Ansprache von Benedikt XVI. bei der Begegnung mit dem Klerus der Diözese Aosta, Teil 1 (25. Juli 2005)

"Wir müssen uns diese Schwierigkeiten unserer Zeit zu Herzen nehmen und verwandeln, indem wir mit Christus leiden und so uns selbst verändern"

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KÖLN, 26. August 2005 (ZENIT.org).- Wir veröffentlichen Teil 1 der Ansprache, die Benedikt XVI. bei der Begegnung mit dem Klerus der italienischen Diözese Aosta am 25. Juli in der Pfarrkirche von Introd im Aosta-Tal gehalten hat. Nach einem Grußwort von Diözesanbischof Giuseppe Anfossi und dem Gesang der Terz ging der Heilige Vater auf die Fragen der Anwesenden ein und bestärkte sie in ihrem priesterlichen Dienst. Er analysierte die Lage des Glaubens in Afrika und Europa und wies darauf hin, wie notwendig es sei, die Grundwahrheiten des Glaubens durch eine vertiefte Reflexion immer mehr zu verinnerlichen – eine Reflexion, "die aber durch eine täglich mit Christus gelebte persönliche Freundschaft personal, stark und anspruchsvoll wird."



Jeder müsse "diese tiefe innere Gewissheit haben, dass Christus die Antwort ist und dass die Welt ohne den konkreten Gott, den Gott mit dem Antlitz Christi, sich selbst zerstört, und dass es auch immer offensichtlicher wird, dass ein in sich verschlossener Rationalismus, der glaubt, dass der Mensch allein die wahre, bessere Welt bauen könne, nicht wahr ist. Im Gegenteil, wenn es nicht das Maß des wahren Gottes gibt, zerstört sich der Mensch selbst. Wir sehen das mit eigenen Augen. Wir selbst müssen eine neue Sicherheit haben: Er ist die Wahrheit, und nur wenn wir seinen Spuren folgen, gehen wir in die rechte Richtung und müssen mit den anderen in diese Richtung gehen und sie führen (…). Wir müssen uns diese Schwierigkeiten unserer Zeit zu Herzen nehmen und verwandeln, indem wir mit Christus leiden und so uns selbst verändern. Und in dem Maß, in dem wir selbst verändert sind, können wir auch die oben genannten Fragen beantworten, können wir auch die Gegenwart des Reiches Gottes sehen und es den anderen sichtbar machen."

Teil 2 dieser Ansprache wird am kommenden Montag veröffentlicht.

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Exzellenz,
liebe Brüder!

Zunächst möchte ich meine Freude und Dankbarkeit ausdrücken für die Möglichkeit, euch zu begegnen. Als Papst besteht die Gefahr, dass man der alltäglichen Lebenswirklichkeit ein bisschen fern ist, besonders den Priestern, die gerade hier im Tal an vorderster Front in vielen Pfarreien tätig sind und die derzeit – wie Seine Exzellenz sagte – aufgrund des Mangels an Berufungen auch unter Bedingungen mit besonderer physischer Belastung leben. So ist es für mich eine Gnade, in dieser schönen Kirche mit den Priestern und dem Presbyterium dieses Tals zusammenzutreffen. Ich möchte euch danken, dass ihr gekommen seid, denn auch für euch ist Urlaubszeit.

Wenn ich euch versammelt und mich mit euch vereint sehe, wenn ich also den Priestern nahe bin, die Tag für Tag als Sämänner des Wortes für den Herrn arbeiten, dann ist das für mich ein Trost und eine Freude. In der vergangenen Woche haben wir zweimal oder – mir scheint – dreimal das Gleichnis vom Sämann gehört, das ja eine tröstliche Parabel in einer anderen Situation ist, die aber in gewissem Sinn unserer Situation ähnelt.

Die Arbeit des Herrn hatte mit großem Enthusiasmus begonnen. Man sah, dass die Kranken geheilt wurden und alle mit Freude das Wort hörten: "Das Reich Gottes ist nahe." Die Veränderung der Welt und die Ankunft des Gottesreiches schienen tatsächlich bevorzustehen, so dass sich endlich die Traurigkeit des Gottesvolkes in Freude verwandeln konnte. Man erwartete einen Boten Gottes, der das Steuerrad der Geschichte in die Hand nehmen würde. Aber dann sah man, dass die Kranken zwar geheilt, die Dämonen ausgetrieben wurden und das Evangelium verkündet wurde, aber im Übrigen blieb die Welt so, wie sie war. Nichts hatte sich geändert. Die Römer waren immer noch die Herrscher. Das Alltagsleben war schwierig, trotz dieser Zeichen und dieser schönen Worte. So erlosch der Enthusiasmus, und am Ende verließen auch die Jünger, wie wir aus dem 6. Kapitel von Johannes wissen, diesen Prediger, der predigte, aber die Welt nicht veränderte.

"Worin besteht diese Botschaft? Was bringt dieser Prophet Gottes?", fragten sich am Ende alle. Der Herr spricht vom Mann, der auf dem Feld der Welt Samen ausstreut. Und der Same scheint wie sein Wort, wie diese Heilungen zu sein, etwas Winziges im Vergleich zur historischen und politischen Wirklichkeit. So klein und nebensächlich wie der Same ist auch das Wort. Dennoch, sagt er, ist die Zukunft im Samen enthalten, denn der Same trägt das Brot von morgen, das Leben von morgen in sich. Der Same scheint ganz unbedeutend zu sein, und doch ist der Same Gegenwart und Zukunft, er ist die heute schon gegenwärtige Verheißung. Und so sagt er mit diesem Gleichnis: Wir befinden uns in der Zeit der Aussaat; das Wort Gottes scheint bloßes Wort, es scheint fast nichts zu sein. Aber habt Mut, dieses Wort birgt das Leben in sich! Und es trägt Frucht! Das Gleichnis sagt auch, dass ein großer Teil des Samens keine Frucht bringt, weil er auf den Weg, auf felsigen Boden usw. gefallen ist.

Aber der Teil, der auf guten Boden gefallen ist, bringt Frucht, teils dreißigfach, teils sechzigfach, teils hundertfach. Das gibt zu verstehen, dass wir Mut haben sollen, auch wenn das Wort Gottes, das Reich Gottes, keine geschichtlich-politische Bedeutung zu haben scheint. Am Palmsonntag hat Jesus schließlich alle diese Lehren über das Samenkorn des Wortes zusammengefasst: Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und stirbt, bleibt es allein, wenn es in die Erde fällt und stirbt, bringt es viele Frucht. Und so hat er zu verstehen gegeben, dass er selbst das Samenkorn ist, das in die Erde fällt und stirbt. Mit der Kreuzigung scheint alles gescheitert, aber gerade so, indem es in die Erde fällt und stirbt, auf dem Weg des Kreuzes, bringt es Frucht zu jeder Zeit und zu allen Zeiten. Hier haben wir sowohl die christologische Zielsetzung, nach der Christus selbst das Samenkorn, das gegenwärtige Reich ist, als auch die eucharistische Dimension: Dieses Samenkorn fällt in die Erde, und so wächst das neue Brot, das Brot des künftigen Lebens, die heilige Eucharistie, die uns nährt und die uns für die göttlichen Geheimnisse, für das neue Leben öffnet.

Mir scheint, dass es in der Geschichte der Kirche, in unterschiedlichen Formen, immer diese Fragen gibt, die uns tatsächlich plagen: Was sollen wir tun? Die Leute scheinen uns nicht zu brauchen, alles, was wir tun, scheint nutzlos. Aber wir lernen aus dem Wort des Herrn, dass nur dieser Same die Erde immer wieder verändert und sie dem wahren Leben öffnet.

Ich möchte, soweit ich kann, kurz auf die Worte Seiner Exzellenz eingehen, aber ich möchte auch sagen, dass der Papst kein Orakel und – wie wir wissen – nur in den seltensten Fällen unfehlbar ist. Ich teile nämlich mit euch diese Fragen, diese Probleme. Ich leide auch. Aber wir wollen alle zusammen einerseits diese Probleme erleiden und auch, indem wir leiden, diese Probleme umwandeln, denn gerade das Leiden ist der Weg der Verwandlung, und ohne Leiden verändert sich nichts.

Das ist auch der Sinn des Gleichnisses vom Samenkorn, das in die Erde fällt: Nur in einem durchlittenen Umwandlungsprozess erzielt man die Frucht, und es gibt eine Lösung. Wenn die scheinbare Unwirksamkeit unserer Verkündigung kein Leiden für uns wäre, dann wäre es ein Zeichen des Mangels an Glauben, an echtem Bemühen. Wir müssen uns diese Schwierigkeiten unserer Zeit zu Herzen nehmen und verwandeln, indem wir mit Christus leiden und so uns selbst verändern. Und in dem Maß, in dem wir selbst verändert sind, können wir auch die oben genannten Fragen beantworten, können wir auch die Gegenwart des Reiches Gottes sehen und es den anderen sichtbar machen.

Der erste Punkt betrifft ein Problem, das sich in der ganzen westlichen Welt einstellt: der Mangel an Berufungen. Ich habe in den vergangenen Wochen die Bischöfe von Sri Lanka und des südlichen Afrika zum "Ad-limina"-Besuch empfangen. Dort nehmen die Berufungen zu, ja, sie sind so zahlreich, dass die Seminare nicht ausreichen, um diese jungen Männer aufzunehmen, die Priester werden wollen. Diese Freude bringt natürlich auch eine gewisse Bitterkeit mit sich, weil ein Teil von ihnen in der Hoffnung auf einen sozialen Aufstieg kommt. Wenn sie Priester werden, dann werden sie gleichsam Stammesoberhäupter und sind damit privilegiert, sie haben eine andere Lebensform usw. Unkraut und Weizen gehen also in diesem Wachstum der Berufungen zusammen, und die Bischöfe müssen sehr sorgsam unterscheiden und dürfen sich nicht einfach darüber freuen, dass sie so viele zukünftige Priester haben, sondern sie müssen schauen, wo tatsächlich wahre Berufungen vorhanden sind, das Unkraut vom guten Weizen unterscheiden.

Dennoch besteht ein gewisser Enthusiasmus des Glaubens, weil sie sich in einer bestimmten geschichtlichen Stunde befinden, das heißt in der Stunde, in der die traditionellen Religionen offensichtlich nicht mehr ausreichen. Und man erkennt, man sieht, dass diese traditionellen Religionen eine Verheißung in sich haben, aber auf etwas warten. Sie warten auf eine neue Antwort, die reinigt und, sagen wir, in sich all das Schöne aufnimmt und sie von solchen ungenügenden und negativen Aspekten befreit. In diesem Augenblick des Übergangs, wo ihre Kultur wirklich eine neue geschichtliche Stunde anstrebt, werden das Christentum und der Islam als mögliche geschichtliche Antworten angeboten.

In diesen Ländern gibt es also in gewissem Sinn einen Frühling des Glaubens, aber natürlich im Kontext der Konkurrenz zwischen diesen beiden Antworten, vor allem auch im Kontext des Leidens aufgrund der Sekten, die sich als die bessere, leichtere, bequemere christliche Antwort darstellen. Auch in einem verheißungsvollen Moment der Geschichte, des Frühlings, ist die Arbeit dessen, der mit Christus das Wort aussäen und – sagen wir – die Kirche erbauen muss, schwierig.

Anders ist die Situation in der westlichen Welt, die ihrer eigenen Kultur überdrüssig ist, in einer Welt, die an einem Punkt angelangt ist, wo offensichtlich kein Bedarf mehr an Gott und noch weniger an Christus besteht, und in der der Mensch sich scheinbar aus sich heraus schaffen kann. In dieser Atmosphäre eines in sich verschlossenen Rationalismus, der das Modell der Wissenschaften als einziges Modell der Erkenntnis ansieht, ist alles Übrige subjektiv. Natürlich wird auch das christliche Leben eine subjektive und damit willkürliche Wahl und nicht mehr der Weg des Lebens. Und deshalb wird es natürlich schwierig zu glauben; und wenn es schon schwierig ist zu glauben, ist es umso schwieriger, dem Herrn sein Leben darzubringen, um sein Diener zu sein.

Das ist bestimmt ein Leiden, das sich – ich würde sagen – in unserer geschichtlichen Stunde eingestellt hat, in der man allgemein sieht, dass die so genannten großen Kirchen zu sterben scheinen. So ist es vor allem in Australien, auch in Europa, nicht so sehr in den Vereinigten Staaten. Hingegen wachsen die Sekten, die sich mit der Sicherheit eines Minimums an Glauben darstellen, und der Mensch sucht Sicherheiten. Und so befinden sich die großen Kirchen, vor allem die großen traditionellen protestantischen Kirchen wirklich in einer abgrundtiefen Krise. Die Sekten bekommen die Oberhand, weil sie mit wenigen einfachen Gewissheiten auftreten und sagen: Das genügt.
Um die katholische Kirche steht es nicht so schlecht wie um die großen historischen protestantischen Kirchen, aber sie teilt natürlich das Problem unseres geschichtlichen Augenblicks. Ich denke, dass es kein System für einen raschen Wandel gibt. Wir müssen weitergehen, durch diesen Durchgang, diesen Tunnel hindurchgehen, mit Geduld und in der Gewissheit, dass Christus die Antwort ist und dass am Ende sein Licht wieder erstrahlen wird.

Die erste Antwort ist also die Geduld in der Gewissheit, dass die Welt ohne Gott nicht leben kann, ohne den Gott der Offenbarung – und nicht ohne irgendeinen Gott: Wir sehen, wie gefährlich ein grausamer Gott, kein wahrer Gott sein kann –, den Gott, der in Jesus Christus sein Angesicht gezeigt hat. Dieses Antlitz, das für uns gelitten hat, dieses Antlitz der Liebe, die die Welt verändert, so wie es das Weizenkorn tut, wenn es in die Erde fällt.

Wir selbst müssen also diese tiefe innere Gewissheit haben, dass Christus die Antwort ist und dass die Welt ohne den konkreten Gott, den Gott mit dem Antlitz Christi, sich selbst zerstört, und dass es auch immer offensichtlicher wird, dass ein in sich verschlossener Rationalismus, der glaubt, dass der Mensch allein die wahre, bessere Welt bauen könne, nicht wahr ist. Im Gegenteil, wenn es nicht das Maß des wahren Gottes gibt, zerstört sich der Mensch selbst. Wir sehen das mit eigenen Augen. Wir selbst müssen eine neue Sicherheit haben: Er ist die Wahrheit, und nur wenn wir seinen Spuren folgen, gehen wir in die rechte Richtung und müssen mit den anderen in diese Richtung gehen und sie führen.

Der erste Punkt meiner Antwort lautet: In diesem ganzen Leiden dürfen wir nicht nur nicht die Sicherheit verlieren, dass Christus wirklich das Antlitz Gottes ist, sondern wir müssen vielmehr diese Sicherheit und die Freude, ihn zu kennen und wirklich Verwalter der Zukunft der Welt, der Zukunft jedes Menschen zu sein, vertiefen. Und diese Sicherheit sollen wir in einer tiefen persönlichen Beziehung zum Herrn vertiefen. Denn die Sicherheit kann auch durch rationale Erwägungen wachsen. Wirklich, mir scheint eine vertiefte Reflexion sehr wichtig, die auch rational überzeugt, die aber durch eine täglich mit Christus gelebte persönliche Freundschaft personal, stark und anspruchsvoll wird.

Die Sicherheit erfordert also diese Personalisierung unseres Glaubens, unserer Freundschaft mit dem Herrn, und so entstehen auch neue Berufungen. Das sehen wir in der jungen Generation nach der großen Krise des 1968 ausgebrochenen Kulturkampfes, als die geschichtliche Ära des Christentums wirklich der Vergangenheit anzugehören schien. Wir sehen, dass die Verheißungen von ’68 sich nicht bewahrheitet haben, und so entsteht, sagen wir, wieder die Erkenntnis, dass es eine kompliziertere Methode gibt, weil sie diese Umkehr unseres Herzens erfordert, eine wahre Methode – und so wachsen auch neue Berufungen. Aber auch wir selbst müssen etwas Phantasie zeigen und den Jugendlichen helfen, dass sie diesen Weg auch in Zukunft finden. Das ist auch aus dem Gespräch mit den afrikanischen Bischöfen hervorgegangen. Trotz der vielen Priester sind viele von ihnen zu einer schrecklichen Einsamkeit verurteilt, und viele von ihnen werden moralisch nicht durchhalten.

Es ist wichtig, die Wirklichkeit des Presbyteriums, der Gemeinschaft der Priester um sich zu haben, die helfen und die in der Solidarität des gemeinsamen Glaubens zusammen auf dem Weg sind. Auch das scheint mir wichtig. Denn wenn die Jugendlichen nur isolierte, traurige, müde Priester sehen, dann denken sie: Wenn das meine Zukunft ist, dann übersteigt das meine Kräfte. Man muss wirklich diese gelebte Gemeinschaft schaffen, die den Jugendlichen zeigt: Ja, das kann auch für mich eine Zukunft sein, so kann man leben.

Ich habe zu lange geredet. Über den zweiten Punkt habe ich, so scheint mir, wenigstens ansatzweise schon etwas gesagt. Es ist wahr: Den Menschen, vor allem den Verantwortungsträgern in der Welt erscheint die Kirche als etwas Veraltetes und unsere Angebote als unnötig. Sie verhalten sich so, als könnten, ja wollten sie ohne unser Wort leben, und sie denken immer, dass sie uns nicht brauchen. Sie suchen unser Wort nicht.

Das stimmt, und wir leiden darunter, aber es gehört auch zu dieser geschichtlichen Situation, zu einer gewissen anthropologischen Sichtweise, wonach der Mensch die Dinge so tun muss, wie Karl Marx gesagt hat: Die Kirche hat 1800 Jahre gehabt, um zu zeigen, dass sie die Welt verändern kann, und sie hat nichts getan, jetzt tun wir es allein. Das ist ein sehr verbreiteter Gedanke, der auch durch Philosophien unterstützt wird, und so versteht man den Eindruck vieler Leute, dass man ohne die Kirche leben könne, die etwas Veraltetes zu sein scheint. Aber es scheint auch immer klarer zu werden, dass nur die moralischen Werte und die anspruchsvollen Überzeugungen Möglichkeiten bieten, auch unter Opfern zu leben und die Welt aufzubauen. Man kann nicht, wie Karl Marx es vorgeschlagen hatte, mechanisch nach der Theorie des Kapitals und des Eigentums usw. aufbauen.

Wenn es keine moralischen Kräfte in den Herzen gibt und keine Bereitschaft, für diese Werte auch zu leiden, kann man keine bessere Welt aufbauen, im Gegenteil, die Welt wird jeden Tag schlechter, der Egoismus beherrscht und zerstört alles. Und wenn man das sieht, drängt sich von neuem die Frage auf: Woher kommen die Kräfte, die befähigen, auch für das Gute zu leiden, für das Gute, das vor allem mich schmerzt, das keinen unmittelbaren Nutzen bringt, wenn man dafür leidet? Wo sind die Ressourcen, die Quellen? Woher kommt die Kraft, diese Werte weiter zu tragen?

Man sieht, dass die Moralität als solche nicht lebt, nicht wirksam ist, wenn sie nicht ein tieferes Fundament in Überzeugungen hat, die wirklich Sicherheit geben und auch die Kraft zu leiden geben, denn sie gehören gleichzeitig zu einer Liebe, einer Liebe, die im Leiden wächst und Lebenssubstanz ist. Denn am Ende lässt uns nur die Liebe leben, und die Liebe ist immer auch Leiden; sie reift im Leiden und gibt die Kraft, für das Gute zu leiden, ohne auf mich in meiner jetzigen Lage Rücksicht zu nehmen.

Mir scheint, dass dieses Bewusstsein wächst, denn man sieht schon die Auswirkungen eines Zustands, in dem die Kräfte nicht vorhanden sind, die von einer Liebe kommen, die Kern meines Lebens ist und die mir die Kraft gibt, den Kampf für das Gute fortzusetzen. Natürlich brauchen wir auch hier Geduld, aber auch eine aktive Geduld in dem Sinn, dass wir den Leuten verständlich machen: Ihr braucht dies.

Auch wenn sie sich nicht gleich bekehren, nähern sie sich wenigstens dem Kreis derer, die in der Kirche diese innere Kraft besitzen. Die Kirche hat immer diese innerlich starke Gruppe gekannt, die wirklich die Kraft des Glaubens trägt, und Personen, die sich gleichsam anschließen und sich mittragen lassen und so teilhaben.

Ich denke an das Gleichnis des Herrn vom Senfkorn, das so klein ist und dann ein so großer Baum wird, dass sogar die Vögel des Himmels in ihm wohnen. Und ich würde sagen, dass diese Vögel die Personen sein können, die sich noch nicht bekehren, sich aber doch auf dem Baum der Kirche niederlassen. Ich habe folgendes überlegt: In der Zeit der Aufklärung, in der Stunde, als der Glaube zwischen Katholiken und Protestanten gespalten war, dachte man, dass es notwendig sei, die gemeinsamen moralischen Werte zu bewahren, indem man ihnen eine ausreichende Grundlage gab. Man dachte: Wir müssen die moralischen Werte unabhängig machen von den religiösen Bekenntnissen, damit sie standhalten "etsi Deus non daretur".

Wir befinden uns heute in der entgegengesetzten Lage, die Situation hat sich umgekehrt. Für die moralischen Werte gibt es keine offensichtliche Grundlage mehr. Sie werden nur offensichtlich, wenn Gott existiert. Ich habe deshalb vorgeschlagen, dass die Laien, die so genannten Laien, darüber nachdenken sollten, ob für sie heute nicht das Gegenteil gilt: Wir müssen leben "quasi Deus daretur", auch wenn wir nicht die Kraft zu glauben haben, müssen wir nach dieser Hypothese leben, sonst funktioniert die Welt nicht. Und das wäre, meiner Ansicht nach, ein erster Schritt, um dem Glauben näher zu kommen. Und ich sehe in vielen Kontakten, dass der Dialog zumindest mit einem Teil des Laizismus wächst, Gott sei Dank.

Dritter Punkt: Die Lage der Priester, die weniger geworden sind und in manchmal drei, vier und bis zu fünf Pfarreien arbeiten müssen und erschöpft sind. Ich denke, dass der Bischof zusammen mit seinem Presbyterium nach den besten Mitteln der Abhilfe suchen müsste. Als ich Erzbischof von München war, hatte man dieses Modell der Wortgottesdienste ohne Priester geschaffen, um die Gemeinde in ihrer Kirche sozusagen präsent zu machen. Und sie sagten: Die Gemeinde bleibt bestehen, und wo es keinen Priester gibt, halten wir diesen Wortgottesdienst.

Die Franzosen haben die angemessene Bezeichnung für diese sonntäglichen Versammlungen "in Abwesenheit eines Priesters" gefunden, und nach einer längeren Zeit haben sie erkannt, dass das auch schief gehen kann, weil man den Sinn für das Sakrament verliert; es entsteht eine Protestantisierung, und wenn es am Ende nur das göttliche Wort gibt, dann kann ich es auch bei mir zu Hause feiern. Ich erinnere mich, als ich in Tübingen Professor war, an den großen Exegeten Kelemann – ich weiß nicht, ob euch der Name bekannt ist – ein Schüler von Bultmann, dem großen Theologen. Obwohl er überzeugter Protestant war, ging er nie in die Kirche. Er sagte: Ich kann die Heilige Schrift auch zu Hause meditieren. Die Franzosen haben diese Formel der sonntäglichen Versammlungen "in Abwesenheit des Priesters" in die Formel "in Erwartung eines Priesters" umgewandelt. Das heißt, es muss ein Warten auf den Priester geben, und normalerweise, würde ich sagen, sollte der Wortgottesdienst am Sonntag eine Ausnahme sein, denn der Herr will leiblich kommen. Es kann deshalb nicht die Lösung sein.

Der Sonntag wurde geschaffen, weil der Herr auferstanden und zur Gemeinschaft der Apostel gekommen ist, um bei ihnen zu sein. Sie haben auch verstanden, dass der liturgische Tag nicht mehr der Sabbat, sondern der Sonntag ist, an dem der Herr immer wieder leiblich bei uns ist und uns mit seinem Leib nähren will, damit wir selbst sein Leib in der Welt werden.

Auf welche Weise man möglichst vielen Personen guten Willens diese Möglichkeit bieten könnte, dafür wage ich jetzt nicht, ein Rezept zu geben. In München sagte ich immer – aber hier kenne ich die Lage nicht, die sicher verschieden ist –, dass unsere Bevölkerung unglaublich beweglich, flexibel ist. Die Jugendlichen fahren 50 und mehr Kilometer weit, um in eine Diskothek zu gehen, warum können sie nicht wenigstens zusammen in eine fünf Kilometer weit entfernte Kirche gehen? Aber das ist etwas ganz Konkretes, Praktisches, und ich wage nicht, dafür ein Rezept zu geben. Aber man muss versuchen, dem Volk das Gefühl zu vermitteln: Ich muss mit der Kirche verbunden bleiben, mit der lebendigen Kirche und mit dem Herrn verbunden bleiben! Und so soll ich diesen Eindruck von Bedeutsamkeit weitergeben, und wenn ich es für wichtig halte, dann werden auch die Voraussetzungen für eine Lösung geschaffen. Aber in Wirklichkeit muss ich doch diese Frage offenlassen, Exzellenz.

[Vom Heiligen Stuhl veröffentlichte deutsche Übersetzung des italienischen Originals]