Ansprache von Papst Benedikt XVI. vor Behinderten

„Das Maß der Menschlichkeit bestimmt sich ganz wesentlich im Verhältnis zum Leid und zum Leidenden“

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MADRID, 21. August 2011 (ZENIT.org). – Bei seinem Besuch in der katholischen Behinderteneinrichtung „Instituto San José“ in Madrid, die vom Orden des Heiligen Johannes von Gott (Fatebenefratelli) geleitet wird, traf der Heilige Vater 200 Kinder aus verschiedenen Tagesstätten.

Wir dokumentieren den Wortlaut seiner Ansprache in der offiziellen deutschen Übersetzung.

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Herr Kardinalerzbischof von Madrid!

Verehrte Mitbrüder im bischöflichen Dienst!

Liebe Priester und Brüder des Hospitalordens des hl. Johannes von Gott!

Sehr geehrte Vertreter des öffentlichen Lebens!
Liebe Jugendliche, Familienangehörigen und Ehrenamtliche, die hier zugegen sind!

Herzlichen Dank für den liebevollen Gruß und den herzlichen Empfang, den ihr mir bereitet habt.

Vor der Gebetsvigil mit den Jugendlichen aus aller Welt, die nach Madrid gekommen sind, um an diesem Weltjugendtag teilzunehmen, haben wir heute Abend die Gelegenheit, einige Augenblicke gemeinsam zu verbringen. So kann ich euch die Nähe und die Wertschätzung zeigen, die ich für einen jeden von euch, für eure Familien und für alle Menschen habe, die euch in dieser Stiftung des Instituts Sankt Joseph zur Seite stehen.

Die Jugend – das haben wir schon bei anderer Gelegenheit erwähnt – ist das Alter, in dem sich dem Menschen das Leben in seinem ganzen Reichtum und in der Fülle seiner Möglichkeiten offenbart und ihn zur Suche nach höheren Zielen antreibt, die dem Leben selbst einen Sinn geben. Darum sind wir betroffen, wenn am Horizont eines jungen Lebens der Schmerz erscheint, vor allem, wenn dies aufgrund einer Krankheit geschieht, und vielleicht fragen wir uns: Kann das Leben weiterhin groß sein, wenn es vom Leiden heimgesucht wird? Dazu habe ich in meiner Enzyklika über die Hoffnung gesagt: „Das Maß der Humanität bestimmt sich ganz wesentlich im Verhältnis zum Leid und zum Leidenden. […] Eine Gesellschaft, die die Leidenden nicht annehmen und nicht im Mit-leiden helfen kann, Leid auch von innen zu teilen und zu tragen, ist eine grausame und inhumane Gesellschaft" (Spe salvi, 38). Diese Worte spiegeln eine lange Tradition der Menschlichkeit wider, die aus der Selbsthingabe hervorgeht, die Christus am Kreuz für uns und unsere Erlösung vollbracht hat. Jesus – und auf seinen Spuren seine Schmerzhafte Mutter und die Heiligen – sind die Zeugen, die uns lehren, das Drama der Krankheit und des Leidens zu unserem Wohl und zum Heil der Welt zu leben.

Diese Zeugen sprechen zu uns vor allem von der Würde eines jeden Menschenlebens, das ja nach dem Bild Gottes geschaffen wurde. Keine Trübsal ist imstande, diese Prägung auszuradieren, die ins Innerste des Menschen eingeschrieben ist. Und nicht nur das: Seit der Sohn Gottes freiwillig Schmerz und Tod auf sich genommen hat, bietet sich uns das Bild Gottes auch im Antlitz dessen dar, der leidet. Diese besondere Vorliebe des Herrn für den Leidenden bringt uns dazu, den anderen mit klaren Augen anzusehen, um ihm über die äußeren Dinge hinaus, deren er bedarf, den liebevollen Blick zu schenken, den er braucht. Das aber wird nur möglich als Frucht einer persönlichen Begegnung mit Christus. Darüber seid ihr – Ordensleute, Angehörige, im Heilberuf Tätige und Ehrenamtliche –, die ihr täglich mit diesen jungen Menschen lebt und arbeitet, euch völlig im klaren. Euer Leben und eure Hingabe verkünden die Größe, zu der der Mensch berufen ist: Mitleid mit dem Leidenden zu haben und ihn aus Liebe zu begleiten, wie Gott es getan hat. Und in eurem schönen Beruf hallen auch die Worte des Evangeliums nach: „Was ihr für einen meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan" (Mt 25,40).

Andererseits seid ihr auch Zeugen für das unermessliche Gut, das das Leben dieser jungen Menschen für diejenigen, die ihnen zur Seite stehen, wie auch für die gesamte Menschheit darstellt. In geheimnisvoller, aber sehr realer Weise weckt die Wirklichkeit ihres Lebens in unseren oft verhärteten Herzen eine Zärtlichkeit, die uns für das Heil öffnet. Mit Sicherheit verwandelt das Leben dieser Jugendlichen das Herz der Menschen, und darum sind wir dem Herrn dankbar, dass wir sie kennengelernt haben.

Liebe Freunde, unsere Gesellschaft, in der allzu oft die unschätzbare Würde des Lebens – jedes Lebens – in Zweifel gezogen wird, braucht euch: Ihr tragt entschlossen zum Aufbau einer Kultur der Liebe bei. Mehr noch: Ihr seid Protagonisten dieser Zivilisation. Und als Söhne und Töchter der Kirche bringt ihr dem Herrn euer Leben dar, mit seinen Leiden und seinen Freuden, indem ihr mit Ihm zusammenarbeitet und euch so unter die einreiht, die „irgendwie zu dem Schatz des Mitleids gehörten, dessen die Menschheit bedarf" (Spe salvi, 40).

Mit großer Zuneigung und auf die Fürsprache des heiligen Joseph, des heiligen Johannes von Gott und des heiligen Benito Menni vertraue ich euch von ganzem Herzen Gott, unserem Herrn, an: Möge er eure Kraft und euer Siegespreis sein. Ein Zeichen seiner Liebe sei der Apostolische Segen, den ich euch und allen euren Angehörigen und Freunden erteile.

[© Copyright 2011 - Librerie Editrice Vaticana]