Ansprache von Papst Benedikt XVI. vor dem Angelus-Gebet am 17. Juni 2012

Gleichniss vom Samen

| 1050 klicks

ROM, 17. Juni 2012 (ZENIT.org). - In seiner Ansprache vor dem Angelus-Gebet mit zahllosen Pilgern auf dem Petersplatz erklärte Papst Benedikt XVI. die Gleichnisse von dem Samen, der von alleine wächst, und vom Senfkorn. Die Gegenwart sei die Zeit der Aussaat, wobei das Wachstum von Gott sichergestellt werde. Jeder müsse sein Möglichstes tun, das Endergebnis aber hänge von Gott ab. Die Kraft des Senfkorns als dem winzigsten Samenkorn liege in seiner Schwäche, die Stärke im Aufbrechen. Ebenso verhalte es sich beim Reich Gottes: Unsere geringe Kraft möge angesichts der Probleme der Welt unwirksam erscheinen, doch fließe sie ein in die Kraft Gottes und weiche vor keinem Hindernis mehr zurück, denn der Sieg Gottes sei gewiss, so der Papst.

[Wir dokumentieren die Ansprache in einer eigenen Übersetzung:]

***

Liebe Brüder und Schwestern,

die heutige Liturgie legt uns zwei kurze Gleichnisse Jesu vor: das Gleichnis vom Samen, der von alleine wächst und jenes vom Senfkorn (vgl. Mk 4,26-34). Anhand von Bildern aus dem landwirtschaftlichen Leben stellt uns der Herr vor das Mysterium des Wortes und des Reiches Gottes und weist uns auf die Gründe unserer Hoffnung und unseres Einsatzes hin.

Im ersten Gleichnis liegt der Schwerpunkt auf der Dynamik der Aussaat: Der auf den Erdboden geworfene Same keimt und wächst von alleine, unabhängig davon ob der Bauern schläft oder wacht. Der Mensch sät im Vertrauen darauf, dass seine Arbeit nicht unfruchtbar bleibt. Gerade dieses Vertrauen auf die Kraft des Samen und auf die Güte des Bodens ist dem Bauer eine Stütze bei seinen täglichen Mühen. Dieses Gleichnis erinnert an das Geheimnis der Schöpfung und der Erlösung, an das fruchtbare Wirken Gottes in der Geschichte. Gott ist der Herr des Reiches; der Mensch ist sein ergebener Mitarbeiter, der das schöpferische Handeln Gottes betrachtet, sich daran erfreut und geduldig auf dessen Früchte wartet. Die Ernte lässt uns an Gottes abschließenden Eingriff am Ende der Zeit denken, wenn er sein Reich zur vollen Verwirklichung führen wird. Die Gegenwart ist die Zeit der Aussaat, wobei das Wachstum des Samens von Gott sichergestellt wird. So ist es jedem Christen genau bewusst, dass er stets sein Möglichstes tun soll, dass jedoch das Endergebnis von Gott abhängt. Dieses Bewusstsein stützt uns bei unseren täglichen Mühen, ganz besonders in schwierigen Situationen. Der hl. Ignatius von Loyola schrieb dazu folgendes: „Handle so, als ob alles von dir abhinge; im Bewusstsein, dass in Wahrheit alles von Gott abhängt“ (aus: Pedro de Ribadeneira, „Vita di S. Ignazio di Loyola“, Milano 1998; eigene Übersetzung).

Auch im zweiten Gleichnis wird das Bild der Aussaat verwendet. Beim Samen handelt es sich hier allerdings um einen ganz besonderen; um das Senfkorn, das als das kleinste Samenkorn gilt. Trotz seiner Winzigkeit ist das Senfkorn voller Leben. Aus ihm entsteht ein Keim, der es vermag, den Erdboden zu durchbrechen, ans Licht zu treten und zu wachsen, bis es „größer als alle anderen Gewächse“ ist (vgl. Mk 4,32): Die Kraft des Samenkorns liegt in seiner Schwäche; die Stärke im Aufbrechen. Genauso verhält es sich mit dem Reich Gottes, einer, menschlich betrachtet, kleinen Wirklichkeit aus jenen, die arm im Herzen sind, die nicht auf die eigene Kraft, sondern auf jene der Liebe Gottes vertrauen, die in den Augen der Welt unbedeutend sind; und dennoch bricht durch sie die Kraft Christi ein und verwandelt das scheinbar Unbedeutende.

Das Bild des Samens ist Jesus besonders lieb, da es das Mysterium des Reiches Gottes sehr anschaulich darstellt. In den beiden Gleichnissen von heute illustriert es ein „Wachstum“ und einen „Gegensatz“. Das Wachstum vollzieht sich dank einer dem Samen innewohnenden Dynamik; der Gegensatz besteht zwischen der Winzigkeit des Samens und der Größe dessen, was er hervorbringt. Die in den beiden Gleichnissen enthaltene Botschaft ist klar: Das Reich Gottes erfordert zwar unsere Mitarbeit, ist jedoch vor allem ein Geschenk des Herrn, eine Gnade, die dem Menschen und seinen Taten vorausgeht. Unsere geringe Kraft mag angesichts der Probleme der Welt unwirksam erscheinen, doch fließt sie ein in die Kraft Gottes, weicht sie vor keinem Hindernis mehr zurück, denn der Sieg Gottes ist gewiss. Das Wunder der Liebe Gottes lässt jeden auf den Erdboden gestreuten Samen aufkeimen und wachsen. Aus der Erfahrung dieses Wunders der Liebe schöpfen wir Optimismus, trotz der Schwierigkeiten, der Leiden und des Bösen, denen wir begegnen. Der Same keimt auf und wächst kraft der Liebe Gottes. Die Jungfrau Maria, die als „guter Boden“ den Samen des göttlichen Wortes in sich aufnahm, stärke in uns diesen Glauben und diese Hoffnung.

[Grüße des Papstes nach dem Angelus-Gebet:]

Liebe Brüder und Schwestern,

am nächsten Mittwoch, dem 20. Juni 2012, jährt sich der von den Vereinten Nationen ins Leben gerufene Welttag der Flüchtlinge. Dieser soll die Aufmerksamkeit der internationalen Gemeinschaft auf die Lebensbedingungen zahlreicher Menschen, vor allem von Familien, lenken, die aufgrund der Bedrohung durch bewaffnete Konflikte und schwerwiegende Formen von Gewalt aus ihren Ländern flüchten mussten. Während ich diese so schwer geprüften Brüder und Schwestern des Gebetes und der beständigen Fürsorge des Heiligen Stuhles versichere, spreche ich die Hoffnung auf die stete Anerkennung ihrer Rechte und auf ihre baldige Wiedervereinigung mit ihren Lieben aus.

Heute werden in Irland die Feierlichkeiten zum Abschluss des Internationalen Eucharistischen Kongresses begangen. In Dublin, der Stadt der Eucharistie der vergangenen Woche, versammelten sich zahlreiche Menschen zum Gebet um die Gegenwart Christi im Sakrament des Altares. Im Mysterium der Eucharistie wollte Jesus bei uns bleiben, um uns den Eintritt in die Gemeinschaft mit ihm und untereinander zu ermöglichen. Empfehlen wir der Allerseligsten Maria die während dieser Tage der Besinnung und des Gebetes herangereiften Früchte an.

Es ist mir eine Freude, euch zum Schluss daran zu erinnern, dass heute Nachmittag in der Diözese von Civita Castellana im mittelitalienischen Nepi die Seligsprechung der bereits mit 18 Jahren verstorbenen Cecilia Eusepi stattfand. Die Selige hatte den Wunsch, Missionsschwester zu werden, musste das Kloster jedoch aufgrund ihrer Krankheit verlassen. Diese Krankheit ertrug sie mit unerschütterlichem Glauben und mit einer großen Opferfähigkeit für das Seelenheil der Menschen. In tiefer Einheit mit Christus wiederholte sie in den Tagen kurz vor ihrem Tod folgenden Satz: „Es ist schön, sich Christus hinzugeben, der sein ganzes Leben für uns hingab“.

[Grüße des Papstes an die deutschen Pilger]

Ein herzliches „Grüß Gott" sage ich den Pilgern und Besuchern deutscher Sprache. Mit dem Gleichnis vom Senfkorn, welches das kleinste von allen Samenkörnern ist, aus dem aber ein großer Baum entsteht, gibt uns Christus einen Hinweis auf das Wirken der Gnade Gottes. Der Herr sät im Stillen und gibt Zeit zum Wachsen. Die Dinge Gottes sind nicht lautstark und äußerlich mächtig. Aber sie tragen die innere Kraft des wahren Lebens in sich. Und wo immer der Mensch auf sein Wort hört, ihn in sich aufnimmt, entsteht Großes, auch wenn wir es zunächst nicht sehen. Öffnen wir uns also der großen Liebe Gottes, öffnen wir unser Herz, damit der Same des Glaubens in uns und in dieser Welt wachsen und Frucht bringen kann. Ich wünsche euch allen einen gesegneten Sonntag.

[Übersetzung aus dem Italienischen von Sarah Fleissner © 2012 - Libreria Editrice Vaticana]