Ansprache von Papst Benedikt XVI. bei der Generalaudienz am 28. November 2012

Wir können von Gott sprechen, weil er zu uns gesprochen hat

| 1292 klicks

VATIKANSTADT, 21. November 2012 (ZENIT.org). ‑ Im  Rahmen der heutigen Generalaudienz setzte Papst Benedikt XVI. seine Katechese zum Jahr des Glaubens fort. Mittelpunkt der heutigen Betrachtung war die richtige Art, von Gott zu sprechen; ein in Hinblick auf die Neuevangelisierung sehr aktuelles Thema. Der Heilige Vater ging dabei auch auf die wichtige Rolle ein, die die Familie als Ort der ersten Begegnung der neuen Generationen mit den Themen der Religion spielt.

[Wir dokumentieren die Ansprache in einer eigenen Übersetzung:]

***

Liebe Brüder und Schwestern,

Die Frage, die wir uns heute stellen, lautet: Wie sollen wir in unserer Zeit von Gott sprechen? Wie sollen wir das Evangelium vermitteln, um seiner Heilsbotschaft einen Weg zu eröffnen, der in die oft verschlossenen Herzen unserer Zeitgenossen führt, und in ihren Verstand, der so oft vom oberflächlichen Glanz des modernen Gesellschaftslebens abgelenkt ist? Bereits Jesus selbst, so berichten die Evangelisten, stellte sich diese Frage, als er das Reich Gottes verkündete: „Womit sollen wir das Reich Gottes vergleichen, mit welchem Gleichnis sollen wir es beschreiben?“ (Mk 4,30).

Wie wollen wir heute von Gott sprechen? Die erste Antwort ist, dass wir tatsächlich von Gott sprechen können, weil er zu uns gesprochen hat. Die erste Bedingung, um von Gott sprechen zu können, ist daher, dass wir aufmerksam zuhören, was er uns zu sagen hat. Gott hat zu uns gesprochen! Deswegen ist Gott keine abstrakte Hypothese über den Ursprung der Welt, keine mathematische Intelligenz, die weit von uns entfernt ist. Gott interessiert sich für uns, liebt uns, ist persönlich Teil unserer Geschichte geworden, hat sich uns mitgeteilt, ist Mensch geworden. Daher ist Gott eine Realität unseres Lebens; er ist so groß, dass er sogar Zeit für uns hat und sich mit uns beschäftigt. In Jesus von Nazareth begegnen wir dem Antlitz Gottes, der vom Himmel herabgekommen ist, um in die Welt der Menschen einzutauchen, in unsere Welt, um uns die Kunst des Lebens und den Weg des Glücks zu lehren; um uns von der Sünde zu befreien und zu Kindern Gottes zu machen (vgl. Eph 1,5; Röm 8,14). Jesus ist gekommen, um uns zu retten und uns im Evangelium einen Wegweiser für die rechte Art zu leben zu schenken.

Wenn wir von Gott sprechen wollen, müssen wir vor allen Dingen eine klare Vorstellung davon haben, was wir den Männern und Frauen unserer Zeit bringen wollen: keinen weltentrückten Gott, keine Hypothese, sondern einen konkreten Gott, einen Gott, der bei uns ist; den Gott Jesu Christi als Antwort auf die grundlegende Frage nach dem Sinn und der rechten Art des Lebens. Deshalb müssen wir, um von Gott zu sprechen, mit Jesus und mit dem Evangelium vertraut sein; wir müssen Gott kennen und von seinem Heilsplan begeistert sein, ohne der Versuchung des Erfolgs nachzugeben, sondern, indem wir dieselbe Methode anwenden wie Gott selbst. Gottes Methode ist die Demut – Gott macht sich zu einem von uns –; es ist jene Methode, die sich in der Bescheidenheit des Hauses in Nazareth und des Stalls von Bethlehem verwirklicht. Es ist wichtig, dass wir dabei die Bescheidenheit der kleinen Schritten nicht fürchten, dass wir Vertrauen haben zum Sauerteig, der das Brot auf unsichtbare und geheimnisvolle Weise wachsen lässt (vgl. Mt 13,33). Wenn wir von Gott sprechen, wenn wir unter der Führung des Heiligen Geistes an der Evangelisierung arbeiten, dann müssen wir einfache Worte finden, die den Kern der christlichen Verkündung ausdrücken: die Frohe Botschaft des liebenden Gottes, der in Jesus Christus unsere Nähe gesucht hat bis hin zum Kreuzestod, und der uns durch seine Auferstehung Hoffnung geschenkt und uns die Perspektive eines ewigen, nie endenden Lebens eröffnet hat.

Der Apostel Paulus, der sich hervorragend gut auf Kommunikation verstand, gibt uns eine Lektion, die mit großer Einfachheit den Kern unseres Glaubens trifft. Im ersten Korintherbrief schreibt er: „Als ich zu euch kam, kam ich nicht, um glänzende Reden oder gelehrte Weisheit vorzutragen, sondern um euch das Zeugnis Gottes zu verkündigen. Denn ich hatte mich entschlossen, bei euch nichts zu wissen außer Jesus Christus, und zwar als den Gekreuzigten“ (1 Kor 2,1-2).

Was Paulus uns sagen will, ist, dass er uns nicht etwas geben will, das von ihm kommt; keine Philosophie, die er entworfen hat, keine Idee, die er gefunden hat, sondern dass er von etwas Erlebtem spricht; er spricht von einem wirklichen und lebendigen Gott, der zu ihm gesprochen hat, wie er auch zu uns sprechen wird. Paulus hat nicht den Wunsch, sich eine Schar von Bewunderern aufzubauen, er sucht nicht sich selbst; Paulus verkündet Christus und möchte die Menschen für den wahren und lebendigen Gott gewinnen. Paulus hat nur den einen Wunsch, den gekreuzigten Christus zu verkündigen, der die Quelle des Heils ist und der ihm auf der Straße nach Damaskus begegnet ist. Von Gott sprechen bedeutet, dem Platz zu machen, der ihn uns schauen lässt, der uns sein Gesicht und seine Liebe zeigt; es bedeutet, dass wir auf unser eigenes Ich verzichten und es Christus darbringen im Bewusstsein, dass wir nicht die Macht haben, unsere Mitmenschen für Gott zu gewinnen, sondern dass wir Gott selbst darum bitten müssen, dass er die Menschen gewinne. Die Worte, in denen wir von Gott sprechen können, finden wir immer nur, indem wir Gott zuhören und ein Leben im Gebet und im Einklang mit den Geboten führen.

Den Glauben zu predigen, bedeutet für Paulus nicht, von sich selbst zu erzählen, sondern in aller Öffentlichkeit zu verkündigen, was er in seiner Begegnung mit Christus gesehen und gehört hat, was er durch diese Begegnung erlebt hat und wie sie sein Leben verwandelt hat: Es bedeutet, Jesus, den er in sich gegenwärtig spürt und der seinem Leben einen neuen Sinn und eine neue Richtung gegeben hat, seinen Mitmenschen zu bringen, damit alle verstehen mögen, dass die Welt ihn braucht und dass er die Grundvoraussetzung für die Freiheit des einzelnen Menschen ist. Der Apostel gibt sich nicht damit zufrieden, Worte zu verkünden; er widmet seine gesamte Existenz dem großen Werk des Glaubens. Um von Gott sprechen zu können, muss man ihm Platz machen in der Gewissheit, dass Er es ist, der durch unsere Schwäche wirkt. Man muss ihm Platz machen: ohne Angst, in Demut und Freude und im tiefen Bewusstsein, dass unsere Kommunikation um so wirksamer sein wird, je mehr wir Gott und nicht uns selbst in den Mittelpunkt stellen. Das gilt auch für die christlichen Gemeinden: Sie sind dazu berufen, die verwandelnde Kraft der Gnade Gottes zu zeigen, indem sie jeden Individualismus, jede Art von Verschlossenheit, Egoismus und Gleichgültigkeit überwinden und in ihren Alltagsbeziehungen die Liebe Gottes vorleben. Sind unsere Gemeinden wirklich so? Wir müssen daran arbeiten, dass wir immer mehr unserem Vorbild gleich werden und Christus durch unser gesamtes Leben verkünden.

Wir müssen uns auch fragen, wie Jesus selbst predigte. Jesus spricht von seinem Vater – er nennt ihn Abba – und vom Reich Gottes, ohne dabei das Leid und die Probleme der menschlichen Existenz aus den Augen zu verlieren. Seine Art zu kommunizieren bestand darin, sich fortwährend zu den Menschen hinzuwenden, um sie zu Gott zu führen. Die Evangelien zeigen uns, dass Jesus an jeder menschlichen Situation, die ihm begegnet, ein Interesse hat, dass er in das Leben der Männer und Frauen seiner Zeit eintaucht, im vollen Vertrauen auf die Hilfe des Vaters. Und die Jünger, die mit Jesus leben, die Menschenmengen, die ihm begegnen; sie alle sehen, wie Jesus auf die verschiedensten Probleme des Lebens eingeht, wie er spricht und handelt; sie sehen in ihm das Wirken des Heiligen Geistes, das Wirken Gottes.

Darin müssen wir achtsam sein: dass wir die Zeichen unserer Zeit erkennen, das heißt, die Möglichkeiten, die Bedürfnisse, die Widerstände sehen, die die Kultur unserer Epoche dem Glauben bietet, ganz besonders den Wunsch nach Authentizität, die Sehnsucht nach dem Transzendenten, das Engagement für die Erhaltung der Schöpfung. Auf all diese Dinge müssen wir die Antwort geben, die der Glaube an Gott uns bietet. Das Jahr des Glaubens ist eine Gelegenheit, um mit einer vom Heiligen Geist beflügelten Fantasie neue individuelle und gemeinschaftliche Wege zu entdecken, damit das Evangelium überall zur Lebensweisheit und Richtlinie des Daseins werde.

Auch in unserer Zeit ist ein privilegierter Ort, um von Gott zu sprechen, die eigene Familie; sie ist die erste Schule, an der die neuen Generationen den Glauben erlernen können. Das Zweite Vatikanische Konzil bezeichnet die Eltern als die ersten Botschafter Gottes (vgl. Dogmatische Konstitution „Lumen Gentium“, 11, sowie Dekret „Apostolicam Actuositatem, 11), die berufen sind, diese ihre Mission wiederzuentdecken und die Verantwortung haben, das Gewissen ihrer Kinder für die Liebe Gottes zu öffnen, ihre ersten Lehrer im Glauben zu sein. In dieser Aufgabe ist vor allem wichtig, dass die Eltern mit Aufmerksamkeit die richtigen Gelegenheiten zu erkennen wissen, um zu Hause über den Glauben zu sprechen und eine kritische Auseinandersetzung mit den zahlreichen Einflüssen herbeizuführen, denen ihre Kinder ausgesetzt sind. Zu dieser Aufmerksamkeit der Eltern gehört auch das Einfühlvermögen, um die Fragen über religiöse Themen zu erkennen, die oft unausgesprochen in der Seele ihrer Kinder schlummern. Dann gehört Freude dazu: Die Vermittlung des Glaubens muss immer in einem freudigen Ton erfolgen. Es ist die Osterfreude, die die Wirklichkeit des Leidens, der Mühsal, der Widerstände und selbst des Todes nicht verschweigt oder verbirgt, sondern die Mittel zur Verfügung stellt, um all dies im Licht der christlichen Hoffnung zu interpretieren. Das Leben im Sinne des Evangeliums besteht genau aus dieser neuen Sichtweise, dieser Fähigkeit, alle Dinge mit denselben Augen zu sehen, wie Gott sie sieht. Es ist wichtig, allen Familienmitgliedern zu helfen, dass sie verstehen, dass der Glaube keine Last ist, sondern eine Quelle tiefer Freude, das Spüren der Gegenwart Gottes und des Guten, das Erkennen seines stillen Wirkens; dass der Glaube wertvolle Anweisungen gibt, die uns helfen, ein gutes Leben zu führen. Und dann ist noch wichtig, dass wir die Fähigkeit zum Zuhören und zum Dialog besitzen: Die Familie muss ein Ort sein, an dem man lernt, miteinander zu leben, Streit durch aufrichtigen Dialog abzubauen, sich gegenseitig zu verstehen und zu lieben, damit ein jeder für die anderen zu einem Zeichen der barmherzigen Liebe Gottes werde.

Von Gott sprechen bedeutet daher, durch Wort und Tat zu zeigen, dass Gott nicht der Konkurrent unseres Daseins ist, sondern sein wahrer Garant, der Garant der Größe der menschlichen Person. Damit kehren wir wieder zum Anfang zurück: Von Gott sprechen bedeutet, auf bestimmte und einfache Weise, durch unser Wort und unser Leben, das zu verkünden, was wichtig ist: den Gott Jesu Christi, jenen Gott, der uns eine so große Liebe erwiesen hat, dass er für uns Mensch wurde, starb und wieder auferstand; jenen Gott, der verlangt, dass man ihm folge und sich von seiner endlosen Liebe verwandeln lasse; jenen Gott, der uns die Kirche geschenkt hat, damit wir unseren Weg gemeinsam gehen und durch das Wort und die Sakramente die gesamte Familie der Menschheit erneuern können, auf dass sie Volk Gottes werde. Danke.

[Übersetzung des italienischen Originals von Alexander Wagensommer. © 2012 - Libreria Editrice Vaticana]