Ansprache von Papst Benedikt XVI. bei der Generalaudienz am 26. April 2012

Katechese über die Herausforderungen der frühen Kirche

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ROM, 25. April 2012 (ZENIT.org). - Im Mittelpunkt der Katechese Papst Benedikts XVI. in seiner Mittwochsaudienz, in der er seine Betrachtungen über das Gebet fortführte, stand der Primat des Gebetes und der Verkündigung des Wortes Gottes (vgl. Apg 6,1-7). Schon die frühe Kirche sei in Gefahr gewesen, Spaltungen zu erleiden. Die rechte Ausgewogenheit in der Verkündigung zwischen der Barmherzigkeit Gottes und seiner Gerechtigkeit habe bereits Spannungen erzeugt. Die Aufgabe der Verkündigung des Wortes Gottes habe höchste Priorität.

[Wir dokumentieren die Ansprache im Wortlaut in einer eigenen Übersetzung:]

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Liebe Brüder und Schwestern,

in der Katechese der letzten Woche erkannten wir, dass die Kirche bereits in ihren Anfängen mit unvorhergesehenen Ereignissen, neuen Fragen und Bedürfnissen konfrontiert wurde, denen sie im Licht des Glaubens und unter der Führung des Heiligen Geistes zu begegnen versuchte. Heute möchte ich bei der Betrachtung eines weiteren Ereignisses dieser Art verweilen. Nach der Schilderung des Apostels Lukas in Kapitel 6 der „Apostelgeschichte“ musste die erste christliche Gemeinde von Jerusalem ein ernstes Problem im Zusammenhang mit dem Dienst der Barmherzigkeit an einsamen und hilfsbedürftigen Menschen bewältigen. Dieses Thema ist für die Kirche keineswegs unbedeutend. Es drohte damals, Spaltungen innerhalb der Kirche zu verursachen. Die Zahl der Jünger nahm zu, doch die Hellenisten begehrten gegen die Hebräer auf, weil ihre Witwen bei der täglichen Versorgung übersehen wurden (vgl. Apg 6,1). Angesichts der grundlegenden Bedeutung dieser Bedürfnise im Leben der Gemeinde, der Pflicht zur Barmherzigkeit den Schwachen, Armen und Hilflosen gegenüber, sowie jene zur Gerechtigkeit, riefen die Apostel die gesamte Schar der Jünger zusammen. In diesem Moment der pastoralen Not ist das Urteilsvermögen der Apostel herausragend.  Ihre Aufgabe höchster Priorität ist die Verkündigung des Wortes Gottes nach dem Auftrag des Herrn, doch obwohl es sich dabei in der Tat um die Hauptaufgabe der Kirche handelt, nehmen die Apostel sich mit ebenso großer Ernsthaftigkeit der Verpflichtung zur Barmherzigkeit und zur Gerechtigkeit an, das heißt der Verpflichtung zum Beistand für Witwen und Arme, zur liebevollen Sorge um die in Notlagen geratenen Brüder und Schwestern, um dem Befehl Jesu zu folgen: Liebt einander, so wie ich euch geliebt habe (vgl. Joh 15,12.17). Die Dualität Verkündigung des Wortes als Primat Gottes versus konkrete Barmherzigkeit und Gerechtigkeit, durch die die Kirche geprägt ist, erzeugt Spannungen. Es gilt eine Lösung zu finden, die beiden eine Entfaltung ermöglicht und sie dennoch zueinander in Beziehung setzt.  Der Gedankengang der Apostel ist leicht nachvollziehbar. Wie wir bereits hörten, lautet ihre Überlegung folgendermaßen: „Es ist nicht recht, dass wir das Wort Gottes vernachlässigen und uns dem Dienst an den Tischen widmen. Brüder, wählt aus eurer Mitte sieben Männer von gutem Ruf und voll Geist und Weisheit; ihnen werden wir diese Aufgabe übertragen. Wir aber wollen beim Gebet und beim Dienst am Wort bleiben“ (Apg 6,2-4).

Zwei Dinge werden uns daraus ersichtlich: Zunächst wird die Mission der Barmherzigkeit zu einem Teil des kirchlichen Wirkens. Ab diesem Zeitpunkt ist die Aufgabe der Kirche nicht mehr die alleinige Verkündigung des Wortes, sondern auch dessen Verwirklichung in der Barmherzigkeit und der Wahrheit. Die gesuchten Männer sollen nicht nur von gutem Ruf, sondern voll Geist und Weisheit sein. Daher genügen keine bloßen Organisatoren, die wissen, was zu „tun“ ist. Ihr „Tun“ muss im Geiste des Glaubens erfolgen, erleuchtet von Gottes Licht und erfüllt vom Wissen des Herzens. So erfüllen sie trotz ihrer vorwiegend praktischen Funktion eine spirituelle Aufgabe.  Barmherzigkeit und Gerechtigkeit sind nicht nur soziale, sondern vielmehr spirituelle, im Licht des Heiligen Geistes erfüllte Taten.  Die Apostel nehmen sich der Situation also mit großer Verantwortung an und treffen folgende Entscheidung: sieben Männer werden ausgewählt; die Apostel erbitten im Gebet die Kraft des Heiligen Geistes; danach legen sie ihnen die Hände auf, auf dass sie sich in besonderer Weise der Diakonie der Barmherzigkeit widmen mögen. An den Anfängen der Kirche kommt es in gewisser Weise zu einer Betrachtung jenes Geschehnisses im öffentlichen Leben Jesu, das sich im Haus von Marta und Maria von Bethanien ereignete. Während Marta ganz vom Dienst der Bewirtung Jesu und seiner Jünger in Anspruch genommen war, setzte sich Maria dem Herrn zu Füßen und hörte seinen Worten zu (vgl. Lk 10, 38-42). In beiden Fällen kommt es zu keiner Gegenüberstellung der Momente des Gebetes und des Hörens auf das Wort Gottes einerseits und der täglichen Arbeit, der Übung der Barmherzigkeit, andererseits. Die Antwort Jesu: „Marta, Marta, du machst dir viele Sorgen und Mühen. Aber nur eines ist notwendig. Maria hat das Bessere gewählt, das soll ihr nicht genommen werden“ (Lk 10, 41-42), und die Überlegung der Apostel „Wir aber wollen beim Gebet und beim Dienst am Wort bleiben“ (Apg 6,4) verweisen auf die Bedeutung der Zentralstellung Gottes in unserem Lebens. Ich möchte an dieser Stelle keine Auslegung des Passage über Marta und Maria vornehmen. Es sei gesagt, dass der Dienst am Nächsten, am anderen, keineswegs zu verurteilen ist. Dieser sollte aber ebenso vom Geist der Betrachtung durchdrungen sein. Nach dem hl. Augustinus erwächst uns aus der Rolle Marias die Ahnung von unserem Leben im Himmel, das wir auf Erden nie ganz verwirklichen können. Jedoch sollte unser gesamtes Wirken Spuren davon enthalten. Ebenso soll die Betrachtung Gottes ein Teil unseres Wirkens sein. Wenn wir uns nicht in ununterbrochenem Tun verlieren, sondern unser Wirken stets vom Licht des göttlichen Wortes durchdringen lassen, erlernen wir die wahre Barmherzigkeit, den wahren Dienst am anderen, der nicht vieler, wenn auch einiger notwendiger, Dinge bedarf, sondern vor allem der Liebe in unserem Herzen, des göttlichen Lichtes.

Die Bibelstelle über Marta und Maria kommentierend, ermahnt der hl. Ambrosius im VII. Buch der „Expositio Evangelii secundum Lucam“ seine Gläubigen und auch uns dazu, ebenso das zu wählen, was uns nicht genommen werden kann, indem wir dem Wort des Herrn unsere ergebene und ungeteilte Aufmerksamkeit zuwenden: Auch die Saat des himmlischen Wortes werde verweht, wenn sie entlang der Straße ausgestreut werde. Ambrosius ruft uns dazu auf, wie Maria unseren Wissensdurst zu wecken. Dieser sei das größte und vollkommenste Werk. Er ergänzt, dass die Hingabe an das Amt nicht vom In-Uns-Aufnehmen des himmlischen Wortes, des Gebetes, ablenken solle („Expositio Evangelii secundum Lucam“, VII, 85: PL 15, 1720). Die Heiligen verwirklichten in ihrem Leben eine tiefe Einheit zwischen Gebet und Handeln, zwischen der vollkommenen Liebe zu Gott und der Liebe zu ihren Brüdern. Der hl. Bernhard von Clairvaux, in dessen Leben sich Kontemplation und Produktion auf beispielhafte Weise vereinten, widmete Papst Innozenz II. in seinem Werk „De consideratione“ einige Betrachtungen über dessen Amt. Er betont darin die Bedeutung der inneren Sammlung, des Gebetes, das vor den Gefahren einer übermäßigen Beschäftigung schützen sollte, unabhängig von der persönlichen Lage und der zu erfüllenden Aufgabe. Der hl. Bernhard führt aus, dass ein Zuviel an Tätigkeiten, ein zu hektisches Leben, oftmals das Herz verhärten und den Geist leiden ließen (vgl. II,3).

Dieser Aufruf ist für uns heute, in einer Zeit, in der Produktivität und Effizienz als das Maß aller Dinge gelten, von unschätzbarem Wert.  Der Text der „Apostelgeschichte“ erinnert uns an die Bedeutung der Arbeit (zweifellos wird ein eigenes Amt dafür eingerichtet), der verantwortungs- und hingebungsvollen Verrichtung der Alltagstätigkeiten, betont gleichzeitig aber auch unser Bedürfnis nach Gott, nach seiner Führung, nach seinem Licht, das uns ein Quell der Kraft und der Hoffnung. Ohne das tägliche Gebet im Geiste des Glaubens wird unser Handeln inhaltsleer; die ihm innewohnende Seele verkümmert. Es wird zur bloßen Aktivität, die uns keine Zufriedenheit schenkt. Eine sehr bemerkenswerte Anrufung der christlichen Tradition vor jeder Tätigkeit lautet folgendermaßen: „Actiones nostras, quoesumus, Domine, aspirando praeveni et adiuvando prosequere, ut cuncta nostra oratio et operatio a te semper incipiat, et per te coepta finiatur“: „Nimm unsere Taten in dich auf, O Herr, und  stütze sie mit deiner Hilfe, auf dass all unsere Worte und all unsere Taten in dir in dir ihren Anfang und ihr Ende nehmen“.  Jeder Schritt und jede Tat in unserem Leben, und auch der Kirche, soll vor Gott, im Lichte seines Wortes vollbracht werden.

Vergangenen Mittwoch sprach ich in der Katechese über das einhellige Gebet der ersten christlichen Gemeinde im Angesicht der Prüfung. Ich erklärte, dass die Gemeinde gerade durch das Gebet, die Betrachtung der Heiligen Schrift, zu einem Verständnis der damaligen Geschehnisse gelangte. Wird unser Gebet vom Wort Gottes gespeist, so können wir die Wirklichkeit mit neuen Augen betrachten, den Augen des Glaubens und des Herrn, der zu unserem Geist und zu unseren Herzen spricht, und jeden Moment und jede Lage unseres Lebens mit neuem Licht erfüllt. Wir glauben an die Kraft des Wortes Gottes und des Gebetes. Auch aus ihrer schwierigen Lage im Zusammenhang mit dem Dienst an den Armen und der Frage der Barmherzigkeit konnte die Kirche im Gebet, im göttlichen Licht und im Heiligen Geist einen Ausweg finden. Die Apostel begnügten sich nicht damit, die Wahl des Stephanus und der anderen Männer zu bestätigen; sie „beteten und legten ihnen die Hände auf“ (Apg 6,6). Der Apostel erinnert bei der Wahl des Paulus und Barnabas erneut an diese Gesten. So schreibt er: „Da fasteten und beteten sie, legten ihnen die Hände auf und ließen sie ziehen“ (Apg 13,3). Diese Stelle liefert einen weiteren Beweis dafür, dass es sich beim praktischen Dienst der Barmherzigkeit um einen spirituellen Dienst handelt.

Mit dem Zeichen der Handauflegung weihen die Apostel die sieben Männer in ihren Dienst ein und bitten um die Gnade Gottes für deren besondere Aufgabe. Mit „sie beteten“ wird in der Bibel das Gebet hervorgehoben. Dadurch wird gerade der spirituellen Dimension der Geste in den Vordergrund gerückt; es handelt sich nicht um die Erteilung eines Auftrages wie in einer sozialen Einrichtung, sondern um ein kirchliches Ereignis, in dem sieben von der Kirche gewählte Männer vom Heiligen Geist ergriffen und Jesus Christus, der Wahrheit, geweiht werden. Er ist die treibende Kraft im Hintergrund. Er vergegenwärtigt sich in der Geste der Handauflegung, bei der die Gewählten von seiner Kraft verwandelt und für die Bewältigung der praktischen Prüfungen, der pastoralen Prüfungen, geheiligt werden. Die Betonung des Gebetes erinnert uns ebenso daran, dass allein die täglich gelebte, enge Beziehung zu Gott, die Antwort auf die Wahl des Herren birgt und das Fundament für das Anvertrauen kirchlicher Dienste bildet.

Liebe Brüder und Schwestern, das pastorale Problem, das die Apostel dazu bewog, sieben Männer auszuwählen und ihnen die Hände aufzulegen, um sich selbst dem Gebet und der Verkündigung des Wortes widmen zu können, zeigt den Vorrang des Gebetes und des Wortes Gottes. Diesem entspringt aber dennoch das pastorale Wirken, jener kostbarsten Form des Dienstes eines Hirten an der ihm anvertrauten Herde. Wenn der Atem des Gebetes und des Wortes Gottes nicht in unser spirituelles Leben strömen, so sind wir der Gefahr ausgesetzt, unter der tausend Dinge unseres Alltags zu ersticken: Das Gebet ist der Atem der Seele und des Lebens. Ich möchte noch eine weitere Anrufung erwähnen: Durch die Beziehung mit Gott, durch das Hören auf sein Wort, durch den Dialog mit ihm, sind wir selbst in der Stille der Kirche oder unseres Zimmers mit dem Herrn und einer Vielzahl von Brüdern und Schwestern im Glauben verbunden; gleich einem Orchester, dessen Instrumente trotz ihrer Verschiedenheit gemeinsam eine einzige  große Symphonie der Fürsprache, des Dankes und des Lobpreises zu Gott erheben. Danke.

[Die deutschsprachigen Pilger grüßte der Papst mit folgenden Worten:]

Ganz herzlich grüße ich alle deutschsprachigen Pilger und Besucher, insbesondere die Gruppe der Hörer des Bayerischen Rundfunks. Inmitten der Herausforderungen des täglichen Miteinanders haben die Apostel den Vorrang Gottes betont. Auch wir wollen die Prioritäten richtig setzen, damit das Gebet und das Wort Gottes der Atem unserer Seele und unseres Lebens sein können und wir nicht unter den vielen Alltagsdingen ersticken und die Maßstäbe verlieren und selber leer werden. Der Herr schenke uns allen dazu seinen Segen.

[Übersetzung aus dem Italienischen von Sarah Fleissner © Copyright 2012 - Libreria Editrice Vaticana]