Ansprache von Papst Benedikt XVI. beim Ad-limina-Besuch der französischen Bischöfe am 17. November 2012

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Vatikanstadt, 12. Dezember 2012 (ZENIT.org). - Wir dokumentieren die Ansprache von Papst Benedikt XVI. an die französischen Bischöfe anlässlich ihres Ad-limina-Besuchs in der offiziellen deutschen Übersetzung:

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Herr Kardinal,

liebe Mitbrüder im Bischofsamt!

Ich danke Ihnen, Eminenz, für Ihre Worte und habe meinen Aufenthalt 2008 in Paris, der intensive Momente des Glaubens und eine Begegnung mit der Welt der Kultur ermöglicht hat, in lebendiger Erinnerung. In meiner Botschaft, die ich aus Anlass eures Treffens in Lourdes im vergangenen März an euch gerichtet habe, habe ich daran erinnert, dass „das Zweite Vatikanische Konzil ein authentisches Zeichen Gottes für unsere Zeit war und bleibt“. Das bewahrheitet sich insbesondere auf dem Gebiet des Dialogs zwischen Kirche und Welt, dieser Welt, „mit der die Kirche lebt und wirkt“ (vgl. Gaudium et spes, 40) und auf die sie den Widerschein des göttlichen Lebens fallen lassen will (vgl. ebd.). Ihr wisst: Je mehr die Kirche sich ihres Wesens und ihrer Sendung bewusst ist, desto mehr ist sie in der Lage, diese Welt zu lieben, einen vertrauensvollen Blick auf sie zu richten, der inspiriert ist vom Blick Jesu, ohne der Versuchung zur Entmutigung oder Abkapselung nachzugeben. »Schon durch die Erfüllung der eigenen Aufgabe treibt die Kirche die menschliche und mitmenschliche Kultur voran und trägt zu ihr bei«, sagt das Konzil (vgl. ebd., 58).

Eure Nation ist reich an einer langen christlichen Geschichte, die weder ignoriert noch abgewertet werden darf und die deutlich und beredt die Wahrheit bezeugt, die heute noch ihrer einzigartigen Berufung Gestalt gibt. Nicht nur die Gläubigen eurer Diözesen, sondern die Gläubigen der ganzen Welt erwarten viel von der Kirche in Frankreich, zweifelt nicht daran. Als Hirten sind wir uns sicherlich unserer Grenzen bewusst; aber im Vertrauen auf die Kraft Christi wissen wir auch, dass es uns zukommt »Glaubensboten« (Lumen gentium, 25) zu sein, die gemeinsam mit den Priestern und Gläubigen die Botschaft Christi so bezeugen müssen, „dass alle irdischen Tätigkeiten der Gläubigen von dem Licht des Evangeliums erhellt werden“ (vgl. Gaudium et spes, 43).

Das Jahr des Glaubens erlaubt es uns, im Vertrauen auf die Kraft und den der Botschaft des Evangeliums innewohnenden Reichtum zu wachsen. Haben wir nicht oft festgestellt, daß es die Worte des Glaubens sind, diese einfachen, direkten und mit der Lebensenergie des göttlichen Wortes erfüllten Worte, die Herz und Verstand am tiefsten berühren und das maßgebliche Licht bringen? Wir wollen also keine Angst haben, mit zutiefst apostolischer Kraft vom Geheimnis Gottes und vom Geheimnis des Menschen zu sprechen und unermüdlich den Reichtum der christlichen Lehre zu verbreiten. In ihr gibt es Worte und Wirklichkeiten, Grundüberzeugungen und Denkweisen, die allein die Hoffnung vermitteln können, nach der die Welt dürstet.

Die Stimme der Kirche muss sich unermüdlich und entschieden in den wichtigen gesellschaftlichen Debatten Gehör verschaffen. Sie tut dies in der Achtung vor der französischen Tradition in Bezug auf die Unterscheidung der Kompetenzbereiche von Kirche und Staat. Gerade in diesem Kontext verleiht euch die Harmonie, die zwischen Glaube und Vernunft besteht, eine besondere Gewissheit: Die Botschaft Christi und seiner Kirche ist nicht nur Vermittlerin einer religiösen Identität, die als solche geachtet zu werden verlangt; sie enthält eine Weisheit, die es erlaubt, die konkreten Antworten auf die drängenden und zuweilen beängstigenden Fragen der gegenwärtigen Zeit fundiert zu prüfen. Indem ihr weiterhin die prophetische Dimension eures Bischofsamtes ausübt, tragt ihr ein unverzichtbares Wort der Wahrheit in diese Debatten, ein Wort, das befreit und die Herzen für die Hoffnung öffnet. Dieses Wort, davon bin ich überzeugt, wird erwartet. Es findet immer günstige Aufnahme, wenn es mit Liebe vorgebracht wird, nicht als Frucht unseres eigenen Nachdenkens, sondern zuerst als das Wort, das Gott an jeden Menschen richten will.

In diesem Zusammenhang erinnere ich mich an die Begegnung, die im „Collège des Bernardins“ stattgefunden hat. Frankreich kann sich rühmen, eine Reihe von Intellektuellen auf hohem Niveau zu seinen Söhnen und Töchtern zu zählen, von denen einige die Kirche mit Wohlwollen und Respekt betrachten. Gläubig oder nicht, sie sind sich der immensen Herausforderungen unserer Zeit bewusst, in der die christliche Botschaft ein unersetzlicher Orientierungspunkt ist. Es kann geschehen, dass andere intellektuelle oder philosophische Traditionen versiegen: Die Kirche aber findet in ihrer göttlichen Sendung die Sicherheit und den Mut, die universale Berufung zum Heil zu verkünden, ob man es hören will oder nicht, sowie die Größe des göttlichen Plans für die Menschheit, die Verantwortlichkeit des Menschen, seine Würde und Freiheit und – trotz der Verwundung durch die Sünde – seine Fähigkeit, im Gewissen das zu erkennen, was wahr und gut ist, sowie seine Offenheit für die göttliche Gnade. Im „Collège des Bernardins“ wollte ich daran erinnern, daß das ganz auf die Suche nach Gott, das quaerere Deum, ausgerichtete monastische Leben als Quelle der Erneuerung und des Fortschritts auf die Kultur eingewirkt hat. Die religiösen und vor allem die monastischen Gemeinschaften eures Landes, das ich gut kenne, können auf eure Wertschätzung und aufmerksame Sorge zählen, unter Achtung ihres jeweiligen Charismas. Das Ordensleben im ausschließlichen Dienst am Werk Gottes, dem nichts vorgezogen werden darf (vgl. Benediktusregel), ist ein wertvoller Schatz in euren Diözesen. Es legt radikal Zeugnis ab von der Art und Weise, in der die christliche Existenz, gerade wenn sie sich ganz in die Nachfolge Christi begibt, die Berufung des Menschen zum glückseligen Leben vollkommen verwirklicht. Dieses Zeugnis ist für die ganze Gesellschaft, und nicht nur die Kirche, eine große Bereicherung. In Demut, Sanftmut und Stille gegeben, liefert es sozusagen den Beweis, dass im Menschen mehr ist als nur der Mensch selbst.

Wie uns das Konzil in Erinnerung ruft, leistet auch die Liturgie der Kirche einen Beitrag zur menschlichen und mitmenschlichen Kultur (vgl. Gaudium et spes, 58). Denn die Liturgie ist die Feier des zentralen Ereignisses der Menschheitsgeschichte: des Erlösungsopfers Christi. Dadurch legt sie Zeugnis ab von der Liebe, mit der Gott die Menschheit liebt, sie bezeugt, daß das Leben des Menschen einen Sinn hat und er berufen ist, am glorreichen Leben der Dreifaltigkeit teilzuhaben. Die Menschheit braucht dieses Zeugnis. Sie muss in den Liturgiefeiern das Bewusstsein wahrnehmen können, das die Kirche von der Herrschaft Gottes und der Würde des Menschen hat. Sie hat das Recht, entdecken zu können – über die Grenzen hinaus, die die kirchlichen Riten und Zeremonien stets kennzeichnen –, dass Christus „im Opfer der Messe“ und „in der Person dessen, der den priesterlichen Dienst vollzieht“, gegenwärtig ist (vgl. Sacrosanctum Concilium, 7).

Ich weiß um die Sorgfalt, die ihr euren Liturgiefeiern angedeihen lasst, und ich ermutige euch, die Kunst des Zelebrierens zu pflegen, eure Priester in dieser Hinsicht zu unterstützen und euch unaufhörlich für die liturgische Bildung der Seminaristen und der Gläubigen einzusetzen. Die Einhaltung der festgesetzten Normen ist Ausdruck der Liebe und Treue zum Glauben der Kirche, zum Gnadenschatz, den sie bewahrt und weitergibt; die Schönheit der Feiern bewirkt eine dauerhafte und wirksame Evangelisierung, sehr viel mehr als subjektive Neuerungen und Anpassungen.

Groß ist heute eure Sorge um die Weitergabe des Glaubens an die jungen Generationen. Zahlreiche Familien in euren Ländern sichern dies weiterhin. Ich segne und ermutige von Herzen die von euch unternommenen Initiativen, um diese Familien zu unterstützen, sie mit eurer Fürsorge zu umgeben, um die Übernahme ihrer Verantwortung auf erzieherischem Gebiet zu fördern. Die Verantwortlichkeit der Eltern in diesem Bereich ist ein wertvolles Gut, das die Kirche verteidigt und fördert sowohl als unveräußerlichen und wesentlichen Aspekt des Gemeinwohls der ganzen Gesellschaft als auch als Erfordernis der Würde des Menschen und der Familie. Ihr wisst auch, dass die Herausforderungen auf diesem Gebiet nicht fehlen: Mag es sich um die Schwierigkeiten handeln, die verbunden sind mit dem Übergang vom – in Familie, Gesellschaft – empfangenen Glauben zum beim Eintritt in das Erwachsenenalter persönlich angenommenen Glauben, oder um die Schwierigkeiten eines Bruches in der Weitergabe, wo mehrere Generationen aufeinanderfolgen, die sich mittlerweile vom lebendigen Glauben entfernt haben. Weiter gibt es die enorme Herausforderung, in einer Gesellschaft zu leben, die nicht immer die Lehren Christi teilt und die zuweilen versucht, die Kirche lächerlich zu machen oder an den Rand zu drängen, weil sie sie auf die Privatsphäre begrenzen will. Um auf diese Herausforderungen zu antworten, braucht die Kirche glaubwürdige Zeugen. Das in Christus verwurzelte und in einem konsequenten Leben und in Authentizität gelebte Zeugnis ist sehr vielfältig und hat kein vorgefasstes Schema. Es entsteht und erneuert sich unaufhörlich durch das Wirken des Heiligen Geistes. Zur Unterstützung dieses Zeugnisses ist der Katechismus der Katholischen Kirche ein sehr nützliches Instrument, denn er bezeugt die Kraft und die Schönheit des Glaubens. Ich ermutige euch, ihn insbesondere in diesem Jahr, in dem wir den 20. Jahrestag seiner Veröffentlichung feiern, umfassend bekanntzumachen.

Auf dem euch zugedachten Platz legt auch ihr Zeugnis ab durch eure Selbstlosigkeit, euren einfachen Lebensstil, eure pastorale Sorge und vor allem durch eure Einheit untereinander und mit dem Nachfolger des Apostels Petrus. Überzeugt von der Kraft des Vorbilds, werdet ihr auch Worte und Gesten finden, um die Gläubigen dazu zu ermutigen, diese „Einheit des Lebens“ zu verkörpern. Sie müssen spüren, dass ihr Glaube sie in die Pflicht nimmt, dass er für sie Befreiung ist und keine Last, dass die Konsequenz Quelle der Freude und der Fruchtbarkeit ist (vgl. Apostol. Schreiben Christifideles laici, 17). Das gilt sowohl für ihre Zustimmung und Treue zur Morallehre der Kirche als auch, zum Beispiel, für den Mut, ihre christlichen Überzeugungen in den Lebensumfeldern, in denen sie sich bewegen, ohne Arroganz, sondern respektvoll deutlich zu machen. Diejenigen unter ihnen, die im öffentlichen Leben engagiert sind, haben in diesem Bereich eine besondere Verantwortung. Gemeinsam mit den Bischöfen wird es ihnen am Herzen liegen, aufmerksam die Gesetzesentwürfe zu verfolgen, die den Schutz der Ehe zwischen einem Mann und einer Frau, den Schutz des Lebens von der Empfängnis bis zum Tod und die rechte Ausrichtung der Bioethik in der Treue zu den Dokumenten des Lehramts beeinträchtigen könnten. Es ist notwendiger denn je, dass zahlreiche Christen den Weg des Dienstes am Gemeinwohl einschlagen und dabei vor allem die Soziallehre der Kirche vertiefen.

Ihr könnt auf mein Gebet zählen, damit eure Bemühungen in diesem Bereich reiche Frucht bringen. Zum Abschluss rufe ich den Segen des Herrn auf euch, auf eure Priester und Diakone, auf die Ordensfrauen und Ordensmänner, auf die Personen gottgeweihten Lebens, die in euren Diözesen tätig sind, und auf eure Gläubigen herab. Möge Gott euch stets begleiten! Danke.

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