Antworten auf die Religionskritik von Atheisten

Interview mit Pater Thomas Williams LC

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ROM, 10. Juli 2008 (ZENIT.org).- Vieles von dem, was Atheisten in Bezug auf Gott und die Religion als Tatsachen ausgeben, beruhe in Wirklichkeit auf Ammenmärchen, erklärt Pater Thomas D. Williams von den Legionären Christi.



Pater Williams ist Autor des neuen Buches Greater Than You Think: A Theologian Answers the Atheists About God („Größer als man denkt: Ein Theologe antwortet auf das, was Atheisten über Gott sagen“), in dem er zahlreichen Argumenten vieler Atheisten auf den Grund geht und sie widerlegt. In den meisten Fällen seien ihre Behauptungen nämlich eher ideologisch als rational, schreibt der Priester unter anderem.

Im vorliegenden Interview geht der in in Rom wirkende Theologieprofessor, der vom US-Fernsehsender „CBS News“ als Vatikanexperte zu Rate gezogen wird, auf einige der weit verbreiteten Irrtümer des Atheismus ein.

ZENIT: Was hat Sie dazu bewegt, dieses Buch zu schreiben?

Pater Williams: Wie Sie sicher wissen, erschien in den letzten Jahren eine ganze Flut neo-atheistischer Literatur, zu der Bücher gehören wie Daniel Dennetts „Breaking the Spell“ („Den Zauber brechen),“ Sam Harris' „The End of Faith“(„Das Ende des Glaubens“), Richard Dawkins’ „Der Gotteswahn“ („The God Delusion“) und Christopher Hitchens’ „God Is Not Great: How Religion Poisons Everything“ („Gott ist nicht groß: Wie die Religion alles vergiftet“).

Mehrere dieser Bücher wurden Bestseller. Das Problem ist, dass die meisten Leute nur die eine Seite der Geschichte hören. Sie werden durch die atheistischen Argumente indoktriniert, ohne je eine fundierte Erwiderung zu hören.

Viele Menschen haben sich durch diese Bücher verwirren lassen. Andere machen sich Sorgen um Freunde, die sie gelesen haben, oder hätten einfach gerne gute Entgegnungen auf die Anklagen, die der Atheismus gegen Gott, die Religion und das Christentum im Besonderen erhebt. Ich habe dieses Buch geschrieben, um klare, prägnante Erwiderungen auf die Behauptungen der Atheisten zu liefern.

Das Buch legt die wichtigsten Anklagepunkte der Neo-Atheisten, nach fünf Kategorien geordnet, vor und widerlegt sie: Argumente gegen Gott und die Religion, Argumente gegen die Vorteile der Religion für die Gesellschaft, Argumente gegen die Vereinbarkeit von Religion und Wissenschaft beziehungsweise Vernunft, Argumente gegen das Christentum und schließlich Argumente für die Überlegenheit des Atheismus.

ZENIT: Sie sagen, die Atheisten stützen sich eher auf Lügen als auf rationale Argumente. Ist das nicht ein bisschen hart?


Pater Williams: Eigentlich nicht. Wenn Sie auf die Behauptungen schauen, die von den Atheisten gegen die Existenz Gottes und die Rolle der Religion in der Gesellschaft vorgebracht werden, erkennen Sie, dass nahezu alle ihrer Anklagen die Fakten verfälschen und abgedroschene Ammenmärchen wiederholen, die keiner ernsthaften rationalen oder historischen Analyse standhalten.

ZENIT: Zum Beispiel?


Pater Williams: Atheisten behaupten beispielsweise, dass die Religion wissenschaftsfeindlich sei und dass die christliche Kirche im Besonderen versucht habe, die wissenschaftliche Forschung auszumerzen. Sie erheben die Anklage, dass die Religion „töte“ und für die meisten unserer Kriege und sozialen Probleme verantwortlich sei. Sie sagen, dass der Glaube den Verzicht auf die Vernunft und die Annahme willentlicher Blindheit verlange. Sie behaupten, dass die Religion nicht zu einer Besserung der Moral beitrage und dass sie die Menschen verbittere und sauertöpfisch statt froh mache.

Neben derartigen Anklagen legen sie auch einige absurde und manchmal gefährliche Vorstellungen über die Religion vor. So behaupten zum Beispiel Dawkins und Hitchens, dass die religiöse Erziehung eine Form von Kindesmissbrauch sei, und unterminieren dadurch den Ernst des tatsächlichen physischen und psychologischen Kindesmissbrauchs.

Sie säen Misstrauen gegen gläubige Menschen, indem sie behaupten, dass diese den Weltuntergang beschleunigten. So zitiert Hitchens zum Beispiel einen Ausspruch von Marx mit sichtlicher Bewunderung, in dem dieser seine Ansicht äußert, dass „die Abschaffung der Religion als des illusorischen Glücks der Menschen für ihr tatsächliches Glück nötig“ sei.

Sam Harris geht soweit zu verkünden, dass der Glaube mit Gewalt ausgemerzt werden müsse, und er bekräftigt: Einige Behauptungen sind so gefährlich, dass es ethisch verantwortbar sein könnte, „Menschen, die an sie glauben, zu töten“.

ZENIT: Wie steht es mit der Atheismus-Kritik an der Religion und der moralischen Besserung? Es ist ja wohl klar, dass die Religion nicht garantiert, dass eine Person sittlich gut ist.


Pater Williams: Da haben Sie recht. Aber unsere atheistischen Freunde gehen einen Schritt weiter. Sie ziehen in Zweifel, dass die Religion den Menschen überhaupt dabei hilft, sich zu bessern. Gute Menschen – Hitchens nimmt Martin Luther King Jr. als Beispiel – sind in ihren Augen trotz ihrer Religion und nicht wegen ihr gut. Die Atheisten erkennen nur Beispiele an, bei denen Menschen im Namen der Religion Böses tun, und übersehen vollkommen das unermesslich viele Gute, das von der Religion bewirkt wird, sowohl im persönlichen als auch im gesellschaftlichen Bereich.

ZENIT: Könnten Sie ein konkretes Beispiel nennen?

Pater Williams: Lassen Sie mich gerade einmal meine persönliche Erfahrung anführen. Ich kenne buchstäblich Hunderte von Menschen, die ihr Leben dank einer religiösen Bekehrung von Grund auf geändert haben. Ich kenne Männer und Frauen, die treue Eheleute geworden sind, die hartnäckige, schier unausrottbar scheinende Laster überwunden und gelernt haben, verantwortungsvolle Bürger zu werden, weil sie Gott in ihrem Leben entdeckt haben.

Wir wollen den Spieß einmal umdrehen: Wie viele Menschen kennen diejenigen, die Alkoholismus oder Pornographie-Sucht überwunden haben, die aufgehört haben, ihren Ehepartner zu betrügen, oder die fürsorglichere und hingebungsvolle Eltern geworden sind, weil sie den Atheismus entdeckt haben? Das kommt einfach nicht vor. Der Atheismus bietet keinen Ansporn, besser oder weniger egoistisch zu werden.

ZENIT: Nun gut, ist das nicht einfach nur Ihre persönliche Erfahrung?


Pater Williams: Alle uns zur Verfügung stehenden statistischen Daten zeigen dasselbe Ergebnis. Schauen Sie auf die jüngsten Studien hinsichtlich der Großzügigkeit der Menschen, wenn es darum geht, für Hilfswerke zu spenden oder freiwillige Dienste zu leisten. Hier übertreffen die Gläubigen die Nichtglaubenden eindeutig.

Lassen wir konkrete Zahlen sprechen: Eine Studie des „Roper Center for Public Opinion Research“, die 2000 Personen erfasst, ermittelte, dass praktizierende Gläubige durchschnittlich 2.210 Dollar pro Jahr spenden, während Nichtglaubende bloß 642 Dollar aufbringen. Gläubige leisten auch viel mehr freiwillige Dienste in ihrer Freizeit als die ungläubigen Vergleichspersonen.

Wir müssen auch daran denken, dass es die christliche Kirche war und nicht die säkularen Humanisten, die Schulen für die Armen, Waisenhäuser, Hospitäler, Suppenküchen, Lazarette, Hospize und zahllose andere Werke der Wohltätigkeit gründete.

ZENIT: Wie steht es mit der angeblichen Feindseligkeit der Religion gegenüber der Wissenschaft?


Pater Williams: Das ist eine weitere Falschmeldung, die von den Atheisten verbreitet, aber nicht mit Daten belegt wird. Hitchens schreibt zum Beispiel, dass die Religion ein „Feind von Wissenschaft und Forschung“ sei, und Dawkins behauptet sogar, dass die Religion wissenschaftliche Forschung aktiv behindere.

Die Geschichtswissenschaft sagt da etwas ganz anderes, dass nämlich die Naturwissenschaft aus dem fruchtbaren Boden der christlichen Kultur herausgewachsen ist. Die katholische Kirche im Besonderen war in der vordersten Linie der naturwissenschaftlichen Forschungen und ihr Mäzen, so wie sie es auch für die Geisteswissenschaften war. Einige der größten Wissenschaftler der Geschichte – Newton, Pasteur, Galilei, Lavoisier, Kepler, Kopernikus, Faraday, Maxwell, Bernhard von Clairvaux (als Gründer des Zisterzienserordens) und Heisenberg – sie alle waren Christen. Und Gregor Mendel, der Vater der modernen Genetik, war katholischer Priester. Speziell der Jesuitenorden stand an der Spitze der naturwissenschaftlichen Studien.

ZENIT: Wie parieren Sie die Angriffe der Atheisten auf das Christentum?

Pater Williams: Besonders frustrierend an diesen Autoren ist die Art, wie sie alle Religionen in etwas Amorphes verschwimmen lassen, so als ob es keinen Unterschied gäbe etwa zwischen franziskanischen Mönchen und islamistischen Selbstmordattentätern. Aber christliche Glaubensüberzeugungen immer wider mal mit Seitenhieben besonders anzuschwärzen, dazu geben sie sich Mühe und nehmen sie sich entsprechend Zeit.

So malt Dawkins vom Gott der Bibel das Bild eines „übelwollenden Tyrannen“ und nennt ihn „die unsympathischste Gestalt, die es je in der Dichtung gab“. Sowohl Dawkins als auch Hitchens behaupten, dass die vier Evangelien als historische Texte wertlos seien – auf Grund ihrer inneren Widersprüche, und ihrer erklärten Absicht, den Glauben an Jesus zu verbreiten. Sie gehen sogar soweit, die historische Existenz Jesu Christi in Frage zu stellen. Und selbst gesetzt den Fall, er habe existiert, so habe er niemals vorgehabt, eine Kirche zu gründen. Christopher Hitchens geht sogar noch weiter: Er behauptet, der christliche Glaube erzeuge Unterdrückung.

Weil diese unerwiesenen Behauptungen so gefährlich sind – die meisten von ihnen sind Wiederholungen alter Ideen – versuche ich, auf jede Anklage einzeln zu antworten. Für dieses Interview wäre das zu lang, aber ich tue es im Buch.

ZENIT: Würden Sie eine hier für uns behandeln?


Pater Williams: Einverstanden. Um ein Beispiel zu nehmen, könnten wir die Skepsis der Atheisten hinsichtlich des irdischen Lebens Jesu in den Blick nehmen. Ging er wirklich vor 2000 Jahren auf der Erde umher, oder haben uns da die Apostel einen Riesenbären aufgebunden?

Dawkins schreibt, es sei möglich, „den Standpunkt ernsthaft historisch zu begründen, dass Jesus überhaupt nie gelebt hat, wenn dies auch nicht in weiten Kreisen Unterstützung finden würde“. Christopher Hitchens seinerseits stellt fest, dass Jesu Existenz „höchst fragwürdig“ sei.

Es ist klar, dass keiner von uns dabei war. Keiner kann aus eigener Erfahrung verifizieren, dass ein Mann Namens Jesus tatsächlich vor 20 Jahrhunderten in Palästina gelebt hat. Aber das könnte man von jedem historischen Ereignis sagen, da ja die Geschichte als Wissenschaft auf Vertrauen gegründet ist. Alles, was wir über die Vergangenheit wissen, ist an uns als eine Überlieferung weitergegeben worden, die wir im Vertrauen auf das Zeugnis anderer annehmen. Die Existenz eines Sokrates, eines Julius Cäsar, eines Dschingis Kahn und Abraham Lincoln wird von historischem Beweismaterial – Dokumenten und Zeugnissen – gestützt, aber auch nicht mehr, als das bei Jesus Christus der Fall ist.

Neben den zahlreichen biblischen Handschriften, die sich auf Jesus beziehen, weisen auch heidnische Autoren wie zum Beispiel der römische Historiker Tacitus, Julius Africanus, Plinius der Jüngere und Lukian von Samosata alle auf seine Existenz hin. Die historischen Aufzeichnungen des Judentums sind ebenfalls eindeutig, da sowohl der antike jüdische Historiker Flavius Josephus als auch der babylonische Talmud selbst Jesu menschliche Existenz bekräftigen.

Die Existenz Jesu zu leugnen ist nicht das Ergebnis einer objektiven Gelehrsamkeit, sondern das Ergebnis einer ideologischen Agenda.

ZENIT: Wäre es nicht besser, mit diesen Atheisten in einer mehr seelsorglichen Art umzugehen, als eine Widerlegung ihrer Theorien zu schreiben?


Pater Williams: Ich stimme dem zu, dass Christen auf diese Menschen zugehen und sie mit echter christlicher Liebe behandeln müssen. Jesus ist für einen jeden von ihnen gestorben, und er liebt sie so, wie er sie und mich liebt.

Gleichzeitig aber muss man sich mit den Ideen, die sie entwickeln, mit klaren Argumenten auseinandersetzen, weil sie bei vielen Menschen Verwirrung schaffen. Der heilige Petrus ermahnte die ersten Christen: „Seid stets bereit, jedem Rede und Antwort zu stehen, der nach der Hoffnung fragt, die euch erfüllt.“ Und er fügte noch hinzu: „Aber antwortet bescheiden und ehrfürchtig“ (1 Petr 3,15-16). Das ist meine Absicht.

[Das Interview führte Karna Swanson; Übersetzung von
Christine und Gerhard Gutberlet]