Ansprache von Papst Benedikt XVI. bei der Generalaudienz am 23. Januar 2013

Ich glaube an Gott

Vatikanstadt, (ZENIT.org) | 2636 klicks

In seiner heutigen Katechese zur Generalaudienz hat der Heilige Vater mit der Analyse des Glaubensbekenntnisses begonnen, dessen Verständnis in diesem Jahr des Glaubens besonders wichtig erscheint. Dabei hat sich der Papst heute nur auf den ersten Satz beschränkt: „Ich glaube an Gott“. Eine scheinbar schlichte und einfache Aussage, die aber von ungeheurer Tragweite ist.

[Wir dokumentieren die Ansprache in einer eigenen Übersetzung:]

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Liebe Brüder und Schwestern!

In diesem Jahr des Glaubens möchte ich heute beginnen, mit euch über das Glaubensbekenntnis nachzudenken, das unser Leben im Glauben begleitet. Das Glaubensbekenntnis beginnt mit: „Ich glaube an Gott“. Das ist eine grundlegende Aussage. Scheinbar so einfach und elementar, eröffnet sie in Wirklichkeit das Tor zur endlos weiten Welt unserer Beziehungen zum Herrn und zu seinen Mysterien. An Gott glauben bedeutet, sich zu ihm zu bekennen, sein Wort aufzunehmen und seiner Offenbarung freudig zu folgen. Der Katechismus der Katholischen Kirche lehrt: „Der Glaube ist ein persönlicher Akt: die freie Antwort des Menschen auf die Einladung des sich offenbarenden Gottes“ (Nr. 166). Der Glaube an Gott ist daher ein Geschenk – Gott offenbart sich, kommt auf uns zu – und zugleich eine Aufgabe; eine Gnade Gottes und eine menschliche Verantwortung, durch die wir die Erfahrung eines Dialogs mit Gott machen, der aus Liebe „die Menschen anredet wie Freunde“ (Dei Verbum, 2), zu uns spricht, damit wir im Glauben und durch den Glauben mit ihm in Gemeinschaft treten können.

Wo können wir sein Wort hören? Grundlegend ist die Heilige Schrift, in der das Wort Gottes für uns hörbar wird und unser Leben als „Freunde“ Gottes nährt. Die ganze Bibel erzählt davon, wie Gott sich der Menschheit offenbart; die ganze Bibel spricht vom Glauben und unterrichtet uns im Glauben, indem sie uns davon berichtet, wie Gott seinen Heilsplan für die Menschen verwirklicht und sich den Menschen annähert, mittels zahlreicher glanzvoller Personen, die an ihn glauben und sich ihm anvertrauen, bis hin zur vollen Offenbarung in Jesus Christus.

Sehr schön ist in diesem Zusammenhang das elfte Kapitel des Hebräerbriefs, das wir soeben gehört haben. Hier ist vom Glauben die Rede und von den großen biblischen Gestalten, die den Glauben vorgelebt haben und für alle Gläubigen zum Vorbild geworden sind. Paulus schreibt: „Glaube aber ist: Feststehen in dem, was man erhofft, Überzeugtsein von Dingen, die man nicht sieht“ (11,1). Mit den Augen des Glaubens kann man das Unsichtbare sehen, und das Herz eines Gläubigen kann jenseits jeder Hoffnung hoffen, genau wie Abraham, von dem Paulus im Römerbrief sagt: „Gegen alle Hoffnung hat er voll Hoffnung geglaubt“ (4,18).

Bei Abraham will ich ein wenig verweilen, weil er die erste große Gestalt ist, die uns Anlass gibt, über den Glauben an Gott zu sprechen: Abraham, der große Patriarch, Vorbild und Vater aller Gläubigen (vgl. Röm 4,11-12). Im Hebräerbrief steht über ihn: „Aufgrund des Glaubens gehorchte Abraham dem Ruf, wegzuziehen in ein Land, das er zum Erbe erhalten sollte; und er zog weg, ohne zu wissen, wohin er kommen würde. Aufgrund des Glaubens hielt er sich als Fremder im verheißenen Land wie in einem fremden Land auf und wohnte mit Isaak und Jakob, den Miterben derselben Verheißung, in Zelten; denn er erwartete die Stadt mit den festen Grundmauern, die Gott selbst geplant und gebaut hat“ (11,8-10).

Der Verfasser des Hebräerbriefs bezieht sich hier auf die Berufung Abrahams, von der die Genesis, das erste Buch der Bibel, erzählt. Was verlangt Gott von diesem Patriarchen? Er trägt ihm auf, sein Land zu verlassen und in ein neues Land zu ziehen, das er ihm zeigen wird: „Zieh weg aus deinem Land, von deiner Verwandtschaft und aus deinem Vaterhaus in das Land, das ich dir zeigen werde“ (Gen 12,1). Wie hätten wir auf eine solche Aufforderung reagiert? Es handelt sich um eine Fahrt ins Ungewisse; Abraham weiß nicht, wohin Gott ihn führen wird; diese Reise erfordert einen bedingungslosen Gehorsam und ein Vertrauen, das uns nur im Glauben zugänglich wird. Doch das Dunkel des Ungewissen, auf das Abraham sich zubewegt, wird vom Licht einer Verheißung erhellt; Gott fügt seinem Befehl ein tröstendes Wort bei, das vor Abraham eine leuchtende Zukunft erschließt: „Ich werde dich zu einem großen Volk machen, dich segnen und deinen Namen groß machen. Ein Segen sollst du sein… Durch dich sollen alle Geschlechter der Erde Segen erlangen“ (Gen 12,2.3).

Der Segen ist in der Heiligen Schrift an erster Stelle mit der Gabe des Lebens verbunden, das von Gott kommt und sich vor allem in der Fruchtbarkeit zu erkennen gibt; das heißt, in einem Leben, das sich von Generation zu Generation vervielfacht. Und mit dem Segen ist auch der Besitz eines Landes verbunden; eines bleibenden Ortes, in dem man in Freiheit und Sicherheit leben und wachsen kann, gottesfürchtig und willens, eine Gesellschaft von Menschen aufzubauen, die dem Bund treu sind, „ein Reich von Priestern und ein heiliges Volk“ (vgl. Ex 19,6).

Deshalb ist Abraham in den Plänen Gottes dazu bestimmt, „Stammvater einer Menge von Völkern“ zu werden (Gen 17,5; vgl. Rm 4,17-18) und in ein neues Land zu ziehen, das sein Erbe werden soll. Doch Sara, seine Frau, ist unfruchtbar, und das Land, wohin Gott ihn führt, ist weit von seinem Ursprungsland entfernt und bereits von anderen Völkern bewohnt. Es wird ihm nie allein gehören. Der Verfasser der Genesis betont dies, wenn auch auf sehr diskrete Weise. Als Abraham den Ort der göttlichen Verheißung erreicht, heißt es: „Die Kanaaniter waren damals im Land“ (Gen 12,6). Das Land, das Gott Abraham versprochen hat, wird ihm nie ganz gehören; er ist ein Fremder und wird es bleiben, mit allen Folgen, die dieser Stand mit sich bringt: keinen Anspruch auf Besitz erheben können, sich immer als arm empfinden, alles als ein Geschenk betrachten müssen. Das ist auch die geistige Einstellung jedes Menschen, der bereit ist, dem Herrn zu folgen und seiner Berufung Folge zu leisten, im Namen seines unsichtbaren, aber mächtigen Segens. Abraham, „Vater der Gläubigen“, folgt Gottes Ruf voller Glauben. Im Römerbrief schreibt Paulus: „Gegen alle Hoffnung hat er voll Hoffnung geglaubt, dass er der Vater vieler Völker werde, nach dem Wort: So zahlreich werden deine Nachkommen sein. Ohne im Glauben schwach zu werden, war er, der fast Hundertjährige, sich bewusst, dass sein Leib und auch Saras Mutterschoß erstorben waren. Er zweifelte nicht im Unglauben an der Verheißung Gottes, sondern wurde stark im Glauben und er erwies Gott Ehre, fest davon überzeugt, dass Gott die Macht besitzt zu tun, was er verheißen hat“ (Röm 4,18-21).

Der Glaube führt Abraham dazu, einen paradoxen Weg zu gehen. Er wird gesegnet sein, aber ohne die äußeren Zeichen des Segens: Er erhält das Versprechen, Stammvater einer Menge von Völkern zu werden, muss aber mit der Unfruchtbarkeit seiner Frau Sara leben; er wird in eine neue Heimat geführt, muss dort aber als Fremder leben und der einzige Besitz, den er dort erwerben wird, ist ein Stück Land, um Sara zu begraben (vgl. Gen 23 1-20). Abraham ist gesegnet, weil er im Glauben den Segen Gottes erkennen kann, jenseits allen oberflächlichen Anscheins, im Vertrauen auf die Nähe Gottes, auch wenn seine Wege geheimnisvoll erscheinen.

Doch was bedeutet das alles für uns? Wenn wir sagen: „Ich glaube an Gott“, dann sagen wir wie Abraham: „Ich vertraue dir, Herr, und vertraue mich dir an“; nicht jedoch wie jemandem, an den wir uns nur wenden, wenn wir Probleme haben, oder dem wir nur wenige Augenblicke des Tages oder der Woche widmen können. Wenn ich sage: „Ich glaube an Gott“, dann heißt das, dass ich mein Leben auf ihn gründen will, mich täglich von seinem Wort leiten lassen will, in all meinen Entscheidungen, ohne Angst, dadurch etwas von mir verlieren zu können. Wenn im Taufritus dreimal die Frage gestellt wird: „Glaubt ihr?“ – an Gott, Jesus Christus, den Heiligen Geist, die heilige katholische Kirche und die anderen Glaubenswahrheiten – dann lautet die Antwort dreimal im Singular: „Ich glaube“, denn es ist mein persönliches Dasein, das durch die Gabe des Glaubens eine Erneuerung erfahren muss. Jedes Mal, wenn wir an einer Taufe teilnehmen, müssten wir uns fragen, wie wir im Alltag zu dieser großen Gabe des Glaubens stehen.

Abraham, der Gläubige, lehrt uns den Glauben, und als einer, der auf der Erde fremd bleibt, zeigt er uns unsere wahre Heimat. Der Glaube macht uns zu Pilgern auf der Erde, die zwar Teil der Welt und ihrer Geschichte sind, sich aber auf dem Weg zu ihrer himmlischen Heimat befinden. Der Glaube an Gott macht uns zu Trägern von Werten, die oft nicht mit der Mode und der vorherrschenden Meinung des Augenblicks übereinstimmen, und fordert von uns ein Verhalten, das nicht immer der gängigen Art zu denken entspricht. Ein Christ darf sich nicht fürchten, „gegen den Strom zu gehen“; er muss der Versuchung wiederstehen, „sich anzupassen“. In vielen modernen Gesellschaften ist Gott zum großen Abwesenden geworden, und an seine Stelle sind zahlreiche Götzen getreten, allen voran der Besitz und das ungebundene Ich. Auch die beachtenswerten und positiven Fortschritte der Wissenschaften und der Technik haben dazu beigetragen, im Menschen die Illusion der Allmacht und der Ungebundenheit zu wecken, während ein stetig wachsender Egozentrismus nicht wenige Probleme im Bereich der zwischenmenschlichen Beziehungen und der sozialen Verhaltensweisen geschaffen hat.

Und doch ist der „Durst nach Gott“ (vgl. Ps 63,2) nicht erloschen, und die Botschaft des Evangeliums hallt immer noch in den Worten und Taten vieler gläubiger Menschen wieder. Abraham, der Vater der Gläubigen, hat auch heute noch zahllose Kinder, die seinen Spuren folgen und sich auf den Weg machen, dem Ruf Gottes folgend und im Vertrauen auf die wohlwollende Anwesenheit des Herrn; Menschen, die seinen Segen annehmen und selbst zum Segen für andere werden. Es ist die im Glauben gesegnete Welt, zu der wir alle berufen sind, um ohne Furcht unserem Herrn Jesus Christus zu folgen. Dieser Weg ist manchmal schwer, er kennt auch Leiden und Tod; aber er führt zum Leben, in einer radikalen Verwandlung der Realität, die nur mit den Augen des Glaubens erkannt werden kann.

Die Aussage „Ich glaube an Gott“ drängt uns also dazu, aus uns selbst herauszugehen, wie Abraham, um in unseren Alltag die Gewissheit des Glaubens hineinzutragen: die Gewissheit nämlich, dass Gott in der Geschichte anwesend ist, auch heute, und dass seine Anwesenheit Leben und Rettung bringt und uns eine Zukunft erschließt, in der wir die Fülle eines nie endenden Lebens in Gemeinschaft mit ihm kennen lernen werden.

[Nach der Ansprache grüßte der Papst die deutschsprachigen Pilger mit folgenden Worten:]

Von Herzen grüße ich die deutschsprachigen Pilger und Besucher. Besonders grüße ich natürlich die Delegation aus Hufschlag, wo ich meine schönen Jugendjahre verbracht habe. Danke für euren Besuch! Auch in unserem Leben gibt es immer wieder, wir wissen es, Prüfungen. Wenn wir dann sagen: Ich glaube an Gott!, dürfen wir zugleich mit Abraham sagen, Herr, ich vertraue dir, ich vertraue mich dir an! Durch den Glauben gründen wir unser Leben auf Gott. Der Herr selbst wird uns die Gnade schenken, ohne Angst, getreu und gerecht auf seinem Weg zu gehen. Danke.

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