Ansprache von Papst Benedikt XVI. vor dem Angelus am 6. Januar 2013

Der Herr ist für alle Völker der Erde erschienen

Vatikanstadt, (ZENIT.org) | 1042 klicks

In seiner Ansprache vor dem Angelusgebet sprach der Heilige Vater über die Sterndeuter, die aus dem Orient kamen, um das neugeborene Jesuskind zu verehren. Sie zeigen uns, dass jeder Mensch, der Gott sucht und für die Wahrheit offen bleibt, Christus erkennen kann, sei es durch die Schrift, sei es durch die Betrachtung der Schöpfung. Papst Benedikt XVI. erinnerte auch daran, dass jene orientalische Kirchen, die dem julianischen Kalender folgen, heute Weihnachten feiern: Die Geburt des Herrn und seine Erscheinung vor den Völkern der Welt seien innig miteinander verbunden.

[Wir dokumentieren die Ansprache in einer eigenen Übersetzung:]

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Liebe Brüder und Schwestern!

Entschuldigt die Verspätung. Ich habe im Petersdom vier neue Bischöfe geweiht, und die Feier hat etwas länger gedauert. Aber heute feiern wir vor allem das Fest der Erscheinung des Herrn, während verschiedene orientalische Kirchen, gemäß dem julianischen Kalender, heute Weihnachten feiern. Dieser leichte Unterschied, der zu einer Überlappung der zwei Zeitpunkte führt, ist nützlich, um hervorzuheben, dass jenes im Stall zu Betlehem geborene Kind das Licht der Welt ist, das den Weg aller Völker erhellt. Für die Gläubigen ist diese Gegenüberstellung der beiden Feste Weihnachten und Erscheinung des Herrn ein Anlass zur Meditation: Einerseits betrachten wir im Weihnachtsgeschehen den Glauben Marias, Josefs und der Hirten; andererseits, im Fest der Erscheinung, den Glauben der drei Sterndeuter, die aus dem Orient gekommen sind, um den König Israels zu verehren.

Die Jungfrau Maria und ihr Mann Josef repräsentieren den „Stamm“ Israels, den von den Propheten angekündigten „Rest“, dem der Messias entspringen sollte. Die Sterndeuter hingegen repräsentieren die Völker der Erde, wir könnten auch sagen: die Kulturen, die Religionen, von denen jede sich sozusagen auf ihrem Weg zu Gott befindet, auf der Suche nach seinem Reich des Friedens, der Gerechtigkeit, der Wahrheit und der Freiheit. Als erstes sehen wir einen Kern, hauptsächlich verkörpert von Maria, der „Tochter Zion“: ein Kern Israels, jenes Volkes, das den Gott, der sich den Patriarchen geoffenbart hat, kennt und an ihn glaubt. Dieser Glaube findet in Maria seine Erfüllung, denn in ihr, die „selig“ ist, weil sie geglaubt hat, ist das Wort Fleisch geworden; in ihr ist Gott der Welt „erschienen“. Der Glaube Mariens wird zum Vorbild für den Glauben der gesamten Kirche, die das Volk des Neuen Bundes ist. Dieses Volk aber ist von Anfang an weltumspannend, wie wir heute an den Gestalten der Sterndeuter erkennen können, die nach Betlehem kommen, indem sie dem Licht eines Sterns und den Anweisungen der Heiligen Schrift folgen.

Der heilige Leo der Große schreibt: „Einst wurde Abraham eine große Nachkommenschaft versprochen, die nicht nach dem Fleisch, sondern in der Fruchtbarkeit des Glaubens gezeugt werden sollte“ (Dritte Rede zur Epiphanie, 1: PL 54, 240). Der Glaube Mariens kann mit dem Glauben Abrahams verglichen werden: Er ist der Neubeginn desselben Versprechens, desselben unabänderlichen Plans Gottes, der nun in Jesus Christus seine Erfüllung findet. Und das Licht Christi ist so klar und stark, dass es sowohl die Sprache des Weltalls als auch die der Heiligen Schrift  verständlich macht, so dass alle, die wie die Sterndeuter aus dem Orient offen sind für die Wahrheit, sie erkennen und zur Anbetung des Erlösers der Welt gelangen können. Der heilige Papst Leo der Große schreibt weiterhin: „Es trete die große Vielzahl der Völker also ein in die Familie der Patriarchen… Alle Völker… sollen den Schöpfer des Weltalls anbeten, und Gott soll nicht nur in Judäa, sondern auf der ganzen Welt erkannt werden“ (ebda). In diesem Licht kann man auch die Bischofsweihen sehen, die ich heute Vormittag im Petersdom zelebriert habe: Zwei der neuen Bischöfe werden im Dienst des Heiligen Stuhls bleiben, die anderen beiden werden päpstliche Gesandte in zwei verschiedenen Ländern werden. Lasst uns für jeden von ihnen beten, für ihre Mission, und damit das Licht Christi auf der ganzen Welt erstrahle.

[Nach dem Angelus:]

Liebe Brüder und Schwestern!

Wie schon angedeutet, werden die orientalischen Kirchen, die sich nach dem julianischen Kalender richten, morgen Weihnachten feiern: In der Freude unseres gemeinsamen Glaubens richte ich an sie meine aufrichtigsten Friedenswünsche und gedenke ihrer im Gebet.

[Die deutschsprachigen Pilger grüßte der Papst mit folgenden Worten:]

Ganz herzlich begrüße ich am heutigen Fest der Erscheinung des Herrn alle deutschsprachigen Pilger und Besucher, besonders alle Gäste, die zur Bischofsweihe von Erzbischof Georg Gänswein nach Rom gekommen sind. Sterndeuter aus dem Osten bringen dem neugeborenen König kostbare Gaben. In den Geschenken kommen drei Aspekte des Mysteriums Christi zum Ausdruck: Das Gold weist auf das Königtum Jesu hin, der Weihrauch auf seine Gottessohnschaft und die Myrrhe auf das Geheimnis seiner Passion. So strahlt uns Christus auf als der Heiland und Retter der Welt. Die Freude des neugeborenen Erlösers erfülle euch alle und eure Familien!

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