Ansprache von Benedikt XVI. an die indischen Bischöfe

Würde des Menschen ist Geschenk des Schöpfers, unabhängig jeder Staatsform

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VATIKANSTADT, 20. September 2011 (ZENIT.org). - Papst Benedikt XVI. hat die Bischöfe der Indischen Bischofskonferenz des lateinischen Ritus (sechste Gruppe: die Provinzen Agra, Neu Delhi, Bhopal und das Apostolische Vikariat Nepal), anlässlich des Ad-limina-Besuchs in Audienz empfangen.

Wir dokumentieren seine Ansprache in einer eigenen Übersetzung:

Liebe Brüder im Bischofsamt,

Ich heiße euch anlässlich eures „Ad-Limina“-Besuchs herzlich und brüderlich willkommen; es ist eine freudige Gelegenheit, die Bande der Gemeinschaft zwischen der Kirche in Indien und dem Stuhl Petri zu stärken. Ich danke dem verehrten Rev. Vincent Concessao für seine freundlichen Worte in eurem Namen und im Namen derjenigen, die eurer pastoralen Sorge anvertraut sind. Mein herzlicher Gruß gilt ebenso den Priestern, Ordensleuten und Laien in euren verschiedenen Diözesen. Bitte versichert sie meiner Gebete und geistlichen Fürsorge.

Die wichtigsten konkreten Schätze der Kirchen, die ihr leitet, findet man nicht in ihren Gebäuden, Schulen, Waisenhäusern, Klöstern oder Pfarrhäusern, sondern in den Männern, Frauen und Kindern der Kirche in Indien, die den Glauben lebendig machen und durch ein heiligmäßiges Leben Zeugnis von der liebevollen Gegenwart Gottes geben. Indien verfügt als Teil seines alten und reichen Erbe über eine lange und bedeutende christliche Präsenz, die zur  indischen Gesellschaft beigetragen hat und eurer Kultur auf unzähligen Wegen zu gute gekommen ist; sie hat das Leben vieler Mitbürger, nicht nur derjenigen, die katholisch sind, bereichert. Die enormen Segnungen des Glaubens an Gott und an seinen Sohn, Jesus Christus, die die Mitglieder der Kirche in eurem Land bezeugen, bewegt sie zu Taten der Selbstlosigkeit, der Güte, der Liebe und der Nächstenliebe (vgl. 2 Kor 5,14). Am wichtigsten ist, dass die Kirche ihren Glauben und ihre Liebe der ganzen Gesellschaft in Indien verkündet und dass sie diese in Taten umsetzt, indem sie für alle Menschen in allen Bereichen ihres geistigen und materiellen Lebens sorgt. Ob ihre Mitglieder reich oder arm sind, alt oder jung, männlich oder weiblich, zum alten christlichen Erbe gehören oder neu im Glauben aufgenommen sind, die Kirche kann im individuellen und gemeinschaftlichen Glauben ihrer Mitglieder nichts anderes als ein großes Zeichen der Hoffnung für Indien und seine Zukunft sehen.

Die katholische Kirche ist insbesondere eine Freundin der Armen. Wie Christus empfängt sie ausnahmslos alle, die zu ihr kommen, um die göttliche Botschaft des Friedens, der Hoffnung und des Heils zu hören. Mehr noch, im Gehorsam gegenüber dem Herrn fährt sie fort, dies zu tun, ohne Rücksicht auf „Stämme und Sprachen und Völker und Nationen" (vgl. Offb 5:9), denn in Christus sind wir „ein Leib" (vgl. Röm 12,5). Es ist daher unerlässlich, dass die Priester, Ordensleute und Katecheten in euren Diözesen aufmerksam auf die vielfältigen sprachlichen, kulturellen und wirtschaftlichen Verhältnisse jener achten, denen sie dienen.

Wenn die Ortskirchen außerdem eine geeignete Ausbildung für diejenigen sicherstellen, die - wirklich von der Gottes- und Nächstenliebe motiviert - Christen werden wollen, dann werden sie dem Auftrag Christi treu bleiben: „Macht alle Völker zu Jüngern" (vgl. Mt 28,19). Obwohl ihr, liebe Brüder, die Herausforderungen berücksichtigen müsst, die das missionarische Wesen der Kirche mit sich bringt, müsst ihr immer bereit sein, das Reich Gottes zu verbreiten und in den Spuren Christi zu gehen, der missverstanden, verachtet und fälschlich angeklagt wurde und um der Wahrheit willen gelitten hat. Lasst euch nicht abschrecken, wenn solche Prüfungen im eigenen Dienst und in dem eurer Priester und Ordensleute kommen. Unser Glaube an die Gewissheit der Auferstehung Christi gibt uns die Zuversicht und den Mut, uns allem zu stellen, was beim Aufbau des Reiches Gottes kommen  und uns bedrängen mag; dabei werden wir immer von der Gnade der Sakramente und von der betenden Betrachtung der Heiligen Schrift gestärkt. Gott heißt ohne Unterschied jeden in der Vereinigung mit ihm durch die Kirche willkommen. So bete ich auch, dass die Kirche in Indien auch weiterhin alle, vor allem die Armen, willkommen heißt und eine beispielhafte Brücke zwischen Gott und Mensch ist.
Schließlich, meine lieben Brüder im Bischofsamt, schaue ich dankbar auf die vielen Bemühungen der Ortskirchen in Indien im Gedenken  an den 25. Jahrestag der ersten Apostolischen Reise von Papst Johannes Paul II. in euer Land. Während dieser denkwürdigen Tage hatte er einige bemerkenswerte Begegnungen mit Führern anderer religiöser Traditionen. Indem er seinen persönlichen Respekt für seine Gesprächspartner bekundete, gab der selige Papst ein authentisches Zeugnis für den Wert des interreligiösen Dialogs. Ich erneuere den Empfindungen, die er so gut zum Ausdruck brachte: „Der Einsatz für die Erlangung und Einhaltung aller Menschenrechte, eingeschlossen das Grundrecht, Gott gemäß den Eingebungen eines aufrichtigen Gewissens anzubeten und den Glaube nach außen zu bekennen, muss immer mehr zum Thema der interreligiösen Zusammenarbeit auf allen Ebenen werden" (Johannes Paul II., Ansprache an die Vertreter der verschiedenen religiösen und kulturellen Traditionen und an die Jugend im Stadion „Indira Gandhi“, 2. Februar 1986).

Ich ermutige euch, liebe Brüder, die Bemühungen der Kirche fortzusetzen, das Wohlbefinden der indischen Gesellschaft zu fördern, indem ihr beständig für die Förderung der Grundrechte – von der ganzen Menschheit geteilte Rechte – Sorge tragt und eure Christen sowie die  Anhänger anderer religiöser Traditionen einladet, die Herausforderung zum Schutz der Würde jedes Menschen anzunehmen. Diese Würde, die durch die Achtung und Förderung der angeborenen moralischen, geistigen und materiellen Rechte der Person zum Ausdruck gebracht wird, ist kein von einer irdischen Autorität gewährtes Zugeständnis. Sie ist das Geschenk des Schöpfers und ergibt sich aus der Tatsache, dass wir nach seinem Bild und Gleichnis geschaffen sind. Ich bete darum, dass die Nachfolger Christi in Indien auch weiterhin Förderer der Gerechtigkeit, Überbringer des Friedens, Menschen des respektvollen Dialogs und Liebhaber der Wahrheit über Gott und über den Menschen sind.

Mit diesen Gedanken, liebe Brüder im Bischofsamt, erneuere ich meine Gefühle der Zuneigung und Wertschätzung euch gegenüber. Ich empfehle euch alle der Fürsprache des seligen Papstes Johannes Paul, der sicherlich seine Zuneigung für Indien vor den Thron des himmlischen Vaters bringt. Ich versichere euch meine Gebete für euch und für jene, die eurer pastoralen Sorge anvertraut sind. Mit Freude erteile ich euch meinen Apostolischen Segen als Unterpfand der Gnade und des Friedens im Herrn.

[ZENIT-Übersetzung des englischen Originals© Copyright 2011 - Libreria Editrice Vaticana]