Antonius von Padua, der beliebteste Heilige (Teil 2)

Ein Interview mit dem Rektor der Basilika des hl. Antonius von Padua

Rom, (ZENIT.org) Renzo Allegri | 3335 klicks

Wir veröffentlichen heute den zweiten Teil des Interviews mit Pater Enzo Poiana, dem Rektor der dem Heiligen geweihten Basilika in Padua, anlässlich des 750. Jahrestages des Fundes der unverwesten Zunge des Heiligen. Der erste Teil erschien gestern, am 9. Juli 2013.

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Antonius starb in Arcella, wurde jedoch in Padua begraben.

Pater Enzo: Die Nachricht von seinem Tod verbreitete sich mit großer Geschwindigkeit. Die Bewohner des Ortes versammelten sich rund um das kleine Hospiz, um die Mitnahme des Leichnams zu verhindern. Dies erforderte ein Eingreifen der Autoritäten, die an den vom Heiligen vor seinem Tod geäußerten Wunsch erinnerten, im Kirchlein „Santa Maria Mater Domini“ begraben zu werden, wo sich eine Mönchsgemeinschaft befand, der er selbst angehört hatte. Nur aus Achtung vor dem Willen des Heiligen gaben die Menschen ihren Widerstand auf und erlaubten die Überführung des Leichnams.

Am 17. Juni wurde der hl. Antonius in der kleinen Kirche „Santa Maria Mater Domini“ beigesetzt. Jeden Tag kamen Verehrer an sein Grab, und es ereigneten sich Wunder und Bekehrungen. Um Antonius hatte sich ein außerordentlicher Ruf der Heiligkeit gebildet, sodass Papst Gregor IX., der Antonius in Rom begegnet war und ebenfalls große Bewunderung für ihn hegte, darüber berichtet wurde. Dieser eröffnete daraufhin einen regulären Seligsprechungsprozess, der bereits nach wenigen Monaten abgeschlossen war. Am 30. Mai 1232, dem Pfingsttag, erfolgte die offizielle Heiligsprechung des Antonius durch Papst Gregor IX. im Rahmen eines feierlichen Gottesdienstes im Dom von Spoleto, wo der Papst sich zu diesem Zeitpunkt aufhielt. Mit einem Abstand von nur elf Monaten zwischen Tod und Heiligsprechung war mit dem Verfahren des hl. Antonius ein Rekord der Kürze in der Geschichte der Kanonisierung erzielt worden. Man erzählt, dass zeitgleich mit dem Heiligsprechungsgottesdienst in Antonius’ Heimatstadt Lissabon ein Festgeläut aller Kirchenglocken erklang, ohne dass jemand sie bewegt hätte.

Wann wurde die unverweste Zunge des Heiligen aufgefunden?

Pater Enzo: Wie bereits erwähnt, geschah dies im Jahre 1263, also 32 Jahre nach seinem Tod. Nach der Heiligsprechung des Antonius kam es zu einer stetigen Zunahme des Pilgerstroms, den die kleine Kirche, in der sein Leichnam lag, bald nicht mehr aufnehmen konnte. Daher beschlossen die MöncheOrdensleute, eine größere Kirche für die Unterbringung des Sarges zu errichten und unverzüglich mit den Bauarbeiten zu beginnen. Bereits im Jahre 1263 war die Kirche fertiggestellt. Vor der Überführung des Leichnams fand zur Feststellung seines Zustands eine Inspizierung statt. Dieser bedeutende Akt vollzog sich im Beisein der religiösen Autoritäten und von zwölf Laienzeugen in Vertretung der Bevölkerung Paduas. Zu diesem Anlass kam der Generaloberer der Franziskaner, der große Theologe und später heiliggesprochene Bonaventura da Bagnoreggio, aus Rom angereist.

Als das Behältnis geöffnet wurde, erblickten die Anwesenden unter den sterblichen Überresten einen leuchtend roten Klumpen Fleisch in der Höhe des Kopfes. Dabei handelte es sich um die vollkommen unversehrt gebliebene Zunge des Heiligen. Der hl. Bonaventura bekundete seine Freude mit jenem berühmt gewordenen Ausspruch, der heute noch in einer Antiphon des liturgischen Amtes des Festes wiederholt wird: „O gebenedeite Zunge, die du den Herrn stets gepriesen hast und andere dazu ermahnt hast, ihn zu preisen. Nun werden deine Verdienste bei Gott für alle erkennbar“ (eigene Übersetzung).

Die Gebeine des hl. Antonius wurden in einen neuen Holzsarg umgebettet, der versiegelt und in einem Grab im Zentrum der neuen Kirche untergebracht wurde. Diese war noch ein Teil der heutigen großen Basilika.

Kam es im Laufe der Jahrhunderte zu weiteren Rekognoszierungen?

Pater Enzo: Es kam zu „Translationen“ des Sarges, doch bis zum Jahre 1981 wurden keine weiteren „Rekognoszierungen“ vorgenommen. Es bestand die Vermutung einer zweiten Rekognoszierung im Jahre 1350. Bei der jüngsten aus dem Jahre 1981 wurden die am Sarg angebrachten Siegel allerdings mit 1263 datiert. Nach diesem Jahr war der Sarg somit nicht mehr geöffnet worden.

Weshalb wurde im Jahre 1981 eine nochmalige Rekognoszierung durchgeführt?

Pater Enzo: Dies geschah aus mehreren Gründen. Zunächst waren seit der ersten sehr viele Jahre vergangen und man wollte den Zustand der kostbaren Reliquien überprüfen. Im Laufe der Jahrhunderte waren unterschiedliche Legenden entstanden. Es wurde sogar behauptet, dass das Grab leer sei. Um diese Fantasievorstellungen zu zerstreuen, und vor allem im Sinne einer bestmöglichen Erhaltung und Aufbewahrung der Gebeine des Heiligen beantragten die Oberen der Brüder beim Päpstlichen Delegierten der Basilika eine Genehmigung zur Durchführung einer neuen Rekognoszierung. Diese fand im Januar 1981 statt.

Einige meiner Mitbrüder, die sie persönlich miterlebt hatten, beschrieben mir diese Rekognoszierung als eine sehr eindrucksvolle und bewegende Feier. Die Öffnung des Grabes fand am 6. Januar um etwa 19.00 Uhr statt. Im Beisein der verschiedenen geladenen Autoritäten und etwa hundert Geistlicher wurde eine Wand der Grabnische aufgebrochen und der Holzsarg entnommen. Nach der Entfernung der kostbaren Hüllen wurde der Sarg geöffnet und ein kleinerer Behälter kam zum Vorschein. Dieser enthielt drei Bündel aus roter, mit Gold gesäumter Seide und drei diesen zugeordnete Papierdokument mit einer Beschreibung des jeweiligen Inhaltes: Im ersten befanden sich die Knochen, im zweiten die Asche und im dritten die dem hl. Antonius vor seiner Beerdigung angelegte Kutte.

Warum handelt es sich bei dieser „Rekognoszierung“ der sterblichen Überreste des hl. Antonius um die wichtigste?

Pater Enzo: Aufgrund der gewonnenen Erkenntnisse. Diese Rekognoszierung fand unter Anwendung sämtlicher Kriterien und wissenschaftlicher Methoden der heutigen Zeit statt. Sie war bis in alle Einzelheiten geplant worden und erfuhr eine Beteiligung verschiedener Wissenschafter der Universität Padua. Die Resultate waren äußerst bedeutend.

Um welche Art von Ergebnissen handelte es sich dabei?

Pater Enzo: Unter anderem um historische, medizinische und anthropologische. Es gab außerdem eine große Überraschung: Die die Stimmbänder stützenden Knorpel und weitere Bestandteile des Stimmapparates des hl. Antonius wurden vollkommen unversehrt vorgefunden. Bei seiner Entdeckung der unverwesten Zunge im Jahre 1263 waren dem hl. Bonaventura diese ebenfalls von der Verwesung verschont gebliebenen Elemente entgangen. Mit diesem neuen Fund gewann das Wunder der Erhaltung der Zunge an Kostbarkeit. So war nicht nur dieser eine Teil des Stimmapparates vor dem mit dem Tod einhergehenden Verfall bewahrt worden, sondern der gesamte Stimmapparat.

Die Gerichtsmediziner zeigten sich ferner erstaunt über die Erhaltung der Knochenfunde. In den darauffolgenden Tagen wurden die Reliquien des Heiligen zur wissenschaftlichen Untersuchung übergeben. Die Knochenanalyse erlaubte die Feststellung der physischen Konstitution. Demnach handelte es sich bei dem Heiligen um einen Mann mit einer für seine Zeit beachtlichen Statur. Die festgestellte Körpergröße von 1,71 m übersteigt die durchschnittliche Größe seiner Zeitgenossen von 1,62-1,65 m. In alten Gemälden wird er als korpulent und mit einem runden Gesicht dargestellt. Wie bereits erwähnt, litt er den Ergebnissen der medizinischen Analysen von 1981 zufolge an Wassersucht. Diese Krankheit führt zu einer Aufschwemmung des Körpers. Vor der Krankheit war sein Gesicht jedoch anders. Anhand eines Abdrucks der Gesichtsknochen wurde auf der Basis mathematischer Daten und verschiedener Abmessungen eine Rekonstruktion des Gesichts des Heiligen vor der Entstehung der Wassersucht angefertigt. Der hl. Antonius hatte ein längliches und mäßig breites Gesicht, eine beachtliche Schädelkapazität, ein hohes und markantes Kinn, eine feine Nase, tief liegende Augen und schwarzes Haar. Darüber hinaus ergab die Auswertung seines Skelettes ausgewogene Proportionen des Körpers und lange zarte Hände. Eine Untersuchung der verschiedenen Beinknochen zeigte, dass Antonius zu Lebzeiten viel gewandert war und viel gebetet hatte. Die Verdichtung des Schienbeines war außerdem ein unverkennbarer Hinweis auf die feste Gewohnheit des täglich stundenlangen Verharrens in kniender Haltung.