Ansprache von Papst Benedikt XVI. im Jerusalemer Präsidentenpalast

Für einen Alltag ohne Angst vor Bedrohung von außen und sinnloser Gewalt

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JERUSALEM, 12. Mai 2009 (ZENIT.org).- Wir veröffentlichen die offizielle Übersetzung der Ansprache, die Papst Benedikt XVI. gestern, Montag, während seines Höflichkeitsbesuchs beim israelischen Staatspräsidenten Shimon Peres in Jerusalem gehalten hat.

„Meine Freunde, Jerusalem, das seit jeher ein Kreuzungspunkt für Völker unterschiedlicher Herkunft war, ist eine Stadt, die Juden, Christen und Muslimen sowohl die Pflicht auferlegt als auch das Privileg bietet, gemeinsam das von den Anbetern des einen Gottes lang ersehnte friedliche Zusammenleben zu bezeugen, den Plan des Allmächtigen für die Einheit der dem Abraham verheißenen Menschheitsfamilie zu offenbaren und die wahre Natur des Menschen als Gottsucher zu verkünden.

Lassen Sie uns den Vorsatz fassen, dafür zu sorgen, dass wir unseren jeweiligen Gemeinschaften durch die Unterweisung und die Führung helfen, ihrem eigentlichen Wesen als Gläubige treu zu sein und stets die unendliche Güte Gottes, die unveräußerliche Würde eines jeden Menschen und die Einheit der gesamten Menschheitsfamilie im Bewußtsein zu haben.“

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Sehr geehrter Herr Präsident!
Exzellenzen!
Meine Damen und Herren!

Als eine liebenswürdige Geste der Gastfreundschaft hat Präsident Peres uns hier in seiner Residenz empfangen und mir damit die Möglichkeit gegeben, Sie alle zu begrüßen und zugleich ein paar Gedanken mit Ihnen auszutauschen. Herr Präsident, ich danke Ihnen für diesen freundlichen Empfang und für Ihre höflichen Worte zur Begrüßung, die ich herzlich erwidere. Ich danke auch den Sängern und Musikern, die uns mit ihrer schönen Darbietung erfreut haben.

Herr Präsident, in der Gratulationsbotschaft, die ich Ihnen anläßlich Ihrer Amtseinführung sandte, habe ich gerne an Ihren hervorragenden Ruf im Dienst für Ihr Land erinnert, der durch ein starkes Engagement im Streben nach Gerechtigkeit und Frieden gekennzeichnet ist. Heute nachmittag möchte ich Ihnen wie der neugebildeten Regierung sowie allen Einwohnern des Staates Israel versichern, daß meine Pilgerreise zu den heiligen Stätten dem Gebet um das kostbare Geschenk der Einheit und des Friedens für den Nahen Osten und für die ganze Menschheit gewidmet ist. In der Tat bete ich täglich darum, daß ein aus Gerechtigkeit hervorgehender Friede in das Heilige Land und die gesamte Region zurückkehre und allen Sicherheit und neue Hoffnung bringe.

Friede ist vor allem ein göttliches Geschenk. Denn Friede ist Gottes Verheißung an die Menschheit und führt zur Einheit. Im Buch des Propheten Jeremia lesen wir: „Denn ich, ich kenne meine Pläne, die ich für euch habe – Spruch des Herrn –, Pläne des Heils und nicht des Unheils; denn ich will euch eine Zukunft und eine Hoffnung geben“ (29,11). Der Prophet erinnert uns an das Versprechen des Allmächtigen, daß er „sich finden läßt“, daß er uns „erhört“, daß er uns „sammeln“ und zusammenführen wird. Doch es gibt eine Vorbedingung: Wir müssen „ihn suchen“, und zwar „von ganzem Herzen nach ihm fragen“ (vgl. ibid. 12-14).

So möchte ich den an diesem Nachmittag hier anwesenden religiösen Führern sagen, daß der besondere Beitrag der Religionen zur Suche nach Frieden in erster Linie in der leidenschaftlichen und einmütigen Suche nach Gott liegt. Unsere Aufgabe ist es, zu verkünden und zu bezeugen, daß der Allmächtige gegenwärtig und erkennbar ist, selbst dann, wenn er unserem Blick verborgen scheint, daß er in unserer Welt zu unserem Guten wirkt und daß die Zukunft einer Gesellschaft unter dem Zeichen der Hoffnung steht, wenn diese Gesellschaft in Einklang mit dem göttlichen Gebot lebt. Gottes dynamische Gegenwart ist es, welche die Herzen zusammenführt und die Einheit sichert. Tatsächlich hat die Einheit unter den Menschen ihren Urgrund in der vollkommenen Einzigkeit und Universalität Gottes, der Mann und Frau als sein Abbild und ihm ähnlich erschaffen hat, um uns in sein göttliches Leben hineinzuziehen, damit alle eins seien.

Darum müssen die religiösen Führer bedenken, daß jede Teilung oder Spannung, jede Tendenz zu Zurückgezogenheit oder Mißtrauen unter den Gläubigen oder zwischen unseren Gemeinschaften leicht zu einem Gegensatz führen kann, der die Einzigkeit des Allmächtigen verdunkelt, unsere Einheit verrät und im Widerspruch steht zu dem Einen, der sich selbst als „reich an Huld und Treue“ offenbart (Ex 34,6; vgl. Ps 136,2; Ps 85,11). Meine Freunde, Jerusalem, das seit jeher ein Kreuzungspunkt für Völker unterschiedlicher Herkunft war, ist eine Stadt, die Juden, Christen und Muslimen sowohl die Pflicht auferlegt als auch das Privileg bietet, gemeinsam das von den Anbetern des einen Gottes lang ersehnte friedliche Zusammenleben zu bezeugen, den Plan des Allmächtigen für die Einheit der dem Abraham verheißenen Menschheitsfamilie zu offenbaren und die wahre Natur des Menschen als Gottsucher zu verkünden. Lassen Sie uns den Vorsatz fassen, dafür zu sorgen, daß wir unseren jeweiligen Gemeinschaften durch die Unterweisung und die Führung helfen, ihrem eigentlichen Wesen als Gläubige treu zu sein und stets die unendliche Güte Gottes, die unveräußerliche Würde eines jeden Menschen und die Einheit der gesamten Menschheitsfamilie im Bewußtsein zu haben.

Die Heilige Schrift bietet uns auch ein Verständnis des Begriffs „Sicherheit“. Nach hebräischem Sprachgebrauch leitet sich „Sicherheit“ – batah – von „Vertrauen“ ab und bezieht sich nicht nur auf das Nicht-vorhanden-Sein von Bedrohung, sondern auch auf das Empfinden von Ruhe und Zuversicht. Im Buch des Propheten Jesaja lesen wir über eine Zeit göttlichen Segens: „Wenn aber der Geist aus der Höhe über uns ausgegossen wird, dann wird die Wüste zum Garten und der Garten wird zu einem Wald. In der Wüste wohnt das Recht, die Gerechtigkeit weilt in den Gärten. Das Werk der Gerechtigkeit wird der Friede sein, der Ertrag der Gerechtigkeit sind Ruhe und Sicherheit für immer“ (Jes 32,15-17). Sicherheit, Redlichkeit, Gerechtigkeit und Friede – in Gottes Plan für die Welt sind sie unzertrennlich. Es sind bei weitem nicht einfach Produkte menschlichen Strebens, es sind Werte, die auf die grundsätzliche Beziehung Gottes zum Menschen zurückzuführen sind und als allgemeines Erbe im Herzen jedes einzelnen wohnen.

Es gibt nur einen Weg, diese Werte zu schützen und zu fördern: indem man sie praktiziert! Indem man sie lebt! Kein einzelner, keine Familie, keine Gemeinschaft oder Nation ist von der Pflicht entbunden, in Gerechtigkeit zu leben und für den Frieden zu arbeiten. Und natürlich wird von den zivilen und politischen Führungskräften erwartet, daß sie dem Volk, zu dessen Dienst sie gewählt worden sind, eine gerechte und angemessene Sicherheit gewährleisten. Diese Zielsetzung gehört zur berechtigten Förderung der Werte, die allen Menschen gemeinsam sind, und kann folglich nicht im Widerspruch zur Einheit der Menschheitsfamilie stehen. Die authentischen Werte und Ziele einer Gesellschaft, die immer die menschliche Würde schützen, sind unteilbar, universal und voneinander abhängig (vgl. Ansprache vor der UN-Vollversammlung, 18. April 2008). Deshalb können sie nicht zur Erfüllung gelangen, wenn sie Einzelinteressen oder Teilpolitiken geopfert werden. Dem wahren Interesse einer Nation ist es immer dienlich, die Gerechtigkeit für alle anzustreben.

Sehr geehrte Damen und Herrn, dauerhafte Sicherheit ist eine Sache des Vertrauens, das durch Gerechtigkeit und Redlichkeit genährt und durch die Umkehr der Herzen besiegelt wird, die uns bewegt, dem anderen in die Augen zu schauen und mein Gegenüber, das „Du“, als Meinesgleichen, als meinen Bruder oder meine Schwester zu erkennen. Wird auf diese Weise nicht die Gesellschaft selbst zum „fruchtbaren Garten“ (vgl. Jes 32,15), dessen Merkmale nicht etwa Blockaden oder Hindernisse, sondern Zusammenhalt und Dynamik sind? Kann sie nicht eine Gemeinschaft mit großmütigen Bestrebungen werden, wo allen gern der Zugang zu Ausbildung, Wohnung im Familienkreis und die Möglichkeit einer Anstellung gewährt wird, eine Gesellschaft, die bereit ist, auf die dauerhaften Fundamente der Hoffnung zu bauen?

Zum Schluß möchte ich mich gern an die einfachen Familien dieser Stadt und dieses Landes wenden. Welche Eltern würden sich jemals Gewalt, Unsicherheit oder Zwietracht für ihren Sohn oder ihre Tochter wünschen? Welchem humanen politischen Ziel kann je durch Konflikt und Gewalt gedient werden? Ich höre den Ruf derer, die in diesem Lande leben, den Ruf nach Gerechtigkeit, nach Frieden, nach Achtung ihrer Würde, nach dauerhafter Sicherheit, einem Alltag ohne Angst vor Bedrohung von außen und sinnloser Gewalt. Und ich weiß, daß eine bemerkenswerte Anzahl von Männern, Frauen und Jugendlichen durch Kulturprogramme und durch Initiativen mitfühlender und praktischer Hilfeleistung für Frieden und Solidarität arbeiten; demütig genug, um zu vergeben, greifen sie nach dem Traum, der ihr Recht ist.

Herr Präsident, ich danke Ihnen für die Freundlichkeit, die Sie mir erwiesen haben, und ich versichere Sie erneut meiner Gebete für die Regierung und für alle Bürger dieses Staates. Möge eine echte Umkehr der Herzen aller zu einem stets bestärkenden Engagement für Frieden und Sicherheit durch Gerechtigkeit für jeden führen.

Shalom!

 

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