Ansprache von Papst Benedikt XVI. bei der Generalaudienz am 6. Februar 2013

Ich glaube an Gott, den Schöpfer des Himmels und der Erde, den Schöpfer des Menschen

Vatikanstadt, (ZENIT.org) | 1178 klicks

In seiner heutigen Katechese zur Generalaudienz erläuterte der Heilige Vater die Schöpfungsgeschichte der Genesis und zeigte, welche Schlüsse über das Wesen des Menschen und der Welt man daraus ziehen kann. Alle Menschen seien in ihrer Würde gleich erschaffen worden, aus demselben Staub der Erde und ausgestattet mit demselben Lebensatem Gottes. Die Welt sei als guter, den Menschen schützender „Garten“ geschaffen worden; nur die freie Entscheidung des Menschen gegen Gott habe es dem Bösen und damit dem Leiden erlaubt, Zugang zur Welt zu bekommen. Diese erste Sünde der Menschheit habe das Beziehungsgeflecht der Menschen untereinander und zu Gott gestört. Kein Mensch könne aus eigener Kraft die gestörte Beziehung zu Gott wiederherstellen. Aber in Jesus Christus reiche Gott selbst uns seine rettende Hand.

[Wir dokumentieren die Ansprache in einer eigenen Übersetzung:]

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Liebe Brüder und Schwestern!

Das Glaubensbekenntnis, das damit beginnt, dass Gott als der Vater und der Allmächtige beschrieben wird, fügt dann hinzu, dass er der „Schöpfer des Himmels und der Erde“ ist, wie es am Anfang der Bibel steht. Der erste Vers der Heiligen Schrift lautet nämlich: „Im Anfang schuf Gott Himmel und Erde“ (Gen 1,1). Gott ist der Ursprung aller Dinge, und die Schönheit der Schöpfung spiegelt die Allmacht eines liebenden Vaters wieder.

Gott zeigt sich in der Schöpfung als Vater, weil er der Ursprung des Lebens ist, und durch den Akt der Schöpfung zeigt er seine Allmacht. Die Bilder, in denen die Heilige Schrift diese Eigenschaften Gottes darstellt, sind voller Poesie (vgl. Jes 40,12; 45,18; 48,13; Ps 104,2.5; 135,7; Spr 8,27-29; Ijob 38-39). Wie ein liebevoller und mächtiger Vater kümmert sich Gott um seine Geschöpfe, mit einer Liebe und einer Treue, die niemals enden, wie besonders in den Psalmen wiederholt betont wird (vgl. Ps 57,11; 108,5; 36,6). So wird die Schöpfung zum Ort, an dem man die Allmacht des Herrn und seine Güte sehen und erkennen kann. Und sie wird für uns Gläubige zur Aufforderung, unseren Glauben zu bekennen und zu bezeugen, dass Gott der Schöpfer ist. „Aufgrund des Glaubens erkennen wir, dass die Welt durch Gottes Wort erschaffen worden und dass so aus Unsichtbarem das Sichtbare entstanden ist“, schreibt der Verfasser des Hebräerbriefs (Hebr 11,3). Glauben bedeutet folglich, dass man fähig ist, das Unsichtbare an den Zeichen zu erkennen, die es in der sichtbaren Welt hinterlassen hat. Wer glaubt, kann das große Buch der Natur lesen und seine Sprache verstehen (vgl. Ps 19,2-5), aber es bedarf seines offenbarenden Wortes, um den Glauben zu wecken und den Menschen zur vollen Erkenntnis zu führen, dass Gott in Wahrheit Schöpfer und Vater ist. In der Heiligen Schrift kann der menschliche Verstand im Licht des Glaubens den Schlüssel finden, der ihm das Verständnis der Welt erschließt. Eine besondere Bedeutung nimmt in diesem Sinn das erste Kapitel der Genesis ein, in dem das Schöpfungswerk Gottes, das sich über sieben Tage hinzieht, feierlich beschrieben wird: In sechs Tagen vollendet Gott die Erschaffung der Welt; am siebten Tag, dem Sabbat, ruht er, nachdem er sein ganzes Werk vollbracht hat. Ein Tag der Freiheit für alle, ein Tag der Gemeinsamkeit mit Gott. Durch dieses Bild will die Genesis uns sagen, dass es Gottes erster Gedanke war, eine Liebe zu finden, die seine Liebe erwidert. Sein zweiter Gedanke war es dann, eine materielle Welt zu schaffen, in der die Geschöpfe, die in Freiheit seine Liebe erwidern, leben können. Diese Struktur wird im Text der Bibelerzählung durch einige sehr bedeutungsvolle Wiederholungen hervorgehoben. So wird zum Beispiel sechs Mal der Satz wiederholt: „Gott sah, dass es gut war“ (Gen 1,4.10.12.18.21.25); bis zuletzt, nach der Erschaffung des Menschen, gesagt wird: „Gott sah alles an, was er gemacht hatte: Es war sehr gut“ (Gen 1,31). Alles, was Gott schafft, ist schön und gut, angefüllt mit Weisheit und Liebe; das schöpferische Wirken Gottes bringt Ordnung, Harmonie, Schönheit. Aus dem Bericht der Genesis geht auch hervor, dass Gott durch sein Wort schafft: Zehn Mal liest man im Text die Worte: „Gott sprach“ (Gen 1,3.6.9.11.14.20.24.26.28.29), wodurch die wirkende Macht des göttlichen Worts hervorgehoben wird. Der Psalmist singt: „Durch das Wort des Herrn wurden die Himmel geschaffen, ihr ganzes Heer durch den Hauch seines Mundes… Denn der Herr sprach, und sogleich geschah es; er gebot, und alles war da“ (Ps 33,6.9). Das Leben entsteht, die Welt existiert, weil alles dem Wort Gottes gehorcht.

Doch hat es noch Sinn, im Zeitalter der Wissenschaft und der Technik von der Schöpfung zu sprechen? Wie sollen wir die Erzählung der Genesis verstehen? Die Bibel will kein Handbuch der Naturwissenschaften sein; stattdessen möchte sie die tieferen, echten Wahrheiten verständlich machen, die hinter den Dingen liegen. Die grundlegende Wahrheit, die wir aus dem Bericht der Genesis lernen, besteht darin, dass die Welt kein Kampfplatz sich widersprechender Kräfte ist, sondern ihren Ursprung und ihre Stabilität im Logos besitzt, im ewigen Geist Gottes, der das Weltall aufrecht erhält. Und die Welt entspricht einem Plan, einem Entwurf, der diesem schöpferischen Geist entspringt. Der Glaube, dass am Anfang von allem dieser Entwurf steht, beleuchtet alle Seiten des Daseins und gibt Mut, mit Zuversicht und Hoffnung das Abenteuer des Lebens zu wagen. Die Heilige Schrift sagt uns, dass die Welt und der Mensch nicht durch irrationalen Zufall oder Notwendigkeit entstanden sind, sondern durch einen rationalen Plan, durch Liebe und freie Entscheidung. Das ist die Alternative: Entweder es herrscht das Irrationale und die Bedingtheit, oder es überwiegen Rationalität, Freiheit und Liebe. Wir glauben an Letzteres.

Ich will aber auch über das sprechen, was der Gipfel der gesamten Schöpfung ist: der Mensch, Mann und Frau; das einzige Wesen, das fähig ist „seinen Schöpfer zu erkennen und zu lieben“ (Pastorale Konstitution „Gaudium et Spes“, 12). Der Psalmist fragt sich, indem er zum Himmel blickt: „Seh ich den Himmel, das Werk deiner Finger, Mond und Sterne, die du befestigt: Was ist der Mensch, dass du an ihn denkst, des Menschen Kind, dass du dich seiner annimmst?“ (Ps 8,4-5). Der Mensch, den Gott mit Liebe geschaffen hat, ist etwas sehr Geringes im Vergleich zu den unendlichen Weiten des Weltalls; manchmal haben auch wir uns beim Anblick der Tiefen des Nachthimmels ganz klein gefühlt. Dem Menschen wohnt dieser Widerspruch inne: Unsere Geringfügigkeit und Begrenztheit leben in uns mit der Größe zusammen, die die ewige Liebe Gottes für uns gewollt hat.

Die Erzählungen des Buches Genesis über die Erschaffung der Welt führen uns auch in dieses Geheimnis ein und helfen uns, den Plan Gottes für den Menschen besser zu verstehen. Zum Beispiel erfahren wir, dass Gott den Menschen aus dem Staub der Erde geformt hat (vgl. Gen 2,7). Das bedeutet, dass wir nicht Gott sind, uns nicht selber gemacht haben; es bedeutet aber auch, dass wir von der guten Erde kommen, durch die Kraft eines guten Schöpfers. Dem muss man eine weitere tiefe Wahrheit hinzufügen: Alle Menschen sind Staub, jenseits von allen Unterschieden, die Kultur und Geschichte oder sozialer Status uns aufprägen; wir bilden eine einzige, einheitliche Menschheit, die aus derselben Erde Gottes geformt wurde. Und dann ist da noch eine zweite Zutat: Der Mensch lebt, weil Gott ihm den Lebensatem in seinen aus Ackerboden geformten Leib eingehaucht hat (vgl. Gen 2,7). Der Mensch ist als Abbild Gottes geformt (vgl. Gen 1,26-27). Wir alle tragen also den Lebensatem Gottes in uns, und jedes menschliche Leben, so lernen wir aus der Bibel, steht unter dem besonderen Schutz Gottes. Das ist der tiefere Grund für die Unantastbarkeit der menschlichen Würde, gegen jede Versuchung, die Menschen nach den Maßstäben des Profits und der Macht zu bewerten. Dass wir ein Abbild Gottes sind bedeutet auch, dass wir nicht in uns selbst verschlossen sind, sondern einen wichtigen Bezug zu Gott haben.

In den ersten Kapiteln der Genesis finden wir zwei wichtige Bilder: Den Garten mit dem Baum der Erkenntnis von Gut und Böse und die Schlange (vgl. Gen 2,15-17; 3,1-5). Der Garten sagt uns, dass die Welt, in die Gott den Menschen gesetzt hat, keine gefährliche Wildnis ist, sondern ein Ort, der schützt, ernährt und erhält; der Mensch darf diese Welt nicht als sein Eigentum betrachten, das er nach Belieben ausplündern darf, sondern muss sie als Geschenk Gottes sehen, als ein Zeichen seines Willens, uns zu erlösen; ein Geschenk, das man pflegen und erhalten muss, dem man mit Ehrfurcht begegnen muss, dessen Rhythmus und Logik man befolgen muss, wie es dem Willen Gottes entspricht (vgl. Gen 2, 8-15). Die Schlange ist ein Symbol, dessen Ursprung in den Fruchtbarkeitsritualen des alten Orients liegt; diese Rituale faszinierten das Volk Israel und stellten eine ständige Versuchung dar, den geheimnisvollen Bund mit Gott zu verlassen. In diesem Licht wird verständlich, dass die Heilige Schrift die Versuchung, der Adam und Eva erliegen, als den Kern jeder Versuchung und Sünde darstellt. Denn was sagt die Schlange? Sie versucht nicht, Gott zu leugnen, sondern stellt stattdessen eine tückische Frage: „Hat Gott wirklich gesagt: Ihr dürft von keinem Baum des Gartens essen?“ (Gen 3,1). Dadurch weckt die Schlange den Verdacht, der Bund mit Gott sei einer Kette ähnlich, die uns bindet und uns die Freiheit und die schönsten Dinge im Leben vorenthält. Die Versuchung ist die, sich selbst die Welt zu erbauen, in der man leben will, die Grenzen nicht anzuerkennen, die uns als Geschöpfen gesetzt sind. Die Grenze zwischen Gut und Böse, die Grenzen der Ethik, die Abhängigkeit von der Leben spendenden Liebe Gottes: All das wird als eine Last empfunden, von der es sich zu befreien gilt. Das ist immer der Kern jeder Versuchung. Wenn man aber durch eine Lüge seine Beziehung zu Gott verfälscht und sich selbst an den Platz des Schöpfers setzt, werden auch alle anderen Beziehungen verfälscht. Dann werden unsere Mitmenschen zu Rivalen und Bedrohungen: Gleich nachdem er der Versuchung nachgegeben hat, beschuldigt Adam Eva (vgl. Gen 3,12); beide versuchen, sich vor den Blicken jenes Gottes zu verbergen, mit dem sie eben noch freundschaftlich verkehrten (vgl. Gen 3,8-10); die Welt ist mit einem Mal kein Garten mehr, in dem wir in Frieden leben können, sondern einen Ort, den wir ausbeuten und der Gefahren birgt (vgl. Gen 3, 14-19); Hass und Neid ziehen in das Herz des Menschen ein: Exemplarisch ist der Fall Kains, der seinen eigenen Bruder Abel tötet (vgl. 4,3-9). Wenn der Mensch sich gegen seinen Schöpfer wendet, schadet er in Wirklichkeit sich selbst, verleugnet seine Herkunft und folglich auch sein tieferes Wesen. So kommt das Böse in die Welt und schleppt seine schmerzvolle Kette von Tod und Leid hinter sich her. Was Gott geschaffen hatte, war gut, sogar sehr gut; erst nach dieser freien Entscheidung des Menschen, der die Lüge wählt und die Wahrheit ablehnt, kommt das Böse in die Welt.

Es gibt noch etwas, das ich in dieser Erzählung über die Erschaffung der Welt hervorheben möchte: Die Sünde zieht weitere Sünde nach sich, und alle Sünden der Menschheitsgeschichte sind wie eine Kette miteinander verbunden. Das ist die Wahrheit, die sich hinter dem Begriff der „Erbsünde“ verbirgt. Was bedeutet dieser Begriff, der nicht leicht zu verstehen ist? Ich will nur kurz darauf eingehen. Als erstes müssen wir in Betracht ziehen, dass kein Mensch für sich allein leben kann; wir empfangen das Leben von anderen Menschen, und das nicht nur bei unserer Geburt, sondern jeden Tag aufs Neue. Der Mensch lebt von Beziehungen: Ich bin, wer ich bin, nur in Verbindung mit einem Du; in der liebevollen Beziehung zum Du Gottes und der anderen Menschen. Nun ist die Sünde eine Störung oder gar Zerstörung der Beziehung zu Gott; das ist das Wesen jeder Sünde: die Beziehung zu Gott zerstören, die Grundlage aller anderen Beziehungen, und sich selbst an die Stelle Gottes setzen. Der Katechismus der Katholischen Kirche erklärt, dass der Mensch sich durch diese erste Sünde „für sich selbst gegen Gott, gegen die Erfordernisse seines eigenen Geschöpfseins und damit gegen sein eigenes Wohl“ entschied (Nr. 398). Nachdem die grundlegende Beziehung zerstört ist, leiden auch alle anderen Beziehungen darunter; die Sünde zerstört die Beziehungen und damit den Menschen, denn der Mensch lebt aus seinen Beziehungen. Wenn aber das Beziehungsgeflecht der Menschheit von Anfang an geschädigt ist, bedeutet das, dass jeder Mensch in eine Welt hineingeboren wird, die von dieser Störung der normalen Beziehungen gezeichnet ist; in eine Welt, die von der Sünde geschädigt ist, und die jeden Menschen persönlich zeichnet. Deshalb verletzt und verunstaltet die erste Sünde Adams und Evas das Wesen des Menschen selbst (vgl. KKK, 404-406). Der Mensch kann von selbst nicht aus dieser Lage herausfinden, kann sich nicht selbst erlösen; nur der Schöpfer selbst kann wieder gesunde Beziehungen schaffen. Nur wenn der, von dem wir uns entfernt haben, auf uns zukommt und uns in Liebe seine Hand reicht, können die richtigen Beziehungen wieder angeknüpft werden. Das geschieht in Jesus Christus, der genau den umgekehrten Weg beschreitet wie Adam, wie der im zweiten Kapitel des Philipperbriefs enthaltene Lobgesang besagt (vgl. Phil 2,5-11): Während Adam sein Geschöpfsein nicht akzeptiert und an Gottes Stelle treten möchte, erniedrigt sich Jesus, Gottes Sohn, der in einer perfekten Einheitsbeziehung zum Vater steht; er wird zum Diener, er begeht den Weg der Liebe und demütigt sich selbst bis hin zum Kreuzestod, um die Beziehung der Menschen zu Gott wieder zu ordnen. Das Kreuz Christi wird daher zum neuen Lebensbaum.

Liebe Brüder und Schwestern, aus dem Glauben heraus zu leben bedeutet, dass wir die Größe Gottes anerkennen und unsere Grenzen, unser Geschöpfsein akzeptieren und es Gott überlassen, uns mit seiner Liebe zu erfüllen, wodurch unsere wahre Größe entsteht. Das Böse, mit seiner Bürde an Schmerz und Leiden, ist ein Mysterium, das im Licht des Glaubens verständlich wird, denn der Glaube gibt uns die Gewissheit, dass wir davon befreit werden können: die Gewissheit, dass es gut ist, Mensch zu sein.

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