Ansprache von Benedikt XVI. an die jungen Universitätsdozenten

Universität Ort der Wahrheitssuche über den Menschen

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MADRID, 20. August 2011 (ZENIT.org). - Am zweiten Tag seiner Madridreise traf Benedikt XVI. in der in der Laurentius-Basilika von El Escorial mit einer großen Gruppe junger Dozenten spanischer Universitäten und anderer Nationen zusammen, die ebenfalls am WJT teilnehmen. Anwesend waren auch einige Gäste des Weltkongresses katholischer Universitäten, der vom 12.-14. August unter dem Motto „Identität und Mission der katholischen Universität“ in Ávila stattgefunden hatte.

Wir dokumentieren den Wortlaut der Ansprache in der offiziellen deutschen Übersetzung.

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Herr Kardinalerzbischof von Madrid!

Liebe Brüder im Bischofsamt!

Liebe Augustinerpatres!

Sehr geehrte Professorinnen und Professoren!

Sehr geehrte Vertreter der Behörden!

Liebe Freunde alle!

Mit Vorfreude erwartete ich diese Begegnung mit Ihnen, junge Professoren der spanischen Universitäten. Unter nicht immer einfachen Umständen leisten Sie eine hervorragende Mitarbeit bei der Verbreitung der Wahrheit. Ich begrüße Sie herzlich und danke für die freundlichen Willkommensworte sowie für die dargebotene Musik, die in wunderbarer Weise in diesem Kloster erklungen ist, das mit seiner großartigen künstlerischen Schönheit ein beredtes Zeugnis für ein jahrhundertelanges Leben des Gebets und des Studiums ist. An diesem symbolträchtigen Ort sind Vernunft und Glaube in dem strengen Stein harmonisch verschmolzen, um eines der berühmtesten Baudenkmäler Spaniens zu gestalten.

Ganz herzlich begrüße ich auch alle, die in diesen Tagen in Ávila am Weltkongress der Katholischen Universitäten teilgenommen haben, dessen Thema lautete: „Identität und Auftrag der Katholischen Universität".

Während ich unter Ihnen weile, kommen mir meine ersten Jahre als Professor an der Universität Bonn in Erinnerung. Obwohl damals noch die Wunden des Krieges sichtbar waren und viele materielle Entbehrungen herrschten, wurde all das durch die erwartungsvolle Hoffnung auf eine mitreißende Tätigkeit, durch den Austausch mit den Kollegen der verschiedenen Fächer und durch den Wunsch, auf die letzten und fundamentalen Fragen der Studenten zu antworten, überwunden. Diese „universitas", wie ich sie damals erlebte, von Professoren und Studenten, die gemeinsam in allen Wissensbereichen die Wahrheit suchen, oder, wie Alfons X. der Weise sagte, dieses „Miteinander von Lehrern und Studenten mit dem Willen und dem Verstand, das Wissen zu lernen" (Siete Partidas, partida II, tit. XXXI) erhellt den Sinn und auch die Bestimmung der Universität.

Im Motto dieses Weltjugendtages – „In Christus verwurzelt und auf ihn gegründet, fest im Glauben" (vgl. Kol 2,7) – können Sie auch Licht dafür finden, um Ihr Dasein und Suchen besser zu begreifen. In diesem Sinn, und wie ich schon in der Botschaft an die Jugendlichen zur Vorbereitung auf diese Tage geschrieben habe, weisen die Begriffe „verwurzelt, gegründet und fest" auf die soliden Fundamente für das Leben hin (vgl. Nr. 2).

Doch wo werden junge Menschen in einer zerbrechlichen und instabilen Gesellschaft diese Bezugspunkte finden? Zuweilen ist man der Meinung, dass die Aufgabe eines Universitätsprofessors heutzutage ausschließlich darin bestehe, kompetente und fähige Fachleute auszubilden, die zu jedem Zeitpunkt die Nachfrage auf dem Arbeitsmarkt befriedigen. Auch heißt es, das einzige, was in der gegenwärtigen Konjunkturlage gefördert werden müsse, sei die technische Fähigkeit. Gewiss verbreitet sich heutzutage diese utilitaristische Auffassung der Bildung, auch der Hochschulbildung, vorwiegend von Kreisen außerhalb der Universitäten. Trotzdem verspüren Sie, die Sie wie ich die Universität erlebt haben und sie jetzt als Dozenten erleben, zweifellos den Wunsch nach etwas Höherem, das allen Dimensionen entspricht, die den Menschen ausmachen. Wir wissen: Wenn nur die Nützlichkeit und der unmittelbare Pragmatismus zum Hauptkriterium erhoben werden, können die Verluste dramatisch sein – von den Missbräuchen einer Wissenschaft, die keine Grenzen über sich anerkennt, bis zum politischen Totalitarismus, der leicht von neuem auflebt, wenn aus Machtkalkül jeder höhere Bezug beseitigt wird. Die echte Idee der Universität hingegen ist genau das, was uns vor dieser verkürzten und verzerrten Sichtweise des Menschlichen bewahrt.

Tatsächlich war die Universität und ist immer noch dazu berufen, der Ort zu sein, wo man die eigentliche Wahrheit über den Menschen sucht. Es ist daher kein Zufall, dass es gerade die Kirche war, die die Einrichtung der Universität gefördert hat, denn der christliche Glaube spricht zu uns von Christus als dem Logos, dem Wort, durch das alles geworden ist (vgl. Joh 1,3), und von dem nach dem Abbild Gottes und Gott ähnlich geschaffenen Menschen. Diese frohe Botschaft enthüllt eine Vernünftigkeit in allem Geschaffenen und sieht den Menschen als ein Geschöpf, das an dieser Vernünftigkeit teilhat und zur Erkenntnis dieser Rationalität gelangen kann. Die Universität verkörpert demnach ein Ideal, das weder durch Ideologien zersetzt werden darf, die für den Dialog der Vernunft blind sind und gelegentlich zur Gewalt greifen, noch durch Willfährigkeiten gegenüber einer utilitaristischen Logik des Marktes, die den Menschen nur als Konsumenten sieht.

Hier liegt Ihr bedeutender und lebenswichtiger Auftrag. Ihnen kommt die Ehre und die Verantwortung zu, dieses Ideal der Universität weiterzugeben: ein Ideal, das Sie von Ihren Vorgängern empfangen haben, von denen viele demütige Anhänger des Evangeliums gewesen sind und als solche zu Geistesgrößen geworden sind. Wir müssen uns als ihre Nachfolger in einer Geschichte fühlen, die sich zwar beträchtlich von der ihren unterscheidet, in der jedoch die wesentlichen Fragen des Menschen nach wie vor unsere Aufmerksamkeit erfordern und uns weiter vorantreiben. Mit ihnen fühlen wir uns in dieser Kette von Männern und Frauen verbunden, die sich voll und ganz dafür eingesetzt haben, dem menschlichen Verstand gegenüber den Glauben vorzulegen und zur Anerkennung zu bringen. Und die Art und Weise, das zu tun, besteht nicht nur darin, den Glauben zu lehren, sondern ihn zu leben, ihn zu verkörpern, wie auch der Logos Fleisch geworden ist, um unter uns zu wohnen. In diesem Sinn brauchen die jungen Menschen glaubwürdige Lehrer; Personen, die für die ganze Wahrheit in den verschiedenen Wissensbereichen offen sind, zuhören können und in ihrem Inneren diesen interdisziplinären Dialog leben; Personen, die vor allem von der menschlichen Fähigkeit überzeugt sind, auf dem Weg zur Wahrheit voranzukommen. Die Jugend ist das bevorzugte Alter für die Suche nach der Wahrheit und die Begegnung mit ihr. Wie schon Platon sagte: „Suche die Wahrheit, solange du jung bist, denn wenn du das nicht tust, wird sie dir dann zwischen den Händen zerrinnen" (Parmenides, 135 d). Dieses erhabene Streben ist das Wertvollste, das Sie persönlich und lebendig an Ihre Studenten weitergeben können; nicht bloß einige instrumentelle und anonyme Techniken oder einige nüchterne, bloß funktionell verwendete Daten.

Deshalb ermutige ich Sie eindringlich dazu, diese Sensibilität für und Sehnsucht nach der Wahrheit niemals zu verlieren; nicht zu vergessen, dass das Lehren kein trockenes Mitteilen von Inhalten ist, sondern eine Formung junger Menschen, die Sie verstehen und schätzen sollen, in denen Sie diesen Durst nach der Wahrheit, den sie in ihrem Inneren spüren, und dieses Streben nach Überwindung wecken sollen. Seien Sie für sie Ansporn und Kraft!

Dafür gilt es zuallererst zu berücksichtigen, dass der Weg zur vollkommenen Wahrheit auch den Menschen als ganzen einbeziehen muss: Es ist ein Weg des Verstandes und der Liebe, der Vernunft und des Glaubens. Wir können in keiner Erkenntnis vorankommen, wenn uns nicht die Liebe bewegt; ebenso wenig können wir etwas lieben, in dem wir keine Vernünftigkeit sehen. Denn „Intelligenz und Liebe stehen nicht einfach nebeneinander: Es gibt die an Intelligenz reiche Liebe und die von Liebe erfüllte Intelligenz" (Caritas in veritate, Nr. 30). Wenn die Wahrheit und das Gute miteinander verbunden sind, gilt das auch für die Erkenntnis und die Liebe. Aus dieser Einheit leitet sich der Zusammenhang von Leben und Denken her, die Vorbildlichkeit, die von jedem guten Erzieher verlangt wird.

Zweitens muss man beachten, dass die Wahrheit selbst immer über unsere Reichweite hinausgeht. Wir können sie suchen und an sie herankommen, wir können sie jedoch nicht ganz besitzen: Vielmehr ist sie es, die uns besitzt und uns motiviert. In der intellektuellen und Lehrtätigkeit ist daher die Demut eine unerlässliche Tugend, die vor der Eitelkeit schützt, welche den Zugang zur Wahrheit versperrt. Wir dürfen die Studenten nicht für uns selbst einnehmen, sondern müssen sie auf den Weg zu dieser Wahrheit bringen, die wir alle suchen. Dabei wird Ihnen der Herr helfen, der Ihnen aufträgt, schlicht und wirksam zu sein wie das Salz oder wie die Lampe, die Licht gibt, ohne Lärm zu machen (vgl. Mt 5,13ff).

Das alles lädt uns dazu ein, den Blick immer auf Christus zu richten, auf dessen Antlitz die Wahrheit erstrahlt, die uns erleuchtet; der aber auch der Weg ist, der zur bleibenden Fülle führt, da er unser Weggefährte ist und uns mit seiner Liebe stärkt. Wenn Sie in ihm verwurzelt sind, werden Sie gute Lehrmeister Ihrer jungen Leute sein. Mit dieser Hoffnung stelle ich Sie unter den Schutz der Jungfrau Maria, Sitz der Weisheit, damit sie Sie zu Mitarbeitern ihres Sohnes mache durch ein Leben, das für Sie selber sinnerfüllt und für Ihre Studenten reich an Früchten der Erkenntnis und des Glaubens sein möge. Vielen Dank.

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