Ansprache von Benedikt XVI. vor dem Angelus am 19. August 2012 in Castel Gandolfo

Die Schönheit der Eucharistie wiederentdecken

| 1025 klicks

ROM, 19. August 2012 (ZENIT.org). - Im überfüllten Innenhof seiner Sommerresidenz in Castel Gandolfo hat Papst Benedikt XVI. heute um 12:00 Uhr mit den anwesenden Pilgern und Gläubigen den Angelus gebetet.

[Wir dokumentieren die Ansprache des Papstes in einer eigenen Übersetzung:]

***

Liebe Brüder und Schwestern!

Das Evangelium des heutigen Sonntags (vgl. Joh 6,51-58) ist der letzte und zugleich bedeutungsvollste Teil der Rede Jesu in der Synagoge von Kafarnaum, einen Tag nachdem er Tausende von Menschen mit nur fünf Broten und zwei Fischen gesättigt hatte. Jesus erläutert die Bedeutung dieses Wunders, nämlich, dass die Zeit gekommen sei, da die Versprechen eingelöst würden. Gott Vater, der die Israeliten in der Wüste mit Manna ernährt hatte, hat nun ihn, seinen Sohn geschickt, das wahre Brot des Lebens; und dieses Brot ist sein Leib, sein Leben, das er für uns aufopfern wird. Man muss ihn daher gläubig aufnehmen, ohne an seiner Menschlichkeit Anstoß zu nehmen; und man muss „sein Fleisch essen und sein Blut trinken“ (vgl. Joh 6,54), um in sich selbst die Fülle des Lebens zu empfangen. Es ist offensichtlich, dass diese Rede nicht darauf abzielt, Beifall zu ernten. Jesus weiß das und hält diese Rede ganz bewusst. Es ist ein kritischer Moment, ein Wendepunkt in seiner öffentlichen Mission. Die Menschen, selbst die Jünger, waren begeistert von den Wundern, die er wirkte; auch die Brotvermehrung war ein klares Zeichen, dass er der Messias sei. Tatsächlich hätte die Menge ihn auf dieses Wunder hin am liebsten im Triumph zum König Israels ausgerufen. Aber das ist es nicht, was Jesus will, und mit der langen Rede in Kafarnaum dämpft er die Begeisterung; viele wenden sich von ihm ab. Denn indem er die Metapher des Brots erklärt, gibt er bekannt, dass er gekommen sei, um sein Leben zu opfern, und dass die, die ihm folgen wollen, sich auf persönliche und tiefe Weise mit ihm verbinden und an seinem Liebesopfer teilnehmen müssen. Deshalb wird Jesus mit dem letzten Abendmahl das Sakrament der Eucharistie stiften: damit seine Jünger dieselbe Nächstenliebe in sich tragen können wie er und – das ist ganz entscheidend – wie ein einziger, mit ihm verbundener Leib sein Mysterium der Erlösung verlängern können.

Als sie diese Rede hörten, begriffen die Menschen, dass Jesus nicht die Art von Messias war, den sie wollten, und dass er keinen irdischen Thron wünschte. Er suchte keine Anhänger, um Jerusalem zu erobern; im Gegenteil, er beabsichtigte, in die heilige Stadt einzuziehen, um das Schicksal der Propheten zu teilen, um sein Leben für Gott und fürs Volk zu opfern. Das Brot, das er gebrochen hatte, um Tausenden von Menschen zu essen zu geben, sollte keinen Triumphmarsch hervorrufen, sondern das Opfer des Kreuzes ankündigen, in dem Jesus sich zu Brot macht, seinen Leib und sein Blut als Sühneopfer hingibt. Die Rede in Kafarnaum hielt Jesus demnach, um die Menge zu ernüchtern und vor allem, um seine Jünger zu einer Entscheidung zu bewegen. Viele unter ihnen sind ihm in der Tat von diesem Augenblick an nicht mehr gefolgt.

Liebe Freunde, auch wir wollen uns aufs Neue von den Worten Christi überraschen lassen: Er, ein in die Ackerfurchen der Geschichte geworfenes Weizenkorn, ist der Anfang der neuen Menschheit, die vom Übel der Sünde und des Todes befreit wurde. Lasst uns die Schönheit des Sakraments der Eucharistie wiederentdecken, denn in ihm zeigt sich die ganze Demut und Heiligkeit Gottes: Gott macht sich klein, wird zu einem Bruchstück des Universums, um alle in seiner Liebe zu versöhnen. Die Jungfrau Maria, die der Welt das Brot des Lebens gegeben hat, möge uns lehren, immer in tiefer Vereinigung mit ihm zu leben.

[Die deutschsprachigen Pilger grüßte der Papst mit folgenden Worten:]

Ganz herzlich grüße ich alle Pilger und Besucher deutscher Sprache, besonders die vielen jungen Gäste aus dem Feriencamp in Ostia. Viele von uns genießen in diesen Tagen ihren Sommerurlaub, der eine Erholung und eine innere Stärkung für jeden bedeutet. Im Evangelium des heutigen Sonntags spricht Jesus von einer weiteren Stärkung, einer Nahrung, die ewiges Leben schenkt. Das ist er selbst mit seinem Fleisch und Blut, die er uns in der Eucharistie schenkt. Mit dieser Speise will er uns umwandeln und uns in seine Weise des Lebens hineinziehen. Wir bitten ihn darum, dass diese Umwandlung in uns gelingt, dass wir neue Menschen werden, Menschen des wirklichen Lebens. Euch allen wünsche ich eine gesegnete Ferienzeit.

[© 2012 Libreria Editrice Vaticana – Übersetzung des italienischen Originals von Alexander Wagensommer]