Ansprache von Papst Benedikt XVI. bei der Generalaudienz am 9. Januar 2013

Gott ist Mensch geworden

Vatikanstadt, (ZENIT.org) | 1288 klicks

In seiner heutigen Katechese zur Generalaudienz analysierte der Heilige Vater das Mysterium der Menschwerdung des Herrn, das so oft als selbstverständlich hingenommen wird, ohne sich über die Tragweite dieses Ereignisses bewusst zu werden. Durch die Menschwerdung schenke Gott sich selbst den Menschen. Damit zeige der Herr zugleich, was eigentlich Schenken bedeute. Weihnachten sei nicht umsonst das Fest des Schenkens; es sei zuallererst das Fest, in dem Gott uns zeige, wie man schenkt.

[Wir dokumentieren die Ansprache in einer eigenen Übersetzung:]

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Liebe Brüder und Schwestern!

In der Weihnachtszeit betrachten wir das große Mysterium Gottes, der von seinem Himmel herabgestiegen ist, um unseren Leib anzunehmen. In Jesus ist Gott Mensch geworden, ein Mensch wie wir, und hat uns dadurch den Weg zum Himmel, zur vollen Kommunion mit ihm eröffnet. In diesen Tagen haben wir in den Kirchen oft das Wort „Menschwerdung“ oder „Fleischwerdung“ gehört. Dieses Wort fasst das Geheimnis zusammen, das wir an Weihnachten feiern: Der Sohn Gottes ist Mensch geworden, wie wir ja auch im Glaubensbekenntnis sagen. Doch was bedeutet diese für den christlichen Glauben so zentrale Wort: Fleischwerdung? Es übersetzt den lateinischen Begriff „Incarnatio“. Der heilige Ignatius von Antiochien und vor allem der heilige Irenäus benutzten diesen Begriff in ihren Exegesen über den Prolog des Johannesevangeliums, wo es heißt: „Und das Wort ist Fleisch geworden“ (Joh 1,14). „Fleisch“ bezeichnet hier den Menschen in seiner Gesamtheit, gerade auch in seiner Vergänglichkeit, Zerbrechlichkeit und Zeitgebundenheit. Damit sagt Johannes uns, dass die Erlösung, die der in Jesus von Nazareth fleischgewordene Gott den Menschen bringt, das konkreten Wesen des Menschen und alle seine Lebenslagen betrifft. Gott ist Mensch geworden, um die menschliche Natur von allem zu befreien, was sie von ihm trennte, und um es uns zu ermöglichen, ihn in seinem eingeborenen Sohn als „Abba“, als unseren Vater anzusprechen und wahrhaft Kinder Gottes zu sein. Der heilige Irenäus erklärt: „Das ist der Grund, warum das Wort sich zum Menschen machte und der Gottessohn zum Menschensohn: Damit der Mensch in Kommunion zum Wort treten und dadurch zum Kind Gottes werden konnte“ (Adversus haereses, 3,19,1: PG 7,939; vgl. Katechismus der Katholischen Kirche, 460).

„Das Wort ist Fleisch geworden“ ist eine jener Wahrheiten, an die wir uns so sehr gewöhnt haben, dass uns die Tragweite des Ereignisses, das diese Worte ausdrücken, kaum mehr berührt. Tatsächlich sehen wir immer wieder, wie in der Weihnachtszeit, in der jene Worte in der Liturgie so oft wiedekehren, manchmal den Äußerlichkeiten, den „Festfarben“, mehr Aufmerksamkeit geschenkt wird als der Kernaussage der großen christlichen Botschaft, die wir feiern und die etwas völlig Unfassbares ist, das nur Gott bewirken konnte und das uns nur im Glauben zugänglich wird. Das Wort, das bei Gott ist; dieses Wort, das Gott ist (vgl. Joh 1,1), der Schöpfer der Welt, durch den alle Dinge geschaffen wurden (vgl. Joh 1,3), der mit seinem Licht die Menschen auf dem Weg ihrer Geschichte begleitet hat (vgl. Joh 1,4-5; 1,9), ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt, ist einer von uns geworden (vgl. Joh 1,14). Eine Aussage des Zweiten Vatikanischen Konzils lautet: „Der Sohn Gottes […] hat mit Menschenhänden gearbeitet, mit menschlichem Geist gedacht; mit einem menschlichen Willen hat er gehandelt, mit einem menschlichen Herzen geliebt. Geboren aus Maria, der Jungfrau, ist er in Wahrheit einer aus uns geworden, in allem uns gleich außer der Sünde“ (Pastorale Konstitution „Gaudium et Spes“, Nr. 22). Es ist wichtig, angesichts dieses Mysteriums das Staunen wiederzufinden, uns von der Größe dieses Ereignisses überwältigen zu lassen. Gott, der wahre Gott, der Schöpfer des Weltalls, ist als Mensch auf unseren Wegen gegangen, ist in die Zeit eingetreten, um uns an seinem Leben teilhaben zu lassen (vgl. 1 Joh 1,1-4). Und er hat dies nicht mit der Herrlichkeit eines Königs getan, der sich die Welt Untertan macht, sondern mit der Demut eines Kindes.

Noch etwas anderes möchte ich betonen. Zu Weihnachten tauscht man üblicherweise Geschenke aus. Diese Geste kann manchmal aus Gewohnheit erfolgen, aber in der Regel drückt sie Zuneigung aus und ist ein Zeichen von Liebe und Achtung. Der Gedanke des Schenkens steht auch im Mittelpunkt der Weihnachtsliturgie, wodurch unsere Aufmerksamkeit auf die ursprüngliche Weihnachtsgabe gelenkt wird: In jener heiligen Nacht hat Gott, indem er Mensch wurde, sich selbst den Menschen geschenkt, hat sich für uns hingegeben. Gott hat uns seinen Sohn geschenkt, hat unsere menschliche Natur angenommen, um uns an seiner göttlichen Natur teilhaben zu lassen. Das ist sein großes Geschenk. Auch wenn wir an Weihnachten Geschenke machen, kommt es nicht darauf an, wie teuer diese Geschenke sind, denn wer nicht ein Stück von sich selbst schenkt, wird immer zu wenig schenken. Manchmal versucht man, sein Herz und den persönlichen Einsatz im Geschenk für die anderen durch Geld zu ersetzen, durch materielle Dinge. Das Mysterium der Menschwerdung zeigt, dass Gott anders handelt: Er hat uns keinen materiellen Reichtum geschenkt, sondern er hat sich selbst in der Person seines Sohnes geschenkt. Dies muss das Vorbild für unser Schenken sein, damit unsere Beziehungen, besonders die wichtigsten, durch das Geschenk der Liebe geprägt seien, die nichts im Gegenzug verlangt.

Und noch eine dritte Überlegung liegt mir am Herzen: Das Ereignis der Menschwerdung zeigt uns den unerhörten Realismus der göttlichen Liebe. Wenn Gott handelt, begnügt er sich nicht mit Worten; im Gegenteil, er taucht in unsere Geschichte ein und nimmt die Mühe und Last des menschlichen Lebens auf sich. Der Sohn Gottes ist wirklich Mensch geworden, ist von der Jungfrau Maria geboren, zu einem ganz bestimmten Zeitpunkt und an einem ganz bestimmten Ort: in Betlehem zur Zeit des Kaisers Augustus, unter dem Statthalter Quirinus (vgl. Lk 2,1-2). Er ist in einer Familie aufgewachsen, hat Freunde gehabt, hat die Apostel unterrichtet, damit sie seine Mission fortsetzen konnten, und hat seine irdische Laufbahn am Kreuz beendet. Diese Art Gottes zu handeln ist für uns ein starker Anreiz, uns über den Realismus unseres eigenen Glaubens Fragen zu stellen. Dieser darf nicht auf die Sphäre der Emotionen beschränkt bleiben, sondern muss konkret in unser Leben eintreten, das heißt, unseren Alltag berühren und in der Praxis orientieren. Gott hat sich nicht auf Worte beschränkt, sondern hat uns gezeigt, wie wir leben müssen, indem er uns in allem, außer in der Sünde, gleich wurde. Der Katechismus von Papst Pius X., den einige von uns in ihrer Jugend gelernt haben, beantwortet die Frage: „Was müssen wir tun, um nach Gottes Willen zu leben?“ in typisch pragmatischer Weise mit: „Um nach Gottes Willen zu leben, müssen wir die von ihm offenbarten Wahrheiten glauben und seine Gebote befolgen, mit der Hilfe seiner Gnade, die man durch die Sakramente und das Gebet erlangt.“ Der Glaube besitzt grundlegende Aspekte, die nicht nur den Geist und das Herz betreffen, sondern unser gesamtes Leben.

Noch eine letzte Überlegung. Johannes sagt, das Wort, der Logos, sei schon im Anfang bei Gott gewesen, und dass alles, was existiert, durch das Wort geworden ist und nichts ohne das Wort geschaffen wurde (vgl. Joh 1,1-3). Der Evangelist spielt hier eindeutig auf die Schöpfungsgeschichte der ersten Kapitel der Genesis an, die er im Licht Christi liest. Das ist ein wichtiges Kriterium der christlichen Weise, die Bibel zu lesen: Das Alte und das Neue Testament müssen immer zusammen gelesen werden, und der tiefere Sinn des Alten Testaments erschließt sich durch die Kenntnis des Neuen. Dieses selbe Wort, das seit Anbeginn bei Gott war und selbst Gott ist, durch das und auf das hin alle Dinge geschaffen wurden (vgl. Kol 1,16-17), ist Mensch geworden: Der ewige und allmächtige Gott ist in die Grenzen des menschlichen Lebens getaucht, in seine eigene Schöpfung, um den Menschen und die gesamte Schöpfung zu ihm zurückzuführen. Der Katechismus der Katholischen Kirche lehrt: „Die erste Schöpfung findet ihren Sinn und Höhepunkt in der Neuschöpfung in Christus, welche die erste an Glanz übertrifft“ (Nr 349). Die Kirchenväter haben Jesus mit Adam verglichen, ihn sogar einen „zweiten Adam“ genannt, einen endgültigen Adam gewissermaßen, das perfekte Abbild Gottes. Mit der Fleischwerdung von Gottes Sohn findet eine zweite Schöpfung statt, die eine vollständige Antwort auf die Frage „Wer ist der Mensch?“ gibt. Nur in Jesus wird der Plan Gottes für den Menschen offenkundig: Jesus ist der vollkommene Mensch, wie Gott ihn gewollt hat. Das Zweite Vatikanische Konzil bekräftigt diese Aussage: „Tatsächlich klärt sich nur im Geheimnis des fleischgewordenen Wortes das Geheimnis des Menschen wahrhaft auf […].Christus, der neue Adam, macht dem Menschen den Menschen selbst voll kund und erschließt ihm seine höchste Berufung“ (Pastorale Konstitution „Gaudium et Spes“, Nr. 22; vgl. auch KKK, Nr. 359). In jenem Kind, dem Sohn Gottes, den wir an Weihnachten feiern, können wir das wahre Gesicht nicht nur Gottes, sondern auch des Menschen erkennen; und nur indem wir seiner Gnade erlauben, in uns zu wirken und täglich versuchen, ihm nachzufolgen, verwirklichen wir den Plan, den Gott für jeden einzelnen von uns hat.

Liebe Freunde, lasst uns über das große und wunderbare Geheimnis der Fleischwerdung meditieren und es dem Herrn erlauben, uns zu erleuchten und uns immer mehr zum Ebenbild seines Sohnes zu machen, der für uns Mensch geworden ist. Danke!

[Nach der Ansprache grüßte der Papst die deutschsprachigen Pilger mit folgenden Worten:]

Mit Freude grüße ich die deutschsprachigen Pilger und Besucher. Im göttlichen Kind, das uns Maria, die Jungfrau, geboren hat, können wir erkennen, was der Mensch wahrhaft ist und sein soll. Öffnen wir ihm also unser Herz, dann kann der Plan der göttlichen Liebe in uns wirklich und die Welt wahrhaft gut werden. Danke.

[© 2013 – Libreria Editrice Vaticana]