Ansprache von Hans-Gerd Pöttering beim EU-Gipfeltreffen mit den Religionsvertretern

„Gläubige Menschen sind bereit, sich zum Wohl der Allgemeinheit einzusetzen“

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Brüssel, 6. Mai 2008 (ZENIT.org).- Wir veröffentlichen die Ansprache, die der Präsident des Europäischen Parlaments, Hans-Gert Pöttering, am 5. Mai beim Treffen der EU-Spitzenpolitiker mit hochrangigen Vertretern der Kirchen- und Religionsgemeinschaften im Berlaymont-Gebäude der Europäischen Kommission in Brüssel gehalten hat.

Bei der vierten Begegnung dieser Art in diesem Jahr standen zwei Themen im Vordergrund: die Versöhnung unter den Völkern Europas und der Klimawandel.

„Den Kirchen und den Religionen kommt im öffentlichen Raum eine Aufgabe zu“, bekräftigte Pöttering, der zum Schutz der Menschenwürde sowie zur Förderung des Friedens zwischen den Völkern und zwischen Mensch und Schöpfung aufrief. An die Religionsvertreter gewandt, sagte er: „Das ihnen eigene Eintreten für gemeinsame universelle Werte stellt das eigentliche Fundament für den Aufbau einer freien Gesellschaft dar – eine Freiheit, die verlangt, dass wir persönlich die Verantwortung dafür übernehmen, unseren Beitrag dazu zu leisten, das die Welt, in der wir leben und die wir schätzen, lebenswerter wird, lebenswerter für alle.“

Von katholischer Seite nahmen unter anderem der Präsident der Kommission der Bischofskonferenzen der Europäischen Gemeinschaft (COMECE), der Rotterdamer Diözesanbischof Adrianus van Luyn, sowie der Präfekt der Kongregation für die Institute geweihten Lebens und für die Gesellschaften apostolischen Lebens, Kardinal Franc Rodé, teil.

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Sehr verehrte Vertreter der Kirchen und der Religionsgemeinschaften,
sehr geehrter Herr Präsident des Europäischen Rates, lieber Janez Janša,
sehr geehrter Herr Präsident der Europäischen Kommission, lieber José Manuel Durão Barroso,

es ist mir ein besonderes Anliegen, heute unter Ihnen sein zu dürfen. Die heutige Sitzung ist ein wichtiger weiterer Schritt auf dem Weg eines sich stufenweise entwickelnden Dialogs zwischen der Europäischen Union und den europäischen Kirchen und Religionsgemeinschaften.

Versöhnung - interkultureller Dialog
Dieses Thema zählte zu den Prioritäten, auf die ich in meiner Programmrede im Februar vergangenen Jahres eingegangen bin, und es ist auch ein immer wiederkehrender Leitgedanke meiner Amtszeit. Die Fähigkeit religiöser Autoritäten, durch kluge Führung einen bedeutenden Beitrag zur Bewältigung einiger der größten Herausforderungen der heutigen Zeit zu leisten, sollte nicht unterschätzt werden. Im europäischen Rahmen waren die Kirchen stets starke Verfechter der europäischen Integration als eines Projekts, das zunächst zur französisch-deutschen Aussöhnung geführt hat und dann im Laufe der Zeit unserem Kontinent die Versöhnung gebracht hat. In den Teilen unseres europäischen Kontinents, einschließlich des westlichen Balkans, in denen die Wunden zwischen den Gemeinschaften noch verheilen müssen, ist es wichtig, die religiösen Führer der Gemeinschaften an diesem Prozess zu beteiligen.

Dieses Jahr 2008 ist das Europäische Jahr des interkulturellen Dialogs, und es ist daher sehr passend, dass der Beitrag, den die Religionen zur Versöhnung leisten können, eines der beiden ausgewählten Diskussionsthemen ist.

Ein echter Dialog bedeutet, dass jeder Teil der Gesellschaft die Möglichkeit erhält, seinen Standpunkt mit Respekt für den anderen darzulegen. Aus der Wahrheit über bestimmte Werte und Ziele kann sich dann ein Konsens entwickeln.

Es ist meine feste Überzeugung, dass die Europäische Union ebenso wie unsere Nachbarn großen Nutzen aus dem Dialog zwischen den Religionen ziehen kann. Gläubige Menschen sind bereit, sich zum Wohl der Allgemeinheit einzusetzen. Sie tragen eine große Verantwortung, indem Sie sich darum bemühen, ein Glaubensverständnis zu vermitteln, das auf einem friedlichen Zusammenleben und Versöhnung basiert. Sie können dazu beitragen, eine Welt zu schaffen, die sich auf die Achtung der Würde des Menschen gründet. Unser einzigartiges System gegenseitig voneinander abhängiger Demokratien kann nur erfolgreich sein, wenn es sich auf Grundwerte und -prinzipien stützen kann. In unserer heutigen Zeit, in der der Relativismus häufig unsere Gesellschaft zu untergraben droht, bin ich sicher, dass viele Menschen Rückhalt in ihren religiösen Überzeugungen finden, wenn es für sie darum geht, wohlbegründete Entscheidungen zu treffen.

In unserem gemeinsamen Streben nach gerechtem und dauerhaftem Frieden müssen wir uns unermüdlich für die Menschenwürde einsetzen, da dies das wirksamste Mittel ist, um Ungleichheiten zwischen den Ländern und innerhalb der Länder zu beseitigen. Wir wissen, dass häufig diejenigen, deren Menschenwürde verletzt wurde, zu verzweifelten Maßnahmen greifen, wodurch letztlich die friedliche Harmonie unserer Gesellschaften bedroht wird.

Klimawandel

Lassen Sie mich kurz auf unser zweites Thema, den Klimawandel, eingehen. Auch dieses Thema kommt zum richtigen Zeitpunkt, da wir uns sowohl in der Europäischen Union als auch im Rahmen der Parteienkonferenz der Vereinten Nationen in einer entscheidenden Phase befinden, in der es darum geht, Fortschritte bei der Entwicklung echter Lösungen für dieses Problem zu erzielen.

Der Klimawandel gehört ebenfalls zu den Prioritäten meiner Amtszeit, und ich freue mich, dass wir die Gelegenheit haben, dieses Thema in diesem Forum zu behandeln. Wenn wir uns mit dem Klimawandel befassen, geht es auch hier um die Suche nach Frieden – in diesem Fall um die Suche nach Frieden mit dem Planeten, auf dem wir leben. Diejenigen, die gläubig sind, sprechen häufig vom Erhalt der Schöpfung. Es ist wichtig, sich darüber klar zu sein, dass wir nur die Hüter eines Guts sind, das gleichzeitig schön und zerbrechlich ist. Es besteht eine moralische Pflicht, dieses Gut für künftige Generationen zu bewahren. Es ist eine Frage grundlegender natürlicher Gerechtigkeit.

Das Europäische Parlament ist bemüht, in dieser Frage eine Vorreiterrolle zu übernehmen, indem wir insbesondere bei unseren eigenen Tätigkeiten, Gebäuden und Transportmitteln auf Umweltfreundlichkeit achten. Wir alle haben die Pflicht, darauf zu achten, dass unsere Lebensweisen mit einer nachhaltigen Entwicklung in Einklang stehen. Eine umweltschonendere Lebensweise steht im Zusammenhang mit unserer persönlichen Verantwortung für den Schutz der ärmsten Bevölkerungsgruppen auf diesem Planeten, die häufig als erste unter den Auswirkungen des Klimawandels wie Überschwemmungen, Dürre und Hungersnot zu leiden haben.

Es steht außer Frage, dass ein instabiles Ökosystem Folgewirkungen für das globale politische Gleichgewicht haben kann und Spannungen und Konflikte auslösen kann.

Schlussbemerkungen
Erlauben Sie mir, zum Abschluss jedem einzelnen der heute hier anwesenden religiösen Führer als Vertreter der jüdischen, islamischen oder christlichen Traditionen dafür zu danken, dass Sie unserer Einladung gefolgt sind und den Institutionen der Europäischen Union die Gelegenheit bieten, in sehr öffentlicher Form unser Engagement für den Dialog der Kirchen und der Religionsgemeinschaften zu unterstreichen, ein Dialog, der mit der Ratifizierung des Vertrags von Lissabon zu einer rechtlichen Verpflichtung wird.

Ihre ständige Beschäftigung mit wichtigen Fragen unserer heutigen Gesellschaft ist nicht nur willkommen, sondern notwendig. Wir können nur dann auf Erfolg hoffen, wenn alle Teile unserer Gesellschaft gemeinsam an einem Strang ziehen. Den Kirchen und den Religionen kommt im öffentlichen Raum eine Aufgabe zu. Das ihnen eigene Eintreten für gemeinsame universelle Werte stellt das eigentliche Fundament für den Aufbau einer freien Gesellschaft dar – eine Freiheit, die verlangt, dass wir persönlich die Verantwortung dafür übernehmen, unseren Beitrag dazu zu leisten, das die Welt, in der wir leben und die wir schätzen, lebenswerter wird, lebenswerter für alle.

[Von der Pressestelle des Präsidenten des Europäischen Parlaments zur Verfügung gestelltes Originalmanuskript]