Ansprache von Papst Benedikt XVI. in Benin beim Treffen mit zivilen und religiösen Führungspersönlichkeiten

Gott ist die Wahrheit

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COTONOU, 19. November 2011 (ZENIT.org). – Am zweiten Tag seiner Beninreise ist Papst Benedikt XVI. im Präsidentenpalast von Cotonou mit dem Präsidenten des Landes, Regierungsvertretern und Repräsentanten der staatlichen Institutionen sowie der großen Religionen des Landes zusammengetroffen. In seiner Rede sprach er unter dem Blickwinkel der christlichen Hoffnung über die neuen politischen Entwicklungen in Afrika, wirtschaftliche Aspekte, die Rolle von Kirche und Religion und den interreligiösen Dialog.

[Wir dokumentieren die offizielle deutsche Übersetzung der Ansprache im Wortlaut:]

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Sehr geehrter Herr Präsident!

Werte Vertreter des öffentlichen und politischen Lebens und der Religionsgemeinschaften!

Meine Damen und Herren Leiter der diplomatischen Vertretungen!

Liebe Brüder im Bischofsamt, 

meine Damen und Herren, liebe Freunde!

DOO NOUMI! (in Fon*)

Sie, Herr Präsident, wollten mir die Gelegenheit zu dieser Begegnung vor einer namhaften Versammlung von Persönlichkeiten geben. Es ist ein Privileg, das ich sehr zu schätzen weiß, und ich danke Ihnen von ganzem Herzen für die freundlichen Worte, die Sie im Namen des ganzen Volkes von Benin an mich gerichtet haben. Ebenso danke ich dem Vertreter der staatlichen Institutionen für seine Willkommensworte. Ich entbiete allen Anwesenden, den verantwortlichen Persönlichkeiten auf verschiedenen Ebenen des öffentlichen Lebens in Benin, beste Wünsche.

Oft habe ich in meinen früheren Ansprachen das Wort Afrika mit dem Begriff Hoffnung verbunden. Dies habe ich vor zwei Jahren in Luanda und schon in einem Zusammenhang mit der Bischofssynode getan. Das Wort Hoffnung kommt übrigens im Nachsynodalen Apostolischen Schreiben „Africae munus“, das ich in Kürze unterzeichnen werde, mehrere Male vor. Wenn ich sage, dass Afrika der Kontinent der Hoffnung ist, tue ich dies nicht aus reiner Rhetorik, sondern ich drücke ganz einfach eine persönliche Überzeugung aus, die auch jene der Kirche ist. Allzu oft bleibt unser Geist bei Vorurteilen oder Bildern stehen, welche die afrikanische Wirklichkeit in einer negativen Sicht darstellen, die von einer betrüblichen Analyse herrührt. Man ist immer versucht, nur das hervorzuheben, was nicht geht; ja, es ist einfach, den belehrenden Ton eines Moralpredigers oder Experten anzuschlagen, der seine Schlüsse auferlegt und letzen Endes wenige geeignete Lösungen vorschlägt. Man ist auch versucht, die afrikanischen Gegebenheiten nach Art eines neugierigen Ethnologen zu untersuchen oder wie einer, der in ihnen nur eine große Reserve an Energie, Bodenschätzen, Landwirtschaft und Menschen sieht, die aus oft wenig edlen Interessen leicht ausgebeutet werden kann. Dies sind die oberflächlichen und rücksichtslosen Sichtweisen, die zu einer Afrika und seinen Einwohnern wenig angemessene Verdinglichung führen.

Ich bin mir bewusst, dass Worte nicht überall dieselbe Bedeutung haben. Aber jenes der Hoffnung ändert sich kaum von Kultur zu Kultur. Schon vor einigen Jahren habe ich der christlichen Hoffnung eine Enzyklika gewidmet. Von Hoffnung sprechen bedeutet von der Zukunft sprechen und daher von Gott! Die Zukunft wurzelt in der Vergangenheit und in der Gegenwart. Die Vergangenheit kennen wir gut, bedauern ihre Misserfolge und begrüßen ihre positiven Errungenschaften. Die Gegenwart leben wir, wie wir es vermögen. So gut wie möglich, hoffe ich, und mit der Hilfe Gottes! Es geht darum, auf diesem aus vielfältigen widersprüchlichen und sich ergänzenden Elementen zusammengesetzten Boden mit der Hilfe Gottes zu bauen.

Liebe Freunde, ich möchte im Lichte dieser Hoffnung, die uns erfüllen muss, zwei aktuelle afrikanische Wirklichkeiten lesen. Die erste bezieht sich eher allgemein auf das gesellschaftspolitische und wirtschaftliche Leben des Kontinents, die zweite auf den interreligiösen Dialog. Diese Wirklichkeiten gehen uns alle an, denn unser Jahrhundert scheint in Schmerzen geboren zu werden und Schwierigkeiten zu haben, die Hoffnung in diesen beiden besonderen Bereichen wachsen zu lassen.

In den vergangenen Monaten haben zahlreiche Völker ihren Wunsch nach Freiheit kundgetan, ihr Bedürfnis nach materieller Sicherheit und ihren Willen, in Eintracht zu leben bei aller Verschiedenheit der Ethnien und Religionen. Sogar ein neuer Staat ist auf Ihrem Kontinent entstanden. Zahlreich waren aber auch die Konflikte, die von der Blindheit des Menschen hervorgerufen wurden, von seinem Machtstreben und von wirtschaftspolitischen Interessen, welche die Würde des Menschen oder der Natur missachten. Der Mensch strebt nach Freiheit; er will in Würde leben; er will gute Schulen und Nahrung für die Kinder, würdige Krankenhäuser für die Pflege der Kranken; er will respektiert werden; er verlangt eine transparente Regierung, die persönliche Interessen nicht mit allgemeinen Interessen vermischt; und vor allem will er Frieden und Gerechtigkeit. Derzeit gibt es zu viele Skandale und Ungerechtigkeiten, zu viel Korruption und Gier, zu viel Verachtung und Lüge, zu viel Gewalt, die zu Elend und Tod führt. Diese Übel suchen gewiss euren Kontinent heim, aber ebenso die restliche Welt. Jedes Volk will die politischen und wirtschaftlichen Entscheidungen nachvollziehen, die in seinem Namen getroffen werden. Es nimmt Manipulation wahr, und seine Vergeltung ist manchmal gewalttätig. Es möchte teilhaben an der guten Regierung. Wir wissen, dass kein menschliches politisches System ideal und keine wirtschaftliche Entscheidung neutral ist. Aber sie müssen stets dem Gemeinwohl dienen. Wir stehen also vor einer legitimen Forderung nach mehr Würde und vor allem nach mehr Menschlichkeit, die alle Länder betrifft. Der Mensch will, dass sein Menschsein geachtet und gefördert wird. Die Verantwortlichen der Länder in Politik und Wirtschaft sind vor maßgebliche Entscheidungen und vor Wahlen gestellt, denen sie nicht mehr ausweichen können.

Von diesem Podium aus richte ich einen Appell an alle Verantwortlichen in Politik und Wirtschaft in den Ländern Afrikas und in der restlichen Welt. Beraubt eure Völker nicht der Hoffnung! Schneidet ihnen nicht die Zukunft ab, indem ihr ihnen die Gegenwart verstümmelt! Nehmt auf ethischer Grundlage mutig eure Verantwortung wahr, und – wenn ihr gläubig seid – bittet Gott, euch Weisheit zu gewähren! Diese Weisheit wird euch deutlich machen, dass ihr als Förderer der Zukunft eurer Völker wahre Diener der Hoffnung werden müsst. Es ist nicht einfach, die Stellung des Dieners einzunehmen und mitten unter den Meinungsströmungen und mächtigen Interessen unbescholten zu bleiben. Jede Art von Macht kann leicht blenden, besonders wenn private, familiäre, ethnische oder religiöse Interessen auf dem Spiel stehen. Gott allein läutert die Herzen und die Absichten.

Die Kirche bietet keine technischen Lösungen und drängt keine politischen Lösungen auf. Sie wiederholt: Habt keine Angst! Die Menschheit ist nicht allein angesichts der Herausforderungen der Welt. Gott ist zugegen. Dies ist eine Botschaft der Hoffnung, eine einer Hoffnung, die eine Kraft hervorbringt, die den Verstand anregt und dem Willen seine ganze Dynamik verleiht. Der frühere Erzbischof von Toulouse, Kardinal Saliège, sagte: „Hoffen heißt keineswegs aufgeben, es heißt, die Tätigkeit verdoppeln." Die Kirche begleitet den Staat in seiner Aufgabe; sie will wie die Seele in diesem Leib sein und ihn unermüdlich auf das Wesentliche hinweisen: auf Gott und den Menschen. Sie möchte offen und ohne Furcht diese enorme Aufgabe erfüllen als diejenige, die erzieht und Sorge trägt und vor allem ohne Unterlass betet (vgl. Lk 18,1), die zeigt, wo Gott ist (vgl. Mt 6,21) und wo der wirkliche Mensch ist (Mt 20,26 und Joh 19,5). Die Verzweiflung ist individualistisch. Die Hoffnung ist Gemeinschaft. Ist das nicht ein wunderbarer Weg, der uns angeboten wird? Ich lade alle Verantwortlichen in Politik und Wirtschaft sowie den universitären Bereich und die Welt der Kultur dazu ein. Seid auch ihr Sämänner der Hoffnung!

Ich möchte jetzt den zweiten Punkt angehen, nämlich den interreligiösen Dialog. Es scheint mir nicht nötig, an die jüngsten Konflikte zu erinnern, die im Namen Gottes entstanden sind, und an die Toten, die es im Namen dessen gab, der das Leben ist. Jede Person mit gesundem Menschenverstand begreift, dass die sachliche und respektvolle Zusammenarbeit der verschiedenen Kulturen und Religionen stets gefördert werden muss. Der wahre interreligiöse Dialog weist die menschlich egozentrische Wahrheit zurück, weil die einzige und alleinige Wahrheit in Gott ist. Gott ist die Wahrheit. Daher kann keine Religion, keine Kultur den Aufruf zu Intoleranz und Gewalt oder deren Anwendung rechtfertigen. Die Aggressivität ist eine recht archaische Form der Beziehung, die an einfache und wenig edle Instinkte appelliert. Geoffenbarte Worte, heilige Schriften oder den Namen Gottes zu gebrauchen, um unsere Interessen, unsere – so leicht willfährige – Politik oder unsere Gewalttätigkeit zu rechtfertigen, ist ein sehr schwerer Fehler.

Ich kann den anderen nicht kennen, wenn ich mich selbst nicht kenne. Ich kann ihn nicht lieben, wenn ich mich selbst nicht liebe (vgl. Mt 22,39). Die eigene Religion zu kennen, zu vertiefen und zu praktizieren ist daher wesentlich für den wahren interreligiösen Dialog. Dieser kann nur durch das aufrichtige persönliche Gebet dessen beginnen, der einen Dialog führen möchte. Er möge sich in die Verborgenheit seiner inneren Kammer zurückziehen (vgl. Mt 6,6), um von Gott die Reinigung seines Denkens und den Segen für die gewünschte Begegnung zu erbitten. Dieses Gebet erfleht von Gott auch die Gabe, im anderen einen zu liebenden Bruder zu sehen und in der Tradition, nach der er lebt, einen Widerschein der Wahrheit, die alle Menschen erleuchtet (vgl. Nostra Aetate, 2). Jeder soll daher in Wahrheit vor Gott und vor den anderen treten. Diese Wahrheit schließt nicht aus, und sie verwirrt nicht. Der falschverstandene interreligiöse Dialog führt zu Verwirrung und zu Synkretismus. Das ist nicht der angestrebte Dialog.

Trotz der unternommenen Anstrengungen wissen wir auch, dass der interreligiöse Dialog manchmal nicht einfach ist oder sogar aus verschiedenen Gründen verhindert wird. Dies stellt in keinster Weise einen Misserfolg dar. Die Formen des interreligiösen Dialogs sind vielfältig. Die Zusammenarbeit im sozialen oder kulturellen Bereich kann den Menschen helfen, sich besser zu verstehen und unbeschwert zusammenzuleben. Es ist auch gut zu wissen, dass man nicht aus Schwäche einen Dialog führt, sondern weil man an Gott glaubt. Einen Dialog zu führen ist eine zusätzliche Art und Weise, Gott und den Nächsten zu lieben (vgl. Mt 22,37), ohne das aufzugeben, was man ist.

Hoffnung zu haben bedeutet nicht, naiv zu sein, sondern heißt, einen Akt des Glaubens in eine bessere Zukunft zu setzen. Die katholische Kirche setzt so eine der Absichten des Zweiten Vatikanischen Konzils in die Tat um, nämlich die freundschaftlichen Beziehungen zwischen ihr und den Angehörigen nicht-christlicher Religionen zu fördern. Seit Jahrzehnten knüpft der Päpstliche Rat, dem die Leitung hierfür obliegt, Bande, vermehrt die Begegnungen und veröffentlicht regelmäßig Dokumente, um diesen Dialog zu fördern. Die Kirche versucht auf diese Weise, der Sprachverwirrung und der Zerstreuung der Herzen, die aus der Sünde von Babel hervorgegangen sind (vgl. Gen 11), Abhilfe zu verschaffen. Ich begrüße alle Verantwortlichen der Religionen, die die Freundlichkeit hatten, hierher zu kommen, um mich zu treffen. Ich möchte ihnen wie auch jenen aus den anderen Ländern Afrikas versichern, dass der Dialog, den die katholische Kirche anbietet, von Herzen kommt. Ich ermutige sie, eine Pädagogik des Dialogs zu fördern, vor allem unter den Jugendlichen, damit sie entdecken, dass das Gewissen eines jeden ein Heiligtum ist, das es zu achten gilt, und dass die geistliche Dimension die Brüderlichkeit aufbaut. Der wahre Glaube führt stets zur Liebe. In diesem Geist lade ich Sie alle zur Hoffnung ein.

Diese allgemeinen Erwägungen treffen in besonderer Weise auf Afrika zu. Auf Ihrem Kontinent gibt es zahlreiche Familien, deren Mitglieder verschiedenen Glaubensbekenntnissen angehören, und dennoch bleiben die Familien vereint. Diese Einheit ist nicht nur von der Kultur gewünscht, sondern es ist eine Einheit, die durch die brüderliche Liebe gefestigt wird. Es gibt natürlich mitunter Misserfolge, aber auch viele Erfolge. In diesem besonderen Bereich kann Afrika allen Material zum Nachdenken liefern und so eine Quelle der Hoffnung sein.

Abschließend möchte ich das Bild der Hand gebrauchen. Sie ist aus fünf Fingern zusammengesetzt, die sehr verschieden sind. Jeder von ihnen ist aber dennoch wesentlich, und ihre Einheit bildet die Hand. Das gute Einvernehmen zwischen den Kulturen, deren gegenseitige, nicht herablassende Beachtung und die Achtung der Rechte einer jeden sind eine lebenswichtige Pflicht. Dies muss allen Gläubigen der verschiedenen Religionen gelehrt werden. Der Hass ist eine Niederlage, die Gleichgültigkeit eine Sackgasse und der Dialog eine Öffnung. Ist das nicht ein gutes Erdreich, in das die Samenkörner der Hoffnung gesät werden? Die Hand entgegen zureichen bedeutet, darauf zu hoffen, in einem zweiten Moment da hinzugelangen zu lieben. Was gibt es schöneres als eine hingereichte Hand? Sie ist von Gott gewollt, um zu geben und zu empfangen. Gott hat nicht gewollt, dass sie tötet (vgl. Gen 4,1ff) oder dass sie leiden lässt, sondern dass sie sorgt und zu leben hilft. Neben dem Herzen und dem Verstand kann auch die Hand zu einem Werkzeug des Dialogs werden. Sie kann die Hoffnung aufblühen lassen, besonders wenn der Verstand stottert und das Herz strauchelt.

In der Heiligen Schrift beschreiben drei Symbole die Hoffnung für den Christen: der Helm, weil er vor Entmutigung schützt (vgl. 1 Thess 5,8), der sichere und feste Anker, der in Gott festmacht (vgl. Hebr 6,19), und die Lampe, die es erlaubt, das Morgenrot eines neuen Tages zu erwarten (vgl. Lk 12,35-36). Angst haben, zweifeln und sich fürchten, sich in der Gegenwart ohne Gott einrichten oder nichts zu erwarten haben sind lauter Haltungen, die dem christlichen Glauben fremd sind (vgl. Johannes Chrysostomos, Hom. XIV in Rom., 6: PG 45,914C) und, wie ich meine, allen anderen Glaubensrichtungen auch. Der Glaube lebt die Gegenwart, aber er erwartet die zukünftigen Güter. Gott ist in unserer Gegenwart, aber er kommt auch von der Zukunft her, dem Ort der Hoffnung. Das Weit-Werden des Herzens ist nicht nur die Hoffnung auf Gott, sondern auch das Sich-Öffnen für die Sorge um die leiblichen und zeitlichen Dinge zur Verherrlichung Gottes. In einer Linie mit Petrus, dessen Nachfolger ich bin, möchte ich, dass Sie an Gott glauben und auf ihn hoffen könnt (vgl. 1 Petr 1,21). Das ist der Wunsch für ganz Afrika, das mir so teuer ist! Hab nur Mut, Afrika, und steh auf! Der Herr ruft dich. Gott segne Sie! Vielen Dank.

[© - Libreria Editrice Vaticana]

* Die Landessprache ist Hauptverkehrssprache im südlichen Benin und wird von etwa 1,7 Millionen Menschen gesprochen. Auch in Teilen der Elfenbeinküste, Burkina Faso, Togo und in Niger ist Fon verbreitet.