Ansprache von Papst Benedikt XVI. zum Beethoven-Konzert mit Daniel Barenboim in Castelgandolfo

West-Eastern Divan Orchestra spielt für den Heiligen Vater

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CASTELGANDOLFO, 12. Juli 2012 (ZENIT.org). - Gestern um 18 Uhr, zum Fest des heiligen Benedikt, des Schutzheiligen Europas, hat das West-Eastern Divan Orchestra, dirigiert von Daniel Barenboim, im Hof des Apostolischen Palasts in Castelgandolfo ein Konzert zu Ehren des Heiligen Vaters Benedikt XVI. gegeben, im Beisein des Präsidenten der Italienischen Republik Giorgio Napolitano und seiner Ehefrau.

Nach einer kurzen Ansprache von Kardinal Gianfranco Ravasi, Präsident des Päpstlichen Kulturrats, führte das Orchester die 6. Symphonie in F-Dur („Pastorale“) und die 5. Symphonie in C-Moll von Ludwig van Beethoven auf.

[Wir dokumentieren die Ansprache des Papstes im Wortlaut in einer eigenen Übersetzung:]

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Herr Präsident,
verehrte Brüder,
geehrte Damen und Herren,

wir haben einen wirklich tiefen und für unseren Geist bereichernden Moment des Zuhörens erlebt. Dafür wollen wir dem Herrn danken. Ich möchte dem Dirigenten, Herrn Daniel Barenboim, und allen Musikern des West-Eastern Divan Orchestra, die so freundlich waren, mir im Verlauf ihrer Sommertournee dieses Konzert zum Fest des heiligen Benedikt bieten zu wollen, meinen lebhaften Dank ausdrücken. Sie haben mir nicht nur erlaubt, ihre exzellente Aufführung persönlich zu genießen, sondern auch, auf direktere Weise an ihrem Weg teilzunehmen, den Sie, Herr Barenboim, zusammen mit dem verstorbenen Herrn Edward Said, vor nunmehr dreizehn Jahren eingeschlagen haben. Ich begrüße herzlich den Präsidenten der Italienischen Republik, Herrn Giorgio Napolitano, dem ich für seine Anwesenheit und Unterstützung für diese Initiative danke. Mein Dank gilt auch Kardinal Ravasi, der das Konzert mit drei schönen und tiefsinnigen Zitaten eingeleitet hat. Ich dehne meinen Gruß auch an die anderen Autoritäten und an euch alle, meine lieben Freunde, aus.

Ihr könnt euch denken, wie sehr es mich freut, ein Orchester wie dieses zu empfangen, das aus der Überzeugung, ja sogar aus der Erfahrung heraus entstanden ist, dass Musik die Menschen jenseits aller Trennungen vereint; denn Musik ist das harmonische Zusammenspiel der Unterschiede, wie schon das „Ritual“ der Einstimmung zu Beginn jedes Konzerts zeigt. Nur aus der Vielfalt der Klänge der verschiedenen Instrumente kann eine Sym-phonie entstehen. Das geschieht aber nicht durch Magie und auch nicht von allein! Es konkretisiert sich nur durch das Engagement des Dirigenten und jedes einzelnen Musikers. Es erfordert Geduld, Mühe, Zeit und Opfer, und den Willen, sich gegenseitig zuzuhören, ohne übermäßigen Geltungsdrang und in der Absicht, das beste Gesamtergebnis vorzuziehen.

Während ich diese Gedanken ausspreche, geht mein Sinn zur großen Symphonie des Weltfriedens, der nie ganz verwirklicht ist. Meine Generation, wie auch die der Eltern von Herrn Barenboim, hat die Tragödie des Zweiten Weltkriegs und des Holocausts erlebt. Es ist sehr bedeutungsvoll, dass Sie, Herr Barenboim, am Höhepunkt Ihrer glanzvollen Laufbahn als Musiker angelangt, beschlossen haben, ein Projekt wie das West-Eastern Divan Orchestra ins Leben zu rufen: eine Gruppe, in der Musiker aus Israel, Palästina und aus anderen arabischen Ländern zusammenarbeiten; Juden, Muslime und Christen. Die zahlreichen Auszeichnungen, die Ihnen und Ihrem Orchester zuteilwurden, beweisen die hohe Professionalität und zugleich auch die ethische und geistige Bedeutung. Das haben wir auch heute Abend gespürt, während wir den Noten von Beethovens fünfter und sechster Symphonie zuhörten.

Auch in dieser Wahl, in dieser Zusammenstellung können wir eine für uns interessante Bedeutung finden. Diese zwei sehr bekannten Symphonien bringen unterschiedliche Aspekte des Lebens zum Ausdruck: Drama und Frieden, den Kampf des Menschen gegen ein feindseliges Schicksal und das friedliche Eintauchen in eine bukolische Welt. Beethoven arbeitete an diesen beiden Symphonien, besonders an ihrer Vollendung, fast gleichzeitig. Tatsächlich wurden sie zum ersten Mal in einem denkwürdigen Konzert in Wien, am 22. Dezember 1808, zusammen aufgeführt – genau wie heute Abend. Die Botschaft, die ich heute daraus herleiten möchte, ist folgende: um zum Frieden zu gelangen, muss man arbeiten, Gewalt und Waffen beiseitelassen und an einer Umkehr seiner selbst und der Gesellschaft arbeiten; im Dialog und in geduldiger Suche nach Verständigungsmöglichkeiten.

Wir wollen also von Herzen Herrn Barenboim und dem West-Eastern Divan Orchestra danken, dass sie uns ein Zeugnis von dieser Möglichkeit gegeben haben. Einem jeden von ihnen gilt mein Glückwunsch und meine Bitte, weiterhin durch die universelle Sprache der Musik in der Welt die Hoffnung auf Frieden auszustreuen.

[© 2012 Libreria Editrice Vaticana - Übersetzung des italienischen Originals von Alexander Wagensommer]