein Meilenstein für Veränderungen, war bestimmt von der Tatsache, dass der Sohn, das menschgewordene Wort Gottes, da ist „wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind“ (Mt 18,20) und dass der Geist, der vom Vater ausgeht „euch in die ganze Wahrheit führen“ wird (Joh 16,13).

In den danach folgenden fünfzig Jahre haben wir uns oft deutlich und mit Wehmut, aber auch mit Freude und Enthusiasmus an die persönlichen Diskussionen mit Bischöfen und theologischen Fachleuten während unserer Ausbildung - als junger Student - am Päpstlichen Orientalischen Institut erinnert, und an einige Sondersitzungen des Konzils, an denen wir teilgenommen haben. Wir sind Augenzeugen, wie sich die Bischöfe mit einem gestärkten Sinn für Kontinuität erneut der Gültigkeit von Tradition und dem Glauben, „der den Heiligen ein für allemal anvertraut ist“ (Jud 1,3) bewusst wurden. Es war eine vielversprechende und hoffnungvolle Zeit, sowohl innerhalb als auch außerhalb eurer Kirche.

Wir haben festgestellt, dass dies für die Orthodoxe Kirche eine Zeit des Austausches und der Erwartungen war. Die Einberufung der ersten panorthodoxen Konferenzen auf Rhodos zum Beispiel hat zu den vorbereitenden Konzilien im Hinblick auf ein Großes Konzil der Orthodoxen Kirchen geführt. Diese Formen des Austausches werden der modernen Welt ein Zeugnis sein für die Einheit der Orthodoxen Kirche. Des weiteren war dies eine Zeit des „Dialogs der Liebe“, welcher die Gemeinsame Internationale Kommission für den Theologischen Dialog zwischen der Römisch-Katholischen Kirche und der Orthodoxen Kirche vorbereitet hat und die von unseren verehrten Vorgänger Papst Johannes Paul II und dem Ökumenische Patriarch Dimitrios ins Leben gerufen wurde.

In den vergangenen fünf Jahrzehnten hat die Konzilsversammlung einige Ziele erreicht. Das zeigt sich in einer Reihe von wichtigen und einflussreichen Konstitutionen, Erklärungen und Dekreten. Wir haben über die Wiederfindung des Sinngehaltes und die „Rückkehr zu den Quellen“ durch Liturgiestudien, Bibelforschung und die Lehre der Väter nachgedacht. Wir haben die schrittweise Bemühung geschätzt, die starren akademischen Grenzen aufzubrechen und den ökumenischen Dialog zu beginnen. Das hat zu der gegenseitigen Aufhebung der Exkommunizierungen von 1054, zum Austausch von Grußbotschaften, zur Rückerstattung von Reliquien, zum Beginn wichtiger Dialoge und zu gegenseitigen Besuchen unser jeweiligen Sitze geführt.

Unser Weg war nicht immer leicht und ohne Leiden und Herausforderungen. Denn wir wissen: „das Tor ... ist eng und der Weg dahin ist schmal“ (Mt 7,14). Es ist nicht leicht, die grundlegende Theologie und die Hauptthemen des Zweiten Vatikanischen Konzils - das Geheimnis der Kirche, die Heiligkeit der Liturgie und die Autorität des Bischofes - durchgehend anzuwenden. Sie werden nur unter Mühen während des ganzen Lebens und mit der Hilfe der ganzen Kirche angenommen. Deshalb müsste das Tor immer offen bleiben für eine vertiefte Aufnahme, einen größeren pastoralen Einsatz und eine Vertiefung der kirchlichen Interpretation des Zweiten Vatikanischen Konzils.

Im gemeinsamen Weiterschreiten auf diesem Weg bringen wir dem lebendigen Gott - Vater, Sohn und Heiliger Geist - Dank und Ehre dar dafür, dass die Versammlung der Bischöfe die Wichtigkeit der Beratungen und des ehrlichen Dialogs zwischen unseren „Schwesterkirchen“ erkannt hat. Wir schließen uns der Hoffnung an, „dass die Wand, die die abendländische und die orientalische Kirche trennt, einmal hinweg genommen werde und schließlich nur eine einzige Wohnung sei, deren fester Eckstein Jesus Christus ist, der aus beidem eines machen wird“ (Unitatis Redintegratio 18).

Mit Christus als unserem Eckstein und der uns gemeinsamen Tradition werden wir - mit der Gnade Gottes - den Leib Christi immer mehr schätzen und ihn immer vollkommener verwirklichen. Mit unserem ständigen Einsatz, im Geiste der urkirchlichen Tradition und im Licht der Kirche der Konzilien des ersten Jahrtausends, könnten wir die sichtbare Einheit erleben, die nur jenseits unserer heutigen Zeit erreichbar ist.

Die Kirche zeichnet sich durch ihre besondere prophetische und pastorale Dimension aus. Sie bejaht die ihr eigene Milde und Spiritualität und dient mit Demut und Einfühlsamkeit den „geringsten Brüdern“ Christi (Mt 25,40).

Geliebter Bruder, unsere Anwesenheit hier bedeutet und kennzeichnet unseren Einsatz für ein gemeinsames Zeugnis für die Botschaft des Heils und der Heilung für unsere geringsten Brüder: die Armen, die Unterdrückten, die Randgruppen in der von Gott geschaffenen Welt. Beginnen wir, um Frieden und Wohlergehen unserer Brüder und Schwestern im Nahen Osten zu beten. Möge die Liebe und der Wunsch nach Harmonie, die wir hier ausdrücken, zusammen mit dem im Dialog und im gegenseitigen Respekt gesuchten Verstehen, ein Beispiel für eine von Gewalt, Trennung und Teilungen unter den Völkern und Nationen gezeichneten Welt sein. Möge die Menschheit „dem Nächsten“ di Hand reichen und mögen wir gemeinsam daran arbeiten, die Leiden der Völker zu überwinden, vor allem wo Menschen unter Hunger, Naturkatastrophen, Krankheiten und Kriegen leiden, die letztendlich das Leben von uns allen betreffen.

Angesichts dessen, was die Kirche in der Welt noch zu leisten hat, und mit großer Genugtuung wegen der miteinander erreichten Fortschritte, fühlen wir uns geehrt durch die Einladung zu dieser festlichen Gedenkfeier an das Zweite Vatikanische Konzil und die Bitte um eine kleine Ansprache. Es ist kein Zufall, dass diese Feier für eure Kirche gleichzeitig der feierliche Beginn des „Jahres des Glaubens“ ist. Es ist ja der Glaube, der ein deutliches Kennzeichen unseres gemeinsam gegangenen Weges hin zur Wiederversöhnung und zur sichtbaren Einheit ist.

Zum Abschluss gratulieren wir Ihnen, Heiliger Vater und geliebter Bruder, zusammen mit allen hier versammelten Gläubigen und umarmen sie zum freudigen Anlass dieser Gedenkfeierfeier brüderlich. Gott segne euch alle.

[© 2012 Libreria Editrice Vaticana]