Ansprache von Papst Benedikt XVI. am Vorabend des Assisi-Treffens

Wortgottesdienst in der Halle Pauls VI.

| 1655 klicks

VATIKANSTADT, 26. Oktober 2011 (ZENIT.org). – Die Termin der Generalaudienz des heutigen Mittwoch stand ganz im Zeichen des morgigen Assisi-Treffens für den Frieden.

[Wir dokumentieren den Wortlaut der Ansprache in einer eigenen deutschen Übersetzung:]

***

Liebe Brüder und Schwestern!

Heute erhält der gewohnte Termin der Generalaudienz einen besonderen Charakter, weil wir am Vorabend des Tags der Reflexion, des Dialogs und des Gebets für Frieden und Gerechtigkeit auf der Welt stehen, der morgen in Assisi abgehalten wird, fünfundzwanzig Jahre nach dem ersten historischen Treffen, das vom seligen Johannes Paul II. einberufen worden war. Ich wollte diesen Tag unter das Leitwort stellen „Pilger der Wahrheit, Pilger des Friedens“, um die Verpflichtung auszudrücken, die wir feierlich erneuern wollen gemeinsam mit den Anhängern der verschiedenen Religionen und auch mit den Menschen, die nicht glauben, aber aufrichtig auf der Suche nach der Wahrheit sind, um das wahre Wohl der Menschheit zu fördern und Frieden zu schaffen. Ich hatte bereits Gelegenheit, daran zu erinnern: „Wer auf dem Weg zu Gott ist, kann nicht nicht den Frieden bringen; wer Frieden schafft, kann sich nicht nicht Gott nähern“.

Als Christen sind wir davon überzeugt, dass der wertvollste Beitrag, den wir zur Sache des Friedens leisten können, das Gebet ist. Deshalb treffen wir uns heute hier als Kirche von Rom zusammen mit den in der Stadt anwesenden Pilgern im Hören auf das Wort Gott, um gläubig das Geschenk des Friedens zu erflehen. Der Herr kann unseren Geist und unsere Herzen erleuchten und uns dahin bringen, zu Stiftern von Gerechtigkeit und Versöhnung in unseren alltäglichen Gegebenheiten und in der Welt zu werden.

In der Lesung des Propheten  Sacharja, die wir gerade gehört haben, ist eine hoffnungs- und lichtvolle Botschaft erklungen ((vgl. Sach 9,10). Gott verheißt das Heil und lädt ein, „laut zu jubeln“, weil dieses Heil dabei ist, sich zu konkretisieren. Es wird von einem König gesprochen: „Siehe, dein König kommt zu dir. Er ist gerecht und siegreich“ (V. 9). Aber der, der angekündigt wird, ist kein König, der sich mit menschlicher Macht und mit Waffengewalt vorstellt. Er ist kein König, der mit politischer und militärischer Macht herrscht. Er ist ein sanfter König, der mit Demut und Sanftmut vor Gott und den Menschen regiert; ein andersartiger König im Vergleich mit den großen Herrschern der Welt: „Er reitet auf einem Esel, auf einem Fohlen der Eselin“, sagt der Prophet (ebd.). Er zeigt sich auf dem Tier der gewöhnlichen Leute, der Armen, reitend, - im Gegensatz zu den Streitwagen der Heere der Mächtigen auf der Erde. Er ist sogar ein König, der diese Streitwagen vernichten, die Kriegsbogen zerbrechen und den Völkerfrieden verkünden wird (vgl. V. 10).

Aber wer ist der König, von dem der Prophet  Sacharja spricht? Gehen wir für einen Augenblick nach Betlehem und hören wir erneut das, was der Engel den Hirten sagt, die in der Nacht wachen und ihre Herde beaufsichtigen. Der Engel verkündet eine Freude, die dem ganzen Volk zuteil wird und mit einem armseligen Zeichen verbunden ist: ein in Windeln gewickeltes Kind, das in einer Krippe liegt (vgl. Lk 2,8-12). Und das himmlische Heer singt: „Ehre sei Gott in der Höhe und Frieden auf Erden den Menschen seiner Gnade“ (V. 14), den Menschen guten Willens. Die Geburt jenes Kindes, das Jesus ist, bringt die Ankündigung des Friedens für die ganze Welt. Aber gehen wir zu den letzten Augenblicken des Lebens Jesu, als er in Jerusalem einzieht und von einer feiernden Menge aufgenommen wird. Die Botschaft des Propheten  Sacharja über die Ankunft eines demütigen und sanftmütigen Königs fällt den Jüngern Jesu in besonderer Weise nach den Ereignissen des Leidens, Sterbens und der Auferstehung – des Paschamysteriums – ein, als sie mit den Augen des Glaubens zu jenem freudigen Einzug des Meisters in die heilige Stadt zurückgehen. Er reitet auf einem geliehenen Esel (vgl. Mt 21,2-7): Er befindet sich nicht auf einem kostbaren Wagen und nicht auf einem Pferd wie die Großen. Er zieht in Jerusalem nicht in Begleitung eines mächtigen Heeres von Wagen und Reitern ein. Er ist ein armer König, der König derer, die die Armen Gottes sind. Im griechischen Text erscheint der Begriff praeîs, der bedeutet, die Sanften und die Milden. Jesus ist der König der „anawim“, derjenigen, deren Herz frei ist von der Gier nach Macht und materiellem Reichtum, vom Willen und von der Suche nach der Herrschaft über den anderen. Jesus ist der König derer, die jene innere Freiheit haben, die dazu befähigt, Habsucht und Egoismus zu überwinden, die in der Welt sind; er ist der König derer, die wissen, dass Gott allein ihr Reichtum ist. Jesus ist ein armer König unter den Armen, mild unter denen, die mild sein wollen. Auf diese Weise ist er ein Friedenskönig, dank der Macht Gottes, die die Macht des Guten und die Macht der Liebe ist. Er ist ein König, der die Streitwagen und –rosse vernichten und die Kriegsbogen zerbrechen wird; ein König, der den Frieden am Kreuz verwirklicht, Erde und Himmel miteinander verbindet und eine brüderliche Brücke zwischen allen Menschen schlägt. Das Kreuz ist der neue Bogen des Friedens, Zeichen und Werkzeug der Versöhnung, der Vergebung, der Verständigung; es ist ein Zeichen dafür, dass die Liebe stärker ist als alle Gewalt und Unterdrückung, stärker als der Tod: Das Böse wird durch das Gute, durch die Liebe besiegt.

Das ist das neue Friedensreich, in dem Christus der König ist. Es ist ein Reich, das sich auf der ganzen Erde ausbreitet. Der Prophet  Sacharja kündet an, dass dieser sanftmütige und friedliebende König herrschen wird „von Meer zu Meer und vom Eufrat bis an die Grenzen der Erde“ (2,10). Das Reich, das Christus errichtet, hat universale Dimensionen. Der Horizont dieses armen und sanften Königs ist nicht ein Gebiet und nicht ein Staat, sondern umfasst die Grenzen der Erde. Jenseits aller Barrieren von Rasse, Sprache und Kultur schafft er Gemeinschaft und schafft er Einheit. Und wo sehen wir heute die Verwirklichung dieser Ankündigung? Im großen Netz der eucharistischen Gemeinschaften, das sich über die ganze Erde erstreckt, taucht  Sacharjas Prophetie leuchtend wieder auf. Es ist ein großes Mosaik von Gemeinschaften, in denen das Liebesopfer des sanftmütigen und friedliebenden Königs gegenwärtig gesetzt wird. Es ist das große Mosaik, das das „Friedensreich“ Jesu von Meer zu Meer bis an die Grenzen der Erde errichtet. Es ist eine Vielzahl von „Friedensinseln“, die Frieden ausstrahlen. Überall, in allen Gegebenheiten, in jeder Kultur, von den großen Städten mit ihren Palästen bis zu den kleinen Dörfern mit ihren demütigen Wohnsitzen, von den mächtigen Kathedralen bis zu den kleinen Kapellen. Er kommt, er setzt sich gegenwärtig. Und durch das Eintreten in die Gemeinschaft mit ihm sind die Menschen auch untereinander vereint in einem einzigen Leib und überwinden Trennung, Rivalität und Groll. Der Herr kommt in der Eucharistie, um uns von unserem Individualismus und von unseren Partikularismen, die die anderen ausschließen, zu befreien, um aus uns einen einzigen Leib und ein einziges Reich des Friedens in einer geteilten Welt zu bilden.

Aber wie können wir dieses Friedensreich errichten, dessen König Christus ist? Das Gebot, das er seinen Aposteln und durch sie uns allen hinterlässt, lautet: „Geht und macht alle Völker zu meinen Jüngern .... Siehe, ich bin bei euch alle Tage bis zum Ende der Welt“ (Mt 28,19). Wie Jesus müssen die Friedensboten seines Reiches sich auf den Weg machen; sie müssen auf seine Einladung antworten. Sie müssen gehen, aber nicht mit der Kriegsmacht oder mit der Kraft der Gewalt. Im Abschnitt des Evangeliums haben wir gehört, dass Jesus zweiundsiebzig Jünger aussendet zur großen Ernte, die die Welt ist; dabei fordert er sie auf, zum Herrn der Ernte zu beten, damit bei seiner Ernte niemals Arbeiter fehlen mögen (vgl. Lk 10,1-3). Aber er sendet sie nicht mit machtvollen Mitteln aus, sondern „wie Schafe mitten unter die Wölfe“ (V. 3), ohne Geldbeutel, Vorratstasche und Sandalen (vgl. V. 4). Der heilige Johannes Chrisostomos kommentiert in einer seiner Predigten: „Solange wir Schafe sind, werden wir siegen; und auch wenn wir von zahlreichen Wölfen umzingelt sind, wird es uns gelingen, sie zu überwinden. Wenn wir aber zu Wölfen werden, werden wir besiegt, weil wir der Hilfe des Hirten beraubt sein werden“ (Predigt 33,1; PG 57,389). Die Christen dürfen niemals der Versuchung nachgeben, Wölfe unter Wölfen zu werden. Das Friedensreich Christi breitet sich nicht durch Macht, Kraft und Gewalt aus, sondern durch die Selbsthingabe, durch die Liebe, die bis zum Äußersten geht, auch gegenüber den Feinden. Jesus besiegt die Welt nicht durch die Kraft der Waffen, sondern durch die Kraft des Kreuzes, welches die wahre Garantie des Sieges ist. Für denjenigen, der ein Jünger des Herrn und sein Gesandter sein will, folgt daraus die Bereitschaft zum Leiden und zum Martyrium, zum Verlieren des eigenen Lebens für ihn, damit in der Welt das Gute, die Liebe und der Frieden triumphieren. Das ist die Bedingung, um beim Eintritt in jede Wirklichkeit sagen zu können: „Friede sei diesem Haus“ (Lk 10,5).

Vor dem Petersdom befinden sich die beiden großen Statuen der heiligen Petrus und Paulus, die leicht zu identifizieren sind: Der heilige Petrus hält die Schlüssel in der Hand, der heilige Paulus dagegen hält ein Schwert in den Händen. Wer nicht die Geschichte des Letzteren kennt, könnte denken, dass es sich um einen großen Eroberer handelt, der mächtige Heere angeführt, Völker und Nationen unterworfen und sich so Ruhm und Reichtum durch das Blut der anderen verschafft hat. Das Gegenteil ist hingegen genau der Fall: Das Schwert, das er in den Händen hält, ist das Werkzeug, mit dem Paulus getötet wurde, durch das er das Martyrium erlitt und sein eigenes Blut vergoss. Sein Kampf bestand nicht in Gewalt und Krieg, sondern im Martyrium für Christus. Seine einzige Waffe war gerade die Verkündigung „Jesu Christi und zwar als den Gekreuzigten“ (1 Kor 2,2). Seine Predigttätigkeit gründete nicht auf „kluger Überredung, sondern auf dem Erweis von Geist und Kraft“ (V. 4). Er widmete sein Leben dem Überbringen der Botschaft des Evangeliums von der Versöhnung und vom Frieden, und er verzehrte seine ganze Kraft dabei, es bis an die Grenzen der Erde erklingen zu lassen. Und das war seine Kraft: Er suchte keine ruhiges und bequemes Leben, fern von Schwierigkeiten und Ärgernissen, sondern verzehrte sich für das Evangelium; er gab sich vorbehaltslos ganz hin; und so wurde er zum großen Boten des Friedens und der Versöhnung Christi. Das Schwert, das der heilige Paulus in den Händen hält, erinnert auch an die Macht der Wahrheit, die oft verletzen und weh tun kann. Der Apostel ist der Wahrheit zutiefst treu geblieben; er hat ihr gedient; er hat für sie gelitten und hat ihr sein Leben übergeben. Dieselbe Logik gilt auch für uns, wenn wir Bringer des Friedensreiches sein wollen, das vom Propheten  Sacharja angekündigt und von Christus verwirklicht wurde: Wir müssen bereit sein, persönlich zu zahlen, mit der eigenen Person Unverständnis, Ablehnung und Verfolgung zu erleiden. Es ist nicht das Schwert des Eroberers, das den Frieden herstellt, sondern das Schwert des Leidenden, dessen, der es versteht, sein eigenes Leben hinzugeben.

Liebe Brüder und Schwestern, wir wollen als Christen von Gott das Geschenk des Friedens erflehen; wir wollen ihn bitten, dass er uns zu Werkzeugen seines Friedens macht in einer Welt, die noch zerrissen ist von Hass, Trennungen, Egoismen und Kriegen. Wir wollen ihn bitten, dass das morgige Treffen in Assisi den Dialog zwischen den Menschen mit unterschiedlicher Religionszugehörigkeit fördert und einen Lichtstrahl bringt, der fähig ist, den Geist und das Herz aller Menschen zu erleuchten, damit der Groll der Vergebung weicht, die Trennung der Versöhnung, der Hass der Liebe, die Gewalt der Sanftmut, und damit in der Welt Frieden herrscht. Amen.

Appell:

Liebe Brüder und Schwestern, bevor ich euch in den verschiedenen Sprachen grüße, beginne ich mit einem Appell. In diesem Augenblick gehen die Gedanken zu den Bewohnern der Türkei, die hart von dem Erdbeben getroffen sind, das schwere Verluste von Menschenleben, zahlreiche Vermisste und ungeheure Schäden verursacht hat. Ich lade euch ein, euch mit mir im Gebet zu vereinen für diejenigen, die das Leben verloren haben, und im Geist den vielen so hart geprüften Menschen nahe zu sein. Der Höchste gebe all denen Unterstützung, die sich im Hilfsdienst einsetzen.

 [ZENIT-Übersetzung aus dem Italienischen von Dr. Edith Olk © Copyright 2011 - Libreria Editrice Vaticana]