Ansprache von Papst Benedikt XVI. bei der Generalaudienz am 26. September 2012

Liturgie als Schule des Glaubens

| 1155 klicks

VATIKANSTADT, 26. September 2012 (ZENIT.org). – In der heutigen Generalaudienz führte Papst Benedikt XVI. seine Katechesenreihe über das Gebet fort. Im Mittelpunkt seiner Betrachtungen stand die Liturgie als Schule des Glaubens.

[Wir dokumentieren die Ansprache in einer eigenen Übersetzung:]

***

Liebe Brüder und Schwestern,

in den letzten Monaten sind wir einen vom Wort Gottes erleuchteten Weg gegangen, um durch die Betrachtung einiger großer Figuren des Alten Testamentes, der Psalmen, der Briefe des hl. Paulus und der Offenbarung und vor allem der einzigartigen und grundlegenden Erfahrung Jesu in seiner Beziehung zum Vater im Himmel zu einem immer authentischeren Gebet zu gelangen. In Wahrheit ist der Mensch nur in Christus dazu fähig, sich mit der Tiefe und der Innigkeit der Beziehung eines Kindes zu einem liebenden Vater mit Gott zu vereinen. Nur in Christus können wir uns in aller Wahrheit Gott zuwenden und ihn liebevoll „Abba! Vater!“ nennen. Ebenso wie die Apostel haben auch wir in den vergangenen Wochen folgendes Wort an Jesus gerichtet: „Herr, lehre uns beten“ (Lk 11,1).

Um zu einer noch größeren Innigkeit unserer persönlichen Beziehung zu Gott zu gelangen, haben wir auch die Anrufung des Heiligen Geist erlernt, der das erste Geschenk des Auferstandenen an die Gläubigen ist, denn er nimmt sich „unserer Schwachheit an. Denn wir wissen nicht, worum wir in rechter Weise beten sollen“ (Röm 8,26). Wir wissen um die Richtigkeit dieser Worte des hl. Paulus.

Nach unserer langen Katechesenreihe über das Gebet in der Heiligen Schrift können wir uns nun folgende Frage stellen: Wie kann ich selbst mich vom Heiligen Geist bilden lassen und so die Fähigkeit erlangen, in den Zustand Gottes einzutreten und mit Gott zu beten? Worin besteht diese Schule, in der er mich das Beten lehrt und sich meiner Schwachheit in der rechten Hinwendung zu ihm annimmt? Wie wir es in den  vergangenen Wochen erfahren haben, ist die erste Schule des Gebets das Wort Gottes, die Heilige Schrift. Sie ist der ständige Dialog zwischen Gott und dem Menschen, ein fortschreitender Dialog, in dem Gott seine Nähe zu uns stets vergrößert, und in dem sein Gesicht immer schärfere Konturen annimmt und seine Stimme, sein Sein mit zunehmender Klarheit hervortreten. Der Mensch erlernt, das Erkennen Gottes anzunehmen, mit ihm zu sprechen. In den vergangenen Wochen haben wir uns anhand der Lektüre der Heiligen Schrift auf die Suche nach diesem ständigen Dialog begeben und uns die Frage gestellt, wie wir mit Gott in Kontakt treten können.

Es gibt noch einen anderen kostbaren „Ort“,  eine kostbare „Quelle“, für ein Wachsen im Gebet, eine Quelle des lebendigen Wassers, die in enger Beziehung mit der vorherigen steht. Ich beziehe mich auf die Liturgie. An diesem privilegierten Ort spricht Gott hier und jetzt zu uns allen und wartet auf unsere Antwort.

Worum handelt es sich nun bei der Liturgie? Wenn wir den stets kostbaren und hilfreichen und meines Erachtens unverzichtbaren „Katechismus der Katholischen Kirche“ aufschlagen, so lesen wir darin, dass das Wort „Liturgie“ ursprünglich  „Dienst des Volkes für das Volk“ bedeutete (vgl. Nr. 1069).  Die Verwendung dieses griechischen Begriffs durch die christliche Theologie erfolgte offensichtlich im Gedenken an das neue, aus Christus entstandene Volk Gottes, der seine Arme am Kreuz ausgebreitet hat, um die Menschen im Frieden des einzigen Gottes zu vereinen. „Der Dienst für das Volk“, für ein Volk, das nicht dank seiner selbst existiert, sondern aus dem Ostergeheimnis von Jesus Christus entstanden ist. Tatsächlich liegen dem Volk Gottes keine Bindungen des Blutes, des Territoriums oder der Nation zugrunde. Es entsteht vielmehr aus dem Werk des Sohnes Gottes und der Gemeinschaft mit dem Vater, die er uns schenkt.

Der Katechismus ist außerdem ein Zeichen dafür, dass „(das Wort ‚Liturgie‘) in der christlichen Tradition die Teilnahme des Volkes Gottes am Werk Gottes bezeichnet“ (vgl. Nr. 1069), denn das Volk Gottes existiert allein dank Gottes Werk.

Daran erinnert uns die Entwicklung des II. Vatikanischen Konzils. Dieses begann vor 50 Jahren mit der Diskussion über eine Konzeption für die heilige Liturgie. Diese wurde am 4. Dezember 1963 als erstes Dokument des II. Vatikanums feierlich approbiert.  Die Tatsache, dass die Konstitution über die Liturgie das erste Ergebnis der Konzilsversammlung  darstellte, wurde von einigen als Zufall betrachtet. Unter den zahlreichen Projekten schien die Liturgie das am wenigsten kontroverse zu sein und wurde gerade deshalb  als eine Art Übung zum Erlernen der Methodologie der Konzilsarbeiten betrachtet. Was auf den ersten Blick als Zufall gesehen werden kann, hat sich, beginnend bei der Definition der prioritären Themen und Aufgaben der Kirche, zweifellos als die richtige Wahl erwiesen. Indem mit dem Thema der „Liturgie“ begonnen wurde, hat das Konzil den Primat Gottes, seine absolute Priorität, klar ins Licht gerückt. An erster Stelle Gott: Gerade dies sagt die Entscheidung des Konzils, bei der Liturgie zu beginnen. Wenn der Blick auf Gott nicht bestimmend ist, verliert alles andere seine Orientierung. Das Grundkriterium für die Liturgie ist ihre Ausrichtung auf Gott, um auf diese Weise an seinem Werk  Anteil nehmen zu können.

Doch nun können wir uns fragen: Worin besteht dieses Werk Gottes, an dem unser Mitwirken gefordert ist? Die Konzilskonstitution über die heilige Liturgie scheint uns eine zweifache Antwort darauf zu geben. Aus Nr. 5 geht hervor, dass das Werk Gottes sein heilbringendes Wirken in der Geschichte ist, das mit dem Tod und der Auferstehung Jesu Christi seinen Höhepunkt erreicht. Nr. 7 desselben Dokuments definiert gerade die Feier der Liturgie als „Werk Christi“. In Wahrheit sind die beiden Bedeutungen untrennbar miteinander verbunden. Wenn wir uns fragen, wer der Welt und dem Menschen Rettung bringt, so kann die Antwort nur folgendermaßen lauten: Jesus von Nazareth, der Herr, der gekreuzigte und auferstandene Christus. Worin vollzieht sich  heute für mich, für uns, die Vergegenwärtigung des Mysteriums des Todes und der Auferstehung Christi, der uns die Rettung bringt? Im Wirken Christi durch die Kirche, in der Liturgie und besonders im Sakrament der Eucharistie, die die Opfergabe des Sohnes Gottes, der uns erlöst hat, lebendig macht. Im Sakrament der Versöhnung, das aus dem Tod der Sünde neues Leben entstehen lässt; und in den anderen heiligenden Sakramenten (vgl. „Presbyterorum ordinis“, 5). Das Pascha-Mysterium des Todes und der Auferstehung Christi wird so zum Zentrum der liturgischen Theologie des Konzils.

Lasst uns nun einen Schritt weiter gehen und folgender Frage nachspüren: Wie wird die Vergegenwärtigung des Pascha-Mysteriums Jesu Christi möglich gemacht? Der selige Johannes Paul II. formulierte 25 Jahre nach der Verabschiedung der Konstitution „Sacrosanctum Concilium“ folgenden Gedanken: „Um sein Pascha-Mysterium zu vergegenwärtigen, ist Christus immer in seiner Kirche gegenwärtig, vor allem in den liturgischen Handlungen.[27] Die Liturgie ist darum der bevorzugte „Ort“, an dem die Christen Gott und demjenigen begegnen, den er gesandt hat, Jesus Christus (vgl. Joh 17,3)“ („Vicesimus quintus annus, Nr. 7).  Im „Katechismus der Katholischen Kirche“ lesen wir in diesem Zusammenhang folgendes: „Die Feier eines Sakramentes ist eine Begegnung der Kinder Gottes mit ihrem Vater in Christus und dem Heiligen Geist. Diese Begegnung findet wie ein Zwiegespräch ihren Ausdruck in Taten und Worten“ (Nr. 1153). Daher muss eine gelungene Liturgiefeier vor allem ein Gebet sein, ein Gespräch mit Gott, das sich vor allem als Zuhören und anschließendes Antworten gestaltet. Der hl. Benedikt gibt den Mönchen in seiner „Regula“ in der Betrachtung des Gebetes der Psalmen folgenden Hinweis: „Mens concordet voci“ (der Geist stimmt mit der Stimme überein). Der Heilige lehrt uns, dass die Worte im Gebet der Psalmen unserem Geist vorausgehen müssen. Normalerweise geschieht das Denken zuerst und erst dann werden unsere Gedanken in Worte verwandelt. In der Liturgie hingegen erfährt dieser Prozess eine Umkehrung: das Wort kommt zuerst. Gott hat uns sein Wort gegeben und die Liturgie spendet uns die Worte. Wir müssen in das Innere der Worte, bis zu deren Bedeutung vordringen, sie in uns aufnehmen, uns mit den Worten in Harmonie bringen. Auf diese Weise werden wir zu Kindern Gottes, die ihm ähnlich sind. Die Konstitution „Sacrosanctum Concilium“ enthält eine Anweisung für das Erreichen der vollkommenen Wirksamkeit der Liturgiefeier. Demnach sei es „notwendig, dass die Gläubigen mit recht bereiteter Seele zur heiligen Liturgie hinzutreten, daß ihr Herz mit der Stimme zusammenklinge und dass sie mit der himmlischen Gnade zusammenwirken, um sie nicht vergeblich zu empfangen“ (Nr. 11). Eine wichtige Grundvoraussetzung für den Dialog mit Gott in der Liturgie ist die Übereinstimmung unserer Worte mit dem, was wir in unserem Herzen tragen. Beim Eintritt in die Worte der großartigen Geschichte des Gebetes gelangen wir in Einklang mit dem Geist dieser Worte und werden zum Gespräch mit Gott fähig.

In diesem Zusammenhang möchte ich lediglich auf ein Ereignis hinweisen, das uns während der Liturgie dazu aufruft und uns dabei hilft, in diese Übereinstimmung einzutreten, uns während der Liturgie ganz auf unser Hören, Sprechen und Tun auszurichten. Es handelt sich um die vom Zelebranten vor dem eucharistischen Gebet gesprochene Einladung: „Sursum corda“, die ein Aufruf ist, unsere Herzen über die Unordnung unserer Sorgen, unserer Wünsche, unserer Bedrückung und unserer Zerstreuung zu erheben. Unser Herz, unser Innerstes, muss sich dem Wort Gottes fügsam öffnen und sich mit dem Gebet der Kirche vereinen, um kraft der selbst gesprochenen und vernommenen Worte eine Ausrichtung auf Gott zu vollbringen. Der Blick des Herzens muss dem Herrn zugewandt sein, der unter uns lebt: Dies ist eine wesentliche Forderung.

Wenn wir die Feier der Liturgie mit dieser Grundhaltung begehen, ist unser Herz gleichsam von den nach unten ziehenden Gravitationskräften befreit. Es wird vielmehr in die Höhen der Wahrheit, der Liebe, in die Höhen Gottes erhoben.  Der Katechismus der Katholischen Kirche ruft uns folgendes in Erinnerung: „Die Sendung Christi und des Heiligen Geistes, der in der sakramentalen Liturgie der Kirche das Heilsmysterium verkündigt, vergegenwärtigt und mitteilt, setzt sich im betenden Herzen fort. Die geistlichen Väter vergleichen zuweilen das Herz mit einem Altar“ (Nr. 2655): „Altare Dei est cor nostrum“.

Liebe Freunde, wir erleben und feiern die Liturgie nur dann in der rechten Weise, wenn wir uns eine Haltung des Gebets zu eigen machen. Wir sollen nicht dananch streben, „etwas zu tun“, uns sehen zu lassen oder zu handeln, sondern unser Herz nach Gott ausrichten. In der Haltung des Gebetes werden wir uns mit dem Mysterium Christi und dem Gespräch mit dem Sohn Gottes vereinen. Wie der hl. Paulus betonte, lehrt Gott selbst uns zu beten (vgl. Röm 8,26). Er selbst hat uns die richtigen Worte gegeben, um uns nach ihm auszurichten. Diesen Worten begegnen wir im Psalter, den großen Gebeten der hl. Liturgie und in der Eucharistiefeier. Bitten wir den Herrn darum, die Liturgie jeden Tag mit größerer Bewusstheit als Werk Gottes und des Menschen zu begreifen. Dieses Gebet entspringt dem Heiligen Geist und unserem vollkommen nach dem Herrn ausgerichteten Inneren, das mit dem menschgewordenen Sohn Gottes eins ist (vgl. Katechismus der Katholischen Kirche, Nr. 2564). Danke.

[Übersetzung des italienischen Originals von Sarah Fleissner © 2012 - Libreria Editrice Vaticana]