Antonio Gaudí, "der Architekt Gottes"

Interview mit Gaudì-Expertin angesichts der Feiern zu seinem 150. Geburtstag

| 359 klicks

ROM, 26. März 2002 (ZENIT.org).- In Anwesenheit namhafter Architekten wie Oriol Bohigas, Norman Foster und Arata Isozaki eröffnete Königin Sofia von Spanien am 20. März in Barcelona die Feiern zum 150. Geburtstag des katalanischen Architekten Antonio Gaudí (1852-1926), dessen Seligsprechungsprozess seit 1994 in Gange ist.



Unnachahmbarer Meister einer als Gebet aufgefassten Architektur, hinterließ er als sein unvollendetes Meisterwerk die Heilige Familie in Barcelona, der er seine letzten Lebensjahre, seine ganze Energie und vor allem sein letztes Geld widmete.

Dr. Maria Antonietta Crippa, Professorin für Architekturgeschichte an der Technischen Universität Mailand gilt als große Expertin des Gaudíschen Werkes. In einem Interview mit Radio Vatikan äußerte sie sich über die sogenannte "Architektur Gottes".

--Wer war Gaudí?

MARIA ANTONIETTA CRIPPA: Er war der letzte in kultureller Kontinuität mit der abendländischen Tradition christlicher Prägung stehende Architekt. Ohne eine ideologischen Bruch zu vollziehen, bedient er sich der Ausdrucksweise dieser Tradition. So übernimmt er von der Gotik die strukturellen Aspekte, Vom Barock den dekorativen inneren Reichtum und auch andere Stile lässt er spontan in eine neue Ausdrucksweise einfließen, die jedoch von ihm selbst und seinem Beitrag zutiefst erneuert ist.

--Die Werke Gaudís sind eher Kunstwerke als reine Bauwerke. Emotion beherrscht radikal die Technik, was zum Beispiel die "organische" Architektur Alvar Aaltos wieder aufgreift, aber andere große Rationalisten wie Gropius oder Le Corbusier ablehnen ...

MARIA ANTONIETTA CRIPPA: Für ihn ist die Architektur tatsächlich noch eine Synthese der Künste, daher tritt die praktische Funktionalität nicht so sehr hervor und wird auch nicht von den anderen Komponenten isoliert, sondern in den Gesamtkontext integriert.

Die Beziehung zwischen Architektur und Dekoration hat für Gaudí eine zentrale Rolle. Während die zu Beginn des Jahrhunderts vorherrschende Strömung des Rationalismus diese tiefe Einheit zerstört, die ja ein traditionelles Element war. Einige, und ich gehöre auch dazu, sehen die Bedeutung Gaudís unter anderem in seiner Fähigkeit, die zutiefst mit der symbolischen Dimension des Menschen verbundene architektonische Komposition zu erhalten, also die imaginative Fähigkeit, die auf Grundwerte des Lebens verweist.

--Für den frommen Gaudí heißt bauen vor allem die eigene Innerlichkeit und den eigenen Glauben zum Ausdruck zu bringen. Es ist kein Zufall, dass er von der Gotik ausgeht. Welche Bedeutung hat in seinem Werk die Beziehung zum Heiligen?

MARIA ANTONIETTA CRIPPA: Das Heilige war ihm eine sehr hoch entwickelte menschliche Dimension, was auf seine Bildung und sein christliches Bewusstsein zurückzuführen ist. Er war ein tief frommer Mensch und lebte in einer Welt umgeben von christlichen Gestalten, in dem er sich aber doch frei bewegte und viele Elemente miteinander verband. So war ihm eine große Erfindungsgabe und Innovationsgeist eigen. Das Hauptelement in Gaudí hinsichtlich des Heiligen ist seine ganzheitliche Verankerung in der christlichen Tradition in einer Zeit, in der für den Künstler diese Verankerung gar nicht mehr so selbstverständlich war, denn er lebte ein der Zeit der Avantgarde.

--Welches ist sein bedeutendster Beitrag zur zeitgenössischen Kultur?

MARIA ANTONIETTA CRIPPA: Ich würde sagen, er ist derjenige, der uns in unserer Zeit die zeitgenössische Architektur am nächsten gebracht und populär gemacht hat. Ich habe viele Menschen gesehen, die bei verschiedenen Gelegenheiten vom Werke Gaudís sehr beeindruckt waren, von seiner extremen architektonischen Intuition. Er wird in den östlichen Ländern sehr geschätzt, in Asien und Japan, aber auch in Lateinamerika. Denn seine Architektur "spricht" und muss auch sprechen. Ein Großteil der Architektur seiner Zeit und auch der nachfolgenden "spricht nicht mehr". Sie ist schwierig und herb für den Nicht-Spezialisten.