Ansprache von Papst Benedikt XVI. bei der Generalaudienz am 2. Januar 2013

Empfangen durch den Heiligen Geist

Vatikanstadt, (ZENIT.org) | 1265 klicks

In der ersten Katechese des neuen Jahres ging der Heilige Vater auf das Thema der Herkunft Jesu ein. Auch wenn die irdische Herkunft Jesu schon seinen Zeitgenossen klar gewesen sei, gebe es etwas, was für uns Christen viel wichtiger sei: seine Herkunft vom Vater. Hierin offenbare sich das große Mysterium Gottes, der Mensch geworden und die Menschen zu seinen Kindern gemacht habe.

[Wir dokumentieren die Ansprache in einer eigenen Übersetzung:]

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Liebe Brüder und Schwestern!

Die Geburt des Herrn erleuchtet noch einmal mit ihrem Licht die Finsternis, die so oft unsere Welt und unsere Herzen umnachtet, und bringt uns Hoffnung und Freude. Woher kommt dieses Licht? Aus dem Stall zu Betlehem, wo die Hirten „Maria und Josef und das Kind, das in der Krippe lag“, fanden (Lk 2,16). Aber angesichts der Heiligen Familie kommt eine neue, tiefere Frage auf: Wie konnte dieses kleine, hilflose Kind eine so tiefe Veränderung in die Welt bringen, dass es die Menschheitsgeschichte veränderte? Muss nicht etwas Geheimnisvolles in seinem Ursprung liegen, das über jenen Stall hinausgeht? Die Frage über die Herkunft Jesu stellt sich immer wieder aufs Neue. Es ist dieselbe Frage, die schon Pontius Pilatus stellte, als er Jesus verhörte: „Woher stammst du?“ (Joh 19,9). Und doch ist seine Herkunft eindeutig. Als Jesus, wie im Johannesevangelium steht, von sich behauptete: „Ich bin das Brot, das vom Himmel herabgekommen ist“, murrten die Juden gegen ihn und sagten: „Ist das nicht Jesus, der Sohn Josefs, dessen Vater und Mutter wir kennen? Wie kann er jetzt sagen: Ich bin vom Himmel herabgekommen?“ (Joh 6,42). Und wenig später weigern sich die Bürger Jerusalems, Jesus als den Messias anzuerkennen, mit der Begründung: „Von dem hier wissen wir, woher er stammt; wenn jedoch der Messias kommt, weiß niemand, woher er stammt“ (Joh 7,27). Jesus selbst gibt ihnen zu bedenken, wie unzulänglich ihr Wissen über seine Herkunft sei, und gibt damit schon einen Hinweis auf seinen wahren Ursprung: „Ich bin nicht in meinem eigenen Namen gekommen, sondern er, der mich gesandt hat, bürgt für die Wahrheit. Ihr kennt ihn nur nicht“ (Joh 7,28). Natürlich stammt Jesus aus Nazaret und ist in Betlehem geboren; doch was wissen wir über seine wahre Herkunft?

Aus den vier Evangelien geht die Antwort auf die Frage, „woher“ Jesus stammt, eindeutig hervor: Sein wahrer Ursprung liegt beim Vater, bei Gott; Jesus kommt ganz von ihm, aber auf eine andere Weise, als die Propheten und Gesandten Gottes, die vor ihm gelebt haben. Diese Herkunft aus dem Mysterium Gottes, „das niemand kennt“, ist schon in den Kindheitsgeschichten des Matthäus- und Lukasevangeliums enthalten, die wir in dieser Weihnachtszeit gelesen haben. Der Engel Gabriel verkündet: „Der Heilige Geist wird über dich kommen, und die Kraft des Höchsten wird dich überschatten. Deshalb wird auch das Kind heilig und Sohn Gottes genannt werden“ (Lk 1,35). Wir wiederholen diese Worte jedes Mal, wenn wir unser Glaubensbekenntnis sprechen: „Et incarnatus est de Spritu Sancto, ex Maria Virgine“, „Empfangen durch den Heiligen Geist, geboren von der Jungfrau Maria“. Bei diesen Worten senken wir den Kopf, weil der Schleier, der Gott vor unseren Blicken verbarg, sozusagen geöffnet wird und sein unergründliches Mysterium uns berührt: Gott wird zum Immanuel, zum „Gott, der mit uns ist“. Wenn wir die Messen der großen Komponisten sakraler Musik hören – ich denke etwa an Mozarts Krönungsmesse, – fällt sofort auf, dass sie bei diesem Satz auf besondere Weise verweilen, als ob sie mit der universellen Sprache der Musik sagen wollten, was nicht in Worte zu fassen ist: das große Mysterium Gottes, der Mensch wird, sich zum Menschen macht.

Wenn wir die Worte „Empfangen durch den Heiligen Geist, geboren von der Jungfrau Maria“ aufmerksam betrachten, werden wir feststellen, dass sie vier handelnde Hauptpersonen voraussetzen. Ausdrücklich genannt werden der Heilige Geist und Maria, aber unausgesprochen wirkt hier auch der Sohn mit, der sich im Leib der Jungfrau zum Menschen macht. Im Glaubensbekenntnis werden Jesus verschiedene Attribute zugeschrieben: „Herr…, Christus, der Sohn Gottes…, Licht vom Licht, wahrer Gott vom wahren Gott…, eines Wesens mit dem Vater“ (Nicäno-Konstantinopolitanum). Daher verweist der Sohn auch auf den Vater. Der Vater, der eins ist mit dem Sohn und dem Heiligen Geist, ist also die erste handelnde Person in der Menschwerdung Christi.

Dieser Glaubenssatz betrifft nicht das ewige Wesen Gottes, sondern zeigt uns stattdessen eine Handlung, an der die drei Personen der göttlichen Dreifaltigkeit teilnehmen und die sich in der Jungfrau Maria verwirklicht. Ohne sie wäre der Einzug Gottes in die Geschichte der Menschheit nicht möglich gewesen, und es hätte nicht stattfinden können, was in unserem Glaubensbekenntnis so zentral ist: Gott ist ein Gott, der mit uns ist. So gehört Maria auf untrennbare Weise zu unserem Glauben an den handelnden Gott, der in die Geschichte eintritt. Sie stellt ihre ganze Person zur Verfügung und akzeptiert, dass ihr Leib zum Wohnort Gottes wird.

Manchmal spüren auch wir unsere Grenzen im Leben und im Glauben, unsere Unzulänglichkeit vor dem Zeugnis, das wir vor der Welt ablegen sollen. Doch Gott hat eine unbedeutende Jungfrau auserwählt, in einem kleinen Dorf einer entlegenen Provinz des großen römischen Reiches. Immer, auch inmitten der größten Schwierigkeiten, müssen wir Gott vertrauen und unseren Glauben in seine Gegenwart und sein Wirken in unserer Geschichte erneuern. Nichts ist für Gott unmöglich! Mit ihm bewegt sich unser Leben immer auf sicherem Boden und öffnet sich einer Zukunft fester Hoffnung.

Wenn wir bekennen, dass Jesus „Fleisch geworden ist durch den Heiligen Geist von der Jungfrau Maria“, dann sagen wir damit, dass der Heilige Geist, der die Kraft des Allerhöchsten ist, auf geheimnisvolle Weise in der Jungfrau Maria die Empfängnis des Gottessohns gewirkt hat. Der Evangelist Lukas hat uns die Worte des Erzengels Gabriel überliefert: „Der Heilige Geist wird über dich kommen, und die Kraft des Höchsten wird dich überschatten“ (Lk 1,35). In diesen Worten erkennt man zwei Anspielungen. Die erste bezieht sich auf die Schöpfungsgeschichte. Am Anfang der Genesis lesen wir: „Gottes Geist schwebte über dem Wasser“ (Gen 1,2). Es handelt sich um den schöpferischen Geist, der allen Dingen und auch dem Menschen das Leben gegeben hat. Was durch das Wirken des Heiligen Geistes in Maria geschieht, ist eine zweite Schöpfung: Gott, der alle Wesen aus dem Nichts heraus ins Dasein gerufen hat, schenkt der Menschheit durch die Menschwerdung seines Sohnes einen neuen Anfang. Die Kirchenväter sprechen oft von Christus als vom neuen Adam und betonen damit, dass die neue Schöpfung mit der Geburt des Gottessohns von der Jungfrau Maria beginnt. Das führt zur Überlegung, dass der Glaube auch in uns eine so tiefe Erneuerung hervorruft, dass sie einer zweiten Geburt gleichkommt. Tatsächlich steht am Anfang unseres Christseins die Taufe, durch die wir als Kinder Gottes wiedergeboren werden und an der Vater-Sohn-Beziehung teilhaben dürfen, die Jesus zum Vater hatte. Ich will eigens betonen, dass wir die Taufe „empfangen“: In diesem Sakrament ist unsere Rolle passiv, denn niemand kann sich selbst zum Sohn machen. Es ist ein Geschenk, das uns zu teil wird. Paulus spricht von diesem Geschenk, das alle Christen zu Adoptivkindern Gottes macht, wenn er in einem wichtigen Passus des Römerbriefs schreibt: „Alle, die sich vom Geist Gottes leiten lassen, sind Söhne Gottes. Denn ihr habt nicht einen Geist empfangen, der euch zu Sklaven macht, so dass ihr euch immer noch fürchten müsstet, sondern ihr habt den Geist empfangen, der euch zu Söhnen macht, den Geist, in dem wir rufen: Abba, Vater! So bezeugt der Geist selber unserem Geist, dass wir Kinder Gottes sind“ (Röm 8,14-16). Kinder, keine Sklaven. Nur wenn wir uns wie Maria dem Wirken Gottes öffnen, nur indem wir unser Leben dem Herrn anvertrauen wie einem Freund, dem wir blind vertrauen, wird alles anders, erhält unser Leben einen neuen Sinn und ein neues Gesicht: Wir sind Kinder eines Vaters, der uns liebt und nie verlässt.

Ich habe von zwei Anspielungen gesprochen: Die erste gilt dem Geist Gottes, der über dem Wasser schwebt, dem schöpferischen Geist; aber es liegt noch eine zweite Anspielung in der Verkündigung.

Der Engel sagt zu Maria: „Die Kraft des Höchsten wird dich überschatten“. Darin liegt eine Anspielung auf die Wolke, die im Exodus das Offenbarungszelt verhüllte, die Bundeslade, die das Volk Israel mit sich trug und die die Gegenwart Gottes zeigte (vgl. Ex 40,34-38). Maria ist das neue Offenbarungszelt, die neue Bundeslade: mit ihrem Ja zu den Worten des Erzengels erhält Gott eine Wohnstatt in dieser Welt; er, den das Weltall nicht umfassen kann, zieht in den Schoß einer Jungfrau ein.

Wir wollen also zur Frage zurückkehren, die wir uns am Anfang gestellt haben: die Frage über die Herkunft Jesu, die Pilatus so formulierte: „Woher stammst du?“. Nach allem, was wir gesagt haben, geht schon aus dem Anfang der Evangelien klar hervor, woher Jesus stammt: Er ist der Sohn Gottes, er kommt von Gott. Das ist das große, erschütternde Mysterium, das wir in der Weihnachtszeit feiern: Der Sohn Gottes ist durch das Wirken des Heiligen Geistes im Schoß der Jungfrau Maria Mensch geworden. Diese Botschaft klingt immer wieder neu und bringt unseren Herzen Hoffnung und Freude, weil sie uns immer wieder die Gewissheit gibt, dass auch wenn wir uns schwach und ohnmächtig fühlen angesichts des Bösen in der Welt, die Macht Gottes immer tätig ist und gerade durch die Schwachen Wunder wirkt. Seine Gnade ist unsere Stärke (vgl. 2 Kor 12,9-10). Danke!

[Nach der Ansprache grüßte der Papst die deutschsprachigen Pilger mit folgenden Worten:]

Mit Freude heiße ich alle deutschsprachigen Gäste willkommen, besonders die Pilger des Youcat-Zentrums in Augsburg. Das Kind von Bethlehem ist wirklich der „Immanuel“, der „Gott mit uns“. Gott bleibt nicht irgendwo weit hinter den Wolken; er ist da, er hat seinen Sohn gesandt, um die Welt zu erneuern. Und so ist dies für uns ein Ansporn, dass auch wir uns erneuern lassen, verwandeln lassen, als neue Menschen aus diesem neuen Beginn her leben. Dabei ist uns Maria, in der er Fleisch angenommen hat durch ihr Ja, Vorbild im Glauben und im Vertrauen auf Gott, auf sein Handeln in uns. Der Herr begleite euch alle in diesem neuen Jahr. Allen wünsche ich ein gutes und gesegnetes neues Jahr!

[© 2013 – Libreria Editrice Vaticana]