Ansprache von Papst Benedikt XVI. vor dem Angelus am 17. Februar 2013

Jesus ist der Sieger über alle Versuchungen, die Gott zu einem Werkzeug unserer Interessen machen wollen

Vatikanstadt, (ZENIT.org) | 1375 klicks

In seiner Ansprache vor dem Angelusgebet sprach der Heilige Vater heute über die Versuchung Jesu in der Wüste. Die Versprechen, mit denen der Teufel Jesus versucht, sind zugleich auch Wunschbilder vieler Menschen; Bilder, die vortäuschen, etwas Gutes und Nützliches darzustellen, die in Wirklichkeit jedoch den Menschen von Gott entfernen. 

[Wir dokumentieren die Ansprache in einer eigenen Übersetzung:]

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Liebe Brüder und Schwestern! 

In der soeben beendeten Woche sind wir mit dem traditionellen Ritus am Aschermittwoch in die Fastenzeit eingetreten, eine Zeit der Umkehr und der Buße, in der wir uns auf Ostern vorbereiten. Die Kirche, die Mutter und Meisterin ist, ruft alle ihre Mitglieder auf, sich im Geist zu erneuern und ihr Leben neu auf Gott auszurichten, indem sie ihren Stolz und ihre Selbstsucht aufgeben, um in der Liebe zu leben. In diesem „Jahr des Glaubens“ ist die Fastenzeit eine besonders günstige Gelegenheit, um im Glauben an Gott die Grundlage unseres Lebens und des Lebens der Kirche wiederzuentdecken. Das bedeutet immer auch einen Kampf, eine innere Auseinandersetzung, denn der Geist des Bösen versucht natürlich, unsere Heiligung zu verhindern und uns vom Weg, der zu Gott führt, abzubringen. Aus diesem Grund wird jedes Jahr am ersten Sonntag der Fastenzeit jene Stelle des Evangeliums gelesen, an der von der Versuchung Jesu in der Wüste die Rede ist. 

Nachdem Jesus mit seiner Taufe im Jordan seine Sendung als Messias – als vom Heiligen Geist Gesalbter – erhalten hatte, führte ihn eben jener Heilige Geist in die Wüste, wo er sich den Versuchungen des Teufels aussetzte. Zu Beginn seines öffentlichen Wirkens musste Jesus also die falschen Vorstellungen vom Messias entlarven und verwerfen, die der Satan ihm vorspielte. Doch diese Versuchungen sind auch falsche Menschheitsbilder, die zu allen Zeiten unserem Gewissen Fallen stellen, indem sie sich als günstige und wirksame, ja sogar „gute“ Möglichkeiten darstellen. Die Evangelisten Matthäus und Lukas berichten von drei Versuchungen Jesu; nur in der Reihenfolge dieser Versuchungen weichen ihre Berichte etwas voneinander ab. Allen diesen Versuchungen ist gemeinsam, dass sie Gott zu einem Werkzeug der eigenen Interessen machen, indem sie dem Erfolg oder den irdischen Reichtümern einen zu großen Wert beimessen. Der Teufel ist listig: Er lädt nicht unmittelbar dazu ein, Böses zu tun; stattdessen lockt er mit falschen Vorstellungen des Guten und gibt vor, dass das, was wirklich zählt, die Macht ist, mit allem, was dazu dient, die elementaren Bedürfnisse zu befriedigen. Auf diesem Weg wird Gott zweitrangig, wird zu einem bloßen Mittel, bis er am Ende unwirklich scheint, nicht mehr zählt, aus unserem Leben verschwindet. Was in den Versuchungen letztlich wirklich auf dem Spiel steht, ist der Glaube, weil Gott auf dem Spiel steht. In den entscheidenden Augenblicken unseres Lebens, aber genaugenommen in jedem Augenblick, stehen wir vor einer Wahl: Wollen wir Gott folgen oder unserem Ich? Suchen wir unseren persönlichen Nutzen oder das wahre Gute, das, was wirklich gut ist? 

Die Kirchenväter haben uns gelehrt, dass die Versuchungen Teil des „Abstiegs“ Jesu in unsere menschliche Natur sind, die vor dem Abgrund der Sünde und ihrer Folgen steht. Diesen „Abstieg“ ist Jesus bis zum Äußersten gegangen, bis hin zu seinem Tod am Kreuz; ein Abstieg in die Unterwelt der Entfernung von Gott. Dadurch wurde er zur Hand, die Gott uns Menschen reicht, die wir das verlorene Schaf sind, um uns zu retten. Augustinus schreibt, Jesus habe von uns die Versuchungen angenommen, um uns im Tausch dafür seinen Sieg über sie zu geben (vgl. Enarr. In Psalmos 60,3: PL 36, 724). Wir dürfen daher keine Angst haben, ebenfalls den Kampf gegen den bösen Geist aufzunehmen: Wichtig ist nur, dass wir diesen Kampf mit ihm, mit Christus führen, denn er ist der Sieger. Und damit wir immer bei ihm sind, müssen wir uns seiner Mutter Maria anvertrauen: In der Stunde der Prüfung müssen wir sie in kindlichem Vertrauen anrufen, und sie wird uns die starke Gegenwart ihres Sohnes spüren lassen, mit dessen Wort wir die Versuchungen überwinden können, um dadurch Gott wieder in den Mittelpunkt unseres Lebens zu bringen. 

[Nach dem Angelus grüßte der Papst die deutschsprachigen Pilger mit folgenden Worten:]

Von Herzen heiße ich alle deutschsprachigen Pilger willkommen. Die Lesungen und das Evangelium des heutigen Sonntags stellen uns vor Augen, dass der Mensch sich oft unwürdig und bedürftig empfindet, wenn er Gott gegenübersteht. Und er ist es ja auch. Aber der Herr kommt dem Sünder entgegen und erneuert ihn. Suchen wir immer wieder die Begegnung mit Christus, aus der wir Nahrung und Orientierung für unsere Aufgaben in der Welt schöpfen können. Ich danke euch vor allem für die zahlreichen Beweise eurer Verbundenheit und für euer Gebet in diesen für mich schwierigen Tagen. Ich bitte euch, mir und der Römischen Kurie besonders in der heute beginnenden Woche nahe zu sein, während wir unsere alljährlichen Exerzitien halten. Der Heilige Geist begleite uns alle auf unserem geistlichen Weg in der Fastenzeit. 

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