Ansprache von Papst Benedikt XVI. an die Franziskaner von San Sepolchro

Nur, wenn sie sich vom Licht der Liebe Gottes erleuchten lassen, können die Menschen und die gesamte Natur erlöst werden

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ROM, 29. Mai 2012 (ZENIT.org). – Anfang Mai reiste Papst Benedikt XVI. für einen Pastoralbesuch nach La Verna [ZENIT berichtete]. Seine Ansprache an die Franziskaner des Heiligtums „San Sepolchro“ wurde wegen schlechten Wetters abgesagt [ZENIT berichtete], aber in Textform zur Verfügung gestellt.

„Seid, wie euer heiliger Ordensvater, unermüdlich in der Nachahmung Christi, damit, wer euch begegnet, dem heiligen Franz und, über den heiligen Franz, dem Herrn begegne", dazu rief der Heilige Vater die Franziskaner auf, nachdem er an dem Ort, wo ihr Ordensgründer die Wundmale empfangen hatte, einen Bogen geschlagen hatte von dem hl. Franz über den hl. Bonaventura von Bagnoregio zur heiligen Margherita von Cortona, alle verwundet von der Liebe Christi und in der Kontemplation des Kreuzes als greifbaren Zeichens der Liebe verwurzelt.

„An diesem Ort ergeht auch an uns der Aufruf, die übernatürliche Dimension des Lebens zurückzugewinnen, den Blick von den Dingen des Alltags abzuwenden, um uns wieder ganz und mit befreitem, freudigem Herzen dem Herrn anzuvertrauen, in der Kontemplation des Gekreuzigten, damit er uns mit seiner Liebe verwunde."

[Wir dokumentieren den Wortlaut der Ansprache in einer eigenen Übersetzung:]

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Liebe Mindere Brüder,

liebe Töchter der heiligen Mutter Klara,

liebe Brüder und Schwestern: der Herr gebe euch Frieden!

„Die Kontemplation des Kreuzes Christi“. Wir sind als Pilger zum „Sasso Spicco“ am Berg La Verna aufgestiegen, wo der heilige Franz von Assisi „zwei Jahre vor seinem Tod“ (Thomas von Celano, „Vita Prima“, III, 94: FF, 484) die Wunden der glorreichen Passion Christi aufgeprägt bekam. Seine Nachfolge des Herrn hatte ihn zu einer so innigen Vereinigung mit ihm geführt, dass ihm auch die äußeren Zeichen des höchsten Liebesopfer am Kreuz zuteilwurden. Sein Weg hatte in San Damiano begonnen, vor dem Kruzifix, das er mit seinem Verstand und mit dem Herzen in Kontemplation betrachtete. Die fortwährende Meditation des Kreuzes an diesem heiligen Ort ist zu einem Weg der Heiligung für viele Christen geworden, die sich in diesen acht Jahrhunderten hier niedergekniet haben, um in stiller innerer Sammlung zu beten.

Das glorreiche Kreuz Christi ist eine Zusammenfassung aller Leiden der Welt, aber es ist vor allem auch ein greifbares Zeichen der Liebe, das Maß der Güte Gottes zum Menschen. An diesem Ort ergeht auch an uns der Aufruf, die übernatürliche Dimension des Lebens zurückzugewinnen, den Blick von den Dingen des Alltags abzuwenden, um uns wieder ganz und mit befreitem, freudigem Herzen dem Herrn anzuvertrauen, in der Kontemplation des Gekreuzigten, damit er uns mit seiner Liebe verwunde.

„Höchster, allmächtiger, guter Herr, dein sind der Lobpreis, die Herrlichkeit und Ehre und jeglicher Segen“ (Sonnengesang: FF, 263). Nur, wenn sie sich vom Licht der Liebe Gottes erleuchten lassen, können die Menschen und die gesamte Natur erlöst werden, kann die Schönheit endlich den Glanz von Christi Antlitz widerspiegeln, so wie der Mond die Sonne reflektiert. Das Blut des Gekreuzigten, das aus seinem glorreichen Kreuz hervorquillt, gibt den vertrockneten Knochen des alten Adam, der in uns ist, neues Leben, damit ein jeder die Freude wiederfinde, den Weg der Heiligkeit zu beschreiten und zur Höhe, zu Gott aufzusteigen. Von diesem gesegneten Ort aus schließe ich mich dem Gebet aller Franziskaner und Franziskanerinnen der Welt an: „Wir beten dich an, Herr Jesus Christus – hier und in allen deinen Kirchen, die in der ganzen Welt sind – und preisen dich, denn durch dein heiliges Kreuz hast du die Welt erlöst“.

„Von der Liebe Christi entführt!“. Man steigt nicht zum La Verna auf, ohne sich vom „Absorbeat“-Gebet des heiligen Franz führen zu lassen, welches lautet: „Losreißen möge meinen Sinn, ich bitte dich, o Herr, die flammende und doch erquickende Gewalt deiner Liebe
von allem, was unter dem Himmel ist, damit ich sterbe aus Liebe zu deiner Liebe, der du dich herabgelassen hast, aus Liebe zu meiner Liebe zu sterben“ („Absorbeat“-Gebet, 1: FF, 277). Die Kontemplation des Gekreuzigten ist eine Aktion des Geistes, aber ohne den Beistand, ohne die Kraft der Liebe kann sie nicht in große Höhen aufsteigen. An diesem Ort war es auch, dass Bruder Bonaventura von Bagnoregio, berühmter Sohn des heiligen Franz von Assisi, sein „Itinerarium mentis in Deum“ entwarf, mittels dessen er uns den Weg zeigt, der uns zu den Höhen führt, auf denen wir Gott begegnen können. Dieser große Kirchenlehrer erzählt seine eigenen Erlebnisse und lädt uns ein zum Gebet. Als Erstes muss man den Sinn auf die Passion des Herrn richten, denn das Opfer des Kreuzes ist es, das unsere Sünden tilgt, die ein so großes Vergehen darstellen, dass nur die Liebe Gottes sie überwinden kann: „Ich fordere meine Leser auf“, schreibt Bonaventura, „als Erstes flehentlich zu Christus dem Gekreuzigten zu beten, dessen Blut die Flecken unserer Schuld wegwäscht“ („Itinerarium mentis in Deum“, Prol. 4). Um aber Wirkung zu zeigen, braucht unser Gebet Tränen, das heißt innere Anteilnahme: Unsere Liebe muss die Liebe Gottes erwidern. Und dann braucht es jene „admiratio“, die der heilige Bonaventura in den einfachen Menschen der Evangelien sieht; jene Menschen, die angesichts des Erlösungswerks Christi des Staunens fähig sind. Denn Demut ist das Tor zu jeder Tugend. Die stolze, in sich selbst verschlossene Forschung kann Gott nicht erreichen; nur die Demut kann es, wie der heilige Bonaventura schreibt: „[Der Mensch] soll nicht glauben, dass das Lesen ohne die Salbung ihm genügen könne, oder der Verstand ohne die Verehrung, die Suche ohne die Bewunderung, die Überlegung ohne die Begeisterung, der Fleiß ohne die Frömmigkeit, die Wissenschaft ohne die Nächstenliebe, der Scharfsinn ohne die Demut, das Studium ohne die göttliche Gnade, der Spiegel ohne die von Gott inspirierte Weisheit“ (ebenda).

Die Kontemplation des Gekreuzigten ist außerordentlich wirkungsvoll, denn sie führt uns von den nur gedachten Dingen hin zu den erlebten Dingen, vom erhofften Heil zur glückseligen Heimat. Hierzu bemerkt der heilige Bonaventura: „Wer aufmerksam zum Gekreuzigten aufschaut … erfüllt mit ihm das Osterfest, dass heißt den Übergang“ (ebd., VII, 2). Auf diesem heiligen Berg erlebt Franz von Assisi in sich selbst die tiefe Einheit von Nachfolge, Nachahmung und Angleichung an Christus. Und damit sagt er auch uns, dass es nicht ausreicht, sich als Christen zu bezeichnen, auch nicht, gute Werke zu vollbringen, um wahrhaft Christen zu sein. Man muss sich Jesus angleichen, mittels einer allmählichen, fortschreitenden Verwandlung des eigenen Wesens, das zum Abbild Gottes werden muss, damit durch die göttliche Gnade jedes Glied Seines Leibes, also der Kirche, die notwendige Ähnlichkeit mit dem Haupt, also mit Christus dem Herrn aufweise. Und auch dieser Weg beginnt, wie die Kirchenlehrer des Mittelalters in Anlehnung an den heiligen Augustinus betonen, bei der Selbsterkenntnis, bei der Demut, auf ehrliche Weise in uns selbst zu schauen.

„Die Liebe Christi bringen!“ Wie viele Pilger sind doch auf diesen heiligen Berg gekommen und kommen noch immer, um die Liebe des gekreuzigten Gottes zu betrachten und sich von ihm entführen zu lassen. Wie viele Pilger sind hierher aufgestiegen, auf der Suche nach Gott, welche der wahre Zweck ist, für den die Kirche existiert: eine Brücke zu sein zwischen Gott und den Menschen. Diese Pilger begegnen an diesem Ort auch euch, liebe Söhne und Töchter des heiligen Franz. Denkt immer daran, dass das geweihte Leben die Aufgabe hat, durch das Wort und durch das Beispiel eines im Sinne der Evangelien geführten Lebens Zeugnis abzulegen von der faszinierenden Liebesgeschichte zwischen Gott und der Menschheit, die die ganze Weltgeschichte durchzieht.

Das franziskanische Mittelalter hat unauslöschliche Spuren in dieser euren Kirche von Arezzo hinterlassen. Die wiederholte Anwesenheit des heiligen Franz von Assisi in eurer Heimat ist ein kostbarer Schatz. Das Geschehnis am La Verna, die Aufprägung der Wundmale am Körper des seraphischen Vaters Franziskus, ist einmalig; aber auch die gesamte Geschichte seiner Brüder und eurer Landsleute, die noch immer am Sasso Spicco die Zentralstellung Christi im Leben der Gläubigen wiederentdecken, ist von grundlegender Bedeutung. Montauto di Anghiari, die Zellen von Cortona, die Einsiedeleien von Montecasale und Cerbaiolo, aber auch alle anderen weniger bekannten Orte des toskanischen Franziskanertums, machen noch immer die Identität der Gemeinden von Arezzo, Cortona und Sansepolcro aus.

Viele Lichter haben dieses Land erleuchtet; zum Beispiel die heilige Margherita von Cortona, eine wenig bekannte franziskanische Büßerin, die in sich selbst auf ungewöhnlich lebhafte Weise das Charisma des heiligen Franz wiederaufleben ließ, indem sie die Kontemplation des Gekreuzigten mit der Liebe zu den Ärmsten verband. Die Liebe zu Gott und den Menschen beseelt auch heute noch die wertvolle Arbeit der Franziskaner in eurer kirchlichen Gemeinde. Die Umsetzung der Vorbilder der Evangelien ist ein wichtiger Weg, um die Liebe Christi zu erleben. An diesem gesegneten Ort bitte ich den Herrn, er möge auch in Zukunft noch Arbeiter in seinen Weingarten schicken, und ich fordere ganz besonders auch die Jugend auf, dass jeder, den Gott berufen hat, freudig antworten und den Mut haben möge, sich selbst hinzugeben im geweihten Leben und im priesterlichen Amt.

Ich bin als Nachfolger Petri auf diese Wallfahrt zum La Verna gekommen und ich wünsche mir, dass jeder von uns die Frage Jesu an Petrus noch einmal anhört: „Simon, Sohn des Johannes, liebst du mich mehr als diese?... Weide meine Lämmer!“ (Joh 21,15). Die Liebe zu Christus ist das Fundament jedes priesterlichen und geweihten Lebens; eine Liebe, die weder Arbeit noch Mühe scheut. Bringt diese Liebe den Menschen unserer Zeit, die allzu oft in ihrem Individualismus verschlossen sind; seid ein Zeichen der grenzenlosen Barmherzigkeit Gottes. Die priesterliche Nächstenliebe lehrt die Priester, die Messe, die sie feiern, auch im Alltag umzusetzen, ihr Leben zugunsten der Menschen zu brechen, die sie begegnen: ihr Leid zu teilen, auf ihre Probleme zu hören, sie auf ihrem Glaubensweg zu begleiten.

Ich danke dem Generalminister Pater José Carballo für seine Worte; ich bedanke mich bei der gesamten Franziskanerfamilie und bei euch allen. Seid, wie euer heiliger Ordensvater, unermüdlich in der Nachahmung Christi, damit, wer euch begegnet, dem heiligen Franz und, über den heiligen Franz, dem Herrn begegne.

[© 2012 Libreria Editrice Vaticana – Übersetzung des italienischen Originals von Alexander Wagensommer]