Ansprache von Papst Benedikt XVI. bei der Generalaudienz am 13. Februar 2013

Der innere Mensch muss sich auf den Besuch Gottes vorbereiten

Vatikanstadt, (ZENIT.org) | 2016 klicks

Ausgehend von der Betrachtung der Versuchungen Jesu in der Wüste widmete der Heilige Vater seine heutige Katechese dem Thema der Umkehr auf den Weg Jesu und seines Evangeliums, um so die verwandelnde Kraft Gottes erfahren zu können.

[Wir dokumentieren die Ansprache in einer eigenen Übersetzung:]

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Liebe Brüder und Schwestern,

am heutigen Aschermittwoch beginnt im liturgischen Jahr die Fastenzeit. Während dieser vierzig Tage der Vorbereitung auf die Feier des heiligen Osterfestes legen wir ein besonders anspruchsvolles Stück unseres spirituellen Weges zurück. Die Zahl 40 begegnet uns mehrmals in der Heiligen Schrift. Sie erinnert vor allem an die 40-jährige Wanderschaft des Volkes Israel durch die Wüste.  Dabei handelte es sich um eine lange Zeit der Heranbildung zum Volk Gottes, in der jedoch auch die Versuchung zum Ungehorsam gegen Bund mit dem Herrn stets gegenwärtig war. 40 Tage lang wanderte der Prophet Elias zum Berg Horeb, dem Berg Gottes; ebenso lange verweilte Jesus vor dem Beginn seines öffentlichen Lebens in der Wüste und wurde dort vom Teufel in Versuchung geführt. Bei diesem Abschnitt im irdischen Leben des Gottessohnes, der uns im Evangelium des kommenden Sonntags begegnen wird, möchte ich in der heutigen Katechese verweilen.

Die Wüste, in die Jesus sich zurückzieht, ist zunächst ein Ort der Stille und der Armut, der den Menschen seines materiellen Halts beraubt, ihn den Grundfragen der Existenz gegenüberstellt und zum Wesentlichen vordringen lässt. Gerade deshalb fällt es ihm dort leichter, Gott zu begegnen. Ebenso ist die Wüste aber auch ein Ort des Todes, denn wo es kein Wasser gibt, ist auch kein Leben möglich, und ein Ort der Einsamkeit, an dem der Mensch die Versuchung stärker wahrnimmt. Jesus begibt sich in die Wüste und spürt die Versuchung, vom Weg, den Gott der Vater ihm gewiesen hat, abzukehren, um einfachere, weltlichere Pfade einzuschlagen (vgl Lk 1,1-13). So nimmt er sich unserer Versuchungen an und trägt unser Elend, um das Böse zu besiegen und uns für den Weg zu Gott, den Weg der Umkehr, zu öffnen.

Die Betrachtung der Versuchungen Jesu in der Wüste konfrontiert uns alle mit einer Grundfrage: Worauf kommt es in unserem Leben tatsächlich an? Bei der ersten Versuchung verlockt der Teufel Jesus dazu, einen Stein in Brot zu verwandeln, um den Hunger zu stillen. Jesus erwidert, dass der Mensch nicht vom Brot allein lebe. Ohne Antwort auf den Hunger nach Wahrheit, nach Gott, kann der Mensch nicht zur Erlösung gelangen (vgl. VV. 3-4). Beim zweiten Mal versucht der Teufel, Jesus auf dem Weg der Macht zu verführen. Er führt ihn auf einen Berg und bietet ihm die Herrschaft über die Reiche der Erde an; doch dabei handelt es sich nicht um den Weg Gottes; Jesus ist vollkommen bewusst, dass die Rettung der Welt nicht über die weltliche Macht gelingt, sondern über die Macht des Kreuzes, der Demut, der Liebe (vgl. VV. 5-8). Beim dritten Mal erteilt der Teufel Jesus die Anweisung, sich von der Zinne des Tempels von Jerusalem hinabzustürzen und sich von Gott durch dessen Engel retten zu lassen. Um Gott selbst herauszufordern, soll Jesus also eine sensationelle Tat vollbringen. Jesus antwortet jedoch, dass Gott kein Objekt sei, dem man die eigenen Bedingungen auferlegen könne, denn er sei der Herr über alles (vgl. VV. 9-12). Worin besteht nun der Kern der drei Versuchungen Jesu? Dieser liegt im Gedanken der Instrumentalisierung Gottes für die persönlichen Zwecke, den persönlichen Ruhm und den persönlichen Erfolg. Im Wesentlichen geht es darum, sich selbst an die Stelle Gottes zu setzen und ihn aus der eigenen Existenz zu entfernen und ihn überflüssig erscheinen zu lassen. Jeder sollte sich daher folgende Frage stellen: Welchen Platz nimmt Gott in meinem Leben ein? Ist er der Herr oder bin ich es? Der Widerstand gegen die Versuchung, Gott den eigenen Interessen zu unterwerfen, ihn in eine Ecke zu stellen, die Umkehr zu der rechten Prioritätenordnung und die Anhebung Gottes an den ersten Platz ist ein Weg, der von jedem Christen gegangen werden muss. Die Einladung zur „Umkehr“, die wir während der Fastenzeit oft vernehmen werden, besteht darin, Jesus so nachzufolgen, dass unser Leben wahrhaft von seinem Evangelium gelenkt wird; sie bietet uns an, uns von Gott verwandeln zu lassen, uns selbst nicht mehr als die einzigen Erbauer unserer Existenz zu betrachten, uns der Tatsache bewusst zu werden, dass wir von Gott und von seiner Liebe abhängige Kreaturen sind und unser Leben nur  gewinnen können, wenn wir zulassen, dass sich dieses in ihm „verliert“. Aus diesem Grund sind wir dazu aufgefordert, unsere Entscheidungen im Licht des Wortes Gottes zu treffen. Heute ist das Christsein nicht mehr die einfache Folge der Teilhabe an einer Gesellschaft mit christlichen Wurzeln. Auch Menschen, die in eine christliche Familie hineingeboren und religiös erzogen werden, müssen die Entscheidung zum Christsein Tag für Tag erneuern und Gott trotz aller von einer säkularisierten Kultur stammenden Versuchungen und des kritischen Urteils vieler Zeitgenossen an die erste Stelle reihen.

Tatsächlich stellt die Gesellschaft der Gegenwart einen Christen vor viele Prüfungen, von denen das persönliche und das soziale Leben berührt werden. Es ist nicht einfach, in der  christlichen Ehe die Treue zu bewahren, die Barmherzigkeit im Alltag zu leben, Raum zu schaffen für das Gebet und für die innere Stille.  Ebenso schwierig ist es, öffentlichen Widerstand gegen Entscheidungen zu leisten, die in den Augen vieler selbstverständlich sind. Dazu zählen die Abtreibung im Falle einer unerwünschten Schwangerschaft, die Euthanasie im Falle schwerer Erkrankungen, und die Auswahl von Embryonen zur Vorbeugung von Erbkrankheiten. Die Versuchung, den Glauben beiseite zu legen, ist stets gegenwärtig. Die Umkehr wird zu einer Antwort an Gott und muss mehrmals im Leben bestätigt werden.

Als Beispiele und Anregungen dienen bedeutende Bekehrungen wie jene des hl. Paulus auf dem Weg nach Damaskus, oder jene des hl. Augustinus; aber auch in unserer Zeit der Verdunkelung des Sinns für das Heilige wirkt die Gnade Gottes und vollbringt im Leben vieler Menschen Wunder. Der Herr wird niemals müde, inmitten scheinbar vollkommen von der Säkularisierung eingenommenen sozialen und kulturellen Gegebenheiten an die Tür des Menschen anzuklopfen, wie das Beispiel des russisch-orthodoxen Religionsphilosophen und Theologen Pavel Florenskij. Vor dem Hintergrund einer vollkommen agnostische Form der Erziehung, die zu einer wahrhaften Feindseligkeit gegenüber den in der Schule erteilten religiösen Lehren geführt hatte, gelangt Florenskij zum Ausruf: „Nein, man kann nicht ohne Gott leben!“ und beschließt, sein Leben radikal zu ändern und Mönch zu werden. Ebenso denke ich an die Figur der Etty Hillesum, einer jungen Holländerin jüdischer Herkunft, die in Auschwitz starb. Sie war Gott zunächst fern, erkennt ihn doch in der Tiefe ihrer selbst und beschreibt dies folgendermaßen: „In meinem Inneren ist ein Brunnen großer Tiefe. In diesem Brunnen ist Gott. Manchmal gelingt es mir, zu ihm vorzudringen; des Öfteren ist er von Steinen und von Sand bedeckt: Dann ist Gott vergraben und ich muss ihn wieder zum Vorschein bringen“ (Diario, 97; eigene Übersetzung). In ihrem zersplitterten und unruhigen Leben findet sie Gott gerade inmitten der großen Tragödie des zwanzigsten Jahrhunderts, der Shoah. Diese zerbrechliche, unzufriedene junge Frau verwandelt sich durch den Glauben in einen von Liebe und innerem Frieden erfüllten Menschen, der fähig ist zu behaupten: „Ich lebe in beständiger Einheit mit Gott“.

Die Fähigkeit, sich den ideologischen Täuschungen der eigenen Zeit zu widersetzen und stattdessen nach der Wahrheit zu suchen und sich für die Entdeckung des Glaubens zu öffnen, begegnet uns im Beispiel einer weiteren Frau unserer Zeit: der US-Amerikanerin Dorothy Day. In ihrer Autobiografie hat sie sich offen dazu bekannt, der Versuchung erlegen zu sein, sämtliche Probleme durch die Politik lösen zu wollen und eine Anhängerin des marxistischen Ansatzes geworden zu sein. Sie beschreibt dies folgendermaßen: „Ich wollte mit den Demonstranten mitgehen, ins Gefängnis gehen, schreiben, Einfluss auf andere ausüben und eine sichtbare Spur in dieser Welt hinterlassen. Wie viel Ehrgeiz und wie viel Suche nach mir selbst in all dem doch liegt!“. Der Weg zum Glauben in einem derart säkularisierten Umfeld war besonders schwierig, doch wie sie selbst betont, wirkte die Gnade trotzdem: „Gewiss verspürte ich öfter das Bedürfnis, in die Kirche zu gehen, in die Knie zu gehen, mit gesenktem Kopf zu beten. Man könnte dies als einen blinden Instinkt bezeichnen, denn es war mir nicht bewusst, dass ich betete. Ich ging jedoch dorthin, fügte mich ein in die Atmosphäre des Gebetes …“. In ihrem den Enterbten gewidmeten Leben hat Gott sie zu einer bewussten Teilhabe an der Kirche hingeführt.  

In unserer Zeit vollziehen sich nicht wenige Bekehrungen als Rückkehr jener, die sich nach einer vielleicht oberflächlichen christlichen Erziehung jahrelang vom Glauben entfernt hatten und Jesus und sein Evangelium wiederfinden. Im Buch der Offenbarung lesen wir dazu folgende Textstelle: „Ich stehe vor der Tür und klopfe an. Wer meine Stimme hört und die Tür öffnet, bei dem werde ich eintreten, und wir werden Mahl halten, ich mit ihm und er mit mir“ (3,20). Der innere Mensch muss sich auf den Besuch Gottes vorbereiten. Gerade deshalb darf er sich nicht von Täuschungen, Äußerlichkeiten und materiellen Dingen überfluten lassen.

Während der Fastenzeit im Jahr des Glaubens wollen wir unser Bemühen auf dem Weg der Umkehr erneuern. So können wir die Neigung überwinden, uns in uns selbst einzukapseln und stattdessen Raum für Gott schaffen, mit dessen Augen wir unser tägliches Leben betrachten werden. Wir können sagen, dass die Wahl zwischen dem Sich-Abkapseln in unseren Egoismus und der Öffnung für die Liebe zu Gott und zu den anderen Menschen jener Wahl entspricht, mit der Jesus bei seinen Versuchungen konfrontiert war:  der Wahl zwischen der menschlichen Macht und der Liebe des Kreuzes; zwischen einer ausschließlich im materiellen Wohlstand betrachteten Erlösung und einer, die durch das Werk Gottes vollbracht wird, dem wir die Führung unserer Existenz anvertrauen. Sich zu bekehren bedeutet, sich nicht abzukapseln im Streben nach dem persönlichen Erfolg, dem persönlichen Ruhm, der persönlichen Stellung, sondern dafür Sorge zu tragen, dass die Wahrheit, der Glaube an Gott und die Liebe jeden Tag durch kleine Zeichen als die wesentlichsten Dinge aufleuchten. Danke!

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