Ansprache von Erzbischof Farhat beim traditionellen Neujahrsempfang in der Wiener Hofburg

Papst Benedikt XVI. weiß, „wie tief die christlichen Wurzeln der Österreicher sind“

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WIEN, 15. Januar 2007 (ZENIT.org).- Wir veröffentlichen die Ansprache, die der Apostolische Nuntius in Österreich, Erzbischof Edmont Farhat, am Dienstag beim Neujahrsempfang des österreichischen Bundespräsidenten Heinz Fischer für das Diplomatische Corps gehalten hat.

Der Doyen unter den Diplomaten, die bei der Republik Österreich akkreditiert sind, würdigte die Arbeit des Präsidenten und der österreichischen Regierung, um anschließend auf den Papstbesuch im September des vergangenen Jahres zurückzublicken.

An Fischer gewandt, erklärte Erzbischof Farhat: „In diesem Saal, wo Sie ihm selbst Österreich als ‚einen aktiven Partner‘ vorgestellt haben, erinnerte sich der Papst daran, dass ‚in Europa zuerst der Begriff der Menschenrechte formuliert wurde‘ (vgl. Ansprache Benedikts XVI. am 7. September in der Wiener Hofburg). Das grundlegende Menschenrecht, die Voraussetzung für alle anderen Rechte, ist das Recht auf das Leben selbst, ‚von der Empfängnis bis zu seinem natürlichen Ende‘. Von hier aus appellierte der Heilige Vater an Österreich und Europa, ‚nicht zuzulassen, dass eines Tages nur noch die Steine vom Christentum reden würden‘.“

ZENIT berichtete über die Begegnungen und Ansprachen von Papst Benedikt XVI. in Wien, Mariazell und Heiligenkreuz (vgl. TAG 1: Ankunft, Am Hof, Hofburg; TAG 2: Mariazell; TAG 3: Stephansdom, Heiligenkreuz, Konzerthaus, Abschied; Schriftliche Ermutigung zum Apostolat und Bilanz Benedikts XVI.).

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Exzellenz,
sehr verehrter Herr Bundespräsident!

Es ist für mich eine besondere Ehre, Ihnen, Herr Bundespräsident, erneut den traditionellen Neujahrsgruß zusammen mit meinen Kollegen, den bei Eurer Exzellenz akkreditierten Botschaftern, zu entbieten. So wünsche ich Ihnen und dem österreichischen Volk viel Glück und Wohlergehen im Neuen Jahr 2008.

Das vergangene Jahr war voll von Hoffnung, aber auch von Spannungen. Da und dort ist das Jahr mit Explosionen und Gewalt zu Ende gegangen. Wieder erwachter Nationalismus, Sehnsucht nach einer imaginären Vergangenheit, Unzufriedenheit und Mangel an Hoffnung und Vertrauen haben sich bei den Verantwortlichen der verschieden Nationen eingeschlichen.

Asien, der Kontinent des Pazifismus, der Weisheit und der Spiritualität, wurde von Naturkatastrophen überschwemmt (Bangladesch, China, Indonesien, Thailand), aber auch von der Wut irrationalen Zorns und von nationalen Unzufriedenheiten (Indien, Pakistan, Irak). Afrika, ein junger, reicher und viel versprechender Kontinent, kann seinen Modernisierungsprozess nicht konfliktlos bewältigen (Kongo, Kenia, Sudan, Zimbabwe). Der amerikanische Kontinent, Vorbild und Triebkraft für die Zukunft, scheint erschrocken zu sein, von seinen technischen Errungenschaften und seiner eigenen Vormachtstellung. Im Nahen Osten kreist die Friedenstaube über den Dächern, weiß aber noch nicht, wie und wo sie landen soll. Die Partner und Friedensvermittler schauen hoffnungsvoll voraus, können aber ihr Ziel nicht erreichen. In Europa scheinen unentbehrliche demokratische Entwicklungen mehr ein Bild der Gesellschaft und der Kollektivität zu geben, das auf Kosten der Persönlichkeit und der Eigenheiten des einzelnen geht.

Dennoch gibt es viele Signale der Hoffnung und des Wideraufbruchs, nicht nur wirtschaftlich und ökonomisch, sondern auch menschlich und spirituell. Das eloquenteste Zeichen dieser Hoffnung ist die engagierte Solidarität und direkte Vermittlung zwischen Menschen und Nationen.

Ich denke an die Olympiade in China, an den Welt-Jugend-Tag in Australien. Ich denke auch an die Vorbereitungen sportlicher Ereignisse in Österreich im nächsten Sommer. Alle diese Unternehmungen dienen der Solidarität zwischen den Nationen.

Trotz Angst und Zweifel gibt es in Europa ein aufgeschlossenes und optimistisches Klima. Fünf Staaten haben ihre Grenzen zur bereits erprobten und bewährten EU aufgehoben. Österreich kann über seine Politik der Neunziger-Jahre stolz sein, als der ehemalige Außenminister und Vizekanzler Alois Mock den ersten Stacheldraht zwischen Österreich und Ungarn durchtrennt hat.

Durch die Unterzeichnung des Vertrages von Lissabon am 13. Dezember 2007 ist man dem Bündnis der Staaten mit sachwaltender Vernunft näher gekommen.

In der Innenpolitik Österreichs fordert die Regierung, wenn auch mit vorsichtigen Schritten, eine realistische Politik im Hinblick auf die Asylanten und Fremden, die Krankenpflege und Überalterung.

Sie, Herr Bundespräsident, vermitteln durch Ihr eigenes Charisma, Ihre Beziehungen und Ihr positives Eingreifen Begeisterung, humanistische und politische Gewissheit, und tragen so zur nationalen Gelassenheit und internationalen Entspannung bei – nicht selten mit österreichischem Humor und Wiener Herzlichkeit. Sie haben in den einzelnen Bundesregionen an verschiedenen politischen und kulturellen Veranstaltungen teilgenommen, haben Menschen begrüßt und viele Personen in Freude und Trauer getroffen. Durch Ihre Anteilnahme, Ihre Reden und Interventionen konnten wir gut spüren, wieviel Sensibilität für die aktuellen Probleme und wieviel Achtung für die unverletzbaren Werte der Gesellschaft Sie haben.

Im Jahr 2007 haben Sie auch verschiedene Länder besucht, ich nenne Ägypten und Syrien, um dort die österreichischen Friedenssoldaten an den Golanhöhen zu ermutigen. Sie haben mit großer Ehrerbietung, politischer Verantwortung und wirklicher Herzlichkeit viele Staatschefs wie den italienischen Präsidenten Giorgio Napoletano, den russischen Präsidenten Vladimir Putin und Seine Majestät den König Carl Gustav von Schweden eingeladen und empfangen.

Der Heilige Vater Benedikt XVI., ebenfalls von Ihnen eingeladen, hat Österreich vom 7. bis 9. September besucht. Dabei konnte er große Menschenmengen treffen, die Vertreter verschiedener Nationen begrüßen und an mehreren Plätzen mit den Gläubigen beten. Er konnte sehen, wie tief die christlichen Wurzeln der Österreicher sind und welche spirituelle Seele das Volk in sich trägt.

Papst Benedikt durfte auch erfahren, mit welcher Verantwortung und welchem Weitblick die Vertreter der Vereinten Nationen hier in Wien arbeiten. In diesem Saal, wo Sie ihm selbst Österreich als „einen aktiven Partner“ vorgestellt haben, erinnerte sich der Papst daran, dass „in Europa zuerst der Begriff der Menschenrechte formuliert wurde“ (vgl. Ansprache Benedikts XVI. am 7. September in der Wiener Hofburg). Das grundlegende Menschenrecht, die Voraussetzung für alle anderen Rechte, ist das Recht auf das Leben selbst, „von der Empfängnis bis zu seinem natürlichen Ende“. Von hier aus appellierte der Heilige Vater an Österreich und Europa, „nicht zuzulassen, dass eines Tages nur noch die Steine vom Christentum reden würden“.

In diesem Geist und mit dieser Herzlichkeit möchten wir Ihnen, Herr Bundespräsident und dem österreichischem Volk für das Neue Jahr, das gerade begonnen hat, wünschen, dass „die Vernunft und Übereinstimmung“ allen Bewohnern der Welt „die große Hoffnungsgewissheit gebe, dass trotz allen Scheiterns unser eigenes Leben und die Geschichte im Ganzen, in einer unzerstörbaren Macht der Liebe geborgen ist, und Mut zum Wirken und zum Weitergeben schenken kann“, wie Papst Benedikt XVI. in seiner neuen Enzyklika Spe Salvi sagt (35).

Exzellenz! Tibi et populo austriaco, Novum Annum felicem ac benedictum et omina fausta ex intimo corde a Deo adprecor! Danke!

[Vom Apostolischen Nuntius zur Verfügung gestelltes Original]