Ansprache von Kardinal L. Monsengwo Pasinyas anlässlich der Verleihung des Ökumenischen Friedenspreises am 5. Juni 2012

Die Wahrheit der Urnen und die Moralisierung des öffentlichen Lebens

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ROM, 29. Juni 2012 (ZENIT.org). - Das „Ökumenische Netz Zentralafrika“ (ÖNZ) hat am 5. Juni 2012 dem Erzbischof von Kinshasa, Laurent Kardinal Monsengwo Pasinya, für seinen lebenslangen Einsatz für Demokratie und Menschenrechte in der Demokratischen Republik Kongo den ökumenischen Friedenspreis verliehen. Bei der Entgegennahme des Preises hielt der Kardinal folgende Ansprache in Berlin:

[Wir dokumentieren die Ansprache des Kardinals in einer offiziellen deutschen Übersetzung:]

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Eminenz, Exzellenz, meine Damen und Herren, sehr geehrte Gäste!

1. Einleitend möchte ich den ökumenischen Werken herzlich dafür danken, dass sie diese Zeremonie gewollt und organisiert haben, bei der mir der Ökumenische Friedenspreis verliehen wird. Ich möchte insbesondere Professor Dr. Josef Sayer danken. Er hat seine ganze Kraft dafür eingesetzt, damit mein Engagement für den Frieden in der Demokratischen Republik Kongo, in Afrika und im Rahmen von Pax Christi International auch in der Welt anerkannt wird. Ich bitte in meinen Gebeten dafür, dass die Prinzipien, die meine Schritte auf der Suche nach Frieden geleitet haben, den einen oder anderen daran erinnern, dass „der Gerechtigkeit Frucht Friede sein wird“ (Is 32,17) und dass „Güte und Treue einander begegnen, Gerechtigkeit und Friede sich küssen“ (Ps 85,11).

2. Ihnen, meine Damen und Herren, sehr geehrte Gäste, möchte ich danken, dass Sie mit Ihrer Anwesenheit hier mein Land, Afrika und unsere Kirche ehren. Ich heiße Sie herzlich willkommen zu dieser außerordentlichen Feier.

3. Was soll ich zur Laudatio von Frau Prof. Dr. Herta Däubler-Gmelin sagen? Sie war voller Lob und voller Worte, die mir sehr zu Herzen gehen. Ich nehme sie in aller Bescheidenheit und mit den folgenden Worten des Evangeliums an: „Wenn ihr alles getan habt, was euch befohlen ist, so sprechet: Wir sind unnütze Knechte; wir haben getan, was wir zu tun schuldig waren.“ (Lc 17,10). Ich danke Ihnen, Frau Prof. Dr. Herta Däubler-Gmelin, dass Sie sich zur Übersetzerin der Gefühle gemacht haben, die die ehrenwerten Mitglieder des Ökumenischen Netzes Zentralafrika mir entgegenbringen.

Meine Damen und Herren,

4. Ich möchte heute zum Thema „die Wahrheit der Wahlurnen und die Moralisierung des öffentlichen Lebens“ sprechen. Nicht nur, weil dieses Thema in meinem Land und in der Welt aktueller ist als je zuvor. Sondern auch, weil der Respekt der Wahrheit der Urnen den sozialen Frieden fördert: „Opus justitiae pax (und der Gerechtigkeit Frucht wird Friede sein)“ (Is 32,17). Darüber hinaus beinhaltet der genannte Respekt die Praxis vieler menschlicher Tugenden und die Verfolgung eines Ideals in der Politik, das die Prinzipien der sozialen Kirchendoktrin berücksichtigt. Dazu gehören etwa Wahrheit und Liebe, Gerechtigkeit und Frieden, das Recht der Völker auf ihre Selbstbestimmung sowie die Legitimität des politischen Mandats.

5. Was ist die Wahrheit der Urnen? Die Antwort ist unmittelbar und offensichtlich. Das Urteil der Urnen ist wahr, wenn die Auszählung der Stimmzettel den Stimmen entspricht, die die Wähler tatsächlich abgegeben haben. Ist dies nicht der Fall, liegen Unwahrhaftigkeit, Betrug und Manipulation vor. Die Unwahrhaftigkeit und der Betrug können durch die Anzahl der Wähler bzw. die Anzahl der Stimmzettel verursacht werden. Sie ist auf die Wähler zurückzuführen, wenn ihre Anzahl in der zentralen Stelle unberechtigterweise aufgebläht oder verkleinert wurde, solange bis sie nicht mehr der tatsächlichen Anzahl der Wähler übereinstimmt. Daher ist eine vorhergehende Prüfung der zentralen Stelle notwendig. Der Betrug zeigt sich in den Fakten der Stimmzettel, beispielsweise wenn Wahlurnen aufgefüllt wurden, wenn gewisse Urnen gewollt verschwinden, oder Stimmzettel in lokalen oder zentralen Auszählungsstellen betrügerisch manipuliert werden; falls solche Stellen überhaupt unentbehrlich und nötig für den Prozess sind. Der Beweis eines Betrugs ist hergestellt und zeigt sich, wenn die Wahlkommission oder das Innenministerium nicht (?) ohne Umschweife feststellen kann, wie viele Stimmzettel gedruckt wurden, wie viele Stimmzettel bei der Wahl benutzt worden sind und wie viele übrig blieben.

6. Wenn die Organisatoren der Wahl diese drei Fragen nicht beantworten  können, ist die Wahrheit der Urnen verfälscht worden, entsprechen die verkündeten Ergebnisse weder der Wahrheit noch der Gerechtigkeit (Kardinal L. Monsengwo Pasinya, Erklärung von 12. Dezember 2012). Dadurch wird der soziale Frieden gefährdet, da dem Volk nicht entsprochen wurde.

7. In seiner ersten Erklärung zum Weltfriedenstag, betitelt „In der Wahrheit liegt der Frieden“, schreibt Benedikt XVI.: „…Die Heilige Schrift hebt in ihrem ersten Buch, der Genesis, die Lü­ge hervor, die zu Beginn der Geschichte von dem doppelzüngi­gen Wesen ausgesprochen wurde, welches der Evangelist Johannes als den „Vater der Lüge“ bezeichnet (Joh 8,44). Die Lüge ist auch eine der Sünden, welche die Bibel im letzten Kapitel ihres letzten Buches, der Offenbarung, er­wähnt, um den Ausschluss der Lügner aus dem himmli­schen Jerusalem anzukündigen: „Draußen bleibt ... jeder, der die Lüge liebt und tut“ (Offb 22,15).

Mit der Lüge ist das Drama der Sünde mit ihren perversen Folgen verbun­den, die verheerende Auswirkungen im Leben der Einzel­nen sowie der Nationen verursacht haben und weiter ver­ursachen. Man denke nur daran, was im vergangenen Jahrhundert geschehen ist, als irrige ideologische und politische Systeme die Wahrheit planmäßig verfälschten. …. Wie könnte man nach diesen Erfahrungen nicht ernstlich besorgt sein angesichts der Lügen unserer Zeit, die den Rahmen bil­den für bedrohliche Szenerien des Todes in nicht wenigen Regionen der Welt? Die echte Suche nach Frieden muss von dem Bewusstsein ausgehen, dass das Problem der Wahrheit und der Lüge jeden Menschen betrifft und sich als entscheidend erweist für eine friedliche Zukunft unse­res Planeten. …. (Nr. 5) Die Wahrheit des Friedens ruft alle dazu auf, frucht­bare und aufrichtige Beziehungen zu pflegen (Nr.6)

8. Wahlen zu fälschen, Betrug auf jegliche erdenkliche Weise zu organisieren, kann nicht als ein Zeichen der politischen Geschicklichkeit gewertet werden. Es ist schlicht eine Entscheidung für die Lüge, es erzeugt Frust bei den Wählern und ist eine Ungerechtigkeit gegenüber den wahren Gewinnern der Wahl. Zudem zeigt es einen maßlosen Heißhunger auf Macht. Es kommt fehlender intellektueller und moralischer Ehrlichkeit gleich. Es ist eine Sünde gegen den Heiligen Geist. Derjenige, der die Macht auf diese Weise erobert, bereitet sich darauf vor, sie zu missbrauchen; er und diejenigen, die ihm bei diesem Ränkespiel helfen. Er  unternimmt in Wahrheit einen Staatsstreich.

9. Hören wir Benedikt XVI. im Präsidentenpalast von Cotonou: „Derzeit gibt es zu viele Skandale und Ungerechtigkeiten, zu viel Korruption und Gier, zu viel Verachtung und Lüge, zu viel Gewalt, die zu Elend und Tod führt. Diese Übel suchen gewiss euren Kontinent heim, aber ebenso die restliche Welt. Jedes Volk will die politischen und wirtschaftlichen Entscheidungen nachvollziehen, die in seinem Namen getroffen werden. Es nimmt Manipulation wahr, und seine Vergeltung ist manchmal gewalttätig.“ Und der Papst fährt fort: „Von diesem Podium aus richte ich einen Appell an alle Verantwortlichen in Politik und Wirtschaft in den Ländern Afrikas und in der restlichen Welt. Beraubt eure Völker nicht der Hoffnung! Schneidet ihnen nicht die Zukunft ab, indem ihr ihnen die Gegenwart verstümmelt! Nehmt auf ethischer Grundlage mutig eure Verantwortung wahr, und – wenn ihr gläubig seid – bittet Gott, euch Weisheit zu gewähren! (…) ihr müsst wahre Diener der Hoffnung werden (…) Jede Art von Macht kann leicht blenden, besonders wenn private, familiäre, ethnische oder religiöse  Interessen auf dem Spiel stehen. Gott allein läutert die Herzen und die Absichten.“ (Benedikt XVI, Ansprache im Präsidentenpalast von Cotonou). Die Wahrheit der Urnen zu respektieren und sich dem Wahlbetrug zu verweigern, belegt ein ausgeprägtes Empfinden für den Staat und die Regierung.

10. Mogelei und Betrug im Wahlprozess bringen katastrophale Folgen für die Gesellschaft mit sich. Denn wenn die Lüge Teil des Kampfes um Macht wird, ist eine gute Erziehung der Jugend unmöglich. Man lehrt der Jugend damit, ihre Abschlüsse nicht durch akademische Wege zu erlangen, sondern etwa durch Korruption, und außerdem den Weg des geringsten Widerstandes zu wählen.  Man füllt das Land mit „falschen Doktoren“ (Ärzten, Anwälten, Richtern, Ingenieuren, Architekten, Beamten), die sich mit falschen oder minderwertigen Ergebnissen begnügen. Wer erkennt nicht die Gefahr für Staaten, von Besessenen regiert, verwaltet oder unterstützt zu werden, die keineswegs auf ihre Aufgaben vorbereitet sind?

Schlussfolgerung

11. Ich möchte schließen, indem ich nochmals meine Dankbarkeit an die Mitgliedsorganisationen des Ökumenischen Netzes Zentralafrika ausdrücke. Sie haben mir freundlicherweise diesen Friedenspreis in Anerkennung meines Beitrags zum Frieden verliehen. Es fehlen mir die Worte, mit Ihnen meine innersten Gefühle zu teilen.

12. In Bezug auf die Wahlen bin ich überzeugt, dass die Wahrheit der Urnen der einzige vertretbare Weg ist, um eine solide Demokratie zu schaffen. Eine Demokratie ohne Schandflecke, wie es Betrug, Lüge und Korruption sind, die zum Regierungssystem erhoben wurden. Zudem hat die Wahllüge Folgen für die Erziehung der Jugend. Denn die Jugend verinnerlicht mit der Zeit die Anti-Werte. Dies macht es ihnen unmöglich, angemessen ihrem Land zu dienen.

13. Mache der Himmel, dass sich die jungen wie auch die ältesten Demokratien auf die Wahrheit der Urnen, auf Gerechtigkeit und Frieden gründen, kurz auf eine Demokratie von Werten.