Ansprache von Papst Benedikt XVI. in der Kathedrale Notre Dame de Miséricorde (Unsere Liebe Frau von der Barmherzigkeit) in Cotonou

Göttliche Barmherzigkeit vergibt die Sünden und führt, manchmal schmerzhaft, auf den rechten Weg zurück

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COTONOU, 18. November 2011 (ZENIT.org). – An die unendliche göttliche Barmherzigkeit erinnerte Papst Benedikt bei seiner Ansprache in der Kathedrale von Cotonou, deren Besuch nach seiner Ankunft und der Begrüßungszeremonie die erste Station seiner Afrikareise darstellte. Nachdem der Papst an die verstorbenen Erzbischöfe, die an diesem Ort ihre letzte Ruhestätte haben, erinnert hatte, ging er auf einen Bestandteil des Namens der Kathedrale ein: die göttliche Barmherzigkeit. Sie bestehe nicht nur in der Vergebung der Sünden; sie bestehe auch darin, dass Gott, der Vater, den Menschen, manchmal nicht ohne Schmerz, Kummer oder Furcht, auf den Weg der Wahrheit und des Lichtes zurückführe, denn er wolle nicht, dass irgendeiner verloren gehe.

[Wir dokumentieren die offizielle deutsche Übersetzung im Wortlaut:]

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Meine Herren Kardinäle!

Herr Erzbischof und liebe Mitbrüder im bischöflichen Dienst!

Herr Rektor der Kathedrale!

Liebe Brüder und Schwestern!

Der antike Hymnus Te Deum, den wir gerade gesungen haben, drückt unser Lob an den dreimal heiligen Gott aus, der uns in dieser schönen Kathedrale Unserer Lieben Frau von der Barmherzigkeit versammelt hat. Mit Dankbarkeit erweisen wir den ehemaligen Erzbischöfen, die hier ruhen, unsere Ehre: Erzbischof Christophe Adimou und Erzbischof Isidore de Sousa. Sie waren tüchtige Arbeiter im Weinberg des Herrn, und ihr Andenken ist im Herzen der Katholiken und vieler Einwohner Benins noch lebendig. Diese beiden Prälaten waren – jeder auf seine Weise – Hirten voller Eifer und Nächstenliebe. Sie haben sich ganz und gar für den Dienst am Evangelium und am Volk Gottes, besonders an den Verletzlichsten, eingesetzt. Ihr alle wisst, dass Erzbischof de Sousa ein Freund der Wahrheit war und dass er beim Übergang Eures Landes zur Demokratie eine entscheidende Rolle gespielt hat.

Während wir Gott für die Wunder loben, mit denen er die Menschheit unaufhörlich beschenkt, lade ich euch ein, einen Augenblick über seine unendliche Barmherzigkeit nachzusinnen. Diese Kathedrale bietet sich dafür geradezu an. Die Heilsgeschichte, die in der Menschwerdung Jesu gipfelt und ihre Erfüllung im Pascha-Mysterium findet, ist eine ganz deutliche Offenbarung der Barmherzigkeit Gottes. Im Sohn wird der „Vater des Erbarmens" (2 Kor 1,3) sichtbar, der in ständiger Treue zu seiner Vaterschaft „sich über jeden verlorenen Sohn [beugt], über jedes menschliche Elend, vor allem über das moralische Elend: die Sünde" (Johannes Paul II., Dives in misericordia, 6). Die göttliche Barmherzigkeit besteht nicht nur in der Vergebung unserer Sünden; sie besteht auch darin, dass Gott, unser Vater, uns – manchmal nicht ohne Schmerz, Kummer oder Furcht unsererseits – auf den Weg der Wahrheit und des Lichtes zurückführt, denn er will nicht, dass wir verloren gehen (vgl. Mt 18,14; Joh 3,16). Dieser zweifache Ausdruck der göttlichen Barmherzigkeit zeigt, wie Gott dem mit jedem Christen in der Taufe besiegelten Bund treu ist. Wenn wir uns die persönliche Geschichte jedes einzelnen und die der Evangelisierung unserer Länder noch einmal vor Augen führen, können wir mit dem Psalmisten sagen: „Von den Taten deiner Huld, Herr, will ich ewig singen" (Ps 89,2).

Die Jungfrau Maria hat das Geheimnis der göttlichen Liebe im höchsten Grad erfahren: „Er erbarmt sich von Geschlecht zu Geschlecht über alle, die ihn fürchten" (Lk 1,50), ruft sie in ihrem Magnificat aus. Durch ihr Ja zum Ruf Gottes hat sie zum Offenbarwerden der göttlichen Liebe unter den Menschen beigetragen. In diesem Sinn ist sie Mutter der Barmherzigkeit durch die Teilnahme an der Sendung ihres Sohnes; sie hat das Privileg erhalten, uns immer und überall helfen zu können. „Durch ihre vielfältige Fürbitte [fährt sie] fort, uns die Gaben des ewigen Heils zu erwirken. In ihrer mütterlichen Liebe trägt sie Sorge für die Brüder ihres Sohnes, die noch auf der Pilgerschaft sind und in Gefahren und Bedrängnissen weilen, bis sie zur seligen Heimat gelangen" (Lumen gentium 62). Unter dem Schutz ihrer Barmherzigkeit heilen die verwundeten Herzen, werden die Fallen des Bösen umgangen, und die Feinde versöhnen sich. In Maria haben wir nicht nur ein Modell der Vollkommenheit, sondern auch eine Hilfe, um die Gemeinschaft mit Gott und mit unseren Brüdern und Schwestern zu verwirklichen. Als Mutter der Barmherzigkeit ist sie eine sichere Führerin der Jünger ihres Sohnes, die im Dienst der Gerechtigkeit, der Versöhnung und des Friedens stehen wollen. In Einfachheit und mit mütterlichem Herzen zeigt sie uns das einzige Licht und die einzige Wahrheit: ihren Sohn Jesus Christus, der die Menschheit zur vollkommenen Verwirklichung in seinem Vater führt. Scheuen wir uns nicht, diejenige vertrauensvoll anzurufen, die ohne Unterlass die göttlichen Gnaden an ihre Kinder austeilt:

O Mutter der Barmherzigkeit,

wir grüßen dich, Mutter des Erlösers;

wir grüßen dich, glorreiche Jungfrau;

wir grüßen dich, unsere Königin!

O Königin der Hoffnung,

zeige uns das Antlitz deines göttlichen Sohnes;

führe uns auf die Wege der Heiligkeit;

schenke uns die Freude derer, die zu Gott „Ja" sagen können!

O Königin des Friedens,

erfülle die edelsten Bestrebungen der Jugendlichen Afrikas;

erfülle die nach Gerechtigkeit, Frieden und Versöhnung dürstenden Herzen;

erfülle die Hoffnung der Kinder, die Opfer von Hunger und Krieg sind!

O Königin der Gerechtigkeit,

erwirke uns die Kindes- und die Bruderliebe;

erwirke uns, Freunde der Armen und der Geringen zu sein;

erwirke den Völkern der Erde den Geist der Brüderlichkeit!

O Unsere Liebe Frau von Afrika,

erwirke bei deinem Sohn Heilung für die Kranken, Trost für die Betrübten, Vergebung für die Sünder;

lege bei deinem göttlichen Sohn Fürsprache ein für Afrika;

und erwirke für die ganze Menschheit das Heil und den Frieden! Amen.


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