Ansprache von Papst Benedikt XVI. vor dem Angelusgebet am 4. November 2012

Zwischen der Gottesliebe und der Nächstenliebe besteht eine untrennbare Verbindung

| 1098 klicks

VATIKANSTADT, 4. November 2012 (ZENIT.org).- In seinen Worten vor dem Gebet des Angelus betrachtete Papst Benedikt XVI. die zwei Formen der Liebe, deren Einheit im Mysterium Christi ihrem Höhepunkt erreicht. Als Vorbilder für eine gelungene Umsetzung des zweifachen Gebotes der Liebe im eigenen Leben können uns dem Papst zufolge die Heiligen dienen. 

[Wir dokumentieren die Ansprache in einer eigenen Übersetzung:]

***

Liebe Brüder und Schwestern!

Das heutige Sonntagsevangelium (Mk 12,28-34) handelt von der Lehre Jesu über das größte aller Gebote: das Gebot der Liebe, die in zwei Formen existiert, der Gottesliebe und der Nächstenliebe. Besonders die Heiligen, derer wir vor ein paar Tagen in einem Fest der Kirche gedachten, versuchen im Vertrauen auf die Gnade Gottes nach diesem grundlegenden Gesetz zu leben. Tatsächlich kann die Umsetzung des Gebotes der Liebe in die Praxis nur dann vollkommen gelingen, wenn eine tiefe Beziehung mit Gott gelebt wird. Es verhält sich wie bei dem Kind, das auf der Grundlage einer guten Beziehung mit der Mutter und dem Vater die Fähigkeit zur Liebe entwickeln kann. Der vor Kurzem zum Kirchenlehrer erhobene hl. Johannes von Avila schrieb zu Beginn seines „Traktates über die Gottesliebe“ folgende Worte: „Was unser Herz am meisten zur Gottesliebe drängt, ist die tiefe Betrachtung jener Liebe, die er zu uns hatte. Dieser Grund ist stärker als das Gute. Wer einem anderen Menschen Gutes tut, gibt ihm etwas, das er besitzt. Wer liebt, gibt sich selbst ganz mit allem, das er hat, ohne dass ihm anderes zu geben übrig bleibt“ (Nr. 1; eigene Übersetzung). Die Liebe ist in Wahrheit kein Gebot, sondern vor allem ein Geschenk. Sie ist eine Realität, die Gott uns erkennbar und erfahrbar macht, sodass sie wie ein Samenkorn auch in uns aufkeimen kann und in unserem Leben zur Entfaltung  kommt.

Wenn sich die Liebe Gottes in einem Menschen tief verwurzelt hat, ist dieser Mensch auch zur Liebe jener fähig, die es nicht verdienen; ebenso wie Gott dies mit uns Menschen tut. Ein Vater und eine Mutter lieben ihre Kinder nicht nur dann, wenn diese es verdient haben. Sie lieben sie immer, geben ihnen jedoch zu verstehen, wenn sie einen Fehler begehen. Von Gott erlernen wir, stets nur das Gute und nie das Böse zu wollen. Er lehrt uns, den anderen nicht nur mit unseren eigenen Augen anzusehen, sondern mit dem Blick Gottes, der der Blick Jesu ist. Dieser Blick geht vom Herzen aus und bleibt nicht an der Oberfläche, sondern durchdringt den Schein und ist imstande, die tiefen Erwartungen des anderen zu erfassen: die Erwartung nach Anhörung und uneingeschränkter Aufmerksamkeit, die ein Ausdruck der Sehnsucht nach Liebe sind. Dieser Prozess vollzieht sich jedoch auch in umgekehrter Reihenfolge. Wenn ich mich für den anderen Menschen, so wie er ist, öffne, ihm entgegenkomme, und mich für ihn zur Verfügung stelle, so öffne ich mich auch für das Erkennen Gottes und spüre seine Gegenwart und seine Güte. Die  Gottesliebe und die Nächstenliebe sind untrennbar verbunden und existieren in einer wechselseitigen Beziehung.  Jesus hat keine der beiden Arten erfunden, sondern sie durch sein Wort und vor allem durch sein Zeugnis als ein einziges Gebot offenbart. Die Person Jesu und sein gesamtes Mysterium verkörpern die Einheit der Gottesliebe und der Nächstenliebe wie die beiden Balken eines Kreuzes, von denen einer in horizontaler und einer in vertikaler Richtung verläuft. In der Eucharistie schenkt er uns diese zweifache Liebe, indem er sich selbst hingibt, sodass wir aus diesem Brot die Kraft schöpfen, einander zu lieben, so wie er uns geliebt hat.

Liebe Freunde, durch die Fürsprache der hl. Jungfrau Maria wollen wir darum beten, dass jeder Christ seinem Glauben an den einen wahren Gott in einem klaren Zeugnis der Nächstenliebe Ausdruck verleihen kann.

[Die deutschsprachigen Pilger grüßte der Papst mit folgenden Worten:]

Gerne heiße ich alle deutschsprachigen Gäste willkommen. Im heutigen Sonntagsevangelium spricht Jesus über die Beziehung des Menschen zu Gott. Der Mensch soll sich auf das Licht der göttlichen Liebe ausrichten. Es geht darum, sich im Dunkel der Sünde und der Trübsal, das uns umgibt und immer wieder einholen will, Licht zu finden und heraus zu kommen aus diesem Dunkel. Im Licht seiner Liebe wird uns deutlich, daß wir Gottes Abbild sind, und wir lernen, dass auch wir in den Mitmenschen dieses Bild erkennen und so ihn lieben können. Das ist das Kennzeichen für das Reich Gottes in der Welt, in das der Herr uns alle ruft. Er helfe uns, Zeugen für ihn und seine Liebe zu sein, die alle menschlichen Beziehungen und damit die Welt im Ganzen umwandelt. Euch allen wünsche ich einen gesegneten Sonntag!

[Die aus Italien gekommenen Gläubigen hieß der Heilige Vater folgendermaßen willkommen:]

Zum Schluss richte ich einen herzlichen Gruß an die Pilger italienischer Sprache. Ganz besonders begrüße ich die aus Castellammare di Stabia und Striano angereisten Pfarrgruppen, die jungen Menschen des Jugendwerks „Opera La Pira[1]“, die Pfadfindern aus Mailand und die Jugendlichen des Oratoriums von Petrosino der Diözese Bergamo. Ich wünsche allen einen gesegneten Sonntag und eine schöne Woche. Ich danke euch für eure  Aufmerksamkeit. Schönen Sonntag.

[Übersetzung des italienischen Originals von Sarah Fleissner © 2012 - Libreria Editrice Vaticana]

[1] Eine 1954 in Florenz gegründete und von der toskanischen Bischofskonferenz anerkannte Laienvereinigung. Das Ziel ist die Bildung junger Menschen im religiösen und sozialen Leben durch Heranführung an die christliche Spiritualität, um sie dabei zu unterstützen, ihre Berufung in der Gemeinschaft zu erkennen. Der Schwerpunkt liegt auf 10- bis 15 wöchigen Sommerlagern.