Ansprache von Papst Benedikt XVI. bei der Generalaudienz am 16. Januar 2013

Jesus Christus, Mittler und Fülle der Offenbarung

Vatikanstadt, (ZENIT.org) | 1537 klicks

In seiner heutigen Katechese zur Generalaudienz sprach Papst Benedikt XVI. über den menschlichen Wunsch, das „Antlitz“ Gottes zu sehen. Und über die wunderbare Antwort Gottes auf diesen Wunsch: Die Menschwerdung, durch die Gott ein menschliches Gesicht bekommt. Das Gesicht Jesu Christi.

[Wir dokumentieren die Ansprache in einer eigenen Übersetzung:]

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Liebe Brüder und Schwestern!

Die Dogmatische Konstitution Dei Verbum über die göttliche Offenbarung des Zweiten Vatikanischen Konzils besagt, dass uns die Tiefe der durch die Offenbarung über Gott erschlossenen Wahrheit „in Christus“ aufleuchtet, „der zugleich der Mittler und die Fülle der ganzen Offenbarung“ ist (Nr. 2). Den Berichten des Alten Testamentes zufolge hat Gott dem Menschen nach der Erschaffung der Erde trotz des Sündenfalles und trotz dessen Hochmuts, an die Stelle seines Schöpfers zu treten, erneut die Möglichkeit der Freundschaft angeboten. Dies erfolgte vor allem durch den Bund mit Abraham und den Weg eines kleinen Volkes, des Volkes Israel, das von Gott nicht nach den Kriterien der irdischen Macht, sondern allein aus Liebe auserwählt wurde. Diese Entscheidung bleibt ein Mysterium. Sie offenbart uns den Stil Gottes, der seinen Ruf an einige richtet, nicht um andere auszuschließen, sondern damit sie zu Brücken werden, die zu ihm hinführen. Bei der Betrachtung der Geschichte des Volkes Israel zeichnen sich die Etappen eines langen Weges ab, auf dem sich Gott erkennbar macht, sich offenbart und mit Worten und Taten in die Geschichte eintritt. Zur Vollbringung seines Werkes bedient sich Gott Mittlern wie Moses, den Propheten und Richtern. Diese teilen dem Volk seinen Willen mit, erinnern an die Notwendigkeit der Treue zum Bündnis und halten die Erwartung der vollkommenen und endgültigen Erfüllung der göttlichen Verheißung wach.

Die Erfüllung dieser Verheißung war Gegenstand unseres Nachdenkens zu Weihnachten: Die Offenbarung Gottes erreicht ihren Höhepunkt, ihre Vollendung. Mit Jesus von Nazareth besucht Gott sein Volk wahrhaftig; er besucht die Menschheit in einer Form, die alle Erwartungen übersteigt: indem er seinen eingeborenen Sohn sendet und in ihm selbst zum Menschen wird. Jesus erzählt uns nicht einfach nur „etwas über Gott“; er ist die Offenbarung Gottes, weil er Gott selbst ist und uns das Gesicht Gottes zeigt. Im Prolog seines Evangeliums schreibt Johannes: „Niemand hat Gott je gesehen. Der Einzige, der Gott ist und am Herzen des Vaters ruht, er hat Kunde gebracht“ (Joh 1,18).

Ich möchte nun bei der „Offenbarung des göttlichen Angesichtes” verweilen. In diesem Zusammenhang berichtet uns der hl. Johannes in seinem Evangelium von einem bedeutsamen Ereignis. Als der Beginn seines Leidensweges näher kam, beruhigte Jesus seine Jünger und rief sie dazu auf, keine Angst zu haben und den Glauben zu bewahren; daraufhin begann er einen Dialog über Gott den Vater mit ihnen (vgl. Joh 14,2-9). Dabei wird Jesus mit folgender Bitte des Apostels Philippus konfrontiert: „Herr, zeig uns den Vater; das genügt uns“ (Joh 14,8). Der Zugang des Philippus ist sehr praktisch und konkret: Er möchte den Vater „sehen“, das Antlitz des Vaters sehen. Die Antwort Jesu führt uns ein in das Herz des christologischen Glaubens der Kirche; so spricht der Herr folgende Worte: „Wer mich gesehen hat, hat den Vater gesehen“ (Joh 14,9). Dieser Satz enthält eine Zusammenfassung der Botschaft des Neuen Testaments; die in der Grotte von Betlehem erschienen ist: Gott ist sichtbar, er hat sein Angesicht offenbart und kann in Jesus Christus betrachtet werden.    

Das Thema der „Suche nach dem Angesicht Gottes” zieht sich wie ein leuchtender Faden durch das gesamte Alte Testament. So kommt der hebräische Begriff  panîm, der im Deutschen „Gesicht” bedeutet, insgesamt 400 Mal darin vor, wobei sich das Wort in 100 Fällen auf Gott bezieht. Dennoch scheint die „Betrachtung des Bildes“ im Judentum, das Bilder zur Gänze verbietet, da Gott nicht darstellbar ist, im Unterschied zur Götzenverehrung benachbarter Völker vollkommen aus dem Kult und den Werken der Barmherzigkeit ausgeschlossen zu sein. Was bedeutet für den barmherzigen Israeliten nun die Suche nach dem Gesicht Gottes im Bewusstsein der Notwendigkeit einer vollkommenen Abwesenheit von Bildern? Dabei handelt es sich um eine wesentliche Frage: Einerseits soll gesagt werden, dass Gott sich nicht auf ein Objekt, ein bloßes Bild, reduzieren lässt und durch nichts ersetzbar ist. Andererseits wird behauptet, dass er ein Gesicht besitzt und daher ein „Du“ ist, das in Beziehung treten kann und nicht eingeschlossen im Himmel auf die Menschheit herabsieht. Gott steht zweifellos über allen Dingen, doch er wendet sich uns zu, hört uns an; er sieht, spricht, schließt Bündnisse und besitzt die Fähigkeit zur Liebe. Die Heilsgeschichte ist die Geschichte dieser Beziehung zu Gott, der sich dem Menschen nach und nach offenbart und ihn sein Angesicht schauen lässt.

In der Liturgie vom 1. Januar 2013, zu Beginn dieses Jahres, haben wir das wunderbare Segensgebet für das Volk vernommen: „Der Herr segne dich und behüte dich. Der Herr lasse sein Angesicht über dich leuchten und sei dir gnädig. Der Herr wende sein Angesicht dir zu und schenke dir Heil“ (Num 6,24-26). Das Strahlen des göttlichen Angesichtes ist der Quell des Lebens und lässt uns die Wirklichkeit erkennen; das Licht seines Angesichts gibt unserem Leben die Führung. Im Alten Testament begegnet uns eine Figur, die auf ganz besondere Weise mit dem Thema des „Angesichts Gottes“ verbunden ist. Es handelt sich um die Figur des Mose, den Gott dazu auserwählt, das Volkes aus der Sklavenschaft in Ägypten zu befreien, indem er ihm das Gesetz des Bundes anvertraut, und dieses Volk in das verheißene Land zu führen. Dennoch geht aus Kapitel 33 des Buches Exodus hervor, dass Moses eine enge und vertraute Beziehung zu Gott pflegte: „Der Herr und Mose redeten miteinander Auge in Auge, wie Menschen miteinander reden” (2. Mose 33,11). Kraft dieses Vertrauens wendet sich Mose mit folgender Bitte an Gott: „Lass mich doch deine Herrlichkeit sehen!“ Der Herr gibt ihm eine klare Antwort darauf: „Ich will meine ganze Schönheit vor dir vorüberziehen lassen und den Namen des Herrn vor dir ausrufen … Du kannst mein Angesicht nicht sehen; denn kein Mensch kann mich sehen und am Leben bleiben … Hier, diese Stelle da! … du wirst meinen Rücken sehen. Mein Angesicht aber kann niemand sehen“ (2. Mose 33,18-23). Dem nahezu freundschaftlichen Dialog von Angesicht zu Angesicht steht also die Unmöglichkeit gegenüber, in diesem Leben das Antlitz Gottes zu schauen. Dieses bleibt uns verborgen. Die Perspektive ist eingeschränkt. Wir können Gott nur nachfolgen und unseren Blick auf seinen Rücken gerichtet halten.

Eine unverhoffte Wende im Zusammenhang mit der Suche nach dem Angesicht Gottes vollzieht sich durch die Menschwerdung, mit der das Gesicht unseren Augen zugänglich wird. Es handelt sich um das Gesicht Jesu, des menschgewordenen Sohnes Gottes. Mit ihm gelangt der mit dem Aufruf Gottes an Abraham begonnene Weg der Offenbarung Gottes zur Vollendung. Er ist die Fülle dieser Offenbarung, denn er ist der Sohn Gottes und zugleich „Mittler und die Fülle der ganzen Offenbarung“ (Dogm. Konst. Dei Verbum, 2). In ihm treffen der Inhalt und der Urheber der Offenbarung zusammen. Jesus zeigt uns das Gesicht Gottes und lässt uns den Namen Gottes erkennen. Im Abschiedsgebet des Herrn beim letzten Abendmahl spricht er folgende Worte zu dem Vater: „Ich habe deinen Namen den Menschen offenbart … Ich habe ihnen deinen Namen bekannt gemacht“ (vgl. Joh 17,6.26). Der Ausdruck „Name Gottes“ bezeichnet Gott als den, der unter den Menschen gegenwärtig ist. Gott hat Mose bei dem brennenden Dornbusch seinen Namen offenbart, sich als anrufbar gezeigt und ein konkretes Zeichen seines „Daseins“ unter den Menschen gesetzt. All das gelangte mit Jesus zur Vollendung und zur Fülle: Er eröffnet eine neue Form der Gegenwart Gottes in der Geschichte; seinen Worten auf die Frage von Philippus zufolge sieht der, der ihn sieht, den Vater (vgl. Joh 14,9). Nach dem hl. Bernhard ist das Christentum die „Religion des Wortes Gottes“. Damit ist nicht ein „geschriebenes und stummes Wort“ gemeint, sondern das „menschgewordene und lebendige Wort“ (Hom. super missus est, IV, 11: PL 183, 86B; eigene Übersetzung). In der patristischen und mittelalterlichen Tradition wird diesem Gedanken mit einer speziellen Formel Ausdruck verliehen: Jesus ist das Verbum abbreviatum (vgl. Röm 9,28, nach Is 10,23), er ist die Abkürzung und der Kern des Wortes des Vaters; er hat uns alles über ihn gesagt.

Mit Jesus gelangt auch die Vermittlung zwischen Gott und dem Mensch zur Vollendung. Das Alte Testament enthält eine Reihe von Figuren, die sich dieser Aufgabe annahmen; vor allem Moses, der entsprechend der Definition des Alten Testamentes als Befreier, Führer und „Mittler“ des Bundes fungierte  (vgl. Gal 3,19; Apg 7,35; Joh 1,17). Jesus, der wahre Gott und Mensch, ist nicht nur einer der Mittler zwischen Gott und den Menschen. Er ist „der Mittler“ des Neuen und Ewigen Bundes (vgl. Heb 8,6; 9,15; 12,24); nach den Worten des hl. Paulus ist nur einer Gott und nur „einer auch Mittler zwischen Gott und den Menschen: der Mensch Christus Jesus“ (1 Tim 2,5; vgl. Gal 3,19-20). In ihm erkennen wir den Vater und begegnen ihm; in ihm können wir Gott mit dem Namen „Abba, Vater“ anrufen; in ihm wird uns das Geschenk des Heils zuteil.

Unsere gesamte Existenz sollte auf die Begegnung mit ihm, auf die Liebe zu ihm, ausgerichtet sein; in dieser Liebe sollte auch die Nächstenliebe einen zentralen Stellenwert einnehmen. Diese lässt uns das Angesicht Jesu im Lichte des Kreuzes im Armen, im Schwachen, im Leidenden erkennen. Dies gelingt nur, wenn uns das wahre Gesicht Jesu durch das Hören seines Wortes und selbstverständlich über das Geheimnis der Eucharistie vertraut geworden ist. Dazu ist der im Evangelium des hl. Lukas enthaltene Abschnitt über die beiden Jünger von Emmaus, die Jesus am Brechen des Brotes erkennen, erhellend. In der großen Schule der Eucharistie erlernen auch wir das Schauen des Angesichts Gottes; wir treten ein in eine innige Beziehung zu ihm; zugleich erlernen wir, den Blick auf den Endpunkt der Geschichte gerichtet zu halten, wenn er uns mit dem Licht seines Angesichtes erfüllen wird. Während unserer irdischen Wanderschaft bewegen wir uns auf diese Fülle zu, in der Erwartung der Vollendung des Reiches Gottes. Danke.