Ansprache von Papst Benedikt XVI. bei der Generalaudienz am 31. Oktober 2012

Unser Glaube ist nur dann wahrhaft persönlich, wenn er in das gemeinschaftliche Wir der Kirche eintritt

| 1267 klicks

VATIKANSTADT, 31. Oktobe 2012 (ZENIT.org).- Im Rahmen der heutigen Generalaudienz setzte Papst Benedikt XVI. seine dem Jahr des Glaubens gewidmete Katechesenreihe fort. Im Zentrum seiner Betrachtungen stand der Glaube der Kirche. Der Heilige Vater sprach über die Bedeutung des in Gemeinschaft mit unseren Brüdern und Schwestern gelebten Glaubens. Nur so können wir die Geschenke Gottes empfangen und seine Liebe in der Welt verbreiten.

[Wir dokumentieren die Ansprache in einer eigenen Übersetzung:]

***

Liebe Brüder und Schwestern,        

lasst uns heute auf unserem Weg der Betrachtung des katholischen Glaubens weitergehen. Vergangene Woche wurde uns der Glaube als Geschenk vor Augen geführt, denn Gott ist es, der die Initiative ergreift und uns entgegenkommt; der Glaube ist daher eine Antwort, mit der wir ihn als festes Fundament unseres Lebens aufnehmen. Er ist ein Geschenk, der unsere Existenz verwandelt, denn er führt uns zum Anblick von Jesus selbst, der in uns wirkt und uns für die Liebe zu Gott und zu den anderen Menschen öffnet.

Heute möchte ich unsere Reflexion auf einen anderen Aspekt hinlenken und dabei erneut bei einigen Fragen beginnen: Hat der Glaube nur einen persönlichen, individuellen Charakter? Betrifft mich der Glaube nur als Person?  Lebe ich meinen Glauben alleine? Bei dem Glaubensakt handelt es sich selbstverständlich um einen vorwiegend persönlichen Akt, der sich im Innersten vollzieht und eine Richtungsänderung, eine persönliche Umkehr, bewirkt. Unsere Existenz erlebt eine Wende; sie erhält eine neue Ausrichtung. In der Liturgie zur Taufe erbittet der Zelebrant zum Zeitpunkt des Taufversprechens ein Bekenntnis zum katholischen Glauben und stellt drei Fragen: Glaubt ihr an Gott den Vater, den Allmächtigen? Glaubt ihr an Jesus Christus, seinen eingeborenen Sohn? Glaubt ihr an den Heiligen Geist? Diese Fragen wurden ursprünglich an den Täufling selbst gerichtet, bevor dieser drei Mal im Wasser untertauchte. Die Antwort steht auch heute noch im Singular: „Ich glaube“. Mein Glaube ist jedoch nicht das Ergebnis einer einsamen Reflexion, das Produkt meiner Gedanken. Es handelt sich vielmehr um die Frucht einer Beziehung, eines Dialoges, der aus einem Zuhören, einem Empfangen und einer Antwort besteht. Die Kommunikation mit Jesus führt  mich aus meinem in mir selbst gefangenen Ich heraus und öffnet mich für die Liebe Gottes, des Vaters. Es vollzieht sich gleichsam eine Wiedergeburt, die mich meine Einheit mit Jesus und all jenen erkennen lässt, die sich auf demselben Weg befanden und befinden. Dieses Neugeborenwerden beginnt mit der Taufe und begleitet uns während unserer gesamten Existenz. Als Grundlage des persönlichen Glaubens kann nicht ein privater Dialog mit Jesus herangezogen werden, denn der Glaube wird von Gott geschenkt durch die gläubige Gemeinde der Kirche, die den Menschen so zu einem Teil der Gemeinschaft einer Vielzahl von Gläubigen werden lässt. Diese Gemeinschaft zeichnet sich nicht allein durch soziologische Kriterien aus, sondern durch die Verwurzelung in der ewigen Liebe jenes Gottes, in dem der Vater, der Sohn und der Heilige Geist in der dreieinigen Liebe vereint sind. Unser Glaube ist nur dann wahrhaft persönlich, wenn er auch gemeinschaftlich ist. Er kann nur dann zu meinem Glauben werden, wenn er in das Wir der Kirche eintritt und dort lebendig ist. Er muss zu unserem Glauben werden, zum gemeinsamen Glauben der einen Kirche.

Beim Rezitieren des Credo bei der Heiligen Messe am Sonntag sprechen wir in der ersten Person von uns selbst, bekennen  uns jedoch gemeinsam zu dem einen Glauben der Kirche. Dieses alleine gesprochene „Credo“ vereint sich mit dem eines zeitlich und räumlich unendlichen Chores. Jeder leistet sozusagen seinen Beitrag zu einer übereinstimmenden Polyphonie des Glaubens. Der Katechismus der Katholischen Kirche beschreibt das Wesen des Glaubens mit folgenden klaren Worten: „Glaube ist ein kirchlicher Akt. Der Glaube der Kirche geht unserem Glauben voraus, zeugt, trägt und nährt ihn. Die Kirche ist die Mutter aller Glaubenden. „Niemand kann Gott zum Vater haben, der die Kirche nicht zur Mutter hat" (Cyprian, unit. eccl.)“ (Nr. 181). Der Glaube entsteht daher in der Kirche, er führt zu ihr und lebt in ihr. Dies sollten wir stets in Erinnerung bewahren.

Das kraftvolle Herabkommen des Heiligen Geistes auf die Jünger am Pfingsttag nach der Apostelgeschichte (vgl. 2,1-13) verlieh der entstehenden Kirche dir Kraft für die Umsetzung der ihr vom auferstandenen Herrn anvertrauten Mission, in jeden Winkel der Erde das Evangelium, die frohe Botschaft des Reiches Gottes, zu verkündigen und auf diese Weise jeden Menschen zur Begegnung mit ihm, dem rettenden Glauben, zu führen. Die Apostel überwanden jede Angst vor der Weitergabe dessen, was sie von Jesus gehört, gesehen und selbst erlebt hatten. Von der Kraft des Heiligen Geistes erfüllt, begannen sie in fremden Sprachen zu sprechen und das selbst bezeugte Mysterium offen zu verkünden. In der Apostelgeschichte wird anschließend von der am Pfingsttag gehaltenen großen Rede des hl. Petrus berichtet. Ausgehend von einem Zitat des Propheten Joël (3,1-5), mit dem er auf Jesus Bezug nimmt, legt der Apostel den Kern des christlichen Glaubens dar: Er, der allen Menschen Gutes getan hat, den Gott durch große Wunder und Zeichen glaubwürdig gemacht hat, wurde getötet und an das Kreuz genagelt. Gott hat ihn von den Toten auferweckt und ihn zum Herrn und Christus eingesetzt. Mit ihm sind wir in das von den Propheten angekündigte endgültige Heil eingetreten. Wer seinen Namen anruft, wird gerettet werden (vgl. Apg 2,17-24). Viele der Menschen, die die Worte des hl. Petrus vernahmen, fühlten sich persönlich angesprochen. Sie bereuten ihre Sünden und empfingen über die Taufe das Geschenk des Heiligen Geistes (vgl. Apg 2,37-41).

So begann der Weg der Gemeinschaft der Kirche, die sich der räumlichen und zeitlichen Fortführung der Verkündigung annimmt. Sie ist das Volk Gottes, das in dem durch das Blut Christi ermöglichten neuen Bund besteht, und dessen Mitglieder keiner bestimmten sozialen oder ethnischen Gruppe angehören, sondern Männer und Frauen aus allen Ländern und Kulturen sind. Es handelt sich um ein „katholisches“ Volk, das fremde Sprachen spricht, für die Aufnahme aller offen ist und dabei alle Grenzen überwindet und alle Schranken aufhebt. Beim hl. Paulus lesen wir dazu folgendes: „Wo das geschieht, gibt es nicht mehr Griechen oder Juden, Beschnittene oder Unbeschnittene, Fremde, Skythen, Sklaven oder Freie, sondern Christus ist alles und in allen“ (Kol 3,11).

So ist die Kirche seit ihren Anfängen der Ort des Glaubens, der Weitergabe des Glaubens. Sie ist jener Ort, an dem wir bei der Taufe in das Pascha-Mysterium des Todes und der Auferstehung jenes Christus eingetaucht sind, der uns aus dem Gefängnis der Sünde befreit, die Freiheit der Kinder schenkt und in die Einheit mit dem dreifaltigen Gott führt. Zugleich sind wir durch die Eingliederung in die Gemeinschaft mit unseren Brüdern und Schwestern des  Glaubens in den ganzen Leib Christi aus unserer Isolation herausgeführt worden. Das Zweite Vatikanische Konzil erinnert uns folgendermaßen daran: „Gott hat es aber gefallen, die Menschen nicht einzeln, unabhängig von aller wechselseitigen Verbindung zu heiligen und zu retten, sondern sie zu einem Volke zu machen, das ihn in Wahrheit anerkennen und ihm in Heiligkeit dienen soll“ (Dog. Konst. Lumen gentium, 9). Wenn wir nun erneut die  Liturgie der Taufe betrachten, so erinnern wir uns daran, dass das Taufversprechen, das eine Absage an das Böse und eine Wiederholung unseres Credo der Glaubenswahrheit beinhaltet, mit folgenden Worten des Zelebranten schließt: „Das ist unser Glaube, der Glaube der Kirche, den wir mit Lobpreis in unserem Herrn Jesus Christus bekennen“. Der Glaube ist eine ursprünglich von Gott geschenkte theologische Tugend, die von der Kirche im Laufe der Geschichte verbreitet wurde. Der hl. Paulus selbst schrieb in seinem Brief an die Gemeinde von Korinth von seiner Weitergabe des von ihm selbst empfangenen Evangeliums (vgl. 1 Kor 15,3).

In der Kirche ist ein bis zum heutigen Tag ununterbrochenes Kontinuum des Lebens, der Verkündigung des Wortes Gottes, der Feier der Sakramente vorhanden. Dieses Kontinuum bezeichnen wir als Tradition. Aus ihr erwächst uns die Sicherheit, dass der Inhalt unseres Glaubens die von den Aposteln verkündete Botschaft Jesu Christi ist. Der Kern der ursprünglichen Verkündigung liegt im Tod und in der Auferstehung des Herrn. Diesem Ereignis entstammt unser gesamtes Glaubensgut. Im Konzil wurde dazu folgendes festgehalten: „Daher mußte die apostolische Predigt, die in den inspirierten Büchern besonders deutlichen Ausdruck gefunden hat, in ununterbrochener Folge bis zur Vollendung der Zeiten bewahrt werden“ (Dogm. Konst. Dei Verbum, 8). Wenn die Heilige Schrift das Wort Gottes enthält, wird sie von der kirchlichen Tradition treu bewahrt und weitergegeben, sodass die Menschen aller Zeiten deren unerschöpflichen Ressourcen erschließen und sich um die Schätze der Barmherzigkeit bereichern können. So führt die Kirche nach der dogmatischen Konstitution DeiVerbum „in Lehre, Leben und Kult durch die Zeiten weiter und übermittelt allen Geschlechtern alles, was sie selber ist, alles, was sie glaubt“ (ibid).

Zum Schluss möchte ich darauf hinweisen, dass der persönliche Glaube in der Gemeinschaft der Kirche Wachstum erfährt und zur Reife gelangt. Bemerkenswert ist die Beobachtung, dass das Wort „Heilige“ im Neuen Testament als Bezeichnung für die Gesamtheit der Christen verwendet wird. Gewiss besaßen nicht alle die entsprechenden Eigenschaften, die diese kirchliche Anerkennung verdienten. Zur Vermittlung welches Bedeutungsinhaltes sollte dieser Begriff nun dienen? Er trägt der Tatsache Rechnung, dass jene Menschen, die den Glauben besaßen und diesen im auferstandenen Christus lebten, zu einem Bezugspunkt für alle anderen werden sollten. Sie waren dazu aufgerufen, diese in Kontakt mit der Person und der Botschaft Jesu zu bringen, der das Antlitz des lebendigen Gottes offenbart. Dies gilt ebenso für uns. Ein Christ, der sich trotz seiner Schwächen, Grenzen und Schwierigkeiten vom Glauben der Kirche führen und nach und nach formen lässt, wird gleichsam zu einem offenen Fenster für das Licht des lebendigen Gottes, der dieses Licht empfängt und an die Welt weitergibt. Der selige Johannes Paul II. brachte dies in der Enzyklika Redemptoris missio folgendermaßen auf den Punkt: „Durch die Mission wird die Kirche tatsächlich erneuert; Glaube und christliche Identität werden bestärkt und erhalten neuen Schwung und neue Motivation. Der Glaube wird stark durch Weitergabe!“ (Nr. 2).

Die heute weit verbreitete Tendenz der Verdrängung des Glaubens in die Sphäre des Privaten widerspricht dessen wahrer Natur. Wir brauchen die Kirche als Bestätigung unseres Glaubens und für die Erfahrung der Geschenke Gottes. Sein Wort, seine Sakramente, die Stütze der Gnade und das Zeugnis der Liebe. So können wir unser im Wir der Kirche enthaltenes Ich eines Tages als Empfänger und Protagonist eines uns selbst transzendierenden Ereignisses begreifen: in der Erfahrung der Gemeinschaft mit Gott, die die Gemeinschaft der Menschen hervorbringt. In einer Welt, in der der Individualismus die Beziehungen zwischen den Menschen zu regieren und immer mehr zu schwächen scheint, richtet der Glaube den Appell an uns, als Volk Gottes zu leben, Kirche zu sein, zu Trägern der Liebe und der Gemeinschaft mit Gott für die gesamte Menschheit zu werden (vgl. Past. Konst. Gaudium et spes, 1). Ich danke euch für eure Aufmerksamkeit.

[Übersetzung des italienischen Originals von Sarah Fleissner © 2012 - Libreria Editrice Vaticana]