Ansprache von Papst Benedikt XVI. bei der Generalaudienz am 3. Oktober 2012

Nur in Gemeinschaft mit dem Sohn können wir mit Gott, dem Vater, in Dialog treten

| 1066 klicks

VATIKANSTADT, 3. Oktober 2012 (ZENIT.org).- In seiner Katechese während der Generalaudienz auf dem Petersplatz setzte Papst Benedikt die Betrachtung über das Gebet in der Liturgie fort. Schwerpunkt war das Gebet des Einzelnen in der Eucharistiefeier, das Verschmelzen des Ich mit dem Wir des mystischen Leibes Christi.

[Wir dokumentieren die Ansprache in einer eigenen Übersetzung:]

***

Liebe Brüder und Schwestern,

in der vergangenen Katechese begannen wir mit einer Betrachtung der heiligen Liturgie, die eine der Hauptquellen des christlichen Gebetes darstellt. Im  „Katechismus der Katholischen Kirche“ wird die Liturgie bezeichnet als „Beteiligung am Gebet, das Christus im Heiligen Geist an den Vater richtet. In ihr findet alles christliche Beten seine Quelle und seinen Abschluss“ (Nr. 1073). Heute wollen wir uns folgender Frage zuwenden: Ist in meinem Leben genug Platz für das Gebet vorhanden? Welchen Platz nimmt  vor allem das liturgische Beten in meiner Beziehung zu Gott ein? Wie lebe ich insbesondere die Heilige Messe als Beteiligung am gemeinsamen Gebet der Kirche, die der Leib Christi ist?

Bei der Beantwortung dieser Frage müssen wir uns vor allem daran erinnern, dass das Gebet eine lebendige Beziehung der Kinder Gottes zu dem unendlich guten Vater ist, zu seinem Sohn Jesus Christus und zu dem Heiligen Geist (vgl. ibid. 2565). Das Leben des Gebetes besteht darin, die Gegenwart Gottes als Bestandteil des Alltags zu begreifen, mit Gott ebenso wie mit den engsten Familienangehörigen oder gleich einer tiefen Freundschaft in einer alltäglichen Beziehung zu leben. Gerade die Beziehung zu Gott erfüllt alle anderen Beziehungen mit Licht. Diese Lebensgemeinschaft mit dem dreieinigen Gott ist möglich, weil wir mit der Taufe in Christus aufgenommen wurden und seither mit ihm vereint sind (vgl. Röm 6,5).

In Wahrheit können wir nur in Christus mit Gott, dem Vater, als Kinder in Dialog treten. Nur in Gemeinschaft mit dem Sohn können wir ebenso wie er sagen: „Abba“. In Gemeinschaft mit Christus können wir Gott als den wahren Vater erkennen (vgl. Mt 11,27). Das christliche Beten besteht deshalb darin, den Blick nie von Christus abzuwenden und ihn stets mit neuen Augen zu betrachten, mit ihm zu sprechen, mit ihm zu schweigen, ihm zuzuhören, mit ihm zu handeln und mit ihm zu leiden. In Christus, dem „Erstgeborenen der ganzen Schöpfung“, der in allem den Vorrang hat (vgl. Kol 1,15), findet  der christliche Mensch seine wahre Identität wieder. Indem ich mich mit ihm identifiziere, eins mit ihm bin, erkenne ich meine menschliche Identität, jene des wahren Sohnes, der Gott als einen liebevollen Vater ansieht.  

Wir dürfen jedoch nicht vergessen, dass wir Christus in der Kirche als lebendige Person erkennen, denn sie ist „sein Leib“. Für das Verständnis dieser Körperlichkeit können die Worte aus der Bibel über Mann und Frau hilfreich sein. Die beiden werden zu einem Fleisch (vgl. Gen 2,24; Eph 5,30; 1 Kor 6,16). Die untrennbare Verbindung von Christus und der Kirche aus der einenden Kraft der Liebe löscht jedoch das Du und das Ich nicht aus, sondern erhöht sie zu ihrer tiefsten Einheit. Die eigene Identität in Christus zu finden bedeutet, in die Gemeinschaft mit ihm einzutreten, die mich nicht auslöscht, sondern zur höchsten Würde erhebt, zu jener des Sohnes Gottes in Christus: „Die Liebesgeschichte zwischen Gott und Mensch besteht eben darin, dass diese Willensgemeinschaft in der Gemeinschaft des Denkens und Fühlens wächst und so unser Wollen und Gottes Wille immer mehr ineinanderfallen“ („Deus caritas est“, 17). Beten bedeutet, über eine notwendige, allmähliche Verwandlung unseres Seins in die Höhen Gottes erhoben zu werden.

Durch die Teilnahme an der Liturgie machen wir uns die Sprache der Mutter Kirche zu Eigen. Wir lernen, in dieser Sprache und für sie zu sprechen. Wie bereits erwähnt, geschieht dies selbstverständlich nicht sofort, sondern nach und nach. Ich muss mich schrittweise in die Worte der Kirche einfügen, mit meinem Gebet, meinem Leben, meinem Leiden, meiner Freude und meinen Gedanken. Dies ist ein Weg, der uns verwandelt.

Ich denke, dass wir auf der Grundlage dieser Betrachtungen eine Beantwortung der eingangs gestellten Frage versuchen können: Wie kann ich beten lernen, wie kann ich in meinem Gebet wachsen? Betrachten wir das von Jesus gelehrte Beispiel, das Vaterunser. Das erste Wort ist „Vater“, das zweite „unser“. Die Antwort ist somit eindeutig: Ich muss beten lernen, meinem Gebet Nahrung geben, mich an Gott als Vater wenden und mit anderen beten, mit der Kirche beten und das Geschenk seiner Worte annehmen, die nach und nach vertraut und von Sinn erfüllt werden. Der Dialog, den Gott mit jedem von uns aufnimmt, beinhaltet beim Beten stets ein „mit“; man kann nicht alleine mit Gott beten. Im liturgischen Gebet, insbesondere in der Eucharistie und den in der Liturgie wurzelnden Gebeten sprechen wir nicht als Einzelpersonen, sondern fügen uns in das Wir der betenden Kirche ein. Wir müssen unser Ich verwandeln, sodass wir ein Teil des Wir werden können.

Ich möchte nun bei einem weiteren wesentlichen Punkt verweilen. Im „Katechismus der Katholischen Kirche“ lesen wir folgendes: „In der Liturgie des Neuen Bundes ist jede liturgische Handlung, besonders die Feier der Eucharistie und der Sakramente, eine Begegnung zwischen Christus und der Kirche“ (Nr. 1097); daher ist sie der „ganze Christus“, die gesamte Gemeinschaft, der Leib Christi, der mit seinem Haupt vereint ist und feiert. Die Liturgie ist somit nicht eine „Selbstdarstellung“ einer Gemeinschaft, sondern ein Austritt aus dem „Sich-Selbst-Sein“, dem In-sich-verschlossen-sein, und eine Teilnahme an dem großen Festmahl, ein Eintritt in die große lebendige Gemeinschaft, in der Gott selbst uns speist. Die Liturgie impliziert Universalität. Dieser universelle Charakter muss stets aufs Neue in unser aller Bewusstsein gelangen. Die christliche Liturgie ist der Kult des universellen Tempels, des auferstandenen Christus, dessen Arme am Kreuz ausgebreitet sind, um alle in die Umarmung der ewigen Liebe Gottes aufnehmen zu können. Es handelt sich um den Kult des offenen Himmels. Dieser ist nie das Ereignis einer einzelnen Gemeinschaft mit einem speziellen Zeit- und Ortsbezug. Es ist wichtig, dass für jeden Christen ein empfundenes und tatsächliches Eingebundensein in dieses universelle Wir vorhanden ist, denn dieses ist die Grundlage und der Zufluchtsort des Ich im Leib Christi, der Kirche.

Dabei müssen wir stets die Logik der Menschwerdung Gottes annehmen und in Erinnerung bewahren: Er ist uns nahe gekommen, hat sich vergegenwärtigt, indem er in die Geschichte des menschlichen Seins eingetreten ist und einer von uns geworden ist. Diese Gegenwart wird in der Kirche, seinem Leib, fortgeführt. Die Liturgie ist daher nicht ein Gedenken von vergangenen Ereignissen, sondern lebendige Gegenwart des Pascha-Mysteriums des transzendierenden Christus, der Zeiten und Orte verbindet. Wenn in der Feier die Zentralität Christi nicht hervortritt, so kann die christliche Liturgie nicht verwirklicht werden, denn diese entsteht nur aus dem Herrn, und seine schöpferische Gegenwart gibt ihr Halt. Das Wirken Gottes vollzieht sich durch Christus und wir können nur durch ihn und in ihm handeln. Jeden Tag muss in uns die Überzeugung wachsen, dass die Liturgie nicht unser, mein eigenes „Tun“ ist, sondern das Wirken Gottes in uns und mit uns.

Daher ist die Liturgie nicht die Feier eines einzelnen Priesters oder Gläubigen oder einer Gruppe, sondern vor allem ein Wirken Gottes durch die Kirche, die ihre Geschichte, eine reiche Tradition und Schöpferkraft besitzt. Aus dieser Universalität und grundlegenden Öffnung, die der gesamten Liturgie eigen ist, erklärt sich unter anderem, warum die Liturgie nicht von einer einzelnen Gemeinschaft oder von Experten erdacht oder verwandelt werden kann, sondern sich vielmehr an den Formen der Universalkirche orientieren muss.

Auch in der Liturgie der kleinsten Gemeinschaft ist stets die gesamte Kirche gegenwärtig. Daher gibt es in der Gemeinschaft der Liturgie keine „Fremden“. An jeder Liturgiefeier sind die gesamte Kirche, der Himmel, die Erde, Gott und die Menschen, beteiligt. Auch wenn die christliche Liturgie an einem bestimmen Ort zelebriert wird und ein Ausdruck des Ja einer bestimmten Gemeinschaft ist, so ist sie ihren Wesen nach dennoch stets katholisch, entspringt allem und führt zu allem, und befindet sich stets in Einheit mit dem Papst, den Bischöfen, den Gläubigen aller Epochen und aller Orte. Je tiefer eine Feier von diesem Bewusstsein durchdrungen, desto reicher wird die Frucht des wahren  Sinns der Liturgie aus ihr hervorgehen.

Liebe Freunde, die Kirche offenbart sich uns auf vielerlei Weise: in den Werken der Barmherzigkeit, den Missionsprojekten, dem persönlichen Apostolat den ein jeder Christ in seiner Umgebung verwirklichen soll.  Doch die Liturgie ist jener Ort, in dem sie vollkommen als Kirche erlebt wird. Sie ist der Akt, bei dem wir glauben, dass Gott in unsere Realität eintritt und wir ihm begegnen und ihn berühren können; der Akt, bei dem wir mit Gott in Kontakt treten: Er kommt zu uns und wir werden von ihm erleuchtet. Wenn wir in den Betrachtungen über die Liturgie unsere Aufmerksamkeit nur darauf richten, wie wie wir sie attraktiv, schön und interessant gestalten können, vergessen wir daher leicht auf das Wesentliche: die Liturgie wird für Gott und nicht für uns selbst gefeiert. Sie ist sein Werk, er ist das Subjekt und wir müssen uns für ihn öffnen und uns von ihm und seinem Leib, der Kirche, führen lassen.

Bitten wir den Herrn darum, dass wir jeden Tag das Leben der heiligen Liturgie erlernen mögen, insbesondere der Eucharistiefeier, indem wir im Wir der Kirche beten, die ihren Blick nicht auf sich selbst, sondern auf Gott gerichtet hat, und uns als Teil der lebendigen Kirche aller Orte und aller Zeiten begreifen. Danke 

[Die deutschsprachigen Pilger grüßte der Papst mit folgenden Worten:]

Von Herzen grüße ich alle deutschsprachigen Pilger und Besucher. Die Kirche, so sagte ich, wird besonders in der Liturgie immer als ganze sichtbar, wie wenig Menschen auch da sein mögen. Denn sie kommt von Gott her und durch sie tritt Gott in unser Leben herein. Möge der Herr uns lehren, in der Liturgie, besonders in der Heilige Messe, im Wir der Kirche zu beten, das im Vaterunser vorausgesetzt ist. Wir sagen nicht „mein Vater", wir sagen „unser Vater". Nur im Wir der Kinder sind wir Kinder und im Vater vereint. Liturgie möge uns in dieses Wir hineinziehen und uns so zu einer großen universalen Gemeinschaft machen, zu einem Werkzeug seines Friedens. Gerne segne ich euch alle und wünsche euch schöne Pilgerschaft hier in Rom!

[Übersetzung des italienischen Originals von Sarah Fleissner © 2012 - Libreria Editrice Vaticana]