Ansprache von Papst Benedikt XVI. vor dem Regina-Caeli-Gebet am Sonntag, dem 6. Mai 2012

Ich bin der wahre Weinstock und mein Vater ist der Winzer - Fünfter Sonntag nach Ostern

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VATIKANSTADT, 6. Mai 2012 (ZENIT.org). – Vor dem Regina-Caeli-Gebet am fünften Sonntag nach Ostern legte Papst Benedikt XVI. das Sonntagsevangelium von Jesus als Bild des Weinstocks aus. Durch sein Opfer ermögliche Christus jedem Menschen den Weg, Teil des Weinstocks zu werden, der er selber sei. Zur Deutung dieses Abschnitts des Johannesevangeliums zitierte der Papst Franz von Sales und Guerric von Igny.

[Wir dokumentieren die Ansprache in einer eigenen Übersetzung:]

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Liebe Brüder und Schwestern!

Heute, am fünften Sonntag nach Ostern, wollen wir am Beginn des Evangeliums das Bild des Weinstocks betrachten. „Jesus sagte zu seinen Jüngern: ‚Ich bin der wahre Weinstock und mein Vater ist der Winzer‘“ (Joh, 15,1). In der Bibel wird das Volk Israel oft mit einem Weinstock verglichen, der Früchte trägt, wenn es die Gebote Gottes befolgt; entfernt das Volk Israel sich hingegen von Gott, so wird der Weinstock unfruchtbar und kann nicht mehr den „Wein, der das Herz des Menschen erfreut“ (Psalm  104,15) hervorbringen. Jesus ist der wahre Weinstock Gottes, die wahre Rebe. Durch sein Opfer der Liebe schenkt er uns die Rettung; er ebnet uns den Weg dafür, ebenfalls ein Teil dieses Weinstockes zu werden. So wie Christus in der Liebe Gottes des Vaters bleibt, werden die Jünger kraft der weisen Worte des Meisters zurechtgeschnitten (vgl. Joh 15,2-4); sind sie tief mit ihm verbunden, so werden sie zu fruchtbaren Reben, die reiche Frucht bringen. In seinem Traktat über die Liebe zu Gott schreibt der hl. Franz von Sales dazu folgendes: „Der eingeprofte und mit dem Stamm verbundenen Zweig bringt nicht aus eigener Kraft Früchte hervor, sondern aus der Kraft des Wurzelstocks: Wir sind durch die Barmherzigkeit unseres Heilands vereint worden, gleich den Gliedern mit dem Kopf; … da die guten Werke ihren Wert aus ihm empfangen, verdienen sie das ewige Leben“ (eigene Übersetzung aus dem „Trattato dell’amore di Dio“, XI, 6, Roma 2011, 601).

Am Tag unserer Taufe pflanzt uns die Kirche wie Reben in das österliche Geheimnis Jesu, in seine Person. Diese Wurzel spendet uns den kostbaren Lebenssaft, die uns die Teilnahme am göttlichen Leben ermöglicht. Wie die Jünger wachsen auch wir mit der Hilfe der Hirten der Kirche im Weinberg des Herrn heran, verbunden mit seiner Liebe.  „Wenn die Frucht, die wir tragen sollen, die Liebe ist, dann ist die Voraussetzung dafür genau dieses ‚Bleiben‘, das zutiefst mit jenem Glauben verbunden ist, der uns dem Herrn nahe bleiben lässt“ (eigene Übersetzung aus „Gesù di Nazaret“, Milano 2007, 305). Es ist unentbehrlich für uns, stets mit dem Herrn verbunden zu bleiben, von ihm abzuhängen, denn ohne ihn können wir nichts vollbringen (vgl. Joh 15,5). In einem Brief an den Propheten Johannes, der im 5. Jahrhundert in der Wüste von Gaza lebte, stellte ein Gläubiger folgende Frage: Wie kann der Mensch frei sein, wenn er ohne Gott nichts vollbringen kann? Der Mönch gab ihm folgende Antwort: Wenn der Mensch sein Herz nach dem Guten ausrichtet und Gott um Hilfe bittet, wird er von ihm die nötige Kraft zur Verwirklichung seines Werkes empfangen. Daher wirken die Freiheit des Menschen und die Macht Gottes zusammen. Dies gelingt deshalb, weil das Gute vom Herrn kommt, aber dank seiner Gläubigen vollbracht wird (vgl.  Ep. 763, SC 468, Paris 2002, 206). Das wahre „Bleiben“ in Christus garantiert die Wirksamkeit des Gebetes, wie der selige Zisterzienser Guerric von Igny uns lehrt: „O Herr Jesus, … ohne dich können wir nichts vollbringen. Du bist der wahre Gärtner, Schöpfer, Anbauer und Wächter deines Gartens. Dein Wort ist Same, dein Geist ist Wasser, deine Kraft lässt wachsen (eigene Übersetzung aus „Sermo ad excitandam devotionem in psalmodica“, SC 202, 1973, 522).

Liebe Freunde, jeder von uns ist wie eine Rebe, die nur dann leben kann, wen sie jeden Tag im Gebet, in der Teilnahme an den Sakramenten, in der Barmherzigkeit, ihre Einheit mit dem Herrn wachsen lässt. Wer die wahre Rebe Jesus liebt, bringt Früchte des Glaubens für eine reiche geistige Ernte hervor.

Bitten wir die Muttergottes darum, stets fest in Jesus verwurzelt zu sein. Mögen all unsere Taten in ihm ihren Anfang nehmen und zur Vollendung kommen.

[Nach dem Regina-Caeli]

Liebe Brüder und Schwestern!

Ich möchte vor allem daran erinnern, dass in einem knappen Monat in Mailand das 7. Welttreffen der Familien stattfinden wird. Ich danke der ambrosianischen Diözese und den anderen Diözesen der Lombardei für die gemeinsame Vorbereitung dieser vom Päpstlichen Rat für die Familie unter der Leitung des Präsidenten Kardinal Ennio Antonelli organisierten kirchlichen Veranstaltung. So Gott will, werde auch mich vom 1. bis zum 3. Juni nach Mailand begeben und mit großer Freude daran teilnehmen können.

[Die deutschsprachigen Pilger grüßte der Papst mit folgenden Worten:]

Gerne heiße ich alle Pilger deutscher Sprache willkommen. Von Herzen grüße ich heute die Familien und Gäste der neuen Schweizergardisten, die zur Feier der Vereidigung nach Rom gekommen sind, sowie das Spiel der Luzerner Polizei und den Kirchenchor aus Ebikon. Im heutigen Evangelium fordert der Herr uns auf, in ihm zu bleiben (vgl. Joh 15,4). Wenn wir mit Christus verbunden sind, kann unser Leben gelingen und fruchtbar sein. Leben wir die Gemeinschaft mit Christus, die er uns in seiner Kirche schenkt, und helfen wir unseren Mitmenschen, Jesus Christus, das wahre Leben, zu finden. Gesegneten Sonntag Euch allen!

[Übersetzung aus dem Italienischen von Sarah Fleissner © 2012 - Libreria Editrice Vaticana]